Wien, Oper in der Krypta, Die schöne Müllerin – Franz Schubert, IOCO Kritik, 20.06.2018

Juni 19, 2018 by  
Filed under Hervorheben, Konzert, Kritiken, Peterskirche

 Peterskirche im 1. Bezirk von Wien © IOCO

Peterskirche im 1. Bezirk von Wien © IOCO

Peterskirche Wien

Oper in der Krypta

 DIE schöne MÜLLERIN – Liederabend in der Krypta

Von Marcus Haimerl

Das etablierte Liedduo Matthias Spielvogel und Andreas Mersa präsentierte Anfang Mai mit Schuberts  Die schöne Müllerin sein bereits fünftes Liedprogramm in der Krypta der Wiener Peterskirche. Den deutschen Tenor und den Tiroler Pianisten verbindet eine langjährige künstlerische Zusammenarbeit, in welcher sie vor allem das Repertoire des deutschen Kunstlieds pflegen (siehe Franz Schubert  Die Winterreise – link  HIER)

Zu den bekanntesten, im deutschsprachigen Volksliedtum erhalten gebliebenen Gedichten Wilhelm Müllers (1794-1827), zählen sicherlich „Das Wandern ist des Müllers Lust“ und „Am Brunnen vor dem Tore“. Die schöne Müllerin ist, neben der Winterreise mit ihren 24 Gedichten, der zweite große Gedichtzyklus Müllers, den Franz Schubert vertonte.

Peterskirche Wien _ Oper in der Krypta / Die schöne Müllerin hier Matthias Spielvogel und Andreas Mersa an Flügel © Marcus Haimerl

Peterskirche Wien _ Oper in der Krypta / Die schöne Müllerin hier Matthias Spielvogel und Andreas Mersa an Flügel © Marcus Haimerl

Das Sujet der schönen Müllerstochter (italienisch – La molinara) war Anfang des 19. Jahrhunderts in Dichtung und Musik allgegenwertig. So widmete sich auch Wilhelm Müller diesem Thema und schuf 1821 den Gedichtzyklus Die schöne Müllerin, welchen er im Sammelband „Sieben und siebzig Gedichte aus den hinterlassenen Papieren eines reisenden Waldhornisten“ veröffentlichte. Müllers Zyklus umfasst, anders als bei Schubert, im Original 25 Gedichte. Durch Prolog und Epilog des Dichters erfährt die tragische Geschichte des Müllerburschen eine ironische Wendung, mit welcher Müller zu verstehen gibt, dass die ganze Geschichte nicht allzu ernst zu nehmen sei. Nicht so Franz Schubert. Dieser nahm sie sehr ernst; er strich fünf Gedichte und vertonte letztlich nur 20, um die Tragik nicht zu brechen.

Wilhelm Müller wirkte in seinem kurzen Leben vor allem im mitteldeutschen Raum und ist Franz Schubert nie begegnet. Auch ist nicht geklärt, ob Müller von Schuberts Vertonungen je erfahren hat.

1823 komponierte Schubert seine Fassung der literarischen Vorlage. Ein junger Müllersbursche auf Wanderschaft findet Arbeit in einer Mühle und verliebt sich in die Tochter des Müllers. Die anfängliche Romanze entpuppt sich bald als Wechselspiel aus tiefster Zuneigung, Eifersucht, Abweisung und Schmerz. In seiner starken Natur-verbundenheit wählt der Müllersbursche den Bach als seinen Vertrauten und sein Schicksal. Er spricht mit ihm und klagt ihm sein Leid, der Bach antwortet, tröstet und steht ihm zur Seite bis er den jungen Burschen, im tragisch-verklärten Schluss, in seinen Armen empfängt.

Manisch-depressive Verzweiflung und die Wiener Todessehnsucht durchziehen die Lieder gegen Ende des Zyklus auf eine Weise, wie nur Schubert sie auszudrücken vermochte. Kompositorisch finden sich in der Müllerin die typischen Charakteristika der Tonsprache Schuberts: bewusst gewählte Tonartenabfolgen, ausgefeilte motivische Arbeit im Klavierpart sowie Volksliedhaftigkeit auf höchstem Niveau. Wie auch in der späteren Winterreise hebt Schuberts Musik die schlichten Texte Müllers auf eine höhere, nahezu transzendente Ebene voller Subtext und Deutung. Dieser Meilenstein des deutschen Kunstlieds ist maßgebend für die Geschichte dieses Genres.

Peterskirche Wien _ Oper in der Krypta / Die schöne Müllerin hier Matthias Spielvogel (rechts) und Andreas Mersa © Sophie Menegaldo

Peterskirche Wien _ Oper in der Krypta / Die schöne Müllerin hier Matthias Spielvogel (rechts) und Andreas Mersa © Sophie Menegaldo

Als Kenner der Müllerin merkt man die Gründlichkeit, mit der sich die Künstler diesen Zyklus erarbeitet haben: Genauigkeit in Notentext und Wort sind Grundvoraussetzung für eine hochwertige Interpretation dieses Zyklus‘ – beides findet man an diesem Abend in Vollendung vor. Stimmlich überzeugt Matthias Spielvogel durch hervorragendes Gespür für Phrasierung und Artikulation. Selbst unter dicht geführten Legatobögen bleibt jedes Wort verständlich. Die Naivität, die dem Charakter des erzählenden Müllersburschen zu Grunde liegt, weiß der Sänger stimmlich authentisch und überzeugend umzusetzen. Umso überraschender die Stellen des Werks, an denen die zu Beginn überschwängliche Stimmung kippt. Plötzlich tauchen auch düstere Stimmfärbungen, eindringliche Pianostellen und dramatische Ausbrüche auf. Jetzt wird klar; die zu Beginn ungetrübte Liebesgeschichte wird kein gutes Ende nehmen.

Andreas Mersa zeigt sich an diesem Abend einmal mehr als einfühlsamer Pianist und Liedbegleiter. Klangliche Vielfalt, wohlüberlegte Phrasierung und technische Souveränität prägen sein Spiel. Beim letzten Stück „Des Baches Wiegenlied“ zeigt sich die Ergriffenheit des Publikums, ehe die Künstler beim langanhaltenden Applaus für diesen gelungenen und außergewöhnlichen Konzertabend belohnt wurden.

Freunde des deutschen Kunstlieds im Allgemeinen und Fans des Liedduos Spielvogel & Mersa im Speziellen kommen im Herbst erneut auf ihre Kosten: am 30. Oktober und  8. November 2018 präsentieren die beiden Künstler ausgewählte Lieder von Franz Schubert, Robert Schumann und Hugo Wolf in der Krypta der Wiener Peterskirche.

—| IOCO Kritik Oper in der Krypta |—

Bad Salzuflen, Nordwestdeutsche Philharmonie, Wunschkonzert – Experiment mit starkem Ausgang, IOCO Kritik, 15.06.2018

Konzerthalle Bad Salzuflen am Sommerabend © Karin Hasenstein

Konzerthalle Bad Salzuflen am Sommerabend © Karin Hasenstein

Konzerthalle Bad Salzuflen

Nordwestdeutsche Philharmonie

Nordwestdeutsche Philharmonie  –  Wunschkonzert

 „Publikumswünsche werden wahr!”

Von Karin Hasenstein

Das Leben ist kein Wunschkonzert! Im Allgemeinen stimmt das: Aber Ausnahmen bestätigen die Regel und eine solche Ausnahme fand am 09.06.2018 in der Konzerthalle  Bad Salzuflen statt.

Die Nordwestdeutsche Philharmonie – die NWD – ist ein Verbundorchester, finanziell getragen durch mehrere Städte und Gemeinden, und hat ihren Sitz in Herford in Nordrhein-Westfalen.

Die NWD wurde 1950 als Städtebundorchester mit dem Auftrag gegründet, die Musiklandschaft in der Region Ostwestfalen-Lippe zum Blühen zu bringen. Heute spielen die 78 Musikerinnen und Musiker nicht nur in Konzertsälen zwischen Minden, Paderborn, Gütersloh und Detmold, sondern treten darüber hinaus bei zahlreichen Gastspielreisen im In- und Ausland in berühmten Häusern wie dem Concertgebouw in Amsterdam, der Tonhalle Zürich und dem Großen Festspielhaus in Salzburg auf. Neben Dänemark, Österreich, den Niederlanden, Italien, Frankreich, Spanien und Polen sorgte das Orchester mehrfach auch in Japan und den USA für ausverkaufte Konzertsäle.

Nordwestdeutsche Philharmonie © Sandra Kreutzer

Nordwestdeutsche Philharmonie – NWD © Sandra Kreutzer

Kein Wunder also, dass sich das Orchester seit seiner Gründung in seiner bald 70-jährigen Geschichte eine hervorragende Reputation in der Fachwelt und beim Publikum erarbeitet hat. Besonders die Jahre unter der künstlerischen Leitung des lettischen Dirigenten Andris Nelsons gaben dem Orchester vielfältige Impulse.

Rund 800 Musiktitel, vom Orchester eingespielt, finden sich im Archiv des Westdeutschen Rundfunks. Die NWD ist zu hören auf mehr als 200 Schallplatten- und CD-Einspielungen, so z.B. in einer eigenen CD-Edition mit Live-Aufnahmen aus großen internationalen Konzertsälen.

Aus Besuchern werden Freunde

In Zeiten knapper werdender öffentlicher Mittel stiegen einzelne Mitglieder aus dem Verbund aus, mit jedem Ausstieg wurde die Sorge um den Bestand des Orchesters größer, die Gefährdung des hohen künstlerischen Niveaus aber auch der Arbeitsplätze bedrohten die Existenz des Klangkörpers.

Damit genau das nicht geschah, engagierten sich treue Konzertbesucher für ihr Orchester. Mit 29 Gründungsmitgliedern gingen die NWD-Freunde 2012 an den Start, heute zählt der Freundeskreis 668 Mitglieder – Abonnenten, Konzertbesucher und Bürger aus ganz Ostwestfalen-Lippe, die begeistert hinter ihrem Orchester stehen und sich bei den Entscheidungsträgern der kommunalen Kulturpolitik für eine dauerhafte Existenz der NWD einsetzen.  Wer so gute Freunde hat, der gibt gerne etwas zurück. So entstand die Idee, sich beim Freundeskreis für dessen Unterstützung mit einem Konzert zu bedanken.

 Das NWD Orchester bereitet sich vor © Wilfried Brokmeier

Das NWD Orchester bereitet sich vor © Wilfried Brokmeier

Nun ist ein Wunschkonzert an sich auch nichts Spektakuläres. Das Besondere hierbei ist jedoch, dass das Programm für diesen Abend erst unmittelbar vor dem Konzert, buchstäblich Minuten vor Beginn, zusammengestellt wurde.

Das Publikum konnte aus über 50 Werken, darunter allein 46 Symphonien, auswählen. Die Punktevergabe wurde teils amüsiert, teils besorgt von Mitgliedern des Orchesters beobachtet, wusste doch keiner, was er gleich auf dem Pult liegen haben würde!

Die Auswahl aus den so ermittelten Wunschnummern wurde von Dirigent Frank Beermann und Mitgliedern des Orchesters auf ein Maß zusammengeführt, das schon allein zeitlich über den Rahmen eines „normalen” Symphoniekonzertes hinausging. Damit trotzdem möglichst viele der Publikumswünsche erfüllt werden konnten, wurde aus jeder Symphonie ein Satz ausgewählt.

Die Spannung im Orchester und im Publikum war im Saal deutlich zu spüren, als Frank Beermann ans Pult trat. Beermann studierte an der Hochschule für Musik in Detmold und war als Kapellmeister am Staatstheater Darmstadt und am Theater Freiburg tätig. Von 1997 bis 2002 hatte er einen Residenzvertrag mit der Hamburgischen Staatsoper und war als Gast an der Deutschen Oper Berlin, der Königlichen Oper Stockholm, der Oper Bonn und der Oper Marseille tätig.

NWD bei der Probe © Wilfried Brokmeier

NWD bei der Probe © Wilfried Brokmeier

Beermann, der dem Orchester seit langem verbunden ist, erklärte den Zuhörern, dass es seines Wissens ein solches Format noch nie gegeben hat, wobei ein Orchester auf die Bühne geht, ohne zu wissen, was es spielen wird und.

Alle Beteiligten erwartete also ein Experiment mit offenem Ausgang. Anstatt wochenlanger intensiver Proben gab es keine Absprachen oder Ansagen hinsichtlich Tempi, Dynamik oder wie viele Wiederholungen gespielt werden. Welches Maß an Konzentration und Disziplin das erfordert, mag der geneigte Leser sich selbst ausmalen.

Beermann hatte elf Nummern ausgewählt. Wie praktisch, dass auch Opern-Ouvertüren auf der Liste standen und so eröffnete er das Konzert mit der Ouvertüre zu Le Nozze di Figaro von Wolfgang Amadeus Mozart.

Noch auf Sicherheit dirigierend versicherte Beermann dem Publikum: „Ich schwöre, nichts ist geprobt! Aber es macht Spaß!” Dieser Spaß war ihm deutlich anzumerken; ob er in diesem Moment für alle Musiker sprach, ließ sich nur erahnen.

Gewiss handelte es sich bei der großen Auswahl um Repertoirestücke, die viele Mitglieder häufig im Konzert gespielt haben, jedoch nicht jeder Einzelne und vielleicht auch der Eine oder Andere schon länger nicht mehr. Selbst Beermann bekannte, dass er an diesem Abend Stücke zum ersten Mal dirigierte – “Welche das sind, verrate ich Ihnen nach dem Konzert. Vor allem dem Orchester sage ich das hinterher…!

Nicht nur die Musiker hatten an diesem Abend Besonderes zu leisten, auch die Arbeit der Orchesterwarte stellte eine logistische Herausforderung dar, mussten doch für über 50 Werke die Noten für alle Musiker transportiert werden. So erklärte sich auch die Auswahl, denn viele Noten werden speziell von den Verlagen entliehen, was mit hohen Kosten verbunden ist. Daher spielte die NWD hier in erster Linie aus Archivmaterial. Für Beermann bedeutete das, dass er “weiße” Partituren vor sich liegen hatte, nicht eingerichtete Noten ohne Markierungen. Eine weitere Besonderheit, auf die sich wohl nicht jeder Dirigent einlassen würde und die ein hohes Maß an Erfahrung erfordert.

Es folgten zwei Stücke aus der Peer-Gynt-Suite Nr. 1von Edvard Grieg, Morgendämmerung und In der Halle des Bergkönigs. Während draußen die Sonne langsam unterging, sorgte die Morgendämmerung im Saal für die ersten zauberhaften Momente, als das berühmte Thema in der Flöte erklang, von der Klarinette aufgenommen wurde und die Naturbeschreibung in der großen Streicherbesetzung den Saal erfüllte. In der Halle des Bergkönigs hört man seine Schritte im Pizzicato der tiefen Streicher, die Violinen nehmen das Thema auf und steigern sich in Tempo und Dynamik beinahe halsbrecherisch. Erste Begeisterungsstürme brechen sich im Publikum Bahn.

Es folgt der 1. Satz aus Beethovens Symphonie Nr. 6 F-Dur op. 68  –  Pastorale

Beermann kommentiert launig: „Es gibt so viele interpretatorische Ansätze, damit kann man sich nur blamieren!” Dass die NWD genau das nicht tut, beweist, auf welch hohem Niveau und mit wie viel Erfahrung hier musiziert wird. Besonders positiv fallen hier die Holzbläser auf. Mit einer einzigen kurzen Ansage „bitte ohne ritardando!” wiederholt Beermann den Anfang, welcher perfekt gelingt.

Felix Mendelssohn Bartholdy © IOCO

Felix Mendelssohn Bartholdy © IOCO

Als folgt der 1. Satz aus der 4. Symphonie von Felix Mendelssohn-Bartholdy, Die Italienische.

Auch hier eine einzige Ansage „ohne Wiederholungen!” und die Holzbläser erfreuen mit großer dynamischer Differenziertheit. Das Thema lässt sich transparent durch die Stimmen verfolgen, die Konzentration bei Dirigent und Orchester ist außerordentlich hoch. Allerdings auch im Publikum, versucht doch jeder, die Musiker wenigstens bei einem klitzekleinen Fehler zu ertappen.

Beermann kommentiert das Abstimmungsverhalten mit viel Humor: „Ich habe Sie beim Kleben (der Punkte) beobachtet. Da klebt einer 10 Punkte bei Bruckner 4 – warum nicht?! Wir machen das schon! An dieser Stelle möchte ich Ihnen ein Kompliment machen für Ihren sehr differenzierten Geschmack!”

Es folgt dann aber nicht Bruckner 4, sondern Schumann 1, B-Dur, op. 38, auch Frühlingssymphonie genannt, der 1. Satz: Andante un poco maestoso – Allegro molto vivace.  Die meisten Punkte erhielt, man ahnte es schon bei der Abstimmung, Antonin Dvoráks Symphonie Nr. 9 e-Moll, op. 95  – Aus der Neuen Welt -.

Hier hat sich Beermann für den Schlusssatz entschieden, Allegro con fuoco. Von großer symphonischer Besetzung wird das marschartige Hauptthema vorgetragen, das von der Neuen Welt kündet. Das folgende Klarinetten-Thema drückt die Sehnsucht des Komponisten nach seinem Vaterland aus. Beermann wählt ein rasantes Tempo, Agogik und Dynamik erfordern wiederum höchste Konzentration im Orchester und mit diesem klanglichen Leckerbissen schickt ein sichtlich glücklicher Dirigent Orchester und Publikum in die Pause.

Die Begeisterung des Publikums ist in den Pausengesprächen allgegenwärtig zu spüren. Selbst weniger erfahrenen Konzertgängern dürfte klar geworden sein, dass sie hier Zeuge einer außergewöhnlichen Leistung sind.

Mit frischem Hemd und in bester Laune tritt Beermann nach der Pause ans Pult und verkündet den Zuhörern: „Meine Damen und Herren, ich hätte nicht für möglich gehalten, dass das hier machbar ist!

Obwohl Bruckners 4. Symphonie die entsprechende Punktzahl erreicht hat, bittet er um Verständnis, dass sie an diesem Abend nicht erklingt: „Allein der erste Satz dauert schon 18 Minuten, dann sitzen wir noch um Mitternacht hier!” Der spontane Beifall im Publikum macht deutlich, dass zumindest der Eine oder Andere nichts dagegen hätte.

Wolfgang Amadeus Mozart in Wien © IOCO

Wolfgang Amadeus Mozart in Wien © IOCO

So aber leitet die Ouvertüre zu Mozarts  Don Giovanni den zweiten Teil des Abends ein. Es folgt aus der Symphonie Nr. 94 in G-Dur Mit dem Paukenschlag von Joseph Haydn der 2. Satz, Andante.

Eine kurze Anfrage aus den Violinen bezüglich etwaiger Wiederholungen bescheidet Beermann zur Freude des Publikums positiv: „Wiederholungen? Sind da drin! Wir müssen die alle spielen!” Dem beinahe kinderliedhaften Anfang im ppp folgt bald der berühmte Paukenschlag. In der Wiederholung wird das Thema in Moll verarbeitet. Auch hier ist zu spüren, dass Beermann auf Sicherheit dirigiert.

Mit Franz Schuberts Symphonie Nr. 8 h-Moll, D 759, genannt Die Unvollendete hat das Publikum ein weiteres Schwergewicht der Konzertliteratur erwählt. Diese Stücke sind so schwer zu spielen, gerade weil sie jeder kennt, beziehungsweise zu kennen glaubt. Die Unvollendete ist eine zweisätzige Symphonie, es existieren nur wenige rudimentäre Bruchstücke zu einem 3. Satz.

Der ruhige zweite Satz, Andante con moto, steht gemäß der Tradition im Kontrast zum dramatischen ersten und steht mit E-Dur in der Dur-Variante der Subdominante, was ihn vom finsteren h-Moll des ersten Satzes abhebt. Das Tempo ist ruhig fließend. Sowohl in dem getupften Pizzicato der Bässe als auch im Thema der Flöten und Hörner erfreuen die Stimmen mit großer Präzision und erstklassiger Intonation. Hier ist das Entscheidende das, was zwischen den Zählzeiten liegt. Das Stück atmet eine große Ruhe.

Das NWD Orchester © Sandra Kreutzer

Das NWD Orchester © Sandra Kreutzer

Ein Wunschkonzert ist immer auch ein bisschen wie Eintopf und so folgt als Kontrast zu Schubert der Schlusssatz (Allegretto grazioso, quasi Andantino) aus der 2. Symphonie von Johannes Brahms, D-Dur, op. 73.  Hier vermittelt sich in der Coda durch die Holzbläser-Dominanz besonders gut die Energie der Komposition.

Wer glaubt, dies sei nicht zu steigern, wird eines Besseren belehrt: Mit dem Rücken zum Publikum „Können Sie mal applaudieren, damit ich weiß, dass Sie noch da sind?” verschafft Beermann sich und dem Orchester eine kleine Verschnaufpause vor dem letzten Stück des Abends.

Als großes Finale erklingt der 3. Satz aus der Symphonie Nr. 6  Pathétique in h-Moll op. 74 von Pjotr Iljitsch Tschaikowsky.

Der für Symphonien ungewöhnliche langsame Schlusssatz ist charakteristisch für dieses Werk, dessen Ende an ein Requiem erinnert. Der Komponist selbst betrachtete die Pathétique als sein wichtigstes Werk. Sie wurde unter seiner eigenen Leitung in St. Petersburg uraufgeführt, neun Tage vor seinem Tod und fand bei der Uraufführung nur wenig Beachtung. Den späteren Siegeszug der Symphonie erlebte Tschaikowsky nicht mehr.

Beermann holt noch einmal alles aus dem Orchester heraus. Die große Streicherbesetzung breitet einen satten Klangteppich unter dem wiederum erfreulich präzisen Blech aus, sämtliche Punktierungen und Synkopen sind exakt zu hören. Die Symphonie endet in einem h-Moll-Akkord der tiefen Streicher.

Nach fast drei Stunden Musik bedankte sich das begeistere Publikum bei „seinem” Orchester mit lang anhaltendem frenetischem Beifall. Es war ein besonderer Abend mit einem sehr besonderen Programm, das in dieser Form so nie wieder in einem Konzert erklingen wird.

Jeder einzelne Musiker hat an diesem Abend ein Höchstmaß an Konzentration, Disziplin und Musikalität aufgeboten, wodurch dieses außergewöhnliche Format zu einem Erfolg werden konnte.

Das Experiment „Wunschkonzert” ist geglückt!

So entließ die Nordwestdeutsche Philharmonie ein beglücktes und beschwingtes, vor allem aber dankbares Publikum in die laue Sommernacht. Einzig ein Geheimnis hat Frank Beermann nicht mehr gelüftet: welches Stück er an diesem Abend zum ersten Mal dirigiert hat. Aber das war nach diesem musikalischen Marathon auch nicht mehr wichtig.

—| IOCO Kritik Nordwestdeutsche Philharmonie |—

Altenburg, Theater und Philharmonie Thüringen, Schlosskonzert in Altenburg, 03.06.2018

T&PhilThüringen_logo_300

Theater und Philharmonie Thüringen

Theater und Philharmonie Thüringen Anne Luisa Kramb © Pro Podium

Theater und Philharmonie Thüringen Anne Luisa Kramb © Pro Podium

Theater und Philharmonie Thüringen / Schloss Altenburg ©Sabina Sabovic

Theater und Philharmonie Thüringen / Schloss Altenburg ©Sabina Sabovic

16. Philharmonisches Schlosskonzert in Altenburg

Mit Mozart, Schönberg, Schubert und Johann Strauß Sohn

Im prachtvollen Festsaal des Altenburger Residenzschlosses wird mit mitreißenden Wiener Klängen der letzte Monat der laufenden Spielzeit eingeläutet. Am Sonntag, 3. Juni, um 18:00 Uhr findet dort das 16. Philharmonische Schlosskonzert statt, dessen Programm sich ganz der klingenden Vielfalt der österreichischen Kunsthauptstadt verschrieben hat. Wien galt schon immer als eine Wiege der Künste und bot zahlreichen Künstlern eine kreative Heimat. Wolfgang Amadeus Mozart ist als einer der berühmtesten Komponisten in die Geschichte der Donaumetropole eingegangen. In Wien entstanden vermutlich 1791 seine fünf Kontretänze, bei denen die Paare nicht nur mit- sondern auch gegeneinander tanzen. Das 5. Violinkonzert vollendete Mozart im Dezember 1775 mit Blick auf den Fasching und konzipierte das Finale als eine Maskerade im türkischen Stil.

Auch Arnold Schönberg prägte die Musik seiner Geburtsstadt als Mitbegründer der Zweiten Wiener Schule. 1906 entstanden, stellt seine erste Kammersinfonie für 15 Soloinstrumente einen Glanzpunkt seines Schaffens dar und gilt mit ihrer komplexen Polyphonie als Meilenstein der Moderne.

Franz Schubert komponierte die Deutschen Tänze 1824 im beschwingten ¾-Takt und mit volkstümlichem Charakter.  Anton Webern fertigte 1934 eine Bearbeitung für Orchester an, bei der er dem Stile Schuberts treu blieb.

Johann Strauß? Donauwalzer gilt als heimliche Hymne Österreichs; der berühmte Kritiker Eduard Hanslick bezeichnete ihn 1874 gar als „wortlose Friedens-Marseillaise“.

Solistin ist Anne Luisa Kramb. Sie  gewann 2016 den 8. Internationalen LOUIS SPOHR Wettbewerb für junge Geiger der Hochschule für Musik FRANZ LISZT Weimar und studiert seit 2016 im Precollege der Kronberg Academy. Unter der musikalischen Leitung von Takahiro Nagasaki musiziert sie gemeinsam mit dem Philharmonischen Orchester Altenburg-Gera.

Programm:
Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791): 5 Kontretänze KV 609
Arnold Schönberg (1874-1951): Kammersinfonie Nr. 1 E-Dur op. 9
Wolfgang Amadeus Mozart: Violinkonzert Nr. 5 A-Dur KV 219
Franz Schubert (1797-1828): Deutsche Tänze D 820, orchestriert von Anton Webern
Johann Strauß Sohn (1825-1899): An der schönen blauen Donau Walzer op. 314

—| Pressemeldung Theater und Philharmonie Thüringen |—

Osnabrück, Theater Osnabrück, Tanzabend – Die schöne Müllerin, IOCO Kritik, 22.05.2018

Mai 21, 2018 by  
Filed under Ballett, Hervorheben, Kritiken, Theater Osnabrück

theater_osnabrueck_logo

Theater Osnabrück

Osnabrück / Theater am Domhof © Marius Maasewerd

Osnabrück / Theater am Domhof © Marius Maasewerd

Die schöne Müllerin Tanzabend  – emma-theater 

– Tanz vom Verlust der Heimat –

Von Hanns Butterhof

Heimat ist das Motto der laufenden Spielzeit des Theaters Osnabrück. Der aus Brasilien stammende Choreograph Samir Calixto zeigt in seinem fesselnden Tanzabend Die schöne Müllerin nach der Komposition Franz Schuberts zu dem Text von Wilhelm Müller eine Heimat von bestürzender Aktualität.

In der Mitte der völlig in Weiß gehaltenen Bühne des emma-theaters steht ein kalkweißer, tot seine dürren Äste krümmender Baum. Calixto zeichnet damit krass das Bild einer verlorenen Heimat, in der einst noch die Mühle am rauschenden Bach klapperte und man sich zur Abendzeit wohl unter Linden fand.

emma - theater Osnabrück / Die schöne Müllerin - Tanzabend hier : Erinnerungen stürmen auf die Müllerin ein. mittig hinten: Sängerin Gabriella Guilfoil und Dance Company © Jörg Landsberg

emma – theater Osnabrück / Die schöne Müllerin – Tanzabend hier : Erinnerungen stürmen auf die Müllerin ein. mittig hinten: Sängerin Gabriella Guilfoil und Dance Company © Jörg Landsberg

An die Vergangenheit denkt auch die Frau zurück, die in weißem Kleid und grünen Schuhen zögernd ins Scheinwerferlicht tritt: Die Mezzosopranistin Gabriella Guilfoil beginnt den Tanzabend wie einen gewöhnlichen Solo-Liederabend, begleitet von dem einfühlsamen Florian Appel am Klavier. Doch ist sie als die einst schöne, nun vom Leben enttäuschte Müllerstochter in die Choreographie als ihr Zentrum eingebunden. Indem es die Erinnerungen und inneren Bilder der Müllerin sind, die Calixto von der zehnköpfigen Dance Company tanzen lässt, entgeht er der Gefahr, die von Müller so eindringlich geschilderte, von Schubert schon musikalisch ausgedeutete Geschichte mit Tanz nur zu verdoppeln.

Es sind schwankende Erinnerungen, tastend nach dem, was gewesen ist, wer sie und der Geselle damals waren. So kommt zu Beginn ein einzelner Tänzer unbeschwert jugendlich hüpfend auf die Bühne, dann jauchzend ein zweiter, bis schließlich der Müllergeselle in fünffacher Gestalt auf die Sängerin zustrebt, von dem sie noch nicht weiß, was er für sie sein wird, Verlockung oder Bedrohung.

emma - theater Osnabrück / Die schöne Müllerin - Tanzabend hier : Die Müllerin erinnert sich an ihre Jugend. (Sängerin Gabriella Guilfoil und Christina Commisso © Jörg Landsberg

emma – theater Osnabrück / Die schöne Müllerin – Tanzabend hier : Die Müllerin erinnert sich an ihre Jugend. (Sängerin Gabriella Guilfoil und Christina Commisso © Jörg Landsberg

Auch die Bilder der Müllerin von sich selber vervielfältigen sich, wenn fünf Tänzerinnen erst noch heiter beschwingt, aber alle in ihren eigenen Bewegungen ihre widersprüchlichen Gefühle auskosten. Ein wildes Jagen um den Baum herum lässt vermuten, dass der Geselle die Liebe der Müllerstochter errungen hat. Doch eine der Tänzerinnen schaut schon woanders hin, eine andere pflückt grüne Blätter von einem Zweig; die Beziehung zu dem bodenständigen Jäger deutet sich an. Grüne Augenbinden, die ihnen die Sicht darauf nehmen, hängen bald wie Schlingen um die Hälse der verschmähten, verletzten Männer. Die stampfen bockend noch einmal unisono auf, bevor sie nacheinander wie tot umfallen. Während alle in geknickter Haltung dem Geschehen den Rücken zuwenden, umarmt schließlich ein Tänzer, stöhnend und verzweifelt stammelnd, den Baum, den Tod. Erst in ihm findet der wanderlustige Geselle, der unbehauste Mensch von heute, seine alleinige Heimat.

Nach einer guten Stunde berührenden Gesangs und fesselnden Tanzes gab es lang anhaltenden, begeisterten Beifall für Gabriella Guilfoil und Florian Appel sowie das furiose Ensemble der Dance Company.

emma – Theater Osnabrück: Die schöne Müllerin – Tanzabend: Die nächsten Termine: 20.5. und 3.6.2018, jeweils 19.30 Uhr

—| IOCO Kritik Theater Osnabrück |—

Nächste Seite »