Leipzig, Gewandhaus, Das Gewandhaus – Traditionen und Gegenwart, IOCO Aktuell, 29.05.2020

Das Gewandhaus Leipzig @ Jens Gerber / Gewandhaus

Das Gewandhaus Leipzig @ Jens Gerber / Gewandhaus

Das Gewandhausorchester

Das Gewandhaus – Traditionen und Gegenwart
Geschlossen vom 18. 05. –  11.09.2020

von Thomas Thielemann

Das Gewandhaus Leipzig ist vom 18. Mai bis 11. September 2020 zur Erneuerung des Konzertpodiums und der Bühnenbeleuchtung im Großen Saal geschlossen; Details am Ende. Die Schließung ist Anregung, einige Aspekte der früheren Spielstätten des großen Leipziger Traditionsorchesters zu betrachten.

Die 16 musik-beflissenen Leipziger Kaufleute, die 1743 den Konzertverein Großes Concert gründeten, warben zunächst 16 Musiker für ihre Veranstaltungen im Gasthaus  Drey Schwanen am Brühl an. Wegen des großen Zuspruchs ließ die Stadt 1780-1781 in der zweiten Etage des im 1498 in der Altstadt erbauten Zeughauses einen Konzertsaal für zunächst 500 Zuhörer einbauen. Wegen der Nutzung des ersten Stockwerks als Messehaus der Tuch- und Wollwarenhändler war das Gebäude im Sprachgebrauch als Gewandhaus benannt worden. In der ehemaligen größeren Tuchhalle erbauten „Schuhschachtel“ befand sich an der Schmalseite ein 63 Quadratmeter großes Podium. Längs zum Podium waren die gegenüberliegenden Sitzreihen und quer an der Rückwand die Galerie mit den Stehplätzen angeordnet. Die nahezu ausschließliche Verwendung von Holz und die Konstruktion auf Holzstützen ließen einen Resonanzraum von lediglich 1800 m³-Raumvolumen mit einer ausgezeichneten Akustik mit recht kurzem Nachhall, man schätzt 1,2 Sekunden, entstehen, „so dass man die zartesten Töne der Musiker in der weitersten Entfernung des Saales vernehmen konnte“.</p

Das Gewandhaus Leipzig / hier der Große Saal mit 1900 Plätzen @ Jens Gerber / Gewandhaus

Das Gewandhaus Leipzig / hier der Große Saal mit 1900 Plätzen @ Jens Gerber / Gewandhaus

Nach einer Erweiterung 1842 konnte der Saal 1.000 Zuhörer aufnehmen. Mit einem qualifizierterem und auf 33 Musiker vergrößerten Orchester wurden in diesem Raum zahlreiche Werke, die heute zum Standartrepertoire gehören, unter anderem auch vom Gewandhauskapellmeister Felix Mendelssohn Bartholdy uraufgeführt.

Der Nachlass des unverheiratet verstorbenen Kaufmanns und Leipziger Originals Franz Dominic Grassi (1801-1880) machte 1882 den Neubau des zweiten Gewandhauses am Rande der Innenstadt, dem späteren Musikerviertel, mit einem großen Saal für 1700 Plätzen möglich, das am 11. Dezember 1884 eröffnet wurde. Trotz des erheblich größeren Raumvolumens von 10.600 m³ wurden die Proportionen des langgestreckten Rechtecks mit abgerundeten Ecken übernommen. Auch wurde der Raum mit einer Konzert-Orgel der Firma Walcker ergänzt. Trotzdem blieb die Nachhallzeit mit durchschnittlich 1,6 Sekunden begrenzt. Der im Neubau zusätzlich untergebrachte Kammermusiksaal für 500 Besucher war dann sogar ein nahezu exakter Nachbau des Saales aus dem Jahre 1781 mit vergleichbarer Klangentfaltung.

Bei Luftangriffen im Dezember 1943 und im Februar 1944 wurde das zweite Gewandhaus schwer beschädigt. Bautechnisch gesichert und mit einem Notdach versehen, war zunächst ein Wiederaufbau vorgesehen.

Als Interim-Spielstätte der Gewandhauskonzerte diente von 1946 bis 1981 die im Jahre 1900 als Gesellschaftshaus des Leipziger Zoos eingeweihte Kongreßhalle, nach dem dort extra eine Jehmlich-Orgel eingebaut worden war. Obwohl die Akustik des Raumes etwas staubig, die Klangentfaltung recht distanziert war und die Geräusche der Straßenbahn die Veranstaltungen auflockerte, verdanke ich den Konzerten mit Franz Konwitschny und Yehudi Menuhin sowie David Oistrach meine frühen intensiven Musikerlebnisse.

Bei der Konzeption des Gewandhausneubaus gab es zunächst unterschiedliche Auffassungen. Während die Akustiker in Anlehnung an das zweite Gewandhaus einen „Schuhkarton“ anstrebten, wünschte Kurt Masur eine weitgehende Anlehnung an den Weinberg der Berliner Philharmonie, die in den 1970er Jahren noch als akustisch unausgereift galt. Als Kompromiss wurde dann die vom Amphitheater abgeleitete terrassenartige Form mit den hinter den Orchester-Emporen schräg angeordneten Wänden, die mit variablen Schallreflektoren (Foto oben) bestückt wurden, ausgeführt. Das Raumvolumen für die 1900 Sitzplätze ist mit 21.000 m³ bemessen.

Um die Akustik-Bedingungen des Raumes mit Publikum zu optimieren, war der Saal mehrfach mit NVA-Soldaten besetzt worden, die sich stundenlang das rosa-rote-Rauschen anhören durften.

Gewandhaus Leipzig/ hier der Concerthaus Saal in 1886 © Stadtgeschichtliches Museum / Gewandhaus

Gewandhaus Leipzig/ hier der Concerthaus Saal in 1886 © Stadtgeschichtliches Museum / Gewandhaus

Im Ergebnis ist aber ein Saal entstanden, der leicht trocken, aber über Nachhallzeiten, die wenig von den Frequenzen zwischen 1,9 und 2,0 Sekunden abhängig sind, verfügt. Dabei ist der Saal für Musik eines breiten Stilspektrums geeignet.

Im Zusammenhang mit den Neubau-Maßnahmen 2019 und 2020 werden akustisch vor allem Optimierungen vorgenommen, dass die Musiker beim Konzert sich gegenseitig besser hören können. Ansonsten werden vor allem die inzwischen veralteten, seit der Hauseröffnung in Betrieb befindlichen, Hubbühnen im hinteren Podest Bereich erneuert, der vordere Teil der Bühne neu mit Hubpodien ausgestattet und mit zwölfzusätzlichen „Ausgleichspodien“ ergänzt. Damit lässt sich das Konzertpodium bei Bedarf um 15 m² vergrößern.

Außerdem wird die seit vierzig Jahren genutzte, mit Halogenstrahlern ausgestattete, Beleuchtungsanlage durch eine Ausrüstung mit dimmbaren LED-Leuchtmitteln ersetzt und damit auch das für die Besucher störende Streulicht ausgeschlossen.

Das Haus legt auf die Aussage wert, dass die Maßnahmen ausschließlich der Verbesserung des Konzertbetriebes dienen und nicht an Erfordernissen von Mieter-Veranstaltungen orientiert sind.

—| IOCO Aktuell Gewandhausorchester Leipzig |—

Dresden, Sächsische Staatskapelle, Beethoven-Zyklus -„Schicksals-Symphonie ?“, IOCO Kritik, 15.01.2020

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Sächsische Staatskapelle Dresden

Semperoper

Semperoper © Matthias Creutziger

Semperoper © Matthias Creutziger

Beethoven-Zyklus  _ „Schicksals-Symphonie ?“

Beethoven-Zyklus der Sächsischen Staatskapelle – 6.Symphonie-Konzert der Saison 2019/20

von Thomas Thielemann

Beethovens 4. Symphonie war über lange Zeit seltsamer Weise vergessen Dabei gehörte sie zu Lebzeiten zu seinem erfolgreichsten symphonischen Werk. Als er die Symphonie komponierte, galt er als heiter, zu jedem Scherz aufgelegt, frohsinnig, munter, lebenslustig und nicht selten satirisch. Verursacht wurde diese Stimmung durch seine Verliebtheit in die Gräfin  Josephine Brunsvik (1779-1821), mit der er von 1804 bis 1809 glühende Liebesbriefe austauschte. Einer von Beethoven angestrebte Ehe widersetzte sich die Familie der bereits aus erster Ehe verwitweten Josephine. Diese akzeptierte die Familienentscheidung, weil sie ansonsten das Sorgerecht der vier Kinder aus dieser ersten Ehe und den Hauptteil ihres Vermögens verloren hätte. Die Verbindung mit Beethoven blieb aber offenbar bestehen, denn Josephine gilt als wahrscheinliche Adressatin der „Briefe an meine unsterbliche Geliebte“. Auch bei der unehelichen Tochter Josephines, Minona von Stackelberg (1813-1897), wird Beethovens Vaterschaft vermutet.

Ludwig van Beethoven © IOCO

Ludwig van Beethoven Bonn © IOCO

Ludwig van Beethoven komponierte seine B-Dur-Symphonie op. 60 vermutlich ziemlich zügig von 1805 bis zum Herbst 1806, parallel der Arbeit zur 5. Symphonie, der  Schicksals-Symphonie. Mit dem Schwung frischer Verliebtheit entstanden, scheint die gelöst-romantische Komposition nicht so recht in das sonstige Wesen des eher faustischen Beethoven zu passen.

Christian Thielemann interpretierte die im Zusammenspiel heikle B-Dur-Symphonie wie aus einem Guss. Mit der langsamen Einführung brillierten die Musiker der Staatskapelle mit Präzision und einer Vielzahl der Klangfarben, bis sich die Szene mit dem Allegro vivace endlich auflichtete. Die beiden Mittelsätze ließ Thielemann einfach schön und energisch spielen. Der zweite Satz wurde mit äußerster Sorgfalt für Phrasierung und Klangnuancen dargeboten, während der dritte mit mustergültigen Übergängen, berückenden Schattierungen und makellosen Soli zu hören war. Der Finalsatz, von Beethoven als Huldigung Haydns angelegt, wurde als musikalischer Gegensatz einer klaren Linie der Streicher mit der Virtuosität insbesondere der Holzbläser dargeboten.

Sächsische Staatskapelle / Beethoven Zyklus - hier : Christian Thielemann und die Sächsische Staatspallle © Matthias Creutziger

Sächsische Staatskapelle / Beethoven Zyklus – hier : Christian Thielemann und die Sächsische Staatspallle © Matthias Creutziger

Im Gegensatz zur vierten Symphonie arbeitete Beethoven an seiner C-Moll-Symphonie fast acht Jahre, wenn man die aus dem Jahre 1800 stammenden Notizen einbezieht. Konkrete Aufzeichnungen des Komponisten zur Auseinandersetzung mit der „Idee vom Schicksal“ enthält sein Skizzenbuch vom Februar und März 1804. Es folgten vier Jahre des Ringens um die gültige Formung des entworfenen, wieder verworfenen und neu geformten Materials. Es waren vier Jahre der immer wieder unterbrochenen und wieder aufgenommenen Arbeit, die aber auch angefüllt vom schöpferischen Wirken in anderen Formen gewesen sind, so der vierten B-Dur- und der sechsten F-Dur-Symphonien.

Beethoven Haus in Wien © IOCO

Beethoven Haus in Wien © IOCO

Konsequent strebte Beethoven nach Neuem in seinem, neben der Neunten Sinfonie, populärstem Werk. Ob der Begriff Schicksalssinfonie tatsächlich von Beethoven geprägt worden ist, wird inzwischen bezweifelt. Möglicherweise hat der etwas zwielichtige Geiger Anton Schindler (1795-1864), der ab 1822 Sekretärs-Dienste bei Beethoven übernommen hatte, seine Finger im Spiel gehabt, um eine besondere Vertrautheit zu mit herauszustellen.

Christian Thielemann dirigierte im zweiten Konzert seines Dresdner Beethovenzyklus eine moderne, bisher in dieser Form noch nie gehörte c-Moll-Sinfonie. Da waren wenige Anklänge an das „Schicksal“ zu hören, denn der Schicksalsbegriff schließt Passivität ein. Auch die Dresdner Interpretation kann die Irrungen und Wirrungen der langen Entstehungszeit der Komposition nicht ignorieren. Aber die Entwicklung der Klangräume führte letztlich zu einem hellen Finale, bei dem alles Vergangene, Düstere, Zweifelnde, Grüblerische vertrieben ist.

Sächsische Staatskapelle Dresden © Matthias Creutziger

Sächsische Staatskapelle Dresden © Matthias Creutziger

Mit den phantastischen Möglichkeiten der Sächsischen Staatskapelle entwickelt Thielemann den ersten Satz (Allegro con brio) vom Dämonischen zum Enthusiastischen. Die klagenden Stimmen der Holzbläser erinnerten am Satzschluss, dass die Auseinandersetzung noch nicht beendet ist. Fast beschwichtigend war, auf den Marschcharakter weitgehend verzichtend, der zweite Satz zunächst ruhig und bewegt gestaltet. Danach sind neben den hervorragenden Streichern mit beeindruckenden Tempowechseln mal Blech- und mal Holzbläser eingesetzt, bevor mit dem Allegro-Satz eine düstere, scheinbare Restauration der Kräfte der Finsternis angedeutet wurde. Beeindruckend antworteten im Wechsel die Streichermit den Holzbläsern, der Pauke von Manuel Westermann sowie den Blechbläsern um Zoltán Mácsai, Helmut Fuchs und Jonathan Nuss. Ein prachtvolles Flötensolo von Andreas Kißling führte zur Gewissheit des Sieges der Kraft des Neuen und Humanen.

Wie ein elementares Ereignis lässt Christian Thielemann mit der Entwicklung einer Fülle von stürmisch vorwärtsdrängenden Motiven im Finale eine klare, fast tagespolitisch notwendige „Siegessinfonie“ auferstehen.

Mit heftigen, stehenden Ovationen danken die Zuhörer den Musikern der Staatskapelle und vor allem ihrem Chefdirigenten bis der Konzertmeister Nathan Giem seine erschöpften Kollegen vom Podium entlässt.

Unter dem Aspekt Schicksals-Symphonie hatte ich mir zwischen Generalprobe und Konzert meine persönlichen „Beethoven-Referenz-Aufnahmen“ des Gewandhaus-orchesters Leipzig herausgesucht. Mit dem Wissen von heute beschlich mich der Verdacht beim Nachhören der ETERNA-Mono-Einspielungen von 1960, dass damals Franz Konwitschny schon seine Zweifel an der Bedeutung des Schicksals in der Beethoven-Komposition hatte.

—| IOCO Kritik Sächsische Staatskapelle Dresden |—

Dresden, Sächsische Staatskapelle, 5. Symphoniekonzert – Beethoven, IOCO Kritik, 19.12.2019

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Sächsische Staatskapelle Dresden

Semperoper

Semperoper © Matthias Creutziger

Semperoper © Matthias Creutziger

5. Saisonkonzert –  Beethovens frühe Symphonien

 Beethovens „beinah Nullte“ Symphonie wird zu seiner  „zehnten“

von Thomas Thielemann

Der Musikwissenschaftler und Theologe Fritz Stein (1879-1961) fand 1909 in der Jenaer Universitätsbibliothek die Partitur einer Symphonie, bei der auf einer der Stimmen der zweiten Violine „par Luis van Beethoven“ zu lesen war. Nun hatte der junge Beethoven geäußert, dass er sich in seiner Bonner Zeit an einer Symphonie in C-Dur nach dem Vorbild von Haydns Sinfonie Nr. 97 versucht habe.

Mit der Unterstützung von Max Reger gelang es, das Fundstück in den Konzertplänen zu platzieren. Im Jahre 1911 erschienen die Noten sogar bei Breitkopf & Härtel im Druck und Reger arrangierte die Symphonie für Klavier zu vier Händen. Da aber Beethoven selbst 1795 seine ersten drei großen Klaviertrios als sein Opus 1 deklariert hatte, blieben die Nummerierungen der Reihe der neun Sinfonien unangetastet. Auch Bestrebungen, den Fund als Symphonie Nr. 0 einzuordnen, blieben ohne Erfolg, obwohl von Ludwig Schiedermair in seinem Buch Der junge Beethoven 1925 seine Beethoven-Zuordnung bestätigt schien.

Ludwig van Beethoven Denkmal in Bonn © IOCO

Ludwig van Beethoven Denkmal in Bonn © IOCO

Trotz der aufkommenden Zweifel an der Urheberschaft Beethovens, wurde das Werk als „Beethovens Jenaer Sinfonie“ gespielt. Die Ausformung der Bläserstimmen im vierten Satz hatte maßgebliche Musikwissenschaftler auf die Beethoven-Zuschreibung gebracht. Noch 1956 veröffentlichte die Deutsche Grammophon eine Vinyl-Einspielung der „Sinfonie C-dur (Jenaer Sinfonie)“ der Sächsischen Staatskapelle unter Franz Konwitschny. Der ausgewiesene Beethovenkenner Konwitschny kann aber die „Jenaer“ nur für eine Jugendsünde Beethovens gehalten haben. Die Regionalbibliothek Neubrandenburg archivierte erstaunlicherweise noch 1957die Partitur der Zuschreibung unter der Registriernummer 2651.

Erst als 1968 im Archiv des Benediktiner-Stiftes Göttweig Teile der Partitur mit einer eigenhändigen Signatur „Symphonia Authore Witt, Capellmagister Würzburg“ des tatsächlichen Schöpfers der Komposition Friedrich Witt (1770-1836) aufgefunden wurden, konnte der Streit der Musikwissenschaftler von H.C. Robbins Landon (1926-2009) beigelegt werden und Beethoven endgültig von der Zuschreibung des recht einfachen Werkes befreit werden.

Mit dieser kleinen Reminiszenz  begann am 249. Geburtstag des Titanen für mich das Beethovenjahr 2020.

 Sächsische Staatskapelle Dresden / Christian Thielemann und die Sächsische Staatskapelle © Matthias Creutziger

Sächsische Staatskapelle Dresden / Christian Thielemann und die Sächsische Staatskapelle © Matthias Creutziger

Die Sächsische Staatskapelle eröffnete mit ihrem 5. Symphoniekonzert unter Christian Thielemann ihre Beethoven-Ehrung 2020. Auf dem Programm standen die drei ersten Symphonien des Bonner-Wiener-Meisters.

Ludwig van Beethoven wurde in einer Zeit gewaltiger politischer und gesellschaftlicher Umbrüche, in deren Folge sich Europa massiv veränderte, hineingeboren. Eigentlich eine Situation, die sich für die gegenwärtige Menschheit durch Globalisierung und Klimaveränderungen in vergleichsweise ähnlicher Situation entwickeln werden wird. Beethovens Symphonien befassten sich mit den die Gesellschaft existenziell berührenden Problemen. Das Beethoven-Jahr 2020 wird uns massiv mit der gewaltigen Entwicklung der Neuner-Symphonien-Reihe  beschäftigen. Wohl jeder Dirigent mit Namen hat in seiner Schaffenszeit eine oder mehrere Gesamtaufnahmen der Beethoven-Symphonien eingespielt. Sie halten die im Laufe der Zeit eingetretenen Veränderungen des Beethoven-Bildes authentisch fest und sind so zu kulturhistorischen Dokumenten geworden. Wer aber heute Beethoven neu entdecken möchte, hat es angesichts der inzwischen geschaffenen gewaltigen Musik nicht leicht. Deshalb war unsere Spannung vor seinem ersten Konzert der Saison 2019/20 von Christian Thielemann bei der Sächsischen Staatskapelle Dresden geleiteten Konzert besonders hoch.

Sächsische Staatskapelle Dresden © Matthias Creutziger

Sächsische Staatskapelle Dresden © Matthias Creutziger

Die ersten beiden Symphonien werden oft als „Nach-Haydnsche Fingerübungen“ bewertet, was offenbar mit dem „Jenaer Missverständnis“ zusammenhängen könnte. Denn bereits der Schritt von der ersten zur zweiten Symphonie ist ebenso groß, wie der von der Zweiten zur Dritten.

Die erste Symphonie in C-Dur des 29-jährigen Ludwig van Beethoven, 1799 bis 1800 als Opus 21 entstanden, bezieht sich in Anlage und Instrumentation noch deutlich auf die Vorbilder Mozart und Haydn. Deshalb war es durchaus angängig, dass Christian Thielemann vor allem diese Symphonie in einer romantisierenden Interpretation darbot und die Haydn-Anklänge nicht leugnete. Er markierte nicht den strukturell denkenden Analytiker, sondern zeigte sich als Stimmungsmusiker und Meister raffinierter Steigerungen. Trotzdem hatte alles Gewicht und selbst in der Ersten entdeckt man Anklänge an die revolutionäre Kraft der Eroica.

Diese heldischen Aspekte mit der Hinwendung zur dritten Symphonie verstärkte der Dirigent mit seiner Orchesterführung der zweiten Symphonie in D-Dur op. 36. Für Leichtigkeit oder gar Humor blieb bei dieser Auslegung kaum Raum. Den Interpreten interessiert das Erhabene und nicht das Tänzerische. Markant und kaum zurückhaltend wurden die Akzente gesetzt. Dabei blieb der Schönklang nicht auf der Strecke, wobei Christian Thielemann nicht nur Beethovens brillante Oberfläche zum Klingen bringt, sondern auch die Tiefen auslotete. Besonders beeindruckend gelangen die langsamen Passagen, denen anschließend Stauungen und prägnante Steigerungen des Tempos folgten.

In der dritten Symphonie in Es-Dur op. 55 glaubte man in Thielemanns dynamischen und variablen Spannungsbögen Vorausweisungen auf Anton Bruckner zu hören. Diese Mischungen aus Zelebrieren und Eskalieren waren keine billigen Effekte, sondern eine Beethoven-Auslegung auf der Höhe unserer Zeit.

Der Dresdner Klang der Staatskapelle erwies sich wieder einmal als reich, tiefgründig und ausgewogen. Die Holzbläserverströmten einen widerhallenden Glanz und die Blechbläser musizierten rund und weich. Nichts klang gepresst, grob oder rau, unabhängig wie laut das Orchester spielte. Es gab hinreißende Soli von Flöte, Oboe und Trompete. In diesem Orchester war kein schwaches Glied auszumachen, doch die Streicher waren sicherlich seine größte Pracht. Dazu ein Dirigent, der ihrer würdig war.

Frenetischer Beifall und stehende Ovationen dankten dem Dirigenten und den Musikern.

Und da wir drei Beethovensymphonien mit Interpretationen, die auf der Höhe unserer Zeit angekommen waren, erleben durften, hier etwas aktuelles für den Verehrer des Titanen: finanziert von der Marketingabteilung der Telekom, haben Musikwissenschaftler mit der Leiterin des Bonner Beethovenarchivs aus den dort archivierten Skizzenbüchern Beethovens dessen Ideen und Notizen für eine geplante zehnte Symphonie extrahiert. Ein Projektteam mit einem Filmkomponisten, einem Musikwissenschaftler, einem Musiker und mehreren Informationstechnikern versucht nunmehr, mit Arbeitsprinzipien der künstlichen Intelligenz dem Genie Beethovens auf die Schliche zu kommen. Aus den Fragmenten soll eine zehnte Symphonie Beethovens rekonstruiert werden. Ein Algorithmus wird die vielen Lücken der skizzenhaft hinterlassenen vielen Fragmente ausfüllen und soll zu einer aufführungsreifen Partitur gestaltet werden. Eine Uraufführung durch das Beethovenorchester ist für den 28. April 2020 in Bonn vorgesehen.

 Meinungsvielfalt zum Vorhaben ist eine Gewaltige!

—| IOCO Kritik Sächsische Staatskapelle Dresden |—

Dresden, Semperoper, Die Hugenotten – Giacomo Meyerbeer, IOCO Kritik, 02.07.2019

Juli 2, 2019 by  
Filed under Hervorheben, Kritiken, Oper, SemperOper

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Semperoper

Dresden / Semperoper im Sonnenschein © Matthias Creutziger

Dresden / Semperoper im Sonnenschein © Matthias Creutziger

Die Hugenotten – Giacomo Meyerbeer

1572 – Bartolomäusnacht – Der Massenmord an Andersgläubigen

von Thomas Thielemann

Giacomo Meyerbeer Grabstätte © IOCO

Giacomo Meyerbeer Grabstätte © IOCO

Seit der deutschen Erstaufführung der Oper Die Hugenotten 1837 in Leipzig ist das Erfolgswerk von Giacomo Meyerbeer (geboren als Jakob Meyer Beer in Berlin) am 29. Juni 2019 erst zum vierten Mal auf die Bühne der Semperoper gebracht worden. Für die Inszenierung war Peter Konwitschny gewonnen worden, nachdem er im Skandal um seine Inszenierung der Csardasfürstin vom Silvester 1999 die Elbestadt gemieden hatte. Oder hatte sich das Haus nach dem verlorenen Rechtsstreit derart verschreckt?

Konwitschny hatte damals, ob der Parallelität von Weltkrieg und Uraufführung einer Operette im Jahre 1915, Szenen drastisch in einem Schützengraben verortet: er ließ die Titelfigur mit einem kopflosen Soldaten tanzen. Nach Publikumsprotesten waren diese Szenen zunächst aus den Aufführungen entfernt worden. Gegen diese Urheberrechtsverletzung klagte Konwitschny. Dem damaligen Intendanten Albrecht war gerichtlich sogar Haft angedroht worden, wenn er die Urheberrechte Konwitschnys nicht achte und die ursprüngliche Fassung nicht wieder herstellen lasse. Albrecht folgte den Auflagen, setzte die Operette bald vom Spielplan ab.

Eigentlich hatte Peter Konwitschny Le Huguenots 2017 der Pariser Opéra Bastille inszenieren sollen, war aber ausgeladen worden. Er konnte sich mit dem Dirigenten Michele Mariotti nicht über Streichungen einigen. Und für Kompromissunfähigkeit in Fragen der Werkauffassung ist der „Regisseur des Jahres 2018“ nun mal bekannt.

 Semperoper Dresden / Die Hugenotten - hier : die Hochzeit Valentine mit Graf de Nevers  © Semperoper Dresden / Ludwig Olah

Semperoper Dresden / Die Hugenotten – hier : die Hochzeit Valentine mit Graf de Nevers  © Semperoper Dresden / Ludwig Olah

Zurückhaltender hatte ich Peter Konwitschny 1951 kennen gelernt: zu den Obliegenheiten meines Vaters Walter Thielemann, damals Stadtteil-Verwaltungsleiter von Leipzig-Schleußig, gehörte es, dem frischen Nationalpreisträger und damaligen Gewandhauskapellmeister Franz Konwitschny zu gratulieren. Ich begleitete damals meinen Vater und so wurde uns auch Franz Konwitschnys artig im Garten spielender Sohn, das 6-jährige Bürschlein Peter,  vorgestellt.

Der Fließband-Schreiber Eugène Scribe (1791-1861) fertigte 1832 für Meyerbeer ein Libretto mit einer fiktiven Handlung um das Geschehen des Massacrede la  Saint-Bartthélemy, der Bartolomäusnacht vom 23. zum 24. August 1572. Er nutzte dabei die Auseinandersetzungen zwischen den vom spanischen Königshaus unterstützten Katholiken mit den calvinistischen  Hugenotten. Katharina von Medici, die Mutter des schwachen Königs, wollte den fragilen Frieden von 1570 stabilisieren und arrangierte am 18. August  1572 eine Hochzeit ihrer katholischen Tochter Marguerite mit dem protestantischen Heinrich von Navarra, dem späteren Henri IV... Zu den vier Tage dauernden Hochzeitsfeierlichkeiten waren mit etwa 3000 Hugenotten auch deren Führer nach Paris gekommen. Ein missglücktes Attentat auf deren Repräsentant Admiral de Coligny verunsicherte die Hugenotten und sie forderten Rache. Vermutlich sah Katharina von Medici ihre Versöhnungsversuche gescheitert und nutzte die Gelegenheit, als alle Hugenottenführer an einem Ort versammelt waren. In der Nacht zum 24. August 1572 ließ sie alle Hugenottenführer umbringen. In dessen Folge begann in den Morgenstunden ein bis heute nicht vollständig aufgeklärtes pogromartiges Gemetzel an allen Hugenotten, derer man habhaft werden konnte.

Die Hugenotten – Making of …
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Giacomo Meyerbeer war mit der Arbeit Scribes nicht zufrieden und zog den Schriftsteller Émile Deschampsin (1791-1871) zur Anpassung des Textes an seine Erfordernisse  heran. Auch Verse des Gaetano Rossi (1747-1855) wurden im Libretto verwendet.

Die Librettisten folgten bei der Entwicklung der Handlung den historischen Abläufen, die zur Erkenntnis führen, dass gesellschaftliche Konflikte nur durch gesellschaftliche Entwicklungen und nicht mit individuellen Aktivitäten gelöst werden können. Denn erst nach 26 Jahren harter Verhandlungen vor allen von Heinrich IV. wurde mit dem Edikt von Nantes für 87 Jahre ein relativer Religionsfrieden in Frankreich ermöglicht.

Peter Konwitschny hatte seine Inszenierung von Die Hugenotten in der Zeit belassen und die Geschehnisse um die Bartolomäusnacht recht konsequent, soweit ihm das Libretto Spielraum gab mit brillant inszenierten Massenszenen sichtbar gemacht. Wer mit einigem Wissen  über die historischen Ereignisse ins Haus gekommen war, dem wurde begreiflich gemacht, wie sich eine Situation, hier als religiöser Konflikt dargestellt, aufschaukeln kann und zur Katastrophe führen muss.

Semperoper Dresden / Die Hugenotten hier Christian Dollfuss, Bassklarinettist, vor erschlagenen Hugenotten © Semperoper Dresden / Ludwig Olah

Semperoper Dresden / Die Hugenotten hier Christian Dollfuss, Bassklarinettist, vor erschlagenen Hugenotten © Semperoper Dresden / Ludwig Olah

Gelungen war die Verlegung des ersten Teils im des zweiten Aktes in eine Badestube, in dessen Verlauf der calvinistische Edelmann Raoul de Nangis von der Königin von Navarra in einer Badewanne verführt wurde. Als glänzenden Regieeinfall fanden wir, dass das bei Meyerbeer in der Mitte des Gemetzels im fünften Akt angeordnete fragende Bassklarinetten-Solo erst am Ende des Geschehens erklingt; mit dem Tod verklingt auch die Musik.

Die Bühnenbild Gestaltung von Johannes Leiacker half der Regie, indem das gesamte Spiel in einer Halle verortet war. Deren Wand-Täfelung wurde mit hellen Bereichen den Protestanten und mit dunklen Vertäfelungen den Katholiken zugewiesen. Gut organisierte Statisten bauten mit wenigen Räumungen die Szene um. Das war handwerklich gekonnt.

Die Dresdner Malerwerkstatt hatte für die Inszenierung einen wunderbar gelungenen Zwischenvorhang gefertigt, welcher da Vincis Abendmahl zeigt, der zwischen den Akten den Parteien vor Augen führte, was sie einen sollte: die gemeinsame Herkunft  von der Lehre Jesus.

Die musikalische Wirkung kam vor allem von den hervorragenden Chorszenen und vom Orchester unter der Leitung des Österreichers mit ungarischen Wurzeln Stefan Soltés. Gesungen wurde recht differenziert: Makellos die Marguerite de Valois der russischen Koloratur-Sopranistin Venera Gimadieva. Jenniver Rowley gab der Valentine den vollen Glanz ihrer Stimme eigentlich erst ab dem vierten Bild in der Szene mit dem Raoul von John Osborn. Von seinem Einsatz hatte man letztlich mehr Glanz erwartet.

 Semperoper Dresden / Die Hugenotten - hier : Jennifer Rowley als Valentine © Semperoper Dresden / Ludwig Olah

Semperoper Dresden / Die Hugenotten – hier : Jennifer Rowley als Valentine © Semperoper Dresden / Ludwig Olah

Hervorragend war das Kabinett-Stück des Ensemblemitglieds Stepanka Pucalkova  in der Rolle des Pagen. Gute Leistungen, oft an den Grenzen ihrer stimmlichen Möglichkeiten sind Tilmann Rönnebeck als Graf de St. Bris, John Relyea als Marcel, Christoph  Pohl als Graf de Nevers und Magnus Piontek als Méru. Sabine Brohm durfte sogar direkt in das Auditorium singen.

Die Reaktion des Premierenpublikums blieb differenziert. Die beiden Pausen hatten bereits Lücken in den Sitzreihen verursacht. Ich konnte von meinem Platz um sechs Sitze bis zum Mittelplatz der Reihe sechs rücken. Bei wenigen, offensichtlich unvermeidlichen Buh-Rufen für das Inszenierungs-Kollektiv, gab es herzlichen und auch stehenden Beifall.  Bei einem von Wagner, Mahler, Schostakowitsch und Bruckner verwöhntem Publikum scheint die Musik Meyerbeers vielleicht doch etwas aus der Zeit gefallen ist.

Der gehäufte Szenen-Beifall störte zudem, da er das musikalische Geschehen zusätzlich zerhackte und wenig Fluss aufkommen lies.

Die Hugenotten an der Semperoper; die weiteren Termine 4.7.; 10.7.; 13.7.2019; 15.3.; 18.3.; 21.3.2020

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