Leipzig, Gewandhaus, Herbert Blomstedt ehrt Vaclav Neumann, IOCO Kritik, 22.09.2020

September 22, 2020 by  
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Das Gewandhaus Leipzig @ Jens Gerber / Gewandhaus

Das Gewandhaus Leipzig @ Jens Gerber / Gewandhaus

Das Gewandhausorchester

Herbert Blomstedt und das Gewandhausorchester

ehren den 17. Gewandhauskapellmeister Václav Neumann

von Thomas Thielemann

Im frühen 18. Jahrhundert besiedelten eine Reihe wackerer böhmischer Musiker die Musikmetropolen Europas. Einer der profiliertesten Vertreter dieser Emigres war Jan Václav Vorišek. 1791 in der ostböhmischen Kleinstadt Vamberg als Sohn eines Lehrers und Organisten geboren, erhielt er seit seinem dritten Lebensjahr strengen Klavierunterricht. Als Zehnjähriger begann er zu komponieren und vertrat bereits mit sieben Jahren einige Monate einen erkrankten, ihm verwandten Kirchen-Organisten. Mit dem Vater unternahm Jan Vaclav meist zu Fuß kleinere Musikreisen durch Böhmen bis nach Prag. Die verwitwete Gräfin Kolowrat-Liebsteinský erkannte, dass die von Spitzen-Manufakturen geprägte Kleinstadt kein Nährboden für die Entwicklung eines musikalischen Wunderkindes sei. Sie nahm das junge Talent mit nach Prag, verschaffte ihm ein Stipendium für das Prager Jesuiten Gymnasium und ein anschließendes Jura-Studium. Daneben erhielt er 1804 bis 1805 Unterricht bei Václav Tomášek (1774-1850), dem „musikalischem Papst Prags“ seiner Zeit.

Gewandhausorchester Leipzig / Herbert Blomstedt und das Gewandhausorchester © Marianne Thielemann

Gewandhausorchester Leipzig / Herbert Blomstedt und das Gewandhausorchester © Marianne Thielemann

Bereits 1809 komponierte er als erste größere Arbeit, ein leider verschollenes Requiem. Wahrscheinlich über Tomášeks Vermittlung als Musiklehrer der Familie Lobkowitz, kam Vorišek als 22-Jähriger nach Wien, nannte sich Jan Hugo Worzischek, und entwickelte sich unter Anleitung von Johann Nepomuk Hummel (1778-1837) bald zu einem brillanten Phänomen der Wiener Musikszene. Bei der Gesellschaft der Musikfreunde war er unmittelbar nach deren Gründung ab1814 als Korrepetitor, Organist sowie Dirigent tätig, mischte die Salons auf und lernte auch Beethoven kennen. Vorišek vergötterte Beethoven und versuchte ihn nachzuahmen. In Wien komponierte er als erfolgreicher Virtuose vor allem Klaviermusik sowie Werke für Klavier und Orchester. Für die Wiener Gesellschaft der Musikfreunde schuf er 1822 bis 1823 seine einzige Sinfonie als Opus 23 und eine „Missa solemnis“ in B-Dur. Nach Abschluss des Jurastudiums und einem Jahr Dienst als Beamter im Hofkriegsrat wurde er 1822 zunächst zum zweiten Hoforganisten berufen. Zwei Jahre später erhielt er noch die Ernennung zum ersten Hoforganisten. Aber bereits im November 1825 verstarb Jan Václav Vorišek an den Folgen einer Tuberkulose-Erkrankung.

Die recht selten gespielte D-Dur-Sinfonie Vorišeks war Bestandteil des Konzertexamens des späteren 17. Gewandhauskapellmeisters Václav Neumann (1920-1995) im Jahre 1945 in Prag.

Neumann war 1964, zwei Jahre nach dem Tode Franz Konwitschnys sowie einem Interregnum, zum Gewandhauskapellmeister und, was in der Historie des Leipziger Musiklebens selten ist, in Personalunion auch zum Generalmusikdirektor der Oper Leipzig berufen worden.

 Gewandhausorchester Leipzig / Herbert Blomstedt und das Gewandhausorchester © Jens Gerber

Gewandhausorchester Leipzig / Herbert Blomstedt und das Gewandhausorchester © Jens Gerber

Nach meinen Erinnerungen hatte mich die Gewandhauskapellmeister-Tätigkeit von Václav Neumann nicht außergewöhnlich beeindruckt. Ich stand in seiner kurzen Amtszeit noch immer unter den Eindrücken der Konzerte von Franz Konwitschny, dem ich letztlich meine Bindung an die klassische Musik verdanke. Seine ETERNA-Einspielung der Beethoven-Sinfonien aus den Jahren 1959 bis 1961 hat noch immer einen Ehrenplatz in unserer Sammlung. Etwas irritierend war nach meinen Erinnerungen, dass der Chef des Orchesters in der Stadt eine Wohnung zur Verfügung hatte, aber häufig nach Prag pendelte. Dem Vernehmen nach, soll er weniger mit dem Orchester gearbeitet haben. Mit den Interpretationen der Musik seiner Landsleute und seinen Mahler-Versuchen fand er allerdings beim Leipziger Publikum hohe Anerkennung.

Am 1. September 1968 dirigierte er noch in der Oper Leipzig die Premiere einer Jenufa-Neuinszenierung, kündigte aber dann dem Leipziger Oberbürgermeister seine Verträge mit der Begründung, er wäre aus politischen Gründen nicht mehr in der Lage, ein Leipziger Podium zu betreten und verließ die Stadt. Bei der Auflösung seiner Verträge bezog er sich auf den Einmarsch von militärischen Einheiten einiger Staaten des Warschauer Paktes der UdSSR am 21. August 1968, wobei aus guten Gründen, Truppen der Nationalen Volksarmee der DDR gar nicht einbezogen waren. Bereits am 1. Oktober 1968 ließ sich Václav Neumann zum Chefdirigenten der Tschechischen Philharmonie wählen.

Deutlich prägender für das Konzertleben der Stadt waren die 26 Jahre Kapellmeistertätigkeit von Kurt Masur; vor allem das Wirken Herbert Blomstedts als Künstler und Mensch.

Anlässlich des hundertsten Geburtstags von Václav Neumann dirigierte der wohl profilierteste Nachfolger Neumanns, der 19. Gewandhauskapellmeister Herbert Blomstedt, in einem Gedenkkonzert die D-Dur-Sinfonie von Jan Václav Vorišek.

Ich habe das Werk über viele Jahrzehnte nicht mehr im Konzertsaal hören können und war nicht sonderlich begeistert von der Komposition, aber doch sehr angetan von Blomstedts Bemühungen um das Werk. Die Beethoven-Verehrung Vorišeks ist mit der thematischen und rhythmischen Gestaltung der Sinfonie unverkennbar. Auch wenn sie lediglich mit der mittleren Schaffensperiode des Vorbilds vergleichbar ist, denn Beethoven arbeitete 1823 bereits an seiner 9. Sinfonie.

Gewandhausorchester Leipzig / Herbert Blomstedt, von 1998 bis 2005 Kapellmeister des Gewandhausorchester © Jens Gerber

Gewandhausorchester Leipzig / Herbert Blomstedt, von 1998 bis 2005 Kapellmeister des Gewandhausorchester © Jens Gerber

Die beiden kraftvoll-feierlichen Ecksätze der Vorišek-Komposition umschließen ein romantisch-bewegendes Andante sowie ein sprudelnd-federndes Scherzo und weisen auf einen Versuch des Komponisten, etwas Originelles zu schaffen.

Für mich ist faszinierend, wie nach den vielen mit dem Maestro erlebten Konzerten die Persönlichkeit von Herbert Blomstedt auf dem Podium immer wieder beeindruckt. Das ist nicht nur die Wirkung seiner Dirigate mit ihren sparsamen Bewegungen und der tiefen Durchdringung der gespielten Werke. Auch sein unterschiedlicher Umgang mit den Orchestern, sei es das Gustav-Mahler-Jugendorchester, ein Profi-Orchester der Mittelklasse beim Kissinger Sommer oder eines unserer sächsischen Spitzenorchester sowie bei erlebter Probenarbeit zeugen immer wieder von seiner beeindruckenden Menschlichkeit. Auch ist seine disziplinierte Lebensweise bekannt, seine Anspruchslosigkeit an materiellen Dingen und seine Bescheidenheit.

Für den zweiten Teil des Konzertes hatte Herbert Blomstedt Mozarts 38. Sinfonie in D-Dur, die Prager, ausgewählt und damit das Konzert auf das Wirkungsvollste abgerundet. Besonders imponierte, wie der Dirigent und das ausgedünnte Orchester mit den Corona-bedingten Abständen zurechtkamen. Das Klangbild der Mozart-Sinfonie unterschied sich zwar von früher gehörten Aufführungen der Prager, erwies sich aber als durchaus stimmig.

 Herbert Blomstedt  wurde mit stehenden Ovationen vom Publikum und dem Orchester langanhaltend gefeiert

—| IOCO Kritik Gewandhausorchester Leipzig |—

Leipzig, Gewandhaus, Das Gewandhaus – Traditionen und Gegenwart, IOCO Aktuell, 29.05.2020

Das Gewandhaus Leipzig @ Jens Gerber / Gewandhaus

Das Gewandhaus Leipzig @ Jens Gerber / Gewandhaus

Das Gewandhausorchester

Das Gewandhaus – Traditionen und Gegenwart
Geschlossen vom 18. 05. –  11.09.2020

von Thomas Thielemann

Das Gewandhaus Leipzig ist vom 18. Mai bis 11. September 2020 zur Erneuerung des Konzertpodiums und der Bühnenbeleuchtung im Großen Saal geschlossen; Details am Ende. Die Schließung ist Anregung, einige Aspekte der früheren Spielstätten des großen Leipziger Traditionsorchesters zu betrachten.

Die 16 musik-beflissenen Leipziger Kaufleute, die 1743 den Konzertverein Großes Concert gründeten, warben zunächst 16 Musiker für ihre Veranstaltungen im Gasthaus  Drey Schwanen am Brühl an. Wegen des großen Zuspruchs ließ die Stadt 1780-1781 in der zweiten Etage des im 1498 in der Altstadt erbauten Zeughauses einen Konzertsaal für zunächst 500 Zuhörer einbauen. Wegen der Nutzung des ersten Stockwerks als Messehaus der Tuch- und Wollwarenhändler war das Gebäude im Sprachgebrauch als Gewandhaus benannt worden. In der ehemaligen größeren Tuchhalle erbauten „Schuhschachtel“ befand sich an der Schmalseite ein 63 Quadratmeter großes Podium. Längs zum Podium waren die gegenüberliegenden Sitzreihen und quer an der Rückwand die Galerie mit den Stehplätzen angeordnet. Die nahezu ausschließliche Verwendung von Holz und die Konstruktion auf Holzstützen ließen einen Resonanzraum von lediglich 1800 m³-Raumvolumen mit einer ausgezeichneten Akustik mit recht kurzem Nachhall, man schätzt 1,2 Sekunden, entstehen, „so dass man die zartesten Töne der Musiker in der weitersten Entfernung des Saales vernehmen konnte“.</p

Das Gewandhaus Leipzig / hier der Große Saal mit 1900 Plätzen @ Jens Gerber / Gewandhaus

Das Gewandhaus Leipzig / hier der Große Saal mit 1900 Plätzen @ Jens Gerber / Gewandhaus

Nach einer Erweiterung 1842 konnte der Saal 1.000 Zuhörer aufnehmen. Mit einem qualifizierterem und auf 33 Musiker vergrößerten Orchester wurden in diesem Raum zahlreiche Werke, die heute zum Standartrepertoire gehören, unter anderem auch vom Gewandhauskapellmeister Felix Mendelssohn Bartholdy uraufgeführt.

Der Nachlass des unverheiratet verstorbenen Kaufmanns und Leipziger Originals Franz Dominic Grassi (1801-1880) machte 1882 den Neubau des zweiten Gewandhauses am Rande der Innenstadt, dem späteren Musikerviertel, mit einem großen Saal für 1700 Plätzen möglich, das am 11. Dezember 1884 eröffnet wurde. Trotz des erheblich größeren Raumvolumens von 10.600 m³ wurden die Proportionen des langgestreckten Rechtecks mit abgerundeten Ecken übernommen. Auch wurde der Raum mit einer Konzert-Orgel der Firma Walcker ergänzt. Trotzdem blieb die Nachhallzeit mit durchschnittlich 1,6 Sekunden begrenzt. Der im Neubau zusätzlich untergebrachte Kammermusiksaal für 500 Besucher war dann sogar ein nahezu exakter Nachbau des Saales aus dem Jahre 1781 mit vergleichbarer Klangentfaltung.

Bei Luftangriffen im Dezember 1943 und im Februar 1944 wurde das zweite Gewandhaus schwer beschädigt. Bautechnisch gesichert und mit einem Notdach versehen, war zunächst ein Wiederaufbau vorgesehen.

Als Interim-Spielstätte der Gewandhauskonzerte diente von 1946 bis 1981 die im Jahre 1900 als Gesellschaftshaus des Leipziger Zoos eingeweihte Kongreßhalle, nach dem dort extra eine Jehmlich-Orgel eingebaut worden war. Obwohl die Akustik des Raumes etwas staubig, die Klangentfaltung recht distanziert war und die Geräusche der Straßenbahn die Veranstaltungen auflockerte, verdanke ich den Konzerten mit Franz Konwitschny und Yehudi Menuhin sowie David Oistrach meine frühen intensiven Musikerlebnisse.

Bei der Konzeption des Gewandhausneubaus gab es zunächst unterschiedliche Auffassungen. Während die Akustiker in Anlehnung an das zweite Gewandhaus einen „Schuhkarton“ anstrebten, wünschte Kurt Masur eine weitgehende Anlehnung an den Weinberg der Berliner Philharmonie, die in den 1970er Jahren noch als akustisch unausgereift galt. Als Kompromiss wurde dann die vom Amphitheater abgeleitete terrassenartige Form mit den hinter den Orchester-Emporen schräg angeordneten Wänden, die mit variablen Schallreflektoren (Foto oben) bestückt wurden, ausgeführt. Das Raumvolumen für die 1900 Sitzplätze ist mit 21.000 m³ bemessen.

Um die Akustik-Bedingungen des Raumes mit Publikum zu optimieren, war der Saal mehrfach mit NVA-Soldaten besetzt worden, die sich stundenlang das rosa-rote-Rauschen anhören durften.

Gewandhaus Leipzig/ hier der Concerthaus Saal in 1886 © Stadtgeschichtliches Museum / Gewandhaus

Gewandhaus Leipzig/ hier der Concerthaus Saal in 1886 © Stadtgeschichtliches Museum / Gewandhaus

Im Ergebnis ist aber ein Saal entstanden, der leicht trocken, aber über Nachhallzeiten, die wenig von den Frequenzen zwischen 1,9 und 2,0 Sekunden abhängig sind, verfügt. Dabei ist der Saal für Musik eines breiten Stilspektrums geeignet.

Im Zusammenhang mit den Neubau-Maßnahmen 2019 und 2020 werden akustisch vor allem Optimierungen vorgenommen, dass die Musiker beim Konzert sich gegenseitig besser hören können. Ansonsten werden vor allem die inzwischen veralteten, seit der Hauseröffnung in Betrieb befindlichen, Hubbühnen im hinteren Podest Bereich erneuert, der vordere Teil der Bühne neu mit Hubpodien ausgestattet und mit zwölfzusätzlichen „Ausgleichspodien“ ergänzt. Damit lässt sich das Konzertpodium bei Bedarf um 15 m² vergrößern.

Außerdem wird die seit vierzig Jahren genutzte, mit Halogenstrahlern ausgestattete, Beleuchtungsanlage durch eine Ausrüstung mit dimmbaren LED-Leuchtmitteln ersetzt und damit auch das für die Besucher störende Streulicht ausgeschlossen.

Das Haus legt auf die Aussage wert, dass die Maßnahmen ausschließlich der Verbesserung des Konzertbetriebes dienen und nicht an Erfordernissen von Mieter-Veranstaltungen orientiert sind.

—| IOCO Aktuell Gewandhausorchester Leipzig |—

Dresden, Sächsische Staatskapelle, Beethoven-Zyklus -„Schicksals-Symphonie ?“, IOCO Kritik, 15.01.2020

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Sächsische Staatskapelle Dresden

Semperoper

Semperoper © Matthias Creutziger

Semperoper © Matthias Creutziger

Beethoven-Zyklus  _ „Schicksals-Symphonie ?“

Beethoven-Zyklus der Sächsischen Staatskapelle – 6.Symphonie-Konzert der Saison 2019/20

von Thomas Thielemann

Beethovens 4. Symphonie war über lange Zeit seltsamer Weise vergessen Dabei gehörte sie zu Lebzeiten zu seinem erfolgreichsten symphonischen Werk. Als er die Symphonie komponierte, galt er als heiter, zu jedem Scherz aufgelegt, frohsinnig, munter, lebenslustig und nicht selten satirisch. Verursacht wurde diese Stimmung durch seine Verliebtheit in die Gräfin  Josephine Brunsvik (1779-1821), mit der er von 1804 bis 1809 glühende Liebesbriefe austauschte. Einer von Beethoven angestrebte Ehe widersetzte sich die Familie der bereits aus erster Ehe verwitweten Josephine. Diese akzeptierte die Familienentscheidung, weil sie ansonsten das Sorgerecht der vier Kinder aus dieser ersten Ehe und den Hauptteil ihres Vermögens verloren hätte. Die Verbindung mit Beethoven blieb aber offenbar bestehen, denn Josephine gilt als wahrscheinliche Adressatin der „Briefe an meine unsterbliche Geliebte“. Auch bei der unehelichen Tochter Josephines, Minona von Stackelberg (1813-1897), wird Beethovens Vaterschaft vermutet.

Ludwig van Beethoven © IOCO

Ludwig van Beethoven Bonn © IOCO

Ludwig van Beethoven komponierte seine B-Dur-Symphonie op. 60 vermutlich ziemlich zügig von 1805 bis zum Herbst 1806, parallel der Arbeit zur 5. Symphonie, der  Schicksals-Symphonie. Mit dem Schwung frischer Verliebtheit entstanden, scheint die gelöst-romantische Komposition nicht so recht in das sonstige Wesen des eher faustischen Beethoven zu passen.

Christian Thielemann interpretierte die im Zusammenspiel heikle B-Dur-Symphonie wie aus einem Guss. Mit der langsamen Einführung brillierten die Musiker der Staatskapelle mit Präzision und einer Vielzahl der Klangfarben, bis sich die Szene mit dem Allegro vivace endlich auflichtete. Die beiden Mittelsätze ließ Thielemann einfach schön und energisch spielen. Der zweite Satz wurde mit äußerster Sorgfalt für Phrasierung und Klangnuancen dargeboten, während der dritte mit mustergültigen Übergängen, berückenden Schattierungen und makellosen Soli zu hören war. Der Finalsatz, von Beethoven als Huldigung Haydns angelegt, wurde als musikalischer Gegensatz einer klaren Linie der Streicher mit der Virtuosität insbesondere der Holzbläser dargeboten.

Sächsische Staatskapelle / Beethoven Zyklus - hier : Christian Thielemann und die Sächsische Staatspallle © Matthias Creutziger

Sächsische Staatskapelle / Beethoven Zyklus – hier : Christian Thielemann und die Sächsische Staatspallle © Matthias Creutziger

Im Gegensatz zur vierten Symphonie arbeitete Beethoven an seiner C-Moll-Symphonie fast acht Jahre, wenn man die aus dem Jahre 1800 stammenden Notizen einbezieht. Konkrete Aufzeichnungen des Komponisten zur Auseinandersetzung mit der „Idee vom Schicksal“ enthält sein Skizzenbuch vom Februar und März 1804. Es folgten vier Jahre des Ringens um die gültige Formung des entworfenen, wieder verworfenen und neu geformten Materials. Es waren vier Jahre der immer wieder unterbrochenen und wieder aufgenommenen Arbeit, die aber auch angefüllt vom schöpferischen Wirken in anderen Formen gewesen sind, so der vierten B-Dur- und der sechsten F-Dur-Symphonien.

Beethoven Haus in Wien © IOCO

Beethoven Haus in Wien © IOCO

Konsequent strebte Beethoven nach Neuem in seinem, neben der Neunten Sinfonie, populärstem Werk. Ob der Begriff Schicksalssinfonie tatsächlich von Beethoven geprägt worden ist, wird inzwischen bezweifelt. Möglicherweise hat der etwas zwielichtige Geiger Anton Schindler (1795-1864), der ab 1822 Sekretärs-Dienste bei Beethoven übernommen hatte, seine Finger im Spiel gehabt, um eine besondere Vertrautheit zu mit herauszustellen.

Christian Thielemann dirigierte im zweiten Konzert seines Dresdner Beethovenzyklus eine moderne, bisher in dieser Form noch nie gehörte c-Moll-Sinfonie. Da waren wenige Anklänge an das „Schicksal“ zu hören, denn der Schicksalsbegriff schließt Passivität ein. Auch die Dresdner Interpretation kann die Irrungen und Wirrungen der langen Entstehungszeit der Komposition nicht ignorieren. Aber die Entwicklung der Klangräume führte letztlich zu einem hellen Finale, bei dem alles Vergangene, Düstere, Zweifelnde, Grüblerische vertrieben ist.

Sächsische Staatskapelle Dresden © Matthias Creutziger

Sächsische Staatskapelle Dresden © Matthias Creutziger

Mit den phantastischen Möglichkeiten der Sächsischen Staatskapelle entwickelt Thielemann den ersten Satz (Allegro con brio) vom Dämonischen zum Enthusiastischen. Die klagenden Stimmen der Holzbläser erinnerten am Satzschluss, dass die Auseinandersetzung noch nicht beendet ist. Fast beschwichtigend war, auf den Marschcharakter weitgehend verzichtend, der zweite Satz zunächst ruhig und bewegt gestaltet. Danach sind neben den hervorragenden Streichern mit beeindruckenden Tempowechseln mal Blech- und mal Holzbläser eingesetzt, bevor mit dem Allegro-Satz eine düstere, scheinbare Restauration der Kräfte der Finsternis angedeutet wurde. Beeindruckend antworteten im Wechsel die Streichermit den Holzbläsern, der Pauke von Manuel Westermann sowie den Blechbläsern um Zoltán Mácsai, Helmut Fuchs und Jonathan Nuss. Ein prachtvolles Flötensolo von Andreas Kißling führte zur Gewissheit des Sieges der Kraft des Neuen und Humanen.

Wie ein elementares Ereignis lässt Christian Thielemann mit der Entwicklung einer Fülle von stürmisch vorwärtsdrängenden Motiven im Finale eine klare, fast tagespolitisch notwendige „Siegessinfonie“ auferstehen.

Mit heftigen, stehenden Ovationen danken die Zuhörer den Musikern der Staatskapelle und vor allem ihrem Chefdirigenten bis der Konzertmeister Nathan Giem seine erschöpften Kollegen vom Podium entlässt.

Unter dem Aspekt Schicksals-Symphonie hatte ich mir zwischen Generalprobe und Konzert meine persönlichen „Beethoven-Referenz-Aufnahmen“ des Gewandhaus-orchesters Leipzig herausgesucht. Mit dem Wissen von heute beschlich mich der Verdacht beim Nachhören der ETERNA-Mono-Einspielungen von 1960, dass damals Franz Konwitschny schon seine Zweifel an der Bedeutung des Schicksals in der Beethoven-Komposition hatte.

—| IOCO Kritik Sächsische Staatskapelle Dresden |—

Dresden, Sächsische Staatskapelle, 5. Symphoniekonzert – Beethoven, IOCO Kritik, 19.12.2019

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Sächsische Staatskapelle Dresden

Semperoper

Semperoper © Matthias Creutziger

Semperoper © Matthias Creutziger

5. Saisonkonzert –  Beethovens frühe Symphonien

 Beethovens „beinah Nullte“ Symphonie wird zu seiner  „zehnten“

von Thomas Thielemann

Der Musikwissenschaftler und Theologe Fritz Stein (1879-1961) fand 1909 in der Jenaer Universitätsbibliothek die Partitur einer Symphonie, bei der auf einer der Stimmen der zweiten Violine „par Luis van Beethoven“ zu lesen war. Nun hatte der junge Beethoven geäußert, dass er sich in seiner Bonner Zeit an einer Symphonie in C-Dur nach dem Vorbild von Haydns Sinfonie Nr. 97 versucht habe.

Mit der Unterstützung von Max Reger gelang es, das Fundstück in den Konzertplänen zu platzieren. Im Jahre 1911 erschienen die Noten sogar bei Breitkopf & Härtel im Druck und Reger arrangierte die Symphonie für Klavier zu vier Händen. Da aber Beethoven selbst 1795 seine ersten drei großen Klaviertrios als sein Opus 1 deklariert hatte, blieben die Nummerierungen der Reihe der neun Sinfonien unangetastet. Auch Bestrebungen, den Fund als Symphonie Nr. 0 einzuordnen, blieben ohne Erfolg, obwohl von Ludwig Schiedermair in seinem Buch Der junge Beethoven 1925 seine Beethoven-Zuordnung bestätigt schien.

Ludwig van Beethoven Denkmal in Bonn © IOCO

Ludwig van Beethoven Denkmal in Bonn © IOCO

Trotz der aufkommenden Zweifel an der Urheberschaft Beethovens, wurde das Werk als „Beethovens Jenaer Sinfonie“ gespielt. Die Ausformung der Bläserstimmen im vierten Satz hatte maßgebliche Musikwissenschaftler auf die Beethoven-Zuschreibung gebracht. Noch 1956 veröffentlichte die Deutsche Grammophon eine Vinyl-Einspielung der „Sinfonie C-dur (Jenaer Sinfonie)“ der Sächsischen Staatskapelle unter Franz Konwitschny. Der ausgewiesene Beethovenkenner Konwitschny kann aber die „Jenaer“ nur für eine Jugendsünde Beethovens gehalten haben. Die Regionalbibliothek Neubrandenburg archivierte erstaunlicherweise noch 1957die Partitur der Zuschreibung unter der Registriernummer 2651.

Erst als 1968 im Archiv des Benediktiner-Stiftes Göttweig Teile der Partitur mit einer eigenhändigen Signatur „Symphonia Authore Witt, Capellmagister Würzburg“ des tatsächlichen Schöpfers der Komposition Friedrich Witt (1770-1836) aufgefunden wurden, konnte der Streit der Musikwissenschaftler von H.C. Robbins Landon (1926-2009) beigelegt werden und Beethoven endgültig von der Zuschreibung des recht einfachen Werkes befreit werden.

Mit dieser kleinen Reminiszenz  begann am 249. Geburtstag des Titanen für mich das Beethovenjahr 2020.

 Sächsische Staatskapelle Dresden / Christian Thielemann und die Sächsische Staatskapelle © Matthias Creutziger

Sächsische Staatskapelle Dresden / Christian Thielemann und die Sächsische Staatskapelle © Matthias Creutziger

Die Sächsische Staatskapelle eröffnete mit ihrem 5. Symphoniekonzert unter Christian Thielemann ihre Beethoven-Ehrung 2020. Auf dem Programm standen die drei ersten Symphonien des Bonner-Wiener-Meisters.

Ludwig van Beethoven wurde in einer Zeit gewaltiger politischer und gesellschaftlicher Umbrüche, in deren Folge sich Europa massiv veränderte, hineingeboren. Eigentlich eine Situation, die sich für die gegenwärtige Menschheit durch Globalisierung und Klimaveränderungen in vergleichsweise ähnlicher Situation entwickeln werden wird. Beethovens Symphonien befassten sich mit den die Gesellschaft existenziell berührenden Problemen. Das Beethoven-Jahr 2020 wird uns massiv mit der gewaltigen Entwicklung der Neuner-Symphonien-Reihe  beschäftigen. Wohl jeder Dirigent mit Namen hat in seiner Schaffenszeit eine oder mehrere Gesamtaufnahmen der Beethoven-Symphonien eingespielt. Sie halten die im Laufe der Zeit eingetretenen Veränderungen des Beethoven-Bildes authentisch fest und sind so zu kulturhistorischen Dokumenten geworden. Wer aber heute Beethoven neu entdecken möchte, hat es angesichts der inzwischen geschaffenen gewaltigen Musik nicht leicht. Deshalb war unsere Spannung vor seinem ersten Konzert der Saison 2019/20 von Christian Thielemann bei der Sächsischen Staatskapelle Dresden geleiteten Konzert besonders hoch.

Sächsische Staatskapelle Dresden © Matthias Creutziger

Sächsische Staatskapelle Dresden © Matthias Creutziger

Die ersten beiden Symphonien werden oft als „Nach-Haydnsche Fingerübungen“ bewertet, was offenbar mit dem „Jenaer Missverständnis“ zusammenhängen könnte. Denn bereits der Schritt von der ersten zur zweiten Symphonie ist ebenso groß, wie der von der Zweiten zur Dritten.

Die erste Symphonie in C-Dur des 29-jährigen Ludwig van Beethoven, 1799 bis 1800 als Opus 21 entstanden, bezieht sich in Anlage und Instrumentation noch deutlich auf die Vorbilder Mozart und Haydn. Deshalb war es durchaus angängig, dass Christian Thielemann vor allem diese Symphonie in einer romantisierenden Interpretation darbot und die Haydn-Anklänge nicht leugnete. Er markierte nicht den strukturell denkenden Analytiker, sondern zeigte sich als Stimmungsmusiker und Meister raffinierter Steigerungen. Trotzdem hatte alles Gewicht und selbst in der Ersten entdeckt man Anklänge an die revolutionäre Kraft der Eroica.

Diese heldischen Aspekte mit der Hinwendung zur dritten Symphonie verstärkte der Dirigent mit seiner Orchesterführung der zweiten Symphonie in D-Dur op. 36. Für Leichtigkeit oder gar Humor blieb bei dieser Auslegung kaum Raum. Den Interpreten interessiert das Erhabene und nicht das Tänzerische. Markant und kaum zurückhaltend wurden die Akzente gesetzt. Dabei blieb der Schönklang nicht auf der Strecke, wobei Christian Thielemann nicht nur Beethovens brillante Oberfläche zum Klingen bringt, sondern auch die Tiefen auslotete. Besonders beeindruckend gelangen die langsamen Passagen, denen anschließend Stauungen und prägnante Steigerungen des Tempos folgten.

In der dritten Symphonie in Es-Dur op. 55 glaubte man in Thielemanns dynamischen und variablen Spannungsbögen Vorausweisungen auf Anton Bruckner zu hören. Diese Mischungen aus Zelebrieren und Eskalieren waren keine billigen Effekte, sondern eine Beethoven-Auslegung auf der Höhe unserer Zeit.

Der Dresdner Klang der Staatskapelle erwies sich wieder einmal als reich, tiefgründig und ausgewogen. Die Holzbläserverströmten einen widerhallenden Glanz und die Blechbläser musizierten rund und weich. Nichts klang gepresst, grob oder rau, unabhängig wie laut das Orchester spielte. Es gab hinreißende Soli von Flöte, Oboe und Trompete. In diesem Orchester war kein schwaches Glied auszumachen, doch die Streicher waren sicherlich seine größte Pracht. Dazu ein Dirigent, der ihrer würdig war.

Frenetischer Beifall und stehende Ovationen dankten dem Dirigenten und den Musikern.

Und da wir drei Beethovensymphonien mit Interpretationen, die auf der Höhe unserer Zeit angekommen waren, erleben durften, hier etwas aktuelles für den Verehrer des Titanen: finanziert von der Marketingabteilung der Telekom, haben Musikwissenschaftler mit der Leiterin des Bonner Beethovenarchivs aus den dort archivierten Skizzenbüchern Beethovens dessen Ideen und Notizen für eine geplante zehnte Symphonie extrahiert. Ein Projektteam mit einem Filmkomponisten, einem Musikwissenschaftler, einem Musiker und mehreren Informationstechnikern versucht nunmehr, mit Arbeitsprinzipien der künstlichen Intelligenz dem Genie Beethovens auf die Schliche zu kommen. Aus den Fragmenten soll eine zehnte Symphonie Beethovens rekonstruiert werden. Ein Algorithmus wird die vielen Lücken der skizzenhaft hinterlassenen vielen Fragmente ausfüllen und soll zu einer aufführungsreifen Partitur gestaltet werden. Eine Uraufführung durch das Beethovenorchester ist für den 28. April 2020 in Bonn vorgesehen.

 Meinungsvielfalt zum Vorhaben ist eine Gewaltige!

—| IOCO Kritik Sächsische Staatskapelle Dresden |—

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