Paris, Opéra Comique, Ercole Amante – Pier Francesco Cavalli, IOCO Kritik, 13.11.2019

November 13, 2019 by  
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l´Opéra Comique Paris © Sabine Hartl, Olaf-Daniel Meyer

l´Opéra Comique Paris © Sabine Hartl, Olaf-Daniel Meyer

l´Opéra Comique Paris

Ercole Amante  –  Pier Francesco Cavalli

– spannende Polit-Show von Louis XIV – dem „Sonnenkönig“ –

von Peter M. Peters

Nach langen geheimen Verhandlungen zwischen Spanien und Frankreich durch den Kardinal Jules Mazarin (1602-1661) wurde die Hochzeit zwischen dem 22 jährigen König Louis XIV (1638-1715) und der Prinzessin Marie-Thérèse d`Autriche, Infante d`Espagne (1638-1683) im Jahre 1660 beschlossen. Die Hochzeit ist für den 7. Februar 1662 vorgesehen. Nach langem Zögern willigte der schon sehr berühmte venezianische Komponist Pier Francesco Cavalli (1602-1676) auf eine Einladung nach Paris von Mazarin ein, um eine Oper für den Ruhm und der Macht der glorreichen französischen Monarchie zu komponieren. Im Zentrum der Oper sollte natürlich der junge König als ruhmreicher Held heraus gehoben werden, sodass man auch ein prächtiges Ballet im französischen Geschmack integrierte, dass der Hofkomponist und Super-Intendant Jean-Baptiste Lully (1632-1687) komponierte. Louis war wohl selbst ein guter Tänzer und so stand er mitunter auf der Bühne und interpretierte die Rolle seines Lebens: den SONNENKÖNIG.

Ercole Amanti – Pier Cavalli
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Cavalli musste zu seinem Leide in Zusammenarbeit mit dem allgewaltigen und eifersüchtigen Intrigant Lully diese Prachtoper komponieren. Es wurde eine gewaltige pompöse Show mit reichen Dekorationen, Szenenverwandlungen im Sinne des französischen Absolutismus und natürlich des Zeitgeschmacks. Es war eine politische Propaganda- und Machtdemonstration wie wir sie wohl in unserer langen Menschheitsgeschichte genug gesehen haben. In gleicher Zeit wurde im Palais des Tuileries ein Saal von übergroßen Dimensionen mit einer Kapazität von mehr als 7000 Personen fassenden Raum von dem italienischen Architekt Carlo Vigarani (1637-1713) konstruiert. Die Premiere am 7. Februar 1662 war für Cavalli eine große Enttäuschung, denn in diesem gigantischen Saal war die Akustik unzureichend und der große Lärm der Bühnenmaschinen nicht zum Vorteil für seine Musik. Außerdem war das Publikum mit der italienischen Sprache nicht sehr vertraut, so dass am Ende nur die Ballettmusiken von seinem Erzfeind Lully bejubelt wurden. Der schon betagte und kränkelnde Komponist verließ sehr verärgert umgehend die französische Hauptstadt um die strapazierende Rückseite nach Venedig zu unternehmen. Er schwor sich damals nie mehr eine Oper zu komponieren, jedoch nach einigen Wochen vergaß er sein Gelübde.

l´Opera Comique Paris / Ercole Amante © DR S. Brion

l´Opera Comique Paris / Ercole Amante © DR S. Brion

Wie schon geschrieben, die Oper musste sich nach dem damaligen Geschmack des französischen Publikums anpassen: in fünf Akten und einem Prolog, mehrere „sinfonies“, einige „ensembles“  viele „chœurs“ und diverse „ballets“. Das Libretto von Francesco Buti (1604-1682) bedient sich der Rhetorik und dem Geschmack der Metapher des französischen Theaters. Auch der Inhalt des Werkes ist dem Zeitgeschmack angepasst, indem man sich von den Metamorphosen des Ovids inspiriert, die voll von Allegorien und Symbolen sind. Der junge König wird mit dem Halbgott Ercole verglichen. Der Vergleich eines starken Halbgottes und Verführers mit dem jungen König ist äußerst schmeichelhaft, jedoch auch eine Lektion über die Moral. Denn an diesem Zeitpunkt hegte er eine tiefe Leidenschaft für die Nichte des Kardinals Mazarin, Marie Mancini (1639-1715), die er jedoch aus Staatsräson aufgeben musste.

Trotz der Anpassung an den französischen Zeitgeschmack hat sich das Charakteristische der Musik- Sprache Cavallis erhalten, indem man Rezitative alternierend mit Deklamation und Passagen  „arioso“ im „stile concitato“ in Momenten der Verzweiflung findet. jedoch auch „Lamentos“  von starker emotioneller Kraft (z.B. das Lamento de Deianira : „Misera, ahimè, che ascolto“ und viele sehnsüchtige Liebesduette. Aber das Libretto lieferte auch viele Vorwände den großen Maschinenpark auf der Bühne zu nützen: bewegliche Staturen, entfesselte Meere, Abstieg zur Unterwelt, Erscheinung der Götter und Geister. Das alles in einer opulenten Bühnenlandschaft mit Palästen, Gärten und Grotten zum Träumen und viele anderen fantastischen Dingen. Dennoch ist der Ercole Amante für Jahrhunderte in Vergessenheit geraten und wurde erst in jüngster Zeit wieder entdeckt.

Dieses außergewöhnliche Werk ist ein idealer Repräsentant einer unermesslichen Prachtentfaltung und Herrlichkeit des XVIII. Jahrhunderts. Das einzige Manuskript das die Zeit überlebt hat ist konserviert in der Biblioteca Marciana in Venedig und enthält kostbare Präziosen der vielen „ritornelli“, der instrumentalen Original-Begleitungen, die erstaunlichen dynamischen Indikationen „„Toudoucement“, „Bien fort messieurs“). Somit hat Cavalli und der venezianische Stil entscheidenden Einfluss auf die spätere „tragédie lyrique française“  genommen und sein Rivale Lully profitierte besonders davon. Der Prolog ist eine Allegorie über die allmächtige Größe und Macht Frankreichs in dem die Sonne nie unter geht und die Götter selbst steigen herab um ihren Sohn Louis alias Sonnenkönig zu preisen. Man denkt unweigerlich an den Größenwahn und der Blindheit der Mächtigen dieser Welt. Denn knapp ein Jahrhundert später mit der Revolution ist der ganze Wahnsinnstraum wie vom Winde verweht. In der Oper selbst verfolgen wir die turbulenten Abendteuer des starken Ercole, der sich nicht scheut selbst die Götter heraus zu fordern, und symbolisch gesehen ist auch hier eine Parallele zwischen dem Halbgott und Louis zu sehen. Wie in allen barocken Operntexten folgen wir Szenen zwischen Tragik und Komik: Hass, Liebe, Wut, Rachsucht und vielen Tränen, jedoch am Ende folgt immer des Happy-End oder die Erlösung wie in diesem Fall.

l´Opera Comique Paris / Ercole Amante © DR S. Brion

l´Opera Comique Paris / Ercole Amante © DR S. Brion

Die Premiere am 4. November 2019 in der Opéra Comique Paris: Indem Valérie Lesort und Christian Hecq (Sociétaire der Comédie Francaise) in der Inszenierung die Maschinerie des XVII. Jahrhunderts respektiert und mit modernen Mitteln integriert, wird es ein wunderschönes und komisches vergleichendes Märchen. In über drei Stunden wird ein nie ausgehendes Feuerwerk mit einem derartigen kribbelnden Ideenreichtum das Publikum verzaubern. Im Laufe der vielen Szenenwechsel erscheinen Zauberblumen in denen Venus und ihre Gefährtinnen versteckt sind, um mit Schönheit und Liebeslist neue Opfer zu finden. Monster erinnern an den Film Shrek oder an die Welt der Alice im Wunderland. Juno steigt in einem vogelschwingenden Luftschiff zu den Sterblichen herunter. Eine Art Entenhelikopter fliegt mit Diane verführerisch im Weltall um jederzeit im Sturzflug zu erscheinen. Wilde orkanartige Meere aus dem Neptun in einem U-Boot à la Jules Verne erscheint. Bänke aus Hecken geschnitten werden monsterhaft lebendig um ihre Opfer zu umschließen. Palastsäulen werden gerade zu verrückt und purzeln durcheinander. Derartige schöpferische Kräfte und erfinderische Traumvisionen sieht man selten so ideal vereint und so ist es auch ein mehr als verdienter Triumph für das Inszenierungspaar.

Ercole Amanti – Raphael Pichon und sein Regie-Konzept
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Raphaël Pichon und sein Ensemble Pygmalion hat das fast vergessene Werk Cavallis wunderschön in all seiner Größe und Majestät zu neuem Leben erweckt indem er den Wert und den ganzen Reichtum dieser Partition aufzeigt. Besonders hebt er Cavallis Musik als Scharnier zwischen Renaissance und Barock hervor, um gewissermaßen eine Musikbrücke für die Zukunft zu sein. Dass sein Ensemble einschließlich Chor heute zu den Großen unter den Interpreten für alte Musik zählt brauchen wir wohl nicht betonen.

Die Solisten sind von der Titelrolle bis in die kleinste Nebenrolle äußerst gut besetzt sodass es ein Hörgenuss für jeden Musikfreund ist. Ercole wird von dem jungen brasilianischen Bass Nahuel Di Pierro interpretiert. Mit seinem tiefschwarzen Timbre ist er eine Idealbesetzung für diesen robusten und naiven Helden, der teilweise fast brutale Manieren zeigt, doch im Grunde immer der naive und sogar fast trottelhafte Junge bleibt. Man denkt unweigerlich an Rollen wie Papageno oder Osmin, denn Komik, Ironie und Lächerlichkeit sind nicht weit entfernt.

Für die Göttin der Götter Giunone (Juno) hat man die große gefeierte italienische Mezzosopranistin Anna Bonitatibus mit Recht ausgewählt. Denn ihre weich fließende dunkle samtige Stimme erzielt wahre Wunder in der Interpretation dieser schwierigen und komplexen Rolle. Mit ihren unerschöpflichen Reserven zeigte sie in vielen Stimmfarben sentimentale Gefühle aber auch drohende Autorität und rasenden Zorn.

Die Prinzessin Deianira ist die verlassene Gattin unseres Helden Ercole, hier glaubwürdig von der italienischen Mezzosopranistin Giuseppina Bridelli gesungen und gespielt. Zwischen sehnsüchtigem Klagen, tränenreicher Verzweiflung und rasender Wut manipuliert sie alle Welt um am Ende die gewünschte Rache an Ercole zu erzielen. Die Iole der jungen italienischen Sopranistin Francesca Aspromonte atmet die ungeahnte liebesvolle Atmosphäre eines naiven jungen Mädchens. Ihr in allen Tonregistern glasklarer Sopran jubiliert mit Leichtigkeit über alle Hürden des Orchesters.

Opera Comique Paris / Ercole Amante © DR S. Brion

Opera Comique Paris / Ercole Amante © DR S. Brion

Der Illo des polnischen *Tenors Krystian Adam steht ihr da ebenbürtig zur Seite um zusammen das unglückliche Liebespaar glaubwürdig zu machen. Mit seinem klaren flexiblen und leichten lyrischen Timbre war er der ideale Partner der Iole und ihre Stimmen verflochten sich in Schönheit und Einklang um die wunderschönen sehnsüchtigen Liebesduette zu meistern.

Die italienische Sopranistin Giulia Semenzato ist die Interpretin von Venere (Venus), Cinzia (Diane) und Bellezza (Schönheit) und sie schlüpft behände von einer Person zur Anderen um jedem die nötige und eigenständige Persönlichkeit zu verleihen und das in Stimme und Spiel. Der Italiener Lucca Tittoto verleiht seine imponierende Bassstimme an Nettuno um seine einzige Arie wütend und zornig umgeben von tobender Meeresgewalt meisterhaft zu schmettern.

Die beiden komischen Gestalten dieser Geschichte sind wie in fast allen venezianischen Opern und so auch in den Werken Cavallis und seines Lehrers Monteverdi szenisch integriert und interpretieren die Diener, Lakaien, Ammen, Hofnarren und die schlauen Ratgeber ihrer Herren. Sie scheinen der Comedia dell Arte entstiegen zu sein und in der Vergangenheit wurden sie ausschließlich von Kastraten gesungen, aber im Laufe der Zeit haben die Countertenor ihr Fach übernommen. Unsere Beiden nennen sich: Il Paggio und Licco. Der Erste ist der junge immer lächelnde Diener unseres Liebespaares (Iole und Illo) und in Harlekin-Manier findet er immer neue Anlässe seine Drolligkeit und Tölpelhaftigkeit unter Beweis zu stellen. Fabelhaft gesungen von dem amerikanischen Counter Ray Chenez mit einer klaren Sopranstimme die in allen Lagen natürlich klingt und nie in billigen Manierismus fällt. Licco ist schon ein alternder aber äußerst verschlagender Helfer seiner Herrin Deianira und der vor keinem Kunstgriff und Trick halt macht, um den starken Ercole für seine Herrin zur Strecke zu bringen. Eine Paraderolle für den französischen Counter Dominique Visse, der seine Aufgabe mit viel Witz und Ironie gestaltete. Seine nicht mehr sehr junge und teilweise kratzende Stimme hat er mit viel Intelligenz und Routine in Einsatz gebracht. Der Sänger war lange Zeit auf allen großen Bühnen der Welt zu Hause und schien abonniert zu sein für diese typischen Rollen.

l´Opera Comique Paris / Ercole Amante hier Schlussapplaus © Peter Michael Peters

l´Opera Comique Paris / Ercole Amante hier Schlussapplaus © Peter Michael Peters

Diese Produktion ist ein großes Ereignis und ein überwältigender Erfolg bei Presse und Publikum. Sie wird danach in der Opéra Royal in Versailles gezeigt und geht höchst wahrscheinlich auf eine größere Tournee. Die Opéra Comique (auch Salle Favart genannt) ist unter Louis XIV am 26.Dezember 1714 gegründet worden und hat sich im Herzen von Paris am Platz Boieldieu etabliert. Bestehend aus einer Wanderbühne, die auf Jahrmärkten und Straßenplätzen ihre Pantomimen und Parodien unter lautem Gelächter zeigte, war der Grundstock einer neuen Truppe gelegt. Das Theater musste mehrmals aus Geldmangel schließen, oder Umziehen wegen Rechtsstreitigkeiten. Auch brannte das Haus zweimal ab im Laufe seiner ruhmreichen Geschichte. Im Gegensatz zu ihrer großen Schwester, die Opéra National, war sie von Beginn an offen für neue Werke, so wurden u.a. mit großem Erfolg Opern von Adam, Auber, Bizet, David, Massenet, Gounod und Thomas bis hin zu Debussy hier zur Erstaufführung gebracht worden. Bis zum heute Tage hat sie diese Tradition behalten, indem jede Saison mindesten eine neue Oper das Licht der Welt erblickt. Das dritte und letzte Haus ist vom Architekten Louis Bernier erbaut und die Eröffnung war am 7.Dezember 1898. Das Theater hat kein permanentes Orchester und alle Produktionen werden mit ausgeliehenen Künstlern geschaffen, jedoch eine kleine Truppe von jungen Sängern ist hier zu Hause.

Ercole Amante, Opéra Comique Paris –  Besuchte Vorstellung 4. 11 2019

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Münster, Picasso Museum, „Im Rausch der Farben“ – Ausstellung, IOCO Aktuell, 16.10.2019

Oktober 15, 2019 by  
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Kunstmuseum Pablo Picasso Muenster © Kunstmuseum Pablo Picasso

Kunstmuseum Pablo Picasso Muenster © Kunstmuseum Pablo Picasso

Kunstmuseum Pablo Picasso

„Im Rausch der Farben – Von Gauguin bis Matisse“

  Französische Moderne  –  Kunstmuseum Pablo Picasso Münster

von Hanns Butterhof

Dem Kunstmuseum Pablo Picasso Münster ist wieder ein Glücksgriff gelungen. In seiner Ausstellung „Im Rausch der Farben – Von Gauguin bis Matisse“ zeigt es sehenswert über sechzig Meisterwerke aus dem Musée d’Art moderne de Troyes, die bisher außerhalb ihres Stammhauses nur in Seoul zu sehen waren. Aus eigenen Beständen würdigt es den Namensgeber mit der Sonderausstellung „Wie Gott in Frankreich – Picasso kulinarisch“.

Die Ausstellung positioniert sich gleich zu Anfang mit einem kurzen schwarz-weiß-Film auf der Gewinnerseite der Kunstgeschichte. Der Reihe nach präsentieren sich die Künstler der „Fauves“, die Wilden, mit einschlägigen Kunst-Parolen, um dann in Boxkämpfen ihren Gegnern punktgenau den knock out zu versetzen. Warum sich die Fauves als Sieger im Kampf gegen die akademische und Salon-Malerei fühlen durften, zeigt die Ausstellung dann mit ihrem Farbrausch eindringlich.

 Kunstmuseum Pablo Picasso Muenster / Ausstellung Im Rausch der Farben - hier : André Derain, Big Ben, 1906, Öl auf Leinwand © VG Bild-Kunst, Bonn 2019

Kunstmuseum Pablo Picasso Muenster / Ausstellung Im Rausch der Farben – hier : André Derain, Big Ben, 1906, Öl auf Leinwand © VG Bild-Kunst, Bonn 2019

Die Werke entstammen dem Teil der Sammlung, die das Textilindustriellen-Paar Denise und Pierre Lévy dem französischen Staat für das  Musée d’Art moderne von Troyes, der Stadt in der Champagne, vermacht haben. Freund und künstlerischer Anreger der Lévys war André Derain (1880 – 1954), deren „Hausgott“, wie ihn der Direktor des Picasso-Museums, Dr. Markus Müller, im Gespräch nennt. Derain hatte mit seinen Künstlerfreunden um Henri Matisse (1869 – 1954) auf dem Pariser Salon d’Automne 1905 den Skandalerfolg gefeiert, der die lose Maler-Gruppe als „Les Fauves“ etablierte.

Entsprechend bildet Derain einen Schwerpunkt der mit Gemälden, Grafiken und Skulpturen bestens bestückten Ausstellung. Einen besonderen Blickfang im großen Ausstellungsraum bildet sein an Monet erinnerndes Gemälde „Big Ben“, und sein „Hafen von Collioure“ trägt deutliche Spuren seines Zusammenseins mit Matisse 1904 in der katalonischen Hafenstadt nahe der Kapitale Perpignan. Von der Erfindung ihrer völlig neue Bildsprache aus dem Licht Südfrankreichs spricht auch Chaim Soutinés (1893 – 1943) „Das Kapuzinerkloster von Céret“, das auf ein unweit von Collioure gelegenes Städtchen verweist, dessen Musée d’art moderne Céret noch viele Zeugnisse aus der frühen französischen Moderne und eine Vielzahl von Keramiken Pablo Picassos mit Stierkampfszenen besitzt.

Kunstmuseum Pablo Picasso Muenster / Ausstyellung : Im Rausch der Farben - hier : Félix Vallotton, Afrikanerin, 1910, Öl auf Leinwand, Foto Ville de Troyes, Carole Bell © Domaine public 2019

Kunstmuseum Pablo Picasso Muenster / Ausstyellung : Im Rausch der Farben – hier : Félix Vallotton, Afrikanerin, 1910, Öl auf Leinwand, Foto Ville de Troyes, Carole Bell © Domaine public 2019

Der Ausstellung im westfälisch verregneten Münster eignet ein Hauch von Leichtigkeit, als atme sie die helle Luft des französischen Südens, und vermittelt jenseits von systematischem Sammlertum etwas von den sympathisch persönlichen Neigungen der Lévys. So fallen Werke von Jean Metzinger (1883 – 1956) wie seine  sanft kubistische „Frau von vorne und im Profil“ oder von Robert Delaunay (1885 – 1941) „Die Läufer“ ins Auge, daneben von Amado Modigliani (1884 – 1020) das Portrait „Jeanne Hébuterne“, von Max Ernst (1891 – 1976) eine Landschaft, und dazwischen überrascht die nahezu fotorealistisch gemalte „Afrikanerin“ von Félix Valloton (1865 – 1925). Im Kontrast dazu steht das Portrait “Junge Kreolin“ von Paul Gauguin (1848 – 1903), und wieder anders strahlen die Pointilisten Paul Signac (1863 – 1935) mit dem lichten Aquarell „Venedig“ oder Georges Seurat (1859 – 1891) mit dem „Vorort“.

Erstaunlich sind auch Sujet-Ähnlichkeiten zu entdecken. Atelierszenen oder Blicke aus dem Fenster auf die Straße wie von Maurice Marinot (1882 – 1960) erinnern frappant an Bilder der Ausstellung „Raoul Dufy – Les Ateliers de Perpignan 1940 – 1950“,  wie sie letztes Jahr im Musée d’art moderne Hyacinthe Rigaud in Perpignan zu sehen waren. Dort läuft gegenwärtig noch die sehenswerte Ausstellung „Rodin – Maillol – face à face“ mit charakteristischen Skulpturen der beiden Bildhauer, die auch in der Ausstellung im Picasso-Museum zu sehen sind. Auguste Rodin (1840 – 1917) etwa ist mit dem stolzen Kopf „Balzac“, Aristide Maillol (1861 – 1944) mit der hübschen „Krabbenfrau“ vertreten. Weitere Skulpturen finden sich verstreut in der Ausstellung, darunter Pferde- und Frauen-Motive von Edgar Degas (1834 – 1917).

Kunstmuseum Pablo Picasso Muenster / Ausstellung : Im Rausch der Farben - hier : Pablo Picasso, Drei Sardinen, 1948, Keramik (c) VG Bild-Kunst, Bonn 2019

Kunstmuseum Pablo Picasso Muenster / Ausstellung : Im Rausch der Farben – hier : Pablo Picasso, Drei Sardinen, 1948, Keramik (c) VG Bild-Kunst, Bonn 2019

In der Sonderausstellung  „Wie Gott in Frankreich – Picasso kulinarisch“ würdigt das Picasso-Museum in der 2. Etage aus eigenen Beständen Pablo Picasso (1881 – 1973) mit Linolschnitten, Lithografien, Keramiken und Gemälden rund um das Thema Essen und Trinken. Frisch gefangener Fisch, Artischocken und Wein lassen das Wasser im Munde zusammenlaufen. Manche Bilder vermitteln aber auch eine Ahnung von den Phantasien, die von der Lebensmittelknappheit in Frankreich zur Zeit der deutschen Besatzung angeregt wurden.

In beiden Ausstellungen kommt den Besuchern eine außerordentlich nahe Moderne entgegen, bei der erstaunen lässt, vor wie langer Zeit ihre Protagonisten gewirkt haben. Und dazu gesellt sich das Erschrecken, wie vorbei diese Epoche ist.

Die Ausstellung „Im Rausch der Farben – Von Gauguin bis Matisse“ im Kunstmuseum Pablo Picasso Münster läuft noch bis zum 19.1.2020.

Öffnungszeiten: Montag bis Sonntag und Feiertage: 10.00 bis 18.00 Uhr. Freitag: 10.00 bis 20.00 Uhr.  Der ausführliche, umfassend bebilderte Katalog zur Ausstellung kostet an der Museumskasse 29,80 €, im Buchhandel 38,00 €.

—| ioco-art Kunstmuseum Pablo Picasso Münster |—

Gabriel Fauré – The Secret Fauré II, IOCO CD – Rezension, 15.10.2019

Oktober 15, 2019 by  
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The Secret of Fauré © Sony Classical

The Secret of Fauré © Sony Classical

Gabriel Fauré – The Secret Fauré II – Sony Music 9005523

Orchestral and Concertante Music:  Axel Schacher – Violine, Antoine Lederlin – Cello. Oliver Schnyder – Klavier, Sinfonieorchester Basel, Leitung Ivor Bolton

CD – Rezension – Julian Führer

Gabriel Fauré (1845-1924) ist in Frankreich heute bekannter als in deutschsprachigen Ländern. Faurés Werk, wenn auch nicht völlig verschwunden, ist dort nur selten im Konzertsaal zu hören. Am bekanntesten ist sicherlich sein Requiem Opus 48 von 1887. Seine Pavane Opus 50 wurde auf YouTube in verschiedenen Versionen bereits etwa zehn Millionen Mal angeklickt (Stand September 2019). Die Gesamteinspielung seiner Werke (Brillant Classics) umfasst allerdings 19 CDs mit vielen Werken, die auch passionierten Musikhörern unbekannt sein dürften. Umso verdienstvoller ist es, dass das Sinfonieorchester Basel es sich zum Ziel gesetzt hat, The Secret Fauré etwas bekannter zu machen. Die neue und auf kritischer Durchsicht der Quellen basierende Ausgabe der Werke Faurés bei Bärenreiter erlaubt nun einen musikwissenschaftlich abgesicherten Blick auf dieses vielgestaltige Werk.

Auf der ersten CD waren Pretiosen wie die Konzertversion für Frauenchor und Orchester von Caligula, Orchesterlieder für Sopran und andere Stücke zu entdecken. Das erste Werk des vorliegenden zweiten Teils ist die Berceuse für Violine und Orchester Opus 16, ein anmutiges Stück für Flöte, Klarinette, Solovioline und Streicher. Die Flöte und die Klarinette liefern (nicht allein aufnahmebedingt) nur etwas Hintergrund für die schwungvoll aussingende Linie der Violine. Ein schönes Salonstück mit klarer Struktur, das Fauré selbst für kleines Orchester neu arrangierte. Der Mittelteil ist in der Solopartie etwas tastender, bevor nach reichlich zwei Minuten bereits die Reprise folgt.

Die Romanze für Violine und Orchester op. 28 ist in der vorliegenden Fassung nicht gänzlich Fauré zu verdanken. Die Orchestrierung ging zu seinen Lebzeiten verloren und wurde dann von Philippe Gaubert wiederhergestellt. Das Andantino molto moderato ist etwas anspruchsvoller strukturiert. Bei aller Zartheit kommen mehr Instrumente zum Einsatz als in der Berceuse, ohne dass es jedoch je laut würde. Zur Violine (auch hier mit sicherer Intonation und schönem Ton von Axel Schacher gespielt) tritt die Harfe, bevor im unruhigeren Mittelteil das Soloinstrument vor allem mit dem tiefen Holz in Beziehung tritt. Als die Flöte hinzukommt, spielt Fauré mit dem Sehnsuchtsmotiv aus Wagners Tristan und Isolde (immerhin komponiert er eine Romanze). Diese Passage wiederholt Fauré, bis das Stück mit seinem sehr hohen und langen Ton der Violine und einem Harfenarpeggio endet.

Für die Ballade für Klavier und Orchester Opus 19 wählt der Pianist Oliver Schnyder einen individuellen Zugang. Das Camille Saint-Saëns gewidmete Stück beginnt Andante cantabile in Fis-Dur. Beim Wechsel von Triolen zu Sechzehnteln wählt der Pianist den freien Vortrag. Halsbrecherische Partien gibt es in diesem Stück nicht, doch muss der Pianist dennoch über eine gute Technik verfügen, um interpretatorisch der Bandbreite des Stückes gerecht zu werden. Am Schluss des vierzehnminütigen Stückes hält er das Pedal, obwohl die Partitur deutliche Pausen markiert – hört sich schön an, ist aber eigentlich wohl anders gemeint. Doch Musik ist nicht nur Mathematik. Kleine Temporückungen und genau dosierte Abstufungen der Dynamik beim Dialog mit Einzelinstrumenten zeugen von einem organischen Musizieren von Solist und Orchester. Zu loben ist auch die Aufnahmetechnik, die das Soloinstrument voll zur Geltung kommen lässt, gleichzeitig aber beim Orchester volle Durchhörbarkeit gewährleistet; dazu braucht es nicht nur einen fähigen Dirigenten, sondern auch einen guten Tonmeister (hier Jakob Händel).

Die als viertes Stück auf der CD folgende Elegie für Cello und Orchester op. 24 ist ein gattungsbedingt getragen vorgetragenes Stück. Antoine Lederlin bewegt sich am Cello eher in den tieferen Registern des Instruments. Ostinati und düsteres c-Moll lassen eher an eine Trauermusik wie von Beethoven oder Chopin als an eine eigentliche Elegie denken. Im Mittelteil hellt sich die Stimmung dank Oboe und Klarinette etwas auf, das Soloinstrument reagiert auf Tuttieinsätze des Orchesters mit schnellen Figuren, bevor es zu einer langen klagenden Phrase ansetzt und die Musik nach sieben Minuten verdämmert.

Die folgenden Stücke haben miteinander gemeinsam, dass Fauré sich bei Kompositionsformen der Renaissance inspirieren ließ, um mit einem eher kleinen Orchester Stücke mit klarer rhythmischer Struktur zu schreiben. Masques et Bergamasques komponierte Fauré sehr viel später als die bisher präsentierten Stücke. Die Orchestersuite daraus Opus 112 beginnt in der Ouvertüre freundlich, ja munter mit einem Thema, das fast von Haydn stammen könnte, während das zarte zweite Thema deutlich der Romantik verhaftet ist. Das Menuet hat wieder etwas gewollt Altväterliches und spielt mit den Konventionen eines längst nicht mehr gepflegten Genres, wie es auch Sergej Prokofiew in der Symphonie classique tat. Auch die Gavotte im charakteristischen 2/2-Takt und mit ihren dem Tanzcharakter der Gattung geschuldeten Wiederholungen kommt etwas gespreizt daher, doch fügt Fauré hier wie auch sonst immer noch etwas hinzu, was das Stück auch um 1900 (und heute) hörenswert macht, hier eine Weiterentwicklung des motivischen Materials mit einem Wandel des Takts, bevor der Tanz abschließend noch einmal gegeben wird. Die am Schluss der Suite stehende Pastorale setzt auf ganz andere kompositorische Mittel und fällt stilistisch etwas heraus – sie wurde tatsächlich auch erst viel später komponiert als die anderen Stücke. Wie es sich für ein Schäferstück gehört, kommt eine Harfe dazu, aber sie formt keine Akkorde, sondern Tonleitern aus Einzeltönen. Ein Werk mit ganz eigener Färbung, das tatsächlich bekannter werden sollte.

Die Pavane Opus 50 gehört eigentlich wirklich nicht zu The Secret Fauré, sondern ist eines seiner bekanntesten Werke. Wenn sie dennoch ihren berechtigten Platz auf dieser CD hat, so wegen der stilistischen Verwandtschaft mit den archaisierenden Stücken aus Masques et Bergamasques. Zu hören ist die Orchesterfassung (es gibt auch eine Version mit Chor). Eine Pavane ist eigentlich ein vor allem im 16. Jahrhundert bei Hofe verbreiteter langsamer Tanz. Fauré geht von diesem langsamen Tanzschritt aus, spinnt aber sein musikalisches Material weiter, während der Rhythmus beibehalten und (leise) markiert wird. Anders als bei einem Tanz scheint die Musik sich hier zum Schluss hin zu entfernen, verhallt und endet in einem traurigen fis-Moll-Akkord.

Das letzte Stück auf der CD ist das Allegro aus der Symphonie in F-Dur (Orchestersuite) Opus 20. Dass hiervon eine Orchesterfassung erhalten ist, war längere Zeit nicht bekannt; 1873 hatte Fauré selbst gemeinsam mit Camille Saint-Saëns eine Fassung für zwei Klaviere präsentiert. Dieser Satz mit einer Länge von 13 Minuten auf der vorliegenden Einspielung hat eine weniger eingängige thematische Struktur als die anderen dieses Tonträgers. Anders als sonst klingt das Orchester hier auch etwas lauter, vordergründiger als sonst – das Problem kann bei der Aufnahmetechnik liegen oder an Fauré selbst, sollte er hier stellenweise zu ‚dick‘ instrumentiert haben. Am Sinfonieorchester Basel liegt es jedenfalls nicht, das bis dahin bei allen anderen Kostbarkeiten gezeigt hat, über welchen transparenten, leichten Klang es unter Ivor Bolton am Pult verfügt. Die CD zeigt, dass es sich lohnt, bei Fauré auch weiter nach Unbekanntem zu suchen.

—| IOCO CD-Rezension |—

Lyon, Opéra de Lyon, Guillaume Tell – Gioacchino Rossini, IOCO Kritik, 08.10.2019

Oktober 8, 2019 by  
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Opéra de Lyon in Lyon © Stofleth

Opéra de Lyon in Lyon © Stofleth

Opéra de Lyon

Guillaume Tell  –   Gioachino Rossini

– Apfelschuss mit Cellotrümmern –

von Julian Führer

Von Guillaume Tell gibt es viele Fassungen, mehrere sind schon zu Rossinis Lebzeiten entstanden, teilweise von ihm selbst arrangiert. Um die Zensur zu beruhigen, wurde die Handlung einmal unter dem Titel Rodolfo di Sterlinga nach Schottland verlegt, denn für manche Bühne war die Apotheose am Schluss mit den Rufen nach Liberté doch etwas zuviel. Gleichzeitig – das fast bibliophil aufgemachte Programmheft unterstreicht es – schrieb Rossini zur Zeit der Restauration, also unter Herrschaft der Bourbonenkönige, für die Pariser Oper, er konnte und wollte also auch gewiss nicht zum Kampf gegen die Obrigkeit aufrufen. Im Gegenteil, die Werte der Restaurationszeit wie familiärer Zusammenhalt werden in der Oper sehr betont und ausschließlich der Kampf gegen  fremde Herrschaft als legitim dargestellt. Und das Sujet war in Frankreich bekannt: Wilhelm Tell war bereits in der Französischen Revolution über die kleine Schweiz hinaus als Freiheitsheld verehrt worden (ein Stadtviertel von Paris wurde sogar in „Section de Guillaume-Tell“ umbenannt).

Guillaume Tell –  Making of ..
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Für die italienischen Bühnen gibt es eine italienische Version (Guglielmo Tell). Die Urfassung war so lang, dass eine Vorstellung in Bologna bis nachts um drei Uhr gedauert haben soll. Vor der Pariser Premiere von 1829, aber auch später und auch in der italienischen Version wurden – wieder (meist) von Rossini selbst – etliche Stücke gestrichen, und die ursprünglichen vier wurden auf drei Akte gekürzt. In der Opéra de Lyon wird die vieraktige Fassung gespielt, und zwar mit den heute immer noch meist gestrichenen beiden Ballettszenen. Das Ergebnis ist ein vierstündiger Opernabend – nicht nur kompositorisch hat sich Rossini mit dieser Oper deutlich weiterentwickelt. Dass er mit 37 Jahren nach Guillaume Tell keine Opern mehr schrieb und überhaupt nur noch selten komponierte, wurde schon von Richard Wagner bedauert.

Wilhelm Tell ist fester Bestandteil der Schweizer Nationalmythologie, ein um 1300 aktiver Freiheitskämpfer, der zwar erst ein paar Jahrhunderte später erfunden wurde, aber dennoch bis heute populär ist. Sein Gegenspieler, der böse Gessler im Dienst der Habsburger, dessen Hut die Eidgenossen grüßen sollen, ist ebenfalls so populär, dass eine EU-feindliche Partei ihre Wahlplakate noch im Jahr 2019 mit dem Gesslerhut und Parolen gegen ein „EU-Diktat“ garniert. Rossinis Oper als patriotisches Drama inszenieren, würde das Stück jedoch verengen. Die Neuinszenierung der Opéra de Lyon abstrahiert hier: Die Schweizer werden hier zu Musikern eines klassischen Orchesters. Das überrascht (und würde so manchen Schweizer noch mehr überraschen) – wie passt das zum Inhalt, und wie passt es zur Musik?

Tobias Kratzer als Regisseur entscheidet sich für eine Lesart, die eine im Libretto deutlich angelegte Schwarz-weiß-Konstellation aufnimmt: Die eine Seite (eigentlich: die Schweizer, Männer- und Frauenchor) trägt stets Schwarz (manchmal weißes Hemd und schwarze Hose, Kostüme: Rainer Sellmaier). Ab und tragen diese Menschen Instrumente, sind also als Musikerinnen und Musiker erkennbar, während eine andere Gruppe (Geslers Leute, also habsburgische Truppen, nur Männerchor) zu weißen Overalls kleine schwarze Melonen trägt (exakt wie die Droogs aus Stanley Kubricks Film Clockwork Orange). Sie tragen keine Instrumente, sondern Baseballschläger.

Opéra de Lyon / Guillaume Tell © Stofleth

Opéra de Lyon / Guillaume Tell © Stofleth

Zunächst sieht es doch nach Postkartenschweiz (Foto) aus: Der Bühnenhintergrund ist ein Bergpanorama. Zur bekannten Ouvertüre spielt eine Statistin simultan zum Orchestergraben Cello, im zweiten Teil (der Gewitterschilderung) treten die ‚Weißen‘ auf, zertrümmern in einem Akt grund- und sinnloser Gewalt das Instrument und verjagen die Künstlerin, der Vorhang schließt sich. Ein irritierender, verstörender Beginn, der für das Leitmotiv der Regie wichtig ist. Aus dem recht tiefen Orchestergraben ist viel Schönes zu hören; Daniele Rustioni setzt mehr auf einen fein dosierten Mischklang als auf rasante Staccati, die im vierten Teil der Ouvertüre auch möglich wären, aber formt ein sehr stimmiges Klangbild und kann seine Musiker vier Stunden lang zu Höchstleistungen motivieren.

Der erste Akt beginnt, der Vorhang wird wieder geöffnet: Der Chor (hier als Konzertchor kostümiert) sitzt auf Stuhlreihen. Leicht erhöht auf der Spielfläche ein Esstisch, an dem Hedwige ihrem Mann Guillaume Tell und ihrem Sohn Jemmy, der gerade noch Geige geübt hat, das Essen serviert. Jemmy, eine Sopranpartie, wird von einem allenfalls sechsjährigen Kind verkörpert, während zusätzlich die Sängerin Jennifer Courcier auf der Bühne agiert, mal halb versteckt, mal das Kind quasi verdoppelnd. Bei der dargestellten Szene scheint es dem Kind nicht recht zu schmecken, es klettert unter den Tisch…

Der erste Akt ist eher handlungsarm, er dient der Exposition des Gegensatzes der friedlichen Welt mit Hochzeitsgesellschaften und Tanz auf der einen und der aggressiven Welt mit zackigen Hörnern aus der Ferne auf der anderen Seite. Der unglücklich verliebte Fischer (hier der Chorist) Ruodi (Philippe Talbot) singt berückend schön von seiner Geliebten (schade, dass Rossini ihn dort stehenlässt und ihm nicht noch mehr Musik auf den Leib geschrieben hat), während drei Brautpaare vom alten Melcthal (Tomislav Lavoie sonor, doch ohne zu chargieren, nicht ganz textsicher, mit dem Taktstock des Dirigenten) gesegnet werden. Wilhelm Tell ist bereits glücklich verheiratet, der junge Melcthal namens Arnold (noch) nicht, zum Kummer seines Vaters. Arnold liebt Mathilde, die habsburgische Prinzessin, aber das kann er niemandem gestehen, auch wenn Wilhelm/Guillaume sich seine Gedanken macht.

Aus der Ferne hört man die Jagdhörner der Bösen, und als Arnold über „les tyrans qu’a vomis l’Allemagne“ sinniert, fließt zum ersten Mal von oben Farbe über das schöne Bergpanorama. Die Segnung der Brautpaare geht in die erste Balletteinlage über – wie schön, dass hier einmal nicht gestrichen wurde, denn die Musik Rossinis lohnt sich und verleiht der Hochzeit auch in der Binnenarchitektur des ersten Aktes mehr Gewicht. Der Schießwettbewerb der Vorlage wird hier zu einer Art ‚Jugend musiziert‘ umgedeutet, Tells Sohn gewinnt mit seiner Violine den Preis. Im Finale des ersten Aktes wird dann der Anstoß zum dramatischen Konflikt geliefert: Leuthold (Antoine Saint-Espes) stürzt herein, atemlos und blutüberströmt, hat aber sein Fagott dabei. Er hat in einer Notsituation einen Mann Geslers (bei Rossini nur mit einem s) erschlagen und wird verfolgt. Tell rettet ihn vor den Schergen, die aber Melcthals Taktstock zerbrechen und ihn als Geisel davonschleppen. Tell ist in seiner Ablehnung der Fremdherrschaft kompromisslos und ruft noch die Frauen (im Rahmen einer Hochzeitsfeier!) zum Gebärstreik auf, damit keine neuen Sklaven zur Welt kommen – doch dies wird hier nicht vertieft. Der erste Akt endet (nach 75 Minuten) mit einer großen Chorszene, in der Energie und feine Abstufungen wechseln. Überhaupt ist dieses Stück eine Choroper wie später etwa Lohengrin, und der Chor der Opéra de Lyon singt präzise, textverständlich, klar, wobei ihm darstellerisch einiges abverlangt wird.

Opéra de Lyon / Guillaume Tell © Stofleth

Opéra de Lyon / Guillaume Tell © Stofleth

Zu Beginn des zweiten Aktes wird das Postkartenpanorama von oben wieder mit schwarzer Farbe übergossen. Dieses Vorgehen wiederholt sich bei jeder Aktion der Bösen, bis im vierten Akt die Berge unsichtbar geworden sind. Wie bei Bellinis stilistisch sehr nahestehenden und wenige Jahre später auch für Paris komponierten I Puritani wird ein Fernchor (der Schäfer) eingesetzt. Auf der Bühne singen bzw. grölen die von Rodolphe (Grégoire Mour mit stets deutlicher Diktion und sofort ansprechender, klar geführter Stimme) kommandierten Leute Geslers einen Jägerchor, in dem es um das unvergleichliche Vergnügen geht, einem Tier beim Sterben zuzusehen. Tobias Kratzer hat während des Vorspiels den grausamen Mord an Melcthal dargestellt, so dass der blutrünstige Text auch szenisch eine Entsprechung findet. Der zweite Akt gehört ansonsten Mathilde und dann Arnold. Die Habsburgerin hat wie Rodolphe einen Golfschläger als Attribut. Das ist weder zwingend noch sonderlich schlüssig, ihre Zugehörigkeit zur ‚anderen‘ Seite ist durch die weiße Kleidung eigentlich hinreichend unterstrichen. Musikalisch ist diese Szene wegen Jane Archibald als Mathilde ein Ereignis. Rossini hat dieser Rolle eine Musik geschrieben, die auf seinen früheren Kompositionsstil verweist. Die Sängerin beherrscht mühelos die Koloraturen, kleinen Verzierungen und schnellen Läufe, die den ‚klassischen‘ Rossini ausmachen, während die anderen Solopartien einen ganz anderen Gesangsstil verlangen. Beim Gesang blieben an diesem Abend ohnehin keine Wünsche offen, aber Jane Archibald war eine Klasse für sich, vom bestens aufgelegten Orchester unter Daniele Rustioni gerade in dieser Szene mit viel Sinn für dynamische Abstufungen und sängerfreundlichen Atem nahezu perfekt begleitet.

Gioacchino Rossini in Paris © IOCO

Gioacchino Rossini in Paris © IOCO

Mathilde und Arnold, den John Osborn schon an anderen Häusern mit großem Erfolg gesungen hat und auch hier mit kraftvollem Tenor und prächtiger Mittellage gab, gestehen sich ihre Liebe (und man wird den Eindruck nicht los, dass Bellini für Arturo und Elvira in seinen Puritani sich hier sehr gründlich hat inspirieren lassen). Mathilde zieht ein graues Glitzerkleid an – geht sie ins Konzert der anderen, oder soll uns die Farbe zeigen, dass sie gewissermaßen auch farblich die Seiten wechselt? Jedenfalls machte ihr das Kleid einige Mühe. Guillaume Tell entdeckt allerdings Arnolds Gespräch und macht ihm gemeinsam mit Walter (Patrick Bolleire in dieser Szene etwas polterig, später mit gut geführter Bassstimme) Vorwürfe, er würde sein Land durch Dienst im Heer der Habsburger verraten. Die Nachricht vom Tod des Vaters Melcthal, die er bei dieser Gelegenheit erhält, lässt Arnold aber die Fronten wechseln. Den Tod Melcthals hat uns die Regie bereits gezeigt, nun wird Arnolds Vater noch einmal (mit reichlich Blut nachgeschminkt) im Leichensack auf die Bühne geschleift und dem Sohn gezeigt, der seinen toten Vater ansieht und minutenlang „je ne te verrai plus“ wiederholt. Hier wäre weniger mehr gewesen.

Der Akt gipfelt im Zusammentreffen der Truppen von Unterwalden, Schwyz (bei Rossini „Schwitz“) und Uri und dem gegenseitigen Hilfeversprechen. Langsam wird deutlich, worauf die Regie hinauswill: Die Leute aus Unterwalden sind die Streicher, die aus Schwyz kommen mit Holzblasinstrumenten, die Urner haben das Blech dabei. Zur großen Schwurszene zerstören die Streicher ihre Instrumente, und das Orchester bastelt sich Waffen, Tell formt so aus einer Klarinette, einer Cellozarge und reichlich Klebeband eine Art Armbrust. Dass die Gewalt der Unterdrücker bei den Unterdrückten das Bedürfnis nach Verteidigung, mithin Gegengewalt, aufkommen lässt, mag sein – aber ist es plausibel, dass Musiker ihre Instrumente demolieren? Nach zwei Stunden ist jedenfalls Pause.

Guillaume Tell – Auszüge der Inszenierung
youtube Trailer Opéra de Lyon
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Der dritte Akt lässt die verschiedenen Parteien aufeinandertreffen. Zu Beginn bekommt der noch erkennbare Rest des Bergpanoramas wieder eine Schicht Farbe mehr. Der Auftritt Geslers und seiner Schergen wird teilweise effektvoll umgesetzt. Zunächst verleiht ihm Rossini ein präpotentes Trompetensignal, und Jean Teitgen singt bedrohlich und schmierig, wie es hier einfach sein muss. Der geforderte Gruß vor dem Hut (zur Demütigung der Musiker an einem Notenständer befestigt) nötigt den Chor dazu, auf allen vieren um den Notenständer mit Hut herumzukrabbeln und dabei zu singen – ein mäßig überzeugendes Bild, das wegen der zahlreichen Sänger (zu) viel Zeit und Aufmerksamkeit benötigt. Deutlich schlüssiger und beklemmender ist Geslers nächste Handlung: Die Schweizer bzw. Musiker stehen auf der Bühne dicht an dicht, bewacht von den weißen Schergen, und müssen ihre schwarze Kleidung gegen grellbunte Kostüme tauschen, die ihnen von den Weißen hingeworfen werden. Die Paare, die im ersten Akt das erste Ballett getanzt haben, müssen (mit versteinerten Mienen) in bunten Gewändern ihren Bedrückern etwas vortanzen und werden dabei auch noch übel (und lang) misshandelt. Ein wirklich starkes Bild, begleitet von einer deutlich passenderen und exakter umgesetzten Choreographie als im ersten Akt (Choreographie: Demis Volpi).

Tell kommt hinzu, verweigert den Gruß vor dem Hut und wird zum Apfelschuss gezwungen. Um nicht auf das eigene Kind schießen zu müssen, zieht nun auch Tell etwas Buntes an und markiert so die Demütigung vor Gesler, der jedoch seine Macht auskostet und auf dem Schuss besteht. Hier ist einer der wenigen Momente, wo dem Tell von Nicola Alaimo etwas mehr Raum zur Verfügung steht und dieser zeigen kann, dass er nicht nur bei kurzen Einwürfen sehr präsent sein kann. Während Rossini die Frauenstimmen mit einem Stück nach dem anderen beschenkt, überlässt er seinem Bariton sonst vorwiegend Rezitative und Ensembleszenen – entsprechend dem Stil der Zeit. Während Jennifer Courcier mit glockenhellem Sopran dem Vater Mut zuspricht, nimmt das Kind mit großer Bühnenpräsenz Aufstellung und steht unbeweglich wie eine Statue, bis der Apfel fällt. Nach dem gelungenen Schuss beschließt Gesler, Tell einzukerkern. Das Volk und auch die inzwischen auf der Seite der Eidgenossen stehende Mathilde sind empört und geraten in Aufruhr (sichtbar gemacht durch das Wegwerfen der bunten Kostüme).

Opéra de Lyon / Guillaume Tell © Stofleth

Opéra de Lyon / Guillaume Tell © Stofleth

Im vierten Akt sinniert Arnold, der (in der Vorlage) noch einmal vor dem Haus des erschlagenen Vaters steht, in seinem Bravourstück „Asile héréditaire“ (von John Osborn so gemeistert, dass es Ovationen gab) über sein Versagen in der Vergangenheit, als er seinen Vater nicht beschützt hat, und über seine Pflicht in der Gegenwart. Stumm kommt der tote Vater noch einmal auf die Bühne getreten. Arnold lässt die Eidgenossen Waffen holen, die also kampfbereit ihre demolierten Violinen und Oboen in die Höhe recken… Rossini hat seinem Tenor für das Ende noch ein paar Spitzentöne aufgespart, die John Osborn alle scheinbar mühelos bewältigt. Der Übergang zum Finale wird dadurch markiert, dass das Kind Jemmy (das seit Beginn des Stückes immer wieder auf der Bühne stand) nicht das Haus Tells anzündet, dafür aber die Noten des Chors und so das Signal zum Aufstand liefert (so steht es im Libretto) oder aber zeigt, dass es von den ganzen Ereignissen zunehmend überfordert ist. Am Ende müsste nun das Regiekonzept aufgehen – Tell nimmt seine klarinettöse Celloambrust und erschießt Gesler, seine Schergen stehen direkt daneben – und reagieren nicht (das Libretto sieht vor, dass Tell ihn gewissermaßen aus der Distanz erlegt, weshalb bis zum Auftritt dieser Leute etwas Zeit vergeht). Ein Schlägertrupp, der unschlüssig herumsteht – weil sich jemand wehrt? Die Schläger warten jedenfalls so lange, bis der Chor mit den umfunktionierten Musikinstrumenten aufgetreten ist und mit diesen die keinen Widerstand leistenden Bösen erledigt, was im Publikum teilweise für nachhaltige Heiterkeit sorgt. Darauf folgt die von Harfen begleitete Chorapotheose mit vielen Modulationen; der Esstisch aus der ersten Szene wird wieder hereingetragen, Hedwige (von Enkelejda Shkoza mit viel Wärme in der Tiefe und mit reichlich Vibrato verkörpert) serviert wieder Essen. Der Schluss gehört dem Kind, das den Esstisch verläßt und sich zum Schlussakkord einen herumliegenden Hut der Droogs aufsetzt.

Wer Tobias Kratzers Bayreuther Tannhäuser erlebt hat, erwartete vielleicht ein multimediales Feuerwerk mit Video und mehreren Handlungsebenen. Dieser Guillaume Tell spielt in einem Einheitsbühnenbild ohne Videosequenzen, von Ort und Zeit der Handlung wird (wie auch von vielem anderen) abstrahiert. Beim Apfelschuss bleibt die Regie konkret, bei der Ermordung Melcthals wird sie überkonkret. Etwas uninspiriert schien die Gestik der Solisten auf der Bühne: Männer, die sich schätzen, klopfen sich bedeutsam auf die Schulter, und wenn man nicht zufrieden ist, wirft man mit einem Stuhl (oder einem anderen Objekt). Die zu Waffen umfunktionierten und ansonsten nicht mehr brauchbaren Musikinstrumente überzeugen nicht; die Idee eines Orchesters, das Schlägern ausgeliefert ist, ist noch plausibel, aber über vier Stunden hinweg sammelt diese Deutung doch zu viele Leerstellen und Widersprüche, gipfelnd in der Schlussszene mit dem Kampf von Gut gegen Böse, die für Lachen sorgte. Dennoch steckt in der abstrahierenden Regie auch viel Einleuchtendes.

Das Publikum war von der musikalischen Seite der Premiere mit Recht restlos begeistert. Chor, Orchester, Dirigent und ausnahmslos alle Solisten wurden dem Werk gerecht. Nicola Alaimo konnte dem Abend seine Prägung verleihen, auch wenn Rossini ihm nicht viel Gelegenheit zum Brillieren gegeben hat. Besonders gefeiert wurden außerdem John Osborn und Jane Archibald. Eine besondere Auszeichnung verdient das Kind, das mit etwa sechs Jahren viele Stunden auf der Bühne agieren musste und dies nicht nur durchhielt, sondern auch gestaltete. Ebenfalls sehr zu loben ist die Entscheidung, die Ballettszenen zu zeigen. Welches Haus traut sich (hoffentlich bald), einmal Wagners Rienzi mit dem vollständigen Ballett im dritten Akt zu zeigen? Das Regieteam wurde mit freundlichem, aber nicht übermäßigen Applaus bedacht, sehr wenige Buhrufe, doch die Bravos galten an diesem Abend anderen.

Mit dieser Premiere startet die Opéra de Lyon in die Spielzeit 2019/20. Das Haus realisiert ambitionierte Spielpläne. Es ist groß (vor allem hoch: es gibt sechs Ränge!), die Fassade und der Kern stammen aus dem 18. Jahrhundert (von Jacques-Germain Soufflot), die oberen Etagen hingegen wurden erst am Ende des 20. Jahrhunderts von Jean Nouvel eingesetzt. Die Akustik des Hauses beeindruckt, das Orchester ist reaktionsschnell und folgt seinem Leiter bis in kleine Details; der Chor leistet Großes, das Licht ist effektvoll eingesetzt – beste Voraussetzungen, um Lyon dauerhaft als europäisches Spitzenhaus zu etablieren.

—| IOCO Kritik Opéra de Lyon |—

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