Frankfurt, Kulturkeller Höchst, BusStop – Theater gegen Rassismus, IOCO Aktuell, 14.02.2020

Februar 14, 2020 by  
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BusStop
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Kulturkeller Höchst

PakBann e.V. Frankfurt am Main

BusStop Frankfurt

 BusStop  – Theater gegen Rassismus

„Ich bin anders, denn… Ich bin anders, lasst uns gemeinsam anders sein“

von Ingrid Freiberg

mit diesem Satz und kleinen Erzählungen begann 2017 BusStop, Theater gegen Rassismus, die ersten Aufführungen. Akteure mit sogenanntem Migrationshintergrund und Alteingesessene, die sich in Frankfurt, im Kulturkeller Höchst  im Dalberger Haus zusammenfanden, enthüllen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus, die sich in alltäglichen Situationen und tätlichen Angriffen wiederfinden. Die Theatertruppe BusStop will aufmerksam machen, zum Nachdenken und zum offenen Gespräch anregen, will Grenzen einreißen und das Miteinander stärken. Gemeinsam geschriebene Theaterstücke zeigen die bedrückende politische Entwicklung. Dabei zeigte sich auch, dass es dieser „bunten Truppe“ schwerfiel, Erlebtes angesichts unterschiedlicher Erfahrungen und eigener Vorurteile in Szene zu setzen. Heftige Diskussionen, unterschiedliche Begabungen und Toleranz führten jedoch zu einer engen Gemeinschaft, die es sich zur Aufgabe macht, das allgemeine Bewusstsein für Vielfalt und Andersartigkeit zu stärken…

Kulturkeller Höchst / BusStop Frankfurt - Theater gegen Rassismus © Ingrid Freiberg

Kulturkeller Höchst / BusStop Frankfurt – Theater gegen Rassismus © Ingrid Freiberg

Dabei werden Überlegungen aufgegriffen, wie: Bin ich integriert? Werde ich angenommen? Wie kraftvoll ist meine Verbindung zu den Ahnen, zu meinem kulturellen Erbe und die zu meiner neuen „Heimat“? Kann ich Dinge radikal benennen und dennoch in mir ruhen? Die Gruppe gibt den Sprachlosen eine Stimme und Hoffnung, ihre eigene Geschichte zurückzugewinnen. Dabei vermittelt das virtuose Gitarrenspiel von Paulo Silva, ein kapverdischer SingerSongwriter, mit seinen Fuana-, Batuk- und Morna-Rhythmen zwischen den unterschiedlichen Kulturen. Das eindrucksvolle Programm beleuchtet u. a. Rassismus gegenüber Frauen und die Wertung von Homosexualität. Es geht der Frage nach, wer sind wir eigentlich, was ist ein Fremder? Es fragt nach Hoffnungen und Träumen. Die Antworten scheinen einfach: ein Leben ohne Hass und Streit, ohne Tränen, ohne Schmutz, ein Leben in Liebe, in Menschenwürde, ein Austausch auf Augenhöhe.

Ein Glücksfall ist der Aufführungsort Kulturkeller Höchst im Dalberg Haus, ein alter Gewölbekeller, der Menschen zusammenbringt und erlaubt, bei Wein und Käse bereits vor Vorstellungsbeginn ins Gespräch zu kommen. Besonderer Dank gilt den Gastgebern Petra und Gerhard Klumpp, der auch die Technik übernimmt. Sie engagieren sich für BusStop weit über das Übliche hinaus. Ihnen liegt deren Themen sehr am Herzen. Nur durch ihre Unterstützung sind derartige Theaterabende möglich!

Fremde und Fremdes

„Fremd ist der Fremde nur in der Fremde“, heißt ein vielzitierter und hochphilosophischer Satz aus dem Dialog Die Fremden von Karl Valentin. Vielzitiert ist dieser Satz wohl deshalb, weil er, wie kaum ein anderer, alles in sich birgt, was das Thema „Fremde und Fremdsein“ bedeutet, nämlich die einfache und zugleich ungeheuer komplizierte Tatsache, dass jeder gleichzeitig irgendwo fremd ist und irgendwo zu Hause. Einzig auf den Standort und die Perspektive kommt es an. Fremd ist das, was man nicht kennt, was einem nicht vertraut ist.

Die Themen sind erschreckend alltäglich

Die Bushaltestelle, Namensgeber und Bühnenbild, lässt Raum für Phantasie und für die Auseinandersetzung mit dem Anderssein in einer neuen, nicht immer selbst gewählten Umgebung. Diese Haltestelle mit einer kleinen Bank und einem Fahrkartenautomaten ist ein Ort, an dem es immer wieder zu Rassismus in vielfältiger Form kommt. Hier nun eine Wiedergabe auf das Wesentliche konzentriert: Mit Laternen, sich an den Händen haltend, träumen alle Mitwirkenden von einer Welt ohne Hass, frei von Unterdrückung. Polizisten, die nicht präzise fragen, behandeln völlig respektlos eine Frau mit sogenanntem Migrationshintergrund… Auf ein „Grüß Gott“ von einer Iranerin, antwortet der Hinzugekommene „...jetzt sind wir schon so durchmischt, dass man die Deutschen nicht mehr erkennt!“... Ein Penner, der hinter dem Fahrkartenautomat hervorkommt, pöbelt eine Dame an. Als sie daraufhin angewidert aufschreit, „Jetzt stell dich nicht so an, Baby! Ich hab gepisst, du blöde Hure!“…

Kulturkeller Höchst / BusStop Frankfurt - Theater gegen Rassismus © Ingrid Freiberg

Kulturkeller Höchst / BusStop Frankfurt – Theater gegen Rassismus © Ingrid Freiberg

Zwei ältere Damen auf der Bank: „Wie die unsere Mädchen ansehen, die denken, sie sind Freiwild, sie vergewaltigen sie, und wenn sie nicht wollen, haben alle ein Messer im Sack und stechen zu. Die gehören alle rausgeschmissen!.“.  Äußerst berührend und leider kein Einzelfall in der heutigen Zeit ist die Erzählung einer türkischen Putzfrau über ein altes Nachbar-Ehepaar: Oma alt im Altenheim. Opa allein zu Hause! „Opa wie geht’s?“ Opa: „Es muss!“ Manchmal ich Suppe kochen, Opa bringen. Einmal von der Arbeit kommen, Opa nicht sehen, Opa nicht hören. Andere Tag Suppe kochen, Opa klingeln klopfen. „Opa, Opa ich Suppe bringen!“ Ich große Sorgen, Polizei anrufen. Opa tot! Nix glauben ich. Ich weinen. Andere Tag Tür klingeln. Groß chic mit einem Strauß Blumen, er sagen: „Ich Opas Sohn!“. Ich nicht wissen, Opa Sohn haben. Warum jetzt kommen – zu spät? Opa wie mein Vater!…

Gespräch des Sohnes mit seiner Schulfreundin: „Wirft mir die Blumen vor die Füße! Wie die da stand mit ihrem Kopftuch und ihrem gebrochenen Deutsch! Die hat Zeit, zu ihren Eltern zu gehen, geht schwarz putzen, bekommt unsere Sozialhilfe!“… Ein Ehepaar mit fremdartigem Aussehen, sichtbar auf der Durchreise, wird wie folgt beurteilt: „Jetzt guck sich mal Aaner die feine Pinkel an, die Ausländer verprassen unser Geld und kriegen alles in‘n Arsch geblasen!“... Eine Dame, die das beobachtet, schämt sich und hat das Gefühl, zwischen zwei Stühlen zu sitzen, weil es ihr trotz Bemühen misslingt, mit dem Ehepaar ins Gespräch zu kommen. Auf der Bank sitzend trägt eine Frau sehr melodische persische Lyrik vor. Dem Hinzugekommenen, der die Worte nicht versteht, gefällt es so sehr, dass er mehr darüber wissen will, und bittet sie, noch ein paar Zeilen hören zu dürfen…

People of Color:  einer durch die Sonne des Maghreb, andere durch Bluthochdruck

Müll an der Haltestelle ist immer wieder zu finden: „Freundsche, du kannst nicht einfach deinen Müll hier ablade, wie de willst!“ Ali und Hermann haben vieles gemeinsam: Sie können sich nicht leiden. Der eine spricht Deutsch seit Jahrzehnten, der andere seit Generationen. Beide sind People of Color , „der eine durch die Sonne des Maghreb, der andere durch Bluthochdruck“…  Erich Kästners Gedicht „Einst haben die Kerls auf den Bäumen gehockt“, das den Menschen mit seinem tierischen Erbe konfrontiert, ist eine ausgefeilte Skizze: „So haben sie mit dem Kopf und dem Mund den Fortschritt der Menschheit geschaffen. Doch davon mal abgesehen und bei Lichte betrachtet, sind sie im Grund noch immer die alten Affen!“... Schwarze Männer sind sexy!

Kulturkeller Höchst / BusStop Frankfurt - Theater gegen Rassismus © Ingrid Freiberg

Kulturkeller Höchst / BusStop Frankfurt – Theater gegen Rassismus © Ingrid Freiberg

Eine feine Dame im besten Alter mit Hut, Minirock und ausgesprochen schönen Beinen flaniert mit einem gutaussehenden Afrikaner an der Haltestelle entlang. Die Verliebte sagt zu ihm: „Es ist so schön, dich bekommen zu haben, wenn es auch viel Arbeit gemacht hat.“ Ein anwesendes Pärchen beobachtet die Szene: „Das war die Edith mit ihrem Neger, den hat sie aus Kenia mitgebracht. Letztes Jahr war sie dreimal da, die alte Schabracke! Er wartet nur bis er einen deutschen Pass hat!“ Darauf er: „Schatz können wir nicht ein Taxi nehmen, sonst komme ich zu spät und bekomme meinen Pass wieder nicht!“ Gespräch zwischen Mann und Frau: „Du bist ja so viel schlauer als wie ich!“ „Was ist Intrigation?“ „Es heißt Integration!“ „Über die Intrigation da soll es sogar Kurse geben! Wo kann man das Intrigieren lernen, was muss man da lernen?“ „Zuerst die deutsche Sprache!“ „Da werde ich nie intrigiert! Wenn ich doch alles gelernt habe, bin ich dann Reichsbürger?“ „Das sind doch Nazis!“ „Ja, da gabs mal Aaner, der ist aber schon lange tot! Die AFD – Adolfs Freunde Deutschland – sind nur besorgte Bürger!“ „Aber es sind die, die es uns Ausländern gerne besorgen würden!“...

Zwei elegante Damen treffen sich an der Haltestelle Höchst: „Höchst ist kein Vergleich zu Bad Homburg. Früher war das besser!“ „Meine Bekannte ist hier in der Klinik. Schrecklich, alles voller Ausländer!“ Ein Schwuler betritt die Szene und bringt ein Plakat an. Die eine: „Trotz meines Alters habe ich nichts gegen die, sie sind doch auch Menschen wie du und ich!“ Die andere: „Grüßen Sie ganz herzlich Ihren Sohn von mir!“ „Ach, das ist ja so peinlich! Mein Sohn hat sich kürzlich geoutet. Jetzt kennt die meinen Sohn und womöglich kennt ihn meine Herzsportgruppe auch. Mein Mann ist ja sehr konsequent. Unsere Möbelfabrik wird er nicht übernehmen. Wir könnten Kunden verlieren! Mit seinem Mann, offenbar ein Ausländer, hat er seine Mitte gefunden. Wenn er normal geworden ist, kann er jederzeit nach Hause kommen. Ich habe nichts dagegen!“… „Schatzi, es war sehr schön im Urlaub!“   Er: „Und das Essen, große Portionen, das hat mir gefallen, besonders die leckeren Schnitzel!“ „Mallorca und Schnitzel!?“

Eine Zigeunerin tritt auf.Da siehst du, was da alles reinkommt. Früher hat‘s geheißen, die Wäsche rein, die Zigeuner kommen!“Die sollen doch in ihren Drecksländern bleiben! Die schmeißen den Müll aus dem Fenster heraus!“ Die Zigeunerin zeigt einen Zettel: „Hallo ich kann nicht lesen, ich nix verstehn!“ Die beiden antworten: „Wir haben keine Brille!“ Wortlos gehen sie. Im Weggang verliert die Frau ihr Portemonnaie. Die Zigeunerin eilt hinterher, übergibt es. „Die wollte uns beklauen!“ „Hallo Frau, ich nix klauen, du arme Leute, du keine Brille haben!“

Jenseits der Muttersprache – Claudia M. Berrang

„Ausgespuckt aus der Heimat, ausgespuckt, nur mit einem Koffer voller Wörter, bin weggelaufen, gelaufen gesprungen hoch und höher über die Grenzen und gefallen mitten auf den Mund, der Koffer aufgerissen fallen alle meine Wörter heraus. Buchstaben, auf dem Boden zerstreut, wie die Gedärme aus meinem Leib, sie werden zerquetscht unter den Passantenfüßen, meine Stimme verschwunden im Lärm. Die verletzten Buchstaben zärtlich in den Koffer eingepackt, mich weitergeschlichen, Lippen aufeinandergepresst, ausgespuckt aus der Heimat, ausgespuckt über die Grenzen und gefallen hier in die Ecke. Den Koffer auf dem Schoß, gebückt am Rande dieser Stadt, namenlose Gesichter eilen vorbei, werfen mir fremde Wörter zu, meine bleiben liegen. Die fremden Wörter verschlungen, hungrig in mich hineingestopft heruntergewürgt, bilden eine Kugel, unverdaulich und schwer, ausgeschwitzt aus meinen Poren. Meine Gedärme brechen heraus, formlose Geschichten schreien aus meiner Kehle, meine bleiben liegen. Ausgespuckt aus der Heimat, ausgespuckt nur mit einem Koffer voller Wörter, bin weggelaufen, gelaufen gesprungen hoch und höher über die Grenzen und gefallen mitten auf den Mund.“

Mit dem beschwörenden Schlusschor „Ausblick“ verabschieden sich die bewegend aufspielenden Laien-Darsteller:  Amir Mansoor (Regie), Klaus Baumgarten, Claudia M. Berrang, Herta-Konstanze Braun, Maria Buttiglieri, Joachim Hossbach, Fariba Khadivi, Karin Kühn, Michaeö Langer, Justin Yao Lassana, Behjat Mehdizadeh, Paulo Silva (Gitarre), El Houari Slimi, Mehret Woldal

Nach anfänglicher Stille endet der Applaus in Jubelstürmen!

Danach gab es Gelegenheit, nicht nur untereinander zu diskutieren, sondern sich auch mit den Mitwirkenden über die teils erschütternden Szenen auszutauschen, die Zuschauer erinnerten sich an eigene Erfahrungen und wurden nicht mit ihren Gedanken und Bildern alleine gelassen.

 Es wird weitere Vorstellungen geben, mehr unter  www.busstop-frankfurt.com

—| IOCO Kritik Kulturkeller Höchst |—

Frankfurt, Oper Frankfurt, Tristan und Isolde – Richard Wagner, IOCO Kritik, 29.01.2020

Januar 29, 2020 by  
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Oper Frankfurt

Oper Frankfurt inmitten des Finanzzentrums © IOCO

Oper Frankfurt inmitten des Finanzzentrums © IOCO

 Tristan und Isolde – Richard Wagner

 Tristan – ein Abbild menschlicher Abgründe

von Ljerka Oreskovic Herrmann

Richard Wagner Bayreuth © IOCO

Richard Wagner Bayreuth © IOCO

Im Entwurf vom Juli 1870 findet sich im sogenannten Braunen Buch von Richard Wagner ein Entwurf für eine Beethoven-Schrift, in der dieser schreibt: „Die Wirkung des Schönen ist erst die Bedingung für den Eintritt der wahren Wirkung des Kunstwerkes, nämlich der erhabenen. In der Musik wird die erste Wirkung sofort und durchgehend durch ihre Form erreicht, eben weil sie reine Form ist. – Führt es nicht zur erhabenen Wirkung, so ist überhaupt das Schöne nur Spielerei.“ (Für schöne Spielerei waren weder Beethoven noch Wagner zu haben.) Geschrieben hat Wagner diese Gedanken anlässlich des 100. Geburtstags des von ihm verehrten Komponistenkollegen, dessen „Musik in Begriffe umgesetzt“ Philosophie ergäbe, und zwar die von Schopenhauer. Nun wird dieses Jahr erneut ein Ludwig van Beethoven-Jubiläum, inzwischen der 250. Geburtstag, gefeiert und so erklingt Wagners Tristan und Isolde an der Oper Frankfurt – und eignet sich vielleicht gerade deshalb gut, die „erhabene Wirkung“ von Kunst zu überprüfen, geht es doch um das größte aller Themen: das risikobeladene Wagnis der Liebe. Apropos Beethoven: Gibt es vielleicht Fidelio als Abschluss des Gedenkjahres? Um Liebe – allerdings erfüllte – geht es auch bei ihm.

Tristan und Isolde – Oper Frankfurt
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Wagner nennt seine Oper im Untertitel „Handlung in drei Aufzügen“ und nicht „Drama“. Nicht das äußere Geschehen bestimmt die Handelnden, sondern ihre inneren Empfindungen. Doch aus der Selbstbeschäftigung und Seelenausleuchtung kann pathetische Überhöhung, statt Erhabenheit, werden – in diese Falle wollte Katharina Thoma, die Regisseurin, nicht tappen, stattdessen arbeitet sie mit größtmöglicher Reduktion. Die Kostüme von Irina Bartels sind dunkel, schwarz, nur die beiden Frauen – Isolde im kupfer-golden Jumpsuit, Brangäne im Kleid-Mantel-Ensemble und Hut in Petrol früherer Stewardessen gleich, als Fliegen noch etwas Besonderes und ja „Erhabenes“ war – erhalten farbige Kleidung und dunkles Rot der Tristan-Verräter Melot. Das Bühnenbild von Johannes Leiacker lässt nur schwarz-weiß Kontraste, dagegen das Licht von Olaf Winter farbliche Gestaltung zu; eine – nicht nur farblich – ansprechende Szene, als Brangäne im zweiten Aufzug die Liebenden vor der Gefahr warnt: Wir hören sie, das Licht, grünlich wie ihre Kleidung, kündigt sie an, (von der Zinne kommt sie natürlich nicht mehr, sondern hinter dem schwarzen Rechteck hervor), doch erst nach einigen Takten wird sie zu sehen sein: Ihr „Habet acht“ kommt zu spät.

Im ersten Akt „schwebt“ Isolde auf einem schwarzen Rechteck herunter, in der ebenfalls schwarzen Barke neben ihr liegt Tristan. Später – wie um das Liebesglück zu unterstreichen – wird das Boot weiß sein und das aufgerichtete Rechteck in der Mitte stehen. Es teilt nicht nur die Bühne, sondern ist zugleich eine zeitliche Mauer: Zurück können die beiden Liebenden nicht mehr, und Melot, Tristans Freund, wird die beiden – trotz dieses Schutzwalls –  enttarnen.

Oper Frankfurt / Tristan und Isolde - hier : oben Rachel Nicholls als Isolde, Vincent Wolfsteiner als Tristan © Barbara Aumüller

Oper Frankfurt / Tristan und Isolde – hier : oben Rachel Nicholls als Isolde, Vincent Wolfsteiner als Tristan © Barbara Aumüller

Thomas Ansatz, das „Erhabene“ dieser aufwühlenden und letztendlich zum Scheitern verurteilten Liebe auf ein menschliches Maß zurückzuführen, gräbt den (menschlichen) Abgrund aller aber umso tiefer. Und der Wagnersche Text verlangt umso mehr nach umsetzbarer Darstellung. Tristan ist ein unbeholfener Mann, abweisend bis schroff, der die Liebe nicht sucht und Isoldes Wüten über seinen Verrat, erst ihren Verlobten getötet zu haben, um sie anschließend als Brautwerber zu König Marke zu führen, gar nicht begreift. Begreifen bedeutet ein grundsätzliches Problem für diesen Helden, doch nicht nur für ihn. Zu verstrickt ist er in seine eigene Lebensgeschichte, eine Todessehnsucht peinigt ihn, in den Tod will und wird ihm Isolde jedoch nicht folgen – trotz Liebestrank und anfänglichem Wunsch.

Das schwarze Rechteck, die Schiffsplanken, berühren den Boden nicht, es schwebt immer über ihm, wie auch das Verhältnis von Tristan und Isolde; nur langsam kommen sie sich näher, als der Liebestrank endlich wirkt und sie für das Publikum etwas verborgen, dem ersten Liebesüberschwang erleben. Brangäne hat die mitgeführten Zauber-Getränke vertauscht und etwas ist gekippt, das Rechteck ragt nun steil nach oben. Thoma beweist sicheres Feingespür für die kleinen Momente, es gelingt ihr die musikalische Zartheit in berührender Weise in Szene zu setzen: Ganz vorsichtig sind Hände oben auf dem Rechteck zu erkennen, tastend suchen sie nach der Hand des bzw. der Anderen – Tristan und Isolde haben sich gefunden, doch sie halten einander nicht, stattdessen werden sie zu Schiffbrüchigen, die sich verzweifelt an die Planken klammern.

 Oper Frankfurt / Tristan und Isolde - hier : Rachel Nicholls als Isolde, Claudia Mahnke als Brangäne; über sie gebeugt © Barbara Aumüller

Oper Frankfurt / Tristan und Isolde – hier : Rachel Nicholls als Isolde, Claudia Mahnke als Brangäne; über sie gebeugt © Barbara Aumüller

Das heimliche Liebesrauschen ist jedoch immer bedroht, die Aufdeckung nah, das inzwischen weiß gestrichene Boot – im dritten Aufzug ist es wieder schwarz –, Unschuld suggerierend, wird daran nichts ändern. Isolde hüpft im zart-rosa Jungmädchenkleid beglückt umher, Tristan hat währenddessen seine schwarze Lederjacke zugunsten einer Weste, weißem Hemd und Hose getauscht, seine ganze Haltung bedeutet mehr Selbstgewissheit – eine trügerische Heiterkeit strahlen sie aus. Vielleicht auch, weil sie uns heutigen Menschen darin gleichen, immer irgendwie aneinander vorbeireden bzw. singen. Was der eine anstrebt, wird die andere nicht fassen, die einzige Lösung wird und kann nur der Tod sein. Und Melot, der Vertraute Tristans, wird die vage Ahnung und zugleich reale Befürchtung Brangänes erfüllen, den Verrat aufdecken und sühnen.

Eine weitere fesselnde Szene ist mit dem Auftritt von König Marke verbunden. Als eine distinguierte Erscheinung in Mantel und Hut, tritt er an Tristan heran, dann sitzend, ihm gegenüber, um seine Enttäuschung Aug in Aug kundzutun, während dieser sich windet und alle anderen wie eingefroren verharren. Man hält den Atem an und spürt förmlich die Verletzung Markes, der sich selbst auf ein Wagnis mit der Ehe einließ, auch für ihn wird nichts mehr so sein wie zuvor –  alles ist ein einziger seelischer Scherbenhaufen, später kommt der echte hinzu.

Oper Frankfurt / Tristan und Isolde - hier : Andreas Bauer Kanabas als König Marke, Vincent Wolfsteiner als Tristan © Barbara Aumüller

Oper Frankfurt / Tristan und Isolde – hier : Andreas Bauer Kanabas als König Marke, Vincent Wolfsteiner als Tristan © Barbara Aumüller

König Marke – so hat ihn die Regisseurin als Figur angelegt – ist der Gegenentwurf zu Tristan. Andreas Bauer Kanabas spielt ihn beeindruckend, einnehmend, gepaart mit einem eindringlichen und schönen Bass, „sein“ Marke wird zur überragenden Gestalt.

Vincent Wolfsteiner verkörpert den auf sich selbst zurückgeworfenen Tristan und steigert sich im Laufe des Abends immer mehr. Seine Verzweiflung ob der viel zu früh verlorenen Eltern – schwarz und mit Masken treten sie stumm und wie Gespenster im dritten Aufzug auf –, seine Unfähigkeit überhaupt Beziehungen aufzubauen und zu pflegen, tritt hier anschaulich zutage. Das Rechteck liegt wie ein Trümmerhaufen unter ihm – wahrlich kein guter Ort zum Sterben, doch der äußere Ausdruck seiner Schwermut und Aussichtslosigkeit. Einzig die Musiker verbreiten etwas Trost, dafür hat Thoma zwei auf der Bühne auftreten lassen: Romain Curt, der gekleidet wie ein Klezmer-Musiker die traurige Weise anstimmt und Tristans Trümmerberg umkreist, und Matthias Kowalczyk nicht minder berührend die Holztrompete ertönen lässt.

Die beiden Baritone Christoph Pohl und Iain MacNeil überzeugen stimmlich wie darstellerisch. Pohl besitzt eine klare und deutliche Diktion, und ist als Tristans treuer Freund Kurwenal eine hervorragende Besetzung. Auch MacNeils forscher Melot hinterlässt einen bleibenden Eindruck. Claudia Mahnke als Brangäne erntet (nicht zu Unrecht) zusammen mit Andreas Bauer Kanabas den größten Applaus; ihr zuvor schon erwähnter Wächterruf geht unter die Haut, ihre Bühnenpräsenz ist immer ein Ereignis. Rachel Nicholls als Isolde überzeugt vor allem darstellerisch: Wie sie einsam – der tote Tristan entschwindet mitsamt seinem schwarzen Trümmerberg in das Dunkel der Hinterbühne – auf der leeren und hell erleuchteten Bühne singt, zeitlos in weißer Hose und Pulli, könnte sie auch als Filmdiva durchgehen. Nur in den Tod folgt sie Tristan nicht.

Die kleineren Nebenrollen waren ebenso gut besetzt; dazu gehören Michael Porter mit seinem schönen Tenor (ein junger Seemann zu Beginn), ebenso Tianji Lin (als Hirte im dritten Aufzug) und Liviu Holender (ein Steuermann). Für den satten Klang des  Männerchors war zuverlässig Chordirektor Tilman Michael verantwortlich. Nicht unerwähnt bleiben sollen die Musiker und Musikerinnen, die unter der Leitung von Lukas Rommelspacher für die Bühnenmusik zuständig waren. Es spielen Trompete: Friederike Huy, Michael Schmeißer und Peter Hársaniy (Gäste); Posaune: Christian Künkel und Andreas Weil (Gäste) sowie Rainer Hoffmann (Orchestermitglied); Horn: Pedro Rodriguez (Gast), Stef van Herten, Silke Schurack und Claude Tremuth (Orchestermitglieder) sowie Martin Walz (Gast).

Das Frankfurter Opern- und Museumsorchester – selbstverständlich steht GMD Sebastian Weigle am Pult – erwies sich als kongenialer Begleiter der Szenerie; zurückgenommen, jedoch ohne Klangverlust, nie flach werdend, keinem aufgeladenen und überbordenden musikalischen Rauschzustand sich hingebend, der ohnehin nicht zu dieser zurückgenommenen Inszenierung gepasst hätte. Auch bei Wagner kann der simple Spruch „weniger ist mehr“ zur Wahrheit werden. Weigle holte alle Orchestermitglieder auf die Bühne – nicht nur an diesem Abend haben sie es verdient, oben zu stehen und aus dem Zuschauerraum mit großem Applaus belohnt zu werden. Ihrer Leistung ist es ebenfalls zu verdanken, dass es ein durchaus gelungener und interessanter Premierenabend wurde – auch wenn in anderer Hinsicht die Meinung des Publikums geteilt war.

Tristan und Isolde an der Oper Frankfurt; die weiteren Termine 1.2.; 9.2.; 14.2.; 23.2.; 29.2.; 12.6.; 20.6.; 28.6.; 2.7.2020

—| IOCO Kritik Oper Frankfurt |—

Frankfurt, Oper Frankfurt, Martha – Don Carlo – Radamisto, Dezember 2019

Dezember 10, 2019 by  
Filed under Oper, Oper Frankfurt, Pressemeldung

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Oper Frankfurt

Oper Frankfurt inmitten des Finanzzentrums © IOCO

Oper Frankfurt inmitten des Finanzzentrums © IOCO

„SZENEN EINER EHE“
WEIHNACHTEN UND JAHRESWECHSEL –  OPER FRANKFURT

Amüsante, tragische und kriegerische „Szenen einer Ehe“ finden sich auf dem Spielplan der Oper Frankfurt an den Feiertagen und „zwischen den Jahren“: In Flotows romantisch-komischer Oper Martha begibt sich ein von der Hofgesellschaft gelangweiltes Adelsfräulein mitsamt Zofe auf amouröse Seitenwege und trifft auf zwei wackere Landwirte. Nach reichlich zwischenmenschlicher Verwirrung folgt ein genre-typisches Happy End, das späteren Familienanschluss nicht ausgeschlossen erscheinen lässt. Sehr viel ernster spiegelt sich das Thema in Verdis Don Carlo, wo die Ehe zwischen dem spanischen König Philipp II. und der französischen Prinzessin Elisabeth aus Gründen der Staatsraison geschlossen wird, sehr zum Verdruss von Philipps Sohn Don Carlo, der sich nämlich zuvor inkognito im Wald von Fontainebleau in Elisabeth verliebt hat. In Händels Radamisto hingegen ist das, was bei Verdi durch die Ehe verhindert werden soll – nämlich der Krieg –, bereits kurz nach Beginn der Aufführung in vollem Gange, und zwar zwischen dem armenischen König Tiridate und dem thrakischen Prinzen Radamisto. Dabei vermischen sich in bewährter Barockopern-Manier Kämpfe und Liebeshändel zwischen den Herren und den dazugehörigen Ehefrauen in fast unentwirrbarer Weise…

Oper Frankfurt / MARTHA © Barbara Aumueller

Oper Frankfurt / MARTHA © Barbara Aumueller

Martha von Friedrich von Flotow (1812-1883) steht am Montag, dem 23. Dezember 2019, um 19.30 Uhr und am 1. Weihnachtsfeiertag (Mittwoch, 25. Dezember 2019) um 18.00 Uhr sowie zum letzten Mal in dieser Spielzeit an Silvester (Dienstag, 31. Dezember 2019) um 19.30 Uhr auf dem Programm. Die musikalische Leitung der Inszenierung von Katharina Thoma aus dem Jahre 2016 liegt bei Generalmusikdirektor Sebastian Weigle, und nahezu alle Partien sind mit Mitgliedern des Ensembles besetzt, darunter Juanita Lascarro in der Titelpartie sowie Katharina Magiera (Nancy), Barnaby Rea (Lord Tristan), AJ Glueckert (Lyonel), Gordon Bintner (Plumkett) und Franz Mayer (Richter von Richmond). Die Silvestervorstellung und die anschließende Feier sind bereits ausverkauft. Für die Aufführungen am 23. und 25. Dezember 2019 sind noch Tickets erhältlich.

Oper Frankfurt / Don Carlo © Barbara Aumueller

Oper Frankfurt / Don Carlo © Barbara Aumueller

Seit der Premiere 2007 zählt David McVicars Inszenierung des Don Carlo von Giuseppe Verdi (1813-1901) zu den Publikumsmagneten des Hauses und ist am 2. Weihnachtsfeiertag (Donnerstag, 26. Dezember 2019) um 18.00 Uhr sowie am Samstag, dem 28. Dezember 2019, um 18.30 Uhr und zum vorletzten Mal in dieser Saison an Neujahr (Mittwoch, 1. Januar 2020) um 18.00 Uhr zu erleben. Am Pult des Frankfurter Opern- und Museumsorchesters steht mit Stefan Soltesz ein gern gesehener Frankfurter Gast. In der Titelpartie ist mit Alfred Kim ein ehemaliges Ensemblemitglied zu erleben. Ihm zur Seite stehen als Elisabeth Tamara Wilson im Wechsel mit Olesya Golovneva und als Philipp II. Simon Lim. Als Carlos Jugendfreund Rodrigo gibt Bogdan Baciu sein Hausdebüt, ebenso wie Carmen Topciu, die sich als intrigante Prinzessin Eboli mit Ensemblemitglied Tanja Ariane Baumgartner abwechselt. Auch Bianca Andrew (Tebaldo) und Magnús Baldvinsson (Der Großinquisitor) gehören zum festen Frankfurter Sängerstamm.

Oper Frankfurt / Radamisto © Barbara Aumueller

Oper Frankfurt / Radamisto © Barbara Aumueller

Radamisto von Georg Friedrich Händel (1685-1759) feierte 2016 in der Regie von Tilmann Köhler Premiere im Bockenheimer Depot. Nun steht die Produktion am Sonntag, dem 29. Dezember 2019, um 18.00 Uhr unter erneuter musikalischer Leitung von Kapellmeister Simone Di Felice auf dem Spielplan, diesmal jedoch im Opernhaus. Die Besetzung vereint – mit Ausnahme des gastierenden Countertenors Dmitry Egorov in der Titelpartie – aktuelle sowie ehemalige Frankfurter Ensemblemitglieder wie Kihwan Sim (Tiridate), Zanda Svede (Zenobia) und Jenny Carlstedt (Polissena).

Oper Frankfurt / Radamisto © Barbara Aumueller

Oper Frankfurt / Radamisto © Barbara Aumueller

—| Pressemeldung Oper Frankfurt |—

Frankfurt, Oper Frankfurt, Manon Lescaut – Giacomo Puccini, IOCO Kritk, 14.11.2019

November 13, 2019 by  
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Oper Frankfurt

Oper Frankfurt inmitten des Finanzzentrums © IOCO

Oper Frankfurt inmitten des Finanzzentrums © IOCO

Manon Lescaut – Giacomo Puccini

– Eine Frau sucht das unbedingte Glück –

von Hanns Butterhof

An der Oper Frankfurt hat Àlex Ollé vom katalanischen Theaterkollektiv La Fura dels Baus Giacomo Puccinis Erfolgsoper Manon Lescaut von 1893 radikal ins Heute verlegt. Manon ist jetzt eine Migrantin, die in einem reichen Land ihr Glück sucht und an ihrer unbekümmerten Unbedingtheit scheitert. Asmik Grigorian als Manon und Joshua Guerrero als Des Grieux sind gesanglich wie darstellerisch ein Traumpaar.

Àlex Ollé inszeniert topaktuell –  Puccinis „Manon Lescaut“ mit dem Traumpaar Asmik Grigorian und Joshua Guerrero

Mit zwei Videoprojektionen verortet Àlex Ollé die Handlung fest im Heute: Eine Gruppe Migranten, unter denen sich auch Manon befindet, durchschneidet einen Grenzzaun und schlüpft ins vermeintlich Gelobte Land. Manon sieht man dann als Näherin in einer Textilfabrik, wo sie männlichen Zudringlichkeiten ausgesetzt ist – Grund genug, um weiter zu ziehen auf der Suche nach dem Glück.

Manon Lescaut – Giacomo Puccini
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Wenn dann Manon (Asmik Grigorian) auf einem überdachten Busbahnhof ankommt, der mit Menschen aller Art und Herkunft gefüllt ist, fällt sie wegen ihrer Schönheit nicht nur Geronte (Donato di Stefano) auf, einem schmierigen Bordellbetreiber, der hier nach Frischfleisch für sich und sein Etablissement Ausschau hält. Ihr Prolo-Schick mit ausgewaschenen Jeans und Glitzertasche (Kostüme: Lluc Castells), auch ihr leicht strähniges Blondhaar prädestinieren sie zur Beute. Sie entflammt auch den jungen Studenten Des Grieux (Joshua Guerrero), der sie vor Gerontes Absichten warnen und bewegen kann, mit ihm abzuhauen, dem großen Liebes-Glück entgegen.

Doch Liebe ist nicht alles, was Manon sucht. Daher verlässt sie den armen Des Grieux und kommt mit Hilfe ihres Bruders (Iurii Samoilov) auf Geronte und dessen Angebot zurück, als seine Geliebte mit ihm ein Leben in Luxus und Reichtum zu leben. In seinem Nachtclub tanzt sie nun in roter Trikotage mit anderen leichtbekleideten Frauen und trauert dem einfachen Liebesleben mit Des Grieux nach. Als dieser auftaucht und nach den gebührenden Vorwürfen gegen die untreue Manon doch seine ungebrochene Liebe eingesteht, fassen beide den Entschluss zur erneuten Flucht. Doch Manon will nicht nur die Liebe zurück, sondern auch den Reichtum nicht lassen. Es kostet sie so viel Zeit, ausgiebig die Kassen des Nachtclubs zu leeren, dass die von Geronte herbeigerufene Polizei Manon als Diebin festnehmen kann.

Der Versuch Lescauts und Des Grieux‘ scheitert, die hinter Gittern in Abschiebehaft gehaltene Manon zu befreien. Des Grieux gelingt es nur, seinen Schmerz über die Trennung von seiner Geliebten so mitleidserregend vorzubringen, dass ihm erlaubt wird, auf dem Schiff mitzufahren, das Manon und die anderen Abgeschobenen außer Landes bringt.

Oper Frankfurt / Manon Lescaut - hier :  Ensemble vor dem LOVE - Symbol © Barbara Aumüller

Oper Frankfurt / Manon Lescaut – hier : Ensemble vor dem LOVE – Symbol © Barbara Aumüller

Manon und Des Grieux finden sich schließlich beide in einem wüsten Niemandsland wieder. Die dreidimensionalen Riesenbuchstaben LOVE, die auch bisher in jedem Akt in verschiedener Funktion und Beleuchtung präsent waren (Bühne: Alfons Flores), sind nun die einzigen Bühnenelemente, zuerst spiegelbildlich, dann bei qualvoll langsamer Drehung in absoluter Seitenansicht wie ein Betonpfeiler und schließlich, in verglimmendem Licht, als frontaler Anblick. Hier nun stirbt Manon, im Irgendwo eines Landes, das ihren unbedingten Wunsch nach umfassendem Glück radikal zurückweist. Mit dieser Unbedingtheit konnte sie vielleicht auf der ganzen Welt keine Heimat finden, hat vielleicht auch dem wirklichen, aber eben unvollständigen Glück in sich keine Heimat gegeben. Als sie in den Armen Des Grieux‘ stirbt, der vergeblich nach Wasser zu ihrer Rettung gesucht hatte, klingt die Liebe, die sie noch einmal beschwört, wie eine ferne Erinnerung.

Die Regie Àlex Ollés und seiner Mitarbeiterin Valentina Carrasco will viel. Sie zeigt im Rahmen eines aktuellen Migrantinnen-Schicksals das Elend einer Frau, die als Einsatz für ihr Glück nur ihr Aussehen und ihren Körper zu bieten hat. Gleichzeitig, und das unterstreicht das plakative LOVE-Motiv in jedem Akt – (warum eigentlich englisch LOVE bei einer italienisch gesungenen, in Frankreich spielenden und in Frankfurt aufgeführten Oper?) – , geht es um den überzeitlichen Konflikt zwischen Liebe und Ansprüchen an das Leben sowie die Kritik an einer Gesellschaft, in der menschliche Beziehungen wie Waren behandelt werden.

Oper Frankfurt / Manon Lescaut : hier :  Joshua Guerrero als Chevalier Renato Des Grieux) und Asmik Grigorian als Manon Lescaut © Barbara Aumüller

Oper Frankfurt / Manon Lescaut : hier : Joshua Guerrero als Chevalier Renato Des Grieux) und Asmik Grigorian als Manon Lescaut © Barbara Aumüller

Dass die bei solcher Motiv-Fülle auftretenden Unstimmigkeiten nicht weiter ins Gewicht fallen, liegt vor allem an den Protagonisten. Asmik Grigorian, für ihre Salome bei den letztjährigen Salzburger Festspielen von der Zeitschrift Opernwelt zur Sängerin des Jahres gewählt, ist gesanglich und darstellerisch grandios. Ihr klarer dramatischer Sopran entfließt ihr mit so umstandsloser Selbstverständlichkeit, dass er bei allen Spitzentönen und verschatteten Partien wie natürlichstes Parlando wirkt. Dem entspricht die absolut glaubwürdige Rollengestaltung einer jungen Frau, die sich auf der Suche nach ihrem Glück nahezu naiv auf alle sich dazu bietenden Gelegenheiten einlässt. So bleibt sie bei allen altersspezifischen Unzulänglichkeiten eine liebenswerte Person, mit der man in ihrem Unglück mitfühlt, statt sie zu verurteilen. Ihren erschütternden Tod erlebt man auch als endgültigen Abschied von allen unbescheidenen, auf das Unbedingte gerichteten Jugendträumen.

Asmik Grigorian ist ein Traumpaar mit Joshua Guerrero, der stimmlich und optisch ein Des Grieux nach Maß ist, ein gut aussehender, wenig lebenstüchtiger Romantiker, kein Boss. Der amerikanische Tenor, der in Frankfurt sein Deutschland-Debüt gibt, wirft sich vom ersten Takt an mit solch beeindruckender Stimmkraft in die anspruchsvolle Partie, dass man um seine Durchhaltefähigkeit besorgt sein muss. Mit seiner weichen, warm timbrierten Stimme und dem passenden, nicht zu häufig eingesetzten Schmelz der Italianitá gestaltet er in seiner Mitleidsarie „No, pazzo son!“ am Ende des zweiten Akts den ergreifendsten Moment der Oper.

Auch die weiteren Rollen sind bis in die Nebenfiguren durchwegs gut besetzt. Donato di Stefano gestaltet bei aller Schmierigkeit Geronte mit mildem Bassbariton nicht völlig als Ekelpaket, mit warmem Bariton ist Iurii Samoilov ein kompasslos in der fremdem Welt hin- und hergerissener Lescaut und Michael Porter als Edmondo ein Freund Des Grieux‘. Der von Tilman Michael einstudierte Chor hat große Einsätze, ist sich aber mit dem Dirigenten nicht immer über das Tempo einig.

Takeshi Moriuchi am Pult des Frankfurter Opern- und Museumsorchesters vermeidet, vor allem im ersten Akt, alles Operettenhafte und findet insgesamt zu kühleren Farben, ohne die Dramatik und Traurigkeit der Partitur zu vernachlässigen. Er nimmt mit in die immer dünner werdende Luft um Manon, bis die Musik schließlich mit ihr bewegend erstirbt.

Das Publikum brauchte eine lange Pause der Ergriffenheit, bevor es nach fast drei Stunden italienischen, deutsch und englisch übertitelten Gesangs in lang andauernde Begeisterungsstürme mit Standing Ovations für Asmik Grigorian, Joshua Guerrero und Takeshi Moriuchi ausbrach. Manon Lescaut  an der Oper Frankfurt ist ein anregendes, beglückendes Geschenk.

 Manon Lescaut an der Oper Frankfurt:  Die nächsten Termine: 15. und 23.11.2019, jeweils um 20.30 Uhr

–| IOCO Kritik Oper Frankfurt |—

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