Frankfurt, Oper Frankfurt, HIGHLIGHTS – AUGUST / SEPTEMBER 2019

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Oper Frankfurt

Oper Frankfurt inmitten des Finanzzentrums © IOCO

Oper Frankfurt inmitten des Finanzzentrums © IOCO


HIGHLIGHTS IM SPIELPLAN DER OPER FRANKFURT IM OKTOBER 2019


Oper Frankfurt / Manon Lescaut / Lorenzo Viotti © Martin Straka

Oper Frankfurt / Manon Lescaut / Lorenzo Viotti © Martin Straka

Sonntag, 6. Oktober 2019, um 18.00 Uhr im Opernhaus
Premiere
MANON LESCAUT
Dramma lirico in vier Akten von Giacomo Puccini
In italienischer Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln
Musikalische Leitung: Lorenzo Viotti / Takeshi Moriuchi; Regie: Àlex Ollé
Mitwirkende: Asmik Grigorian (Manon Lescaut), Iurii Samoilov (Lescaut),
Joshua Guerrero (Chevalier Renato Des Grieux), Donato Di Stefano (Geronte de Ravoir),
Michael Porter (Edmondo), Magnús Baldvinsson (Der Wirt), Bianca Andrew (Ein Musiker),
Jaeil Kim (Ein Tanzmeister), Santiago Sánchez (Der Laternenanzünder),
Božidar Smiljani? (Der Sergeant), Pilgoo Kang (Der Kapitän)

Weitere Vorstellungen: 10., 13. (18.00 Uhr), 18., 25., 27. (15.30 Uhr) Oktober,
2., 9. (18.00 Uhr), 15., 23. November 2019

Oper Frankfurt / Manon Lescaut -  Asmik Grigorian © Algirdas Bakas

Oper Frankfurt / Manon Lescaut – Asmik Grigorian © Algirdas Bakas

Mit freundlicher Unterstützung des Frankfurter Patronatsvereins – Sektion Oper
Falls nicht anders angegeben, beginnen diese Vorstellungen um 19.30 Uhr
Preise: € 15 bis 165 (12,5% Vorverkaufsgebühr nur im externen Vorverkauf)
Manon Lescaut von Giacomo Puccini (1858-1924) kam 1893 in Turin zur Uraufführung.

Mit diesem Werk, das rasch internationale Verbreitung fand, legte der italienische Opernkomponist den Grundstein für seinen Erfolg, der sich mit La Bohème, Tosca und Madama Butterfly fortsetzen sollte. Bereits ein Jahrzehnt zuvor hatte sich Jules Massenet des Stoffes angenommen, der auch Puccinis dritter Oper zugrunde liegt: der Roman Histoire du Chevalier Des Grieux et de Manon Lescaut (1731) des Franzosen Abbé Prévost. Nicht weniger als acht Autoren waren an der Entstehung des Textes beteiligt, darunter auch der Komponist selbst, der sich einschneidende Kürzungen vorbehielt. 20 Jahre nach der Inszenierung durch Alfred Kirchner kehrt das Werk nun auf den Frankfurter Spielplan zurück.

Zum Inhalt: Manon, die auf Geheiß ihres Vaters ins Kloster gebracht werden soll, erreicht mit ihrem Bruder Lescaut die Stadt Amiens. Dort verliebt sich der Student Des Grieux augenblicklich in sie. Doch auch der Steuereintreiber Geronte zeigt Interesse an dem Mädchen und plant dessen Entführung. Des Grieux kommt ihm zuvor und ergreift mit Manon die Flucht. Da er aber ihrem Luxusbedürfnis nicht gerecht werden kann, verlässt sie ihn für Geronte. Mit ihm lebt sie in Wohlstand zusammen, bis sie die Sehnsucht nach Des Grieux plagt. Als beide wiedervereint sind, wollen sie abermals fliehen. Manon wird jedoch verhaftet und deportiert. Des Grieux darf sie nach Amerika begleiten. Dort stirbt Manon auf der erneuten Flucht in den Armen des Geliebten. Die musikalische Leitung liegt bei Lorenzo Viotti, der nach Werther und Tosca an den

Main zurückkehrt. Seit 2018/19 fungiert er als Chefdirigent des Orquestra Gulbenkian in Lissabon. 2021/22 wird er in gleicher Position an die Dutch National Opera & Ballet in Amsterdam wechseln. Zu seinen Plänen gehören u.a. Gounods Roméo et Juliette an der Mailänder Scala und La Bohème an der Opéra National de Paris. Àlex Ollé (Regie) gehört zu dem international tätigen katalanischen Künstlerkollektiv La Fura dels Baus und gab 2016/17 sein Frankfurter Hausdebüt mit dem Doppelabend La Damoiselle élue und Jeanne d’Arc au bûcher (Wiederaufnahme 2019/20). 2020 kehrt er für Montemezzis L’amore die tre re an die Mailänder Scala zurück. Nach ihrem überwältigendem Erfolg als Strauss’ Salome 2018 in Salzburg (Wiederaufnahme 2019) gab Asmik Grigorian (Manon) in Frankfurt ihr bejubeltes Debüt als Tschaikowskis Iolanta. Geplant sind Janá?eks Jen?fa am Londoner Covent Garden sowie Bellinis Norma am Theater an der Wien. Der amerikanische Tenor Joshua Guerrero gibt als Des Grieux sein Bühnendebüt in Deutschland. Zu seinen aktuellen Engagements gehören Pinkerton in Madama Butterfly in Glyndebourne (2018) und Rodolfo in La bohème in Toronto (2019). Angeführt von Iurii Samoilov (Lescaut) sind fast alle weiteren Partien mit Angehörigen des Ensembles und des Opernstudios der Oper Frankfurt besetzt.


Oper Frankfurt / Schwergewicht oder Die Ehre der Nation  v.l.n.r. Der Diktator, Evelyne, Gaston und Adam Ochsenschwanz sowie vorne Statisterie der Oper Frankfurt © Barbara Aumüller

Oper Frankfurt / Schwergewicht oder Die Ehre der Nation v.l.n.r. Der Diktator, Evelyne, Gaston und Adam Ochsenschwanz sowie vorne Statisterie der Oper Frankfurt © Barbara Aumüller

Freitag, 11. Oktober 2019, um 19.30 Uhr im Opernhaus
Erste Wiederaufnahme
DREI KURZOPERN
DER DIKTATOR – SCHWERGEWICHT ODER DIE EHRE DER NATION – DAS GEHEIME KÖNIGREICH
von Ernst K?enek
In deutscher Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln
Musikalische Leitung: Lothar Zagrosek; Inszenierung: David Hermann
Mitwirkende Der Diktator: Davide Damiani (Der Diktator), Angela Vallone (Charlotte, seine Frau), Vincent Wolfsteiner (Der Offizier), Juanita Lascarro (Maria, seine Frau)
Mitwirkende Schwergewicht oder Die Ehre der Nation: Barnaby Rea (Adam Ochsenschwanz, Meisterboxer), Barbara Zechmeister (Evelyne, seine Frau), Jonathan Abernethy (Gaston, ein Tanzmeister),
Danylo Matviienko (Professor Himmelhuber), Judita Nagyová (Anna Maria Himmelhuber, seine Tochter),
Michael McCown (Ein Journalist / Ein Regierungsrat)
Mitwirkende Das geheime Königreich: Davide Damiani (Der König), Ambur Braid (Die Königin), Sebastian Geyer (Der Narr), Peter Marsh (Der Rebell), Florina Ilie, Julia Moorman, Judita Nagyová (Drei singende Damen), Jonathan Abernethy, Pilgoo Kang (Zwei Revolutionäre)

Weitere Vorstellungen: 19., 26. Oktober, 1. November 2019
Alle diese Vorstellungen beginnen um 19.30 Uhr
Preise: € 15 bis 95 (12,5% Vorverkaufsgebühr nur im externen Vorverkauf)

Oper Frankfurt / Das geheime Königreich - Ambur Braid (Die Königin; oben) und Sebastian Geyer (Der Narr; unten) © Barbara Aumüller

Oper Frankfurt / Das geheime Königreich – Ambur Braid (Die Königin; oben) und Sebastian Geyer (Der Narr; unten) © Barbara Aumüller

Ernst K?enek (1900-1991) vertonte seine Drei Kurzopern in unterschiedlichen musikalischen Stilen: den Diktator als tragische Oper mit veristischen Anklängen, das Schwergewicht als burleske „Operette“ mit den Modetänzen der Zeit und das Königreich als schillernde Märchenoper à la Schreker. Wie schon bei ihrer Uraufführung 1928 in Wiesbaden verfehlten die an der Oper Frankfurt neu inszenierten Werke anlässlich ihrer Premiere am 30. April 2017 ihre Wirkung nicht: „Den großen, allerdings orchestral auch ziemlich druckvollen Bogen spannt das Frankfurter Opern- und Museumsorchester über alles, mit Lothar Zagrosek als Dirigent, der diese hoch intelligente, witzige, manchmal alberne und skurrile, dabei plötzlich immer wieder auch tief beklemmende Wiederentdeckung musikalisch aufwertet“ (Wiesbadener Kurier). Und die Radiokritikerin von SWR2 / Kultur aktuell berichtete: „Regisseur David Hermann (…) sucht in K?eneks Kurzopern die roten Fäden zusammen und verknotet sie gemeinsam mit einer hervorragenden Sänger-Schauspieler-Riege zum schlüssigen Ganzen.“ Auch die Berichterstattung der Süddeutschen Zeitung ging in diese Richtung: „Auf der Frankfurter Bühne wird dies alles von einem engagierten Sängerensemble in der fantasievollen Regie von David Hermann liebevoll umgesetzt. Vor allem Davide Damiani als Diktator und König und Ambur Braid als absinthgrün gekleidete, feengleiche Königin, die wie ein perfekt funktionierender Koloraturenautomat durch den Zauberwald geistert, gelingen eindrucksvolle Rollenporträts.“ 2018 wurde die Frankfurter Produktion bei den International Opera Awards als „Wiederentdeckung des Jahres“ ausgezeichnet.

Zum Inhalt: Der Diktator begehrt Maria. Sie ist zu ihm gekommen, um Rache für ihren Ehemann zu nehmen, der als Offizier im Krieg sein Augenlicht verloren hat. Daraufhin schießt Charlotte, die eifersüchtige Frau des Herrschers, auf ihren Mann und tötet dabei die vermeintliche Rivalin. Im Glauben, das Attentat sei geglückt, verrät der blinde Soldat den mörderischen Plan. – Meisterboxer Adam Ochsenschwanz ist ein wahres Schwergewicht. Als er bemerkt, dass seine Frau Evelyne ihn mit ihrem Dauertanzpartner Gaston betrügt, schlägt er das Inventar seines Ateliers kurz und klein. Bevor Evelyne und Gaston das Weite suchen, setzen sie Adams Trainingsapparat unter Strom… – In einem geheimen Königreich streiten die Frau des resignierten Herrschers und ein Rebell um die Macht. Als das Volk den Palast stürmt, tauscht der König mit dem Narren die Kleider und flieht, wie die Königin und der Aufrührer, in den nahegelegenen Zauberwald. Dort kommt es zu einer erotischen Begegnung zwischen Rebell und Herrscherin, woraufhin sie in einen Baum verwandelt wird. An dessen Ästen will sich der entmutigte König erhängen. Gerade noch rechtzeitig wird er durch die Stimme seiner Frau in Schlaf versetzt, wodurch er die Schönheit seines Reiches erkennt. Das Stück schließt mit dem Epilog des Narren.

Neben den bereits erwähnten Künstlern Davide Damiani (Diktator, König) und Ambur Braid (Königin) sind auch weitere premierenbewährte Sänger wie Vincent Wolfsteiner (Offizier), Sebastian Geyer (Narr) und Peter Marsh (Rebell) wieder mit von der Partie. Alle Neubesetzungen wurden vorwiegend aus dem Ensemble und dem Opernstudio der Oper Frankfurt vorgenommen: So singt z.B. im Diktator Angela Vallone die Charlotte, während Juanita Lascarro, die diese Partie in der Premiere verkörpert hatte, nun deren Rivalin Maria übernimmt. Im Schwergewicht verkörpert Barnaby Rea den Adam Ochsenschwanz neben Jonathan Abernethy (Gaston), Danylo Matviienko (Professor Himmelhuber) und Judita Nagyová (Anna Maria Himmelhuber).


Oper Frankfurt / Pretty Yende © Gregor Hohenberg / Sony Classic

Oper Frankfurt / Pretty Yende © Gregor Hohenberg / Sony Classic

[Von Pretty Yende wurden verschiedene Aufnahmen bei Sony Classic veröffentlicht.]

Dienstag, 29. Oktober 2019, um 19.30 Uhr im Opernhaus
Liederabend
PRETTY YENDE, Sopran
MICHELE D’ELIA, Klavier
Lieder von Robert Schumann, Gaetano Donizetti, Paolo Tosti, Richard Strauss und
Johann Strauß Sohn
Preise: € 15 bis 95 (12,5% Vorverkaufsgebühr nur im externen Vorverkauf)

Ihre Geschichte klingt wie ein Opernmärchen: Geboren in einer südafrikanischen Kleinstadt, hörte Pretty Yende mit 16 Jahren das berühmte Blumenduett aus Delibes Lakmé in einem Werbespot und war seitdem davon besessen, eines Tages selbst zu singen. Sie hatte Glück, gewann ein Stipendium für ein Studium in Kapstadt und eroberte in Rekordgeschwindigkeit die Bühnen dieser Welt. Als erste Künstlerin überhaupt gewann sie 2009 erste Preise in sämtlichen Kategorien des Belvedere-Gesangswettbewerbs in Wien; bei Plácido Domingos Operalia-Wettbewerb 2011 war sie ebenfalls Gewinnerin aller Kategorien. 2010 wurde sie in die Akademie der Mailänder Scala aufgenommen und gab ihr Debüt als Berenice (L’occasione fa il ladro). Mit ihrem sensationellen Debüt 2013 in einer anderen Rossini-Partie, als Comtesse Adèle (Le comte Ory) an der MET in New York gelang der internationale Durchbruch. Ihr klarer lyrischer Sopran klingt blitzsauber, strahlend in den Höhen und virtuos in den Koloraturen.
Karten für die genannten Veranstaltungen sind bei unseren bekannten Vorverkaufsstellen, online unter www.oper-frankfurt.de oder im telefonischen Vorverkauf 069 – 212 49 49 4 erhältlich.

Zur Absprache der Vorberichterstattung, Bestellung von Fotomaterial und Reservierung von Pressekarten ist Holger Engelhardt (Leitung Pressereferat) unter der Telefonnummer 069 – 212 46 727 erreichbar. Seine Faxnummer lautet 069 – 212 37 164, oder senden Sie eine E-Mail an holger.engelhardt@buehnen-frankfurt.de.

—| Pressemeldung Oper Frankfurt |—

Frankfurt, Kammeroper im Palmengarten, Die verkehrte Braut von Gioachino Rossini, August 2019

August 7, 2019 by  
Filed under KammerOper, Oper, Premieren, Pressemeldung, Sydney

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Kammeroper Frankfurt

Kammeroper Frankfurt / Die verkehrte Braut © Martin Pudenz

Kammeroper Frankfurt / Die verkehrte Braut © Martin Pudenz

„Die verkehrte Braut“ von Gioachino Rossini,

unsere erfolgreiche Jubiläumspremiere „im vielleicht schönsten Opernsaal Frankfurts unter freiem Himmel, dem Palmengarten“ (hr2kultur) findet bei unserem Publikum großen Zuspruch, und auch der Wettergott hat es bisher gut mit uns gemeint.

Kammeroper Frankfurt / Die verkehrte Braut © Wolfgang Fuhrmannek

Kammeroper Frankfurt / Die verkehrte Braut © Wolfgang Fuhrmannek

„Eine gänzlich niederträchtige, plebejische Skurrilität“. Eine verbotene Oper des großen Rossini als Frankfurter Erstaufführung durch die Kammeroper

Der grade mal 19jährige und zukünftige und ewige Maestro aller denk-und hörbaren opera buffa-Klassen, aber damals noch eher unbekannte Giacomo Rossini erhielt 1811 den Auftrag für eine neue Oper. „50 Piaster“ sollten dabei für ihn herausspringen, ein überschaubarer Betrag, und das Sujet war politisch höchst unkorrekt. Ein neugeadelter Bauer will seine Tochter Ernestina, an den reichen, aber geistig bescheidenen jungen Stutzer Buralichio verheiraten. Doch Ernestina ist trotz einfacher Herkunft ein philosophierender weiblicher Bücherwurm: sie fühlt eine „innere Leere“ in sich, liebt aber im Zweifelsfall und vor die Wahl gestellt eher den armen Hauslehrer Ermano als Buralichio. Um ihren vom Vater anvisierten Ehemann abzuschrecken, wird das Gerücht gestreut, Ernestina sei in Wirklichkeit gar keine Frau. Sie sei ein Kastrat, der sich nur als Frau verkleidet habe, um dem Militärdienst zu entgehen. Eine fatale List: der düpierte Möchtegernbräutigam Buralicchio lässt Ernestina als vermeintlichen Kastraten und Wehrflüchtigen verhaften. Aber Ermano als Soldat verkleidet, befreit sie wieder, die Flüchtende stimmt mit Soldaten, um nicht entdeckt zu werden, sogar ein kriegerisches Lied an.  Am Ende werden die wahren Fronten, das Geschlecht und Sache scheinbar klargestellt und das Happy End lässt nicht lange auf sich warten.

Kammeroper Frankfurt / Die verkehrte Braut © Wolfgang Fuhrmannek

Kammeroper Frankfurt / Die verkehrte Braut © Wolfgang Fuhrmannek

Zu diesem respektlosen und ziemlich anzüglichem Libretto, das mit lässiger Geste und obszönen Wortspielen Geschlechterrollen, soziale Borniertheiten und allerlei pathetischen Libretti seiner Zeit durcheinanderschüttelt und zur Explosion bringt, schrieb der kecke, junge Rossini kurz nach 1800 eine schier unwiderstehlich Musik, randvoll von Buffoneskem und bestem Belcanto – eben zum fast ersten Mal: eine Musik wie von Rossini!

Aber nach drei Aufführungen war Schluss. Nachdem schon vor der Premiere die Direzzioni degli spectaculli, die Kontrollinstanz der Theater wegen der „Ruchlosigkeit des Librettos“ zahlreiche Änderungen und die „Entfernung anstößiger Wörter“ verlangt hatte, verbot der Polizeiminister von Mailand nach drei Aufführungen die Oper „für ganz Italien“ und ließ alle gedruckten Exemplare des Librettos einstampfen wegen Obszönität, Beleidigung der vermögenden Klassen, der ruhmreichen Armee und nicht zuletzt der bedauernswerten Kastraten. Oder wie kurz darauf von einem staatlichen Inspektor zähneknirschend formuliert wurde, wegen der „gänzlich niederträchtigen, plebejischen Skurillität“ der Oper.

Kammeroper Frankfurt / Die verkehrte Braut © Wolfgang Fuhrmannek

Kammeroper Frankfurt / Die verkehrte Braut © Wolfgang Fuhrmannek

Wen die Zusammenstellung von Kaserne und Kastration verwundert: Zu der Zeit war die übliche Kastration schöner Knabenstimmen als Relikt alter Zeiten per Todesstrafe verboten. Kastraten büßten ihren barocken Ruhm ein und fristeten ein ärmliches Leben, ein Schicksal, das vor der Öffentlichkeit verborgen bleiben sollte und von dem Rossini selbst ein Lied zu singen wusste.  Sein Onkel hatte in Kinderjahren die Kastration Rossinis der Mutter aufgrund seiner Singstimme empfohlen. Aber Rossinis Mutter lehnte damals dankend ab. Der unverschnittene Rossini verschnitt nach dem Verbot der Oper wie so oft ungerührt Teile der Musik für Cuvees seiner neuen Opern. Die „Die verkehrte Braut“ Rossinis aber wurde in der Schublade der Zensur verschüttet für immer-wenn auch nicht ganz. Denn 140 Jahre später, 1965 erblickte die Oper in Siena in einer Bearbeitung wieder das Licht der Bühne. In Deutschland gab es seitdem ganze drei spärliche, allerdings umjubelte Aufführungen:  in Bad Wildbad, Hamburg und Berlin (letztere konzertant).Eigentlich erstaunlich angesichts der wunderbaren Musik…. Aber vielleicht versteht man die Modernität und subversive Komik der Oper erst heute angesichts verwirrter und verwirrender Gendergrenzen, Geldgrenzen und Grenzen des Anstands und des guten Geschmacks.

Kammeroper Frankfurt / Die verkehrte Braut © Wolfgang Fuhrmannek

Kammeroper Frankfurt / Die verkehrte Braut © Wolfgang Fuhrmannek

Und wer könnte besser geeignet sein als die Grenzgängerisch erfahrene Frankfurter Kammeroper, um diese Rossinische Perle der Unkorrektheit zu vollem Glanz aufzupolieren, um sie neu musikalisch und szenisch erstrahlen zu lassen und dann beseeligt durch den Palmengarten zu rollen?

Niemand.


Kammeroper Frankfurt / Die verkehrte Braut © Wolfgang Fuhrmannek

Kammeroper Frankfurt / Die verkehrte Braut © Wolfgang Fuhrmannek

Sommer 2019
Kammeroper Frankfurt im Palmengarten

Gioachino Rossini
Die verkehrte Braut
L’equivoco stravagante
(Frankfurter Erstaufführung)
Dramma giocoso in zwei Akten

Libretto von Gaetano Gasbarri
Musik von Gioachino Rossini
In einer neuen deutschen Übersetzungen von Thomas Peter

Leitung: Stratievsky, Pudenz, Vilagrasa, Keller, Krauspe, Domaseva, Bresgen, Rothermel,
Villalobos, Senel

Mitwirkende: Kalnina, Fenbury, Peter, Simon, Führ, Aksionov u.a.
Chor und Orchester der Kammeroper Frankfurt
Premiere: Samstag 20. Juli 2019

weitere Aufführungen:
Mittwoch 24. Juli, Freitag 26. Juli, Samstag 27. Juli,
Mittwoch 31.Juli, Freitag 2. August, Samstag 3. August,
Mittwoch 7. August, Freitag 9. August, Samstag 10. August, 
Mittwoch 14. August, Freitag 16. August,
Samstag 17. August 2019 
jeweils 19.30 Uhr

Bei Regen findet die Aufführung konzertant statt.

Aufführungsort: 
Orchestermuschel/ Musikpavillon im Palmengarten
Eingang: Bockenheimer Landstraße / Palmengartenstraße 11
und Siesmayerstraße 61

Vorverkauf : Frankfurt Ticket Tel: 13 40 400,
und an der Abendkasse


Opera giocosa: Fünfundwanzig Jahre Kammeroper Frankfurt im Palmengarten

In Frankfurt ist in den letzten fünfundzwanzig Jahren etwas entstanden, das einzigartig ist in Europa: Ein sommerliches Opernfest inmitten einer Naturoase. Alte hohe Bäume umsäumen ein Opernhaus ohne Wände. 1994 bespielte die Kammeroper Frankfurt mit drei selten aufgeführten Werken berühmter Komponisten   – es waren Donizettis Viva la Mamma und Nachtglocke sowie Bizets Dr. Mirakel –  zum ersten Mal die Muschel im Palmengarten.

Ein Mirakel ist seitdem auch diese Open-Air-Opernreihe geworden. Mitunter singt eine echte Nachtigall mit Mozarts Königin der Nacht um die Wette oder der Blick der Zuschauer wendet sich bei einer Gewitterszene sorgenvoll gen Himmel. Zwanglos, im intimen Rahmen lässt sich hier Oper erleben, der Picknickkorb ersetzt das Abendhandtäschchen. Ein Abend im Palmengarten kann so für Menschen ohne Stadttheaterabbonement zur Einstiegsdroge in den Rausch der Opernwelt werden.

Was nicht heißt, dass bei der musikalischen Qualität Abstriche gemacht werden: Die Akustik im Freien ist ausgezeichnet. Viele junge Künstler haben sich im Palmengarten präsentiert, die jetzt an großen Häusern wie der Mailänder Scala, der Staatsoper Wien, der Oper Graz oder der Komischen Oper Berlin singen und spielen, was Regisseur und Kammeroperngründer Rainer Pudenz nicht ohne Stolz vermerkt. Natürlich sind auch Frankfurter Publikumslieblinge wie Ingrid El-Sigai immer wieder mit von der Partie. Das Repertoire der Kammeroper huldigt den noblen Namen der Opera Comique: Rossini, Donizetti, Offenbach, Mozart, Bizet und Verdi. Im Palmengarten traf in diesen Jahren die Italienerin aus Algier den Türken in Italien. Die lustigen Weiber von Windsor ließen sich aus dem Serail entführen, entgingen mit Müh und Not Ritter Blaubart, während der Figaro Hochzeit feierte …, na ja – cosi fan tutte.

So machen‘s alle? Von wegen, denn all das hörte und sah das Publikum opernuntypisch nicht nur im Freien, sondern auch in deutscher Sprache und mit zahlreichen Ober- und Untertönen, aber ohne hässliche Obertitel.

Denn im Palmengarten soll Oper direkt auf alle Sinne wirken, so wie das ursprünglich gedacht war. Dazu passen der sinnliche, dem Komischen zugeneigte, freche Inszenierungsstil. Dabei fühlen sich die Opernmacher immer konsequent dem Werk verpflichtet: Teil der berüchtigten sommerlichen „Eventkultur“ will und wird die Frankfurter Kammeroper nie werden. Des gewöhnlichen Stadttheaters allerdings auch nicht.

Schon der Entstehungsprozess verhindert, dass sich ein Stadttheatergefühl einstellt. Jeden Sommer kommt das Ensemble neu zusammen, auch wenn sich zahlreiche schon kennen. Geprobt wird dort, wo auch gespielt wird: unter freiem Himmel im Biotop des Palmengartens zwischen Teichen, Sträuchern, Blumen, Bäumen. Unter für die meisten Berufsmusiker äußerst ungewohnten Bedingungen wächst das Werk innerhalb von vielen Wochen heran, als wäre es selbst ein Stück Natur, bis es denn am Ende wie beim berühmtesten aller Frankfurter heißt: „Natur und Kunst, sie scheinen sich zu fliehen, und haben sich, eh‘ man es denkt, gefunden.“ Allerdings geht das selten so goetheanisch glatt über die Bühne. Jede Produktion der letzten 25 Jahre kannte kleine Dramen und komische Katastrophen. Das Opernleben auf dem engen Raum der Palmengartenbühne erzeugt Glück, Frustrationen, Kräche, Versöhnungen, Freundschaften und wunderbare Feindschaften. Und eine Gewittersaison im Juli kann jenseits der Gefühle und der Gesangeskunst für alle das Ergebnis verhageln. Diese Unwägbarkeit, dieses Abenteuer muss man lieben. Zumal die öffentlichen Mittel sich zwar verlässlich, aber vergleichsweise rinnsalhaft über die Kammeroper ergießen. Ohne den Förderverein, ohne die andauernde Hingabe Frankfurter Bürger, Frankfurter Stiftungen und die Liebe zahlloser Musiker und Sänger stände diese Privatoper schon lange im Regen.

So aber erblüht sie in ihrem fünfundzwanzigsten Sommer, ein wenig erwachsen geworden, aber hoffentlich noch nicht ganz, inmitten des Palmengartens als eine wahrhaft seltene Blüte: als opera giocosa, eine glückliche Oper.

Und da die Frankfurter Kammeroper seit jeher mit dem Opernpathos wenig am Hut hat, erfreut sich Frankfurt mit einer Frankfurter Erstaufführung, einer komischen Oper von Gioachino Rossini „Die verkehrte Braut“. Und das unter echten Sternen.

(Text: Bert Bresgen)

 

—| Pressemeldung Kammeroper Frankfurt |—

Frankfurt, Oper Frankfurt, Der ferne Klang – Franz Schreker, IOCO Kritik, 30.04.2019

April 30, 2019 by  
Filed under Hervorheben, Kritiken, Oper, Oper Frankfurt

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Oper Frankfurt

Oper Frankfurt inmitten des Finanzzentrums © IOCO

Oper Frankfurt inmitten des Finanzzentrums © IOCO

Der ferne Klang  –   Franz Schreker

– Fritz, ein junger Mann, bricht auf, einen „fernen Klang“ zu finden –

von Ljerka Oreskovic Herrmann

Franz Schrekers Oper Der ferne Klang erlebte seine Uraufführung 1912 in der Frankfurter Oper. Heute heißt dieses Gebäude Alte Oper, war aber bis zum Ende des 2. Weltkriegs das Opernhaus der Stadt Frankfurt. Fast die Hälfte von Schrekers zehn Opernwerken gelangte in der Mainmetropole zur Uraufführung. Die Wiederentdeckung von „Schrecker“ – so Schrekers bei Geburt – verdankt sich insbesondere dem vor kurzen verstorbenen Dirigenten Michael Gielen (1927-2019). Ihm ist diese Aufführung gewidmet, denn er war einer der prägendsten GMDs der Nachkriegsgeschichte. Von 1977 bis 1987 wirkte Gielen in Frankfurt und hat Maßstäbe gesetzt.

Der ferne Klang  –  Franz Schreker
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Insofern kam wohl bei dem einen oder der anderen im Premierenpublikum eine gewisse Wehmut auf, die allerdings verflog, denn das, was aus dem Orchestergraben ertönte und auf der Bühne zu sehen war, überwältigte vollkommen. Gebannt und gefangen von diesem Werk, von der ersten bis zur letzten Sekunde. Schreker hat das Libretto – mit autobiografischen Bezügen – selbst verfasst, so dass sich alles fügte und zusammen gehörte. Und auch die Inszenierung war aus einem Guss. Damiano Michieletto, der Regisseur, und seinem Team (Bühnenbild: Paolo Fantin, Kostüme: Klaus Bruns, Licht: Alessandro Carletti, Video: Roland Horvath und Carmen Zimmermann, rocafilm) ist eine kongeniale Umsetzung der Musik ins Szenische gelungen: Wir sehen, was wir hören und wir hören, was wir sehen.

Die Geschichte selbst beginnt mit der Sehnsucht eines jungen Mannes namens Fritz, einen „fernen Klang“ zu finden und letztlich als Künstler zu reüssieren. Dabei bleibt seine „Liebe“, Grete Graumann, zurück, seine Kunstsuche geschieht zu ihren Lasten. Schreker erzählt ihr Leben als eine einzige Abwärtsspirale, ihre Liebe wird davon aber nie berührt oder gar zerstört werden. Von Fritz verlassen, versucht Grete – wohl nicht ohne Hintersinn an Fausts Margarete erinnernd –, ihrem tieftraurigen Elternhaus zu entkommen und ihn zu finden. Gefunden wird sie allerdings von einem alten Weib, das ein zwielichtiges Haus auf einer Insel bei Venedig betreibt und sie als Edelkurtisane ausstattet.

Oper Frankfurt / Der ferne Klang - hier : Ian Koziara als Fritz, Jennifer Holloway als Grete Graumann © Barbara Aumueller

Oper Frankfurt / Der ferne Klang – hier : Ian Koziara als Fritz, Jennifer Holloway als Grete Graumann © Barbara Aumueller

Mit einfachen, dafür um so berückenden Mitteln erzeugt Michieletto Räume, Situationen und Stimmungen. Schleierartige Vorhänge gehen auf, erzeugen neue Räumlichkeiten, erzählen eine weitere Geschichte oder Verweisen auf Zukünftiges. Seelenräumen gleich, die alle durchlaufen werden müssen. Die Harfe, die materielle Verkörperung einer nicht greifbaren Empfindung, der Musik eben, schwebt immer wieder von oben herunter – doch dieser ferne Klang“ kann nicht eingefangen werden, und wenn es gelingen sollte, dann ist es der ferne (und doch hörbare) Klang des Endes. ‚Die Harfe’ wird auch Fritz’ letztes Werk heißen.

Schon am Anfang ist die unberührte und ahnungslose Grete mit der alten Margarete konfrontiert, aber sie begegnen sich eher wie Wesen nicht von dieser Welt. Umso brutaler ist dann die Realität. Der Vater, ein Trinker, „verspielt“ seine Tochter an den Wirt des Gasthauses „Zum Schwan“. Grete, die ihrer einst patenten, nun recht hilflosen Mutter nichts vom Ring, den sie zum Abschied von Fritz erhalten hatte, erzählt, sieht sich einer „Heirat“ gegenüber, der sie um jeden Preis entfliehen will. Und so landet sie auf der Insel, im verruchten „La casa di maschere“, wo das Leben ach so bunt, glamourös und ein leichtes ist. Mitnichten, denn Fritz, den sie hier zum ersten Mal nach ihrer Trennung wiedersieht, weist sie angesichts ihrer äußeren Erscheinung und gesellschaftlichen Stellung angewidert zurück.

Oper Frankfurt / Der ferne Klang - Jennifer Holloway (Grete Graumann) und Ian Koziara (Fritz) sowie hinter dem Vorhang Martin Georgi (Alter Fritz) und Statisterie der Oper Frankfurt © Barbara Aumueller

Oper Frankfurt / Der ferne Klang – Jennifer Holloway (Grete Graumann) und Ian Koziara (Fritz) sowie hinter dem Vorhang Martin Georgi (Alter Fritz) und Statisterie der Oper Frankfurt © Barbara Aumueller

Nur für einen kurzen Augenblick gönnt uns die Musik und die Inszenierung eine Illusion: Das wunderbare Couplet Die Blumenmädchen von Sorrent vermittelt eine musikalische Heiterkeit, und Michieletto lässt die Glitzerwelt der frühen 60er Jahre als Ahnung aufleuchten. Fast glaubt man einen Dean Martin mit seinem It’s amore auf die Bühne springen zu sehen. Aber hier ist keine Liebe. Das beinahe schlagerartige Lied ist bitter: Diese „falschen“ Blumenmädchen wollen geheiratet werden, nur sollte das ein „ehrbarer“ Mann nicht tun. Während die Gäste darüber lachen, vergeht Grete das Lachen vollends, ihr Absturz – musikalisch grandios eingeleitet – ist deshalb umso dramatischer. Kleid bzw. Seidenstrümpfe zerreißend, erinnert ihr tänzerischer „Ausbruch“ von weitem an Salome, bei dieser ist es ein lasziver Tanz – bei Grete hingegen entlädt sich die ganze Verzweiflung ihrer Seele. Sie folgt dem Grafen und verlässt die Insel, danach hält aber nichts mehr ihren freien Fall – als Straßendirne endend – auf. Wieder werden sich ihre und Fritz’ Wege kreuzen: Sie verfolgt als Zuschauerin im Theater seinen künstlerischen Zusammenbruch.

Immer mehr wird die Handlungsebene auf der Bühne nach hinten verschoben, am Anfang vorne, als alles möglich und noch rein schien, auf der mittleren Ebene das überbordende Edelbordell und hinten das Ende im Theater bzw. Krankenbett – wobei sich alles miteinander verwebt, von den Schleiern verbunden oder getrennt wird. Auch die Projektionen verstärken die Eindrücke. Der alte Fritz, nach wie vor seinen fernen Klang suchend, inzwischen von Krankheit und Lebenserinnerungen geplagt, kann nur noch sterbend feststellen, dass er den letzten Akt seines Werkes ‚Die Harfe’ – aber vielleicht meint er auch sein eigenes Leben – für verfehlt hält. Nun hat er ihn – den musikalischen Ausdruck – gefunden, und wenn fast alle Orchesterinstrumente von oben herunterschweben ist das ein überwältigendes Bild, aber es ist zu spät. Die ebenfalls gealterte Grete, das verschmutzte Kleid hat seinen einstigen Glanz längst eingebüßt und ist äußeres Sinnbild ihres Niedergangs, findet endlich ihre Liebe. Es ist die finale Begegnung der beiden, und nun ist es Fritz, der sie braucht und sie so annehmen kann, wie sie ist – und sie ist für ihn da. Alle sind an ihrer Misere schuld, gesellschaftlich missachtet, ist sie die einzig Aufrechte – vom Leben gebeutelt nicht gebrochen. Grete ist eine Opernheroine ersten Ranges, Seit an Seit mit Alban Bergs Lulu und Richard Strauss’ Salome und das eigentliche Zentrum dieser Oper.

Oper Frankfurt / Der ferne Klang - hier : Martin Georgi als Alter Fritz, Jennifer Holloway als Grete Graumann © Barbara Aumueller

Oper Frankfurt / Der ferne Klang – hier : Martin Georgi als Alter Fritz, Jennifer Holloway als Grete Graumann © Barbara Aumueller

Der Chor unter der Leitung Tilman Michael zeigt wie immer eine bravuröse Leistung bis hin zu den Chorsoli. Auch das Orchester entwickelt eine sogartige Wirkung, die die ganze Klangarchitektur des Werkes unter der souveränen musikalischen Leitung von GMD Sebastian Weigle zur Geltung und vollkommenen Entfaltung bringt. Exemplarisch für alle Protagonisten seien hier Jennifer Holloway und Ian Koziara als Grete und Fritz genannt. Sie vollbringen Glanzleistungen – wie sie sich als junges Paar immer mehr dem alten (stumm: Steffie Sehling und Martin Georgi) annähern und damit nicht nur äußere, sondern auch innere Wandlungen durchlaufen, ist einfach großartig anzuhören und anzusehen. Auch die jeweilige Einzelleistung der insgesamt herausragenden Ensemblesolisten kann nicht genug gewürdigt werden. Es sangen und spielten: Anthony Robin Schneider (Wirt des Gasthauses „Zum Schwan“), Iurii Samoilov (Schmieren-schauspieler), Magnús Baldvinsson (Der alte Graumann/ 2. Chorist), Barbara Zechmeister (Seine Frau), Dietrich Volle (Dr. Vigelius), Nadine Secunde (Ein altes Weib), Julia Dawson (Mizi), Bianca Andrew (Milli/ die Kellnerin), Julia Moorman (Mary), Kelsey Lauritano (eine Spanierin), Gordon Bintner (der Graf), Ian MacNeil (der Baron), Theo Lebow (der Chevalier/ 1. Chorist), Sebastian Geyer (Rudolf), Hans-Jürgen Lazar (ein zweifelhaftes Individuum) und Anatolii Suprun (ein Polizeimann/ ein Diener).

Bei dieser Inszenierung stimmt alles. Regisseur Damiano Michieletto ist so ein fulminanter Einstand in Frankfurt gelungen. Das Publikum belohnte ihn, sein Team und alle Mitwirkenden mit lang anhaltendem Applaus.

Der ferne Klang an der Oper Frankfurt;  weitere Vorstellungen 26.4.; 28.4.; 9.5.; 11.5.2019

—| IOCO Kritik Oper Frankfurt |—

Frankfurt, Oper Frankfurt, Oedipus Rex – Iolanta, IOCO Kritik, 05.11.2018

November 7, 2018 by  
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Oper Frankfurt

Oper Frankfurt inmitten des Finanzzentrums © IOCO

Oper Frankfurt inmitten des Finanzzentrums © IOCO

Igor Strawinsky – Oedipus Rex  :  Peter I. Tschaikowski – Iolanta

– Mit Blindheit geschlagen –

von  Ljerka Oreskovic Herrmann

Lydia Steier scheint alles richtig gemacht zu haben, denn ihr Doppelabend mit Strawinsky Oedipus Rex und Tschaikowskis Iolanta wirkt nach. Zu bedrückend-berückend die Bilder und die Interpretation. Diese Regisseurin hat in Mainz zwei wunderbare Regiearbeiten hingelegt – Perelà und Saul. In beiden zeigte sie, wie eine (Familien-)Welt aus den Fugen geraten kann. Auch hier in der Frankfurter Inszenierung geraten die Lebensumstände ins Wanken, es stürzt alles ein, aber es gibt keine Bereinigung oder gar die von Tschaikowski erhoffte Erlösung.


Igor Strawinsky – Oedipus Rex :  Peter I. Tschaikowski  Iolanta 
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In Oedipus Rex sehen wir den Titelheld schon zu Beginn als angeschlagenen König, der von seiner ihm verborgenen Vergangenheit eingeholt werden wird. Schuldlos schuldig steht er in dieser wie ein Parlament oder Gerichtssaal aufgebauten Bühne, nach halt suchend und doch wie ein Angeklagter verloren herum. Seine Macht bröckelt, auch wenn er immer wieder seinen Triumph – über die Sphinx gesiegt zu haben – in die Waagschale werfen wird. Allein diese Tat zählt nicht mehr, es braucht eine neue übermenschliche Kraftanstrengung gegen die wütende Pest, so jedenfalls will es das Volk – hier verkörpert durch einen exzellenten Chor, der zum Hauptakteur und gesellschaftlichen Machtfaktor wird. Oedipus bleibt nur die Reaktion, die ihn zur Suche nach seiner wahren Identität treibt und bekanntermaßen in der Katastrophe endet.

Oper Frankfurt / Iolanta - hier : Asmik Grigorian als Iolanta und Robert Pomakov als König René sowie Ensemble © Barbara Aumueller

Oper Frankfurt / Iolanta – hier : Asmik Grigorian als Iolanta und Robert Pomakov als König René sowie Ensemble © Barbara Aumueller

Die inzestuöse Last der Welt von Iolanta

Aber indem sich Lydia Steier weniger für dieses unsägliche Familiengeflecht, die grauenhaften Verstrickungen und inzestuösen Geschehnisse interessiert, als für die Machtübernahme durch Kreon und einem Sieg des Volkes über den zuvor noch gefeierten Oedipus, verliert diese Geschichte ihre Wucht. Das Monströse dieser Familie, das mit Oedipus’ Selbststrafe nicht aus der Welt ist, sondern sich in Antigone, der Tochter, perpetuiert, geht verloren – stattdessen verlagert sich die inzestuöse Last in die Welt von Iolanta. Hier ist ebenfalls nichts in Ordnung, auch oder gerade weil das zuckersüße, pinke Gefängnis der Protagonistin zunächst für Freude beim Publikum sorgt; die Szenerie zuvor war dunkel, in grau und schwarz gehalten. Doch das wahrhaftige Puppenhaus „entpuppt“ sich als ein nicht minder schauerlicher Ort wie zuvor das alte Theben – bloß dass dort bereits die Anklage und Verurteilung stattgefunden hat und Exekution durch eigene Hand – von Oedipus und Jokaste – vollzogen wurde. Es lebe König Kreon, Theben gerettet – nicht jedoch bei Sophokles! Strawinskys Musik ist packend, dramatisch, treibt die Handlung voran, was durch den oratorienhaften Charakter und der lateinischen Sprache sogar noch verstärkt wird, während sich die Erkenntnis bei Oedipus, den Vater getötet und die Mutter geheiratet zu haben, nur mühsam einstellt.

 Stravinskis Grab in Venedig © IOCO

Stravinskis Grab in Venedig © IOCO

Eindeutig ist in dieser Hinsicht die Darstellung von Jokaste: eine lasziv rothaarige und mitsamt ihrer Tochter in rot – der einzige Farbtupfer – gekleidete femme fatale. Doch das Klischee des männerfressenden Vamp greift zu kurz und verengt die Geschichte auf die Machtfrage einerseits und die Verführung andererseits. Gespiegelt wird diese Sicht umso brutaler in Iolanta: Hier ist es der Vater, der zwar kein Verführer, aber ein missbrauchender Alleinerzieher ist. Für jede Missbrauchstat wird die blinde und von der Welt ferngehaltene Tochter mit einem Spielzeug – einer pinken Puppe – „belohnt“. Ganz praktisch werden die Puppen unterhalb ihres monströs-großen Bettes im Souterrain hergestellt und oben bei ihr ordentlich in die Regalwände eingereiht. Der schöne Schein, der das Publikum noch zu Beginn erheiterte, zeigt schmerzlich seine Kehrseite: Auch wir im Publikum erkennen nicht und sind sehenden Auges „blind“, so dass wir unweigerlich zu Komplizen werde.

Die vermeintliche Klammer – das nicht-erkennen-können – der beiden Stücke gipfelt in dieser Schlussfolgerung, die ersehnte Erlösung wird von Tschaikowski zwar musikalisch eindringlich beschworen, aber szenisch so nicht eingelöst. Soweit, so gut, denn tatsächlich ist es nach dieser Inszenierung nicht mehr möglich, Iolanta als eine harmlose Märchenoper zu sehen und in Verbindung mit seinem Nussknacker, wie es Tschaikowski konzipierte, schon gar nicht. Die Unschuld ist verloren und dahin. Keine „schlechte“ Erkenntnis für einen Theaterabend, und dafür muss man (und frau) Lydia Steier dankbar sein – es bleibt dennoch das Gefühl zurück, dass das Dramatische in den „Familienstücken“ der vermeintlichen Gemeinsamkeit geopfert oder ausschließlich darauf zugespitzt wurde. Und die Verknüpfung beider Komponistenbiografien im Momentum der versteckten Homosexualität, ihr Auftauchen als „Maske“ und Wiedergänger im jeweils eigenen Stück wirkt durchaus naheliegend, erklärt jedoch nur bedingt den Zusammenhang der musikalisch und inhaltlich so unterschiedlichen Opern. Oedipus ist ein europäischer Ur-Mythos und Märchen sind beileibe nicht Schreckensfrei, doch ergeben die Erzählungen nicht zwangsläufig zwei Seiten einer Medaille.

Oper Frankfurt / Oedipus Rex - hier : Tanja Ariane Baumgartner als Jokaste; im roten Kleid), Peter Marsh als Oedipus; hinten Gary Griffiths als Kreon © Barbara Aumueller

Oper Frankfurt / Oedipus Rex – hier : Tanja Ariane Baumgartner als Jokaste; im roten Kleid), Peter Marsh als Oedipus; hinten Gary Griffiths als Kreon © Barbara Aumueller

Getragen wurde der spannungsreiche Abend durch das gute Sängerensemble – allen voran Asmik Grigorian als Iolanta, die im Laufe des Abends zur Höchstform auflief und damit zusätzlich die Gewichtung der Stücke zugunsten der Märchenoper verschob. Mit AJ Glueckert (Graf Vaudémont) gelang ihr ein wunderbares Duett, nur die beiden Königskinder kommen in dieser Inszenierung nicht zusammen, stattdessen entscheidet sich die nun „sehende“ Tochter für den Vater. Robert Pomakov  als ebendieser König René, erscheint als vermeintlich harmloser Regent, letztlich ist er der Strippenzieher, der sich vermutlich am Ende selbst richten wird: Im Schlussbild hält er sich die Pistole in den Mund, während Iolanta ihn umarmt und Graf Vaudémont verlassen zurück bleibt. Der einzig „Sehende“ und Wissende ist der Arzt Ibn-Hakia von Andreas Bauer souverän musikalisch wie darstellerisch gestaltet. Weitere Mitwirkende sind: Gary Griffiths als Robert, Judita Nagyová als Martha, Elizabeth Reiter als Brigitta und Nina Tarandek als Laura sowie Magnús Baldvinsson als Bertrand und Matthew Swensen als Almeric.

Tanja Ariane Baumgartners Jokaste, in ihrem Auftreten an die italienische Chansonsängerin Milva erinnernd, ist die einzige Frau in Oedipus Rex, die nicht nur aufgrund ihres Äußeren, sondern in allem einen starken Kontrast zu der männerdominierenden Thebener Gesellschaft bildet. Die Titelfigur wird von Peter Marsh verkörpert, der glaubhaft verzweifelt einen Ausweg aus seiner aussichtslosen Lage sucht. Kreon von Gary Griffiths gesungen, ist ein geschmeidiger Machtmensch. Andreas Bauer ist der blinde Seher Teiresias, Matthew Swensen der Hirte, Brandon Cedel der Bote und Philipp Rumberg der Sprecher. Der Chor unter der Leitung von Tilman Michael ist gesanglich wie darstellerisch herausragend. Das glänzend aufgelegte Frankfurter Opern- und Museumsorchester unter GMD Sebastian Weigle zeigt vor allem in Iolanta eine dramatische Zuspitzung, die der Inszenierung den entsprechenden Gestaltungsraum gibt und sie bis zum Schluss äußerst spannend macht.

Für das atemberaubende Bühnenbild (vor allem bei Iolanta) zeichnet Barbara Ehnes, für die  Kostüme Alfred Mayerhofer verantwortlich. Die eindrücklichen Projektionen stammen von fettFilm (Torge Møller und Momme Hinrichs), Olaf Winter sorgt wie immer bewährt für das Licht. Es bleibt ein packender, vom Publikum gefeierter Premierenabend, der lange nachhallt.

 

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