Frankfurt, Oper Frankfurt, Wiederaufnahme XERXES, 23.10.2020

Oktober 13, 2020 by  
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Oper Frankfurt

Oper Frankfurt inmitten des Finanzzentrums © IOCO

Oper Frankfurt inmitten des Finanzzentrums © IOCO

Wiederaufnahme
XERXES

Oper in drei Akten von Georg Friedrich Händel (gekürzte Fassung)
Text nach einem Libretto von Silvio Stampiglia
In italienischer Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln
Musikalische Leitung: Roland Böer
Regie: Tilmann Köhler
Szenische Leitung der Wiederaufnahme: Hans Walter Richter
Bühnenbild: Karoly Risz
Kostüme: Susanne Uhl
Licht: Joachim Klein
Video: Marlene Blumert
Dramaturgie: Zsolt Horpácsy
Xerxes: Cecelia Hall / Bianca Andrew
Arsamene: Eric Jurenas
Romilda: Kateryna Kasper
Atalanta: Elizabeth Sutphen
Amastre: Katharina Magiera
Ariodate: Bozidar Smiljani?
Elviro: Thomas Faulkner
Vokalensemble
Frankfurter Opern- und Museumsorchester

Oper Frankfurt / Xerxes © Barbara Aumüller

Oper Frankfurt / Xerxes © Barbara Aumüller

Xerxes von Georg Friedrich Händel (1685-1759) feierte in der Sicht von Tilmann Köhler am 8. Januar 2017 Premiere an der Oper Frankfurt und war bei Publikum und Presse gleichermaßen erfolgreich. So konnte man im Main-Echo Aschaffenburg lesen: „Ein furioser Zauber, von dem man auch nach gut drei Stunden reiner Spieldauer nicht genug bekommen konnte. Es hätte einfach so weiter gehen können mit all den Arien, mit der traumhaften Musik. (…) Regisseur Tilmann Köhler hat aus den gut drei Stunden Musiktheater ein kurzweiliges Vergnügen gemacht.“ Und trotzdem zeigt die Oper Frankfurt Corona-bedingt eine gekürzte Fassung.

Die dreiaktige Handlung um die Unlenkbarkeit der Herzen, die mit dem berühmten Largo Xerxes’ („Ombra mai fu“) beginnt, spielt in Persien: Der junge König Xerxes hat Prinzessin Amastre verlassen und sehnt sich nach einer neuen Liebe: Romilda, die Tochter des Fürsten und Feldhauptmanns. Diese liebt aber seinen Bruder Arsamene. Ausgerechnet von ihm verlangt Xerxes, der Brautwerber zu sein. Arsamene weigert sich, warnt Romilda und wird zur Strafe vom König verbannt. Der möchte Romilda zur Hochzeit zwingen und Arsamene töten lassen. Seine Verlobte Amastre will ihn unterdessen nicht aufgeben und zieht in ihrer Liebesnot als Soldat verkleidet in den Krieg. Am Ende der komplexen Handlung um Missverständnisse und die Wirrungen der Liebe bereut Xerxes und bittet um Verzeihung. Romilda und Arsamene sowie Amastre und Xerxes finden wieder zueinander.

Oper Frankfurt / Xerxes - Xerxes (stehend) und Romilda (sitzend) © Barbara Aumüller

Oper Frankfurt / Xerxes – Xerxes (stehend) und Romilda (sitzend) © Barbara Aumüller

Die musikalische Leitung dieser zweiten, den Corona-Bedingungen angepassten Wiederaufnahme hat mit Roland Böer kein Unbekannter an der Oper Frankfurt inne. Ihr war er anfangs als Solorepetitor und von 2002 bis 2008 als Kapellmeister verbunden. 2009 übernahm der Dirigent die musikalische Leitung des Cantiere Internazionale d’Arte di Montepulciano, dessen Künstlerischer Direktor er von 2015 bis 2020 war. Bis 2019 wirkte er zudem als Erster Gastdirigent am Mikhailovsky-Theater in Sankt Petersburg. Zu den Neubesetzungen aus dem Ensemble zählen Cecelia Hall und Bianca Andrew, welche die Titelpartie zum Jahreswechsel übernimmt, sowie Kateryna Kasper als Romilda. Als Gast steigt der Countertenor Eric Jurenas (Arsamene) neu in die Produktion ein. 2018/19 debütierte er als Natascha in Peter Eötvös’ Tri sestry (Drei Schwestern) an der Oper Frankfurt und gastiert daneben an zahlreichen internationalen Opernhäusern. Mit der Produktion bereits vertraut sind das ehemalige Opernstudio-Mitglied Elizabeth Sutphen (Atalanta) sowie aus dem Ensemble Katharina Magiera (Amastre), Bozidar Smiljanic (Ariodate) und Thomas Faulkner (Elviro).

Wiederaufnahme: Freitag, 23. Oktober 2020, um 19.00 Uhr im Opernhaus
(Oper für Familien; pro Erwachsenen-Kaufkarte maximal drei Tickets für Kinder und
Jugendliche bis einschließlich 18 Jahre gratis, empfohlen ab 8 Jahren)

Weitere Vorstellungen: 25. (18.00 Uhr), 29. Oktober, 5., 14. November 2020 sowie im Juli 2021

Falls nicht anders angegeben, beginnen die Vorstellungen in 2020 um 19.00 Uhr
Preise: € 15 bis 116 (12,5% Vorverkaufsgebühr nur im externen Vorverkauf)
Ab dem 7. eines Monats sind Karten für den Folgemonat bei unseren bekannten Vorverkaufsstellen, im Telefonischen Vorverkauf 069 – 212 49 49 4 oder online unter www.oper-frankfurt.de erhältlich.

—| Pressemeldung Oper Frankfurt |—

Ulm, Theater Ulm, Spielplan 03.-05.07.2020

Juni 23, 2020 by  
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Theater Ulm

Theater Ulm / Zuschauerraum © Carola Hoelting

Theater Ulm / Zuschauerraum © Carola Hoelting

Kammermusik, Lesung und Liederabend

Das abwechslungreiche »Zwischenspiel«-Programm vom 3. bis 5. Juli 2020

Durch die Corona-Verordnung des Landes Baden-Württemberg vom 26. Mai 2020 sind auch am Theater Ulm Veranstaltungen mit bis zu 100 Teilnehmenden ab Juni wieder erlaubt. Nach der Corona-bedingten Schließung seit Mitte März lädt das Theater ab dem 19. Juni 2020 wieder zu Vorstellungen und Konzerten ein. Im Foyer und auf der Bühne des Großen Hauses werden bis zum 19. Juli 2020 immer freitags, samstags und sonntags unter Einhaltung behördlich vorgeschriebener Regelungen zur Corona-Prävention ca. einstündige abwechslungsreiche Programme aller Sparten gezeigt. Die geltenden Verhaltensregeln sind auf der Website des Theaters (https://www.theater-ulm.de/theater/aktuelles/verhaltensregeln) veröffentlicht.

Am Freitag, den 3. Juli 2020 präsentieren Christianne Bélanger und Martin Gäbler um 19.30 Uhr im Foyer Liederzyklen Robert Schumann und Michael Weiger, der den Liederabend auch am Klavier begleiten wird. Das Konzert steht dabei ganz im Zeichen der Liebe. Zur Liebe gehören maßlose Gefühle, rauschender Überschwang und Schmerz. Davon künden auch die Gedichte von Lise Devèze: »… dass in meinen Träumen, wenn ich schlafe / Goldlandschaften tanzen.« Lise Devèze stellte dem Ulmer Kapellmeister und Studienleiter Michael Weiger ihre Gedichte persönlich für eine Vertonung zur Verfügung. Nach der Uraufführung der »Rutilances« im Jahr 2000 in der Schweiz präsentiert Michael Weiger nun in Ulm mit der Sängerin Christianne Bélanger die Erstaufführung der Fassung für mittlere Stimmlage. Helle und düstere Seiten einstigen Liebesglücks sprechen auch aus Schumanns Liederzyklus »Dichterliebe«, der in einer Interpretation von Martin Gäbler zu Gehör gebracht werden wird. Sechzehn Gedichte aus Heinrich Heines »Lyrischem Intermezzo« verwandelte Schumann 1840 in ironische und sehnsuchtstänzelnde Musik. Klavier- und Gesangspart scheinen zu verschmelzen. Für den Liederabend, in dem diese besonderen Kompositionen erstmalig zusammen zur Aufführung kommen, sind Karten (16 €, ermäßigt 11 €) an der Theaterkasse oder online unter www.theater-ulm.de verfügbar.

Am Samstag, den 4. Juli 2020 liest Schauspieler Stephan Clemens aus Julian Barnes‘ »Eine Geschichte der Welt in 10 ½ Kapiteln«. Julian Barnes genialischer Episoden-Roman ist ein moderner Klassiker und — wie das Publikum bereits bei einer Lesung mit Stephan Clemens im Februar genießen konnte — ein echtes Hörvergnügen. Auf den Spuren des Arche-Noah-Mythos lädt uns der Schauspieler ein auf eine Reise durch die Zeit. »Die Kunst des Julian Barnes ist ein Schiff, das jeder besteigen sollte, den es zu den Abenteuern des Gedankens drängt«, urteilte die Frankfurter Allgemeine Zeitung, die »Zeit« befand ob der »unglaublichen Leichtigkeit« dieses Werks: »Wem die Kunst des Romans nicht gefällt, dem ist auf Erden nicht zu helfen — mit Kunst und Literatur jedenfalls nicht.« Stephan Clemens präsentiert in einer neu zusammengestellten Version das erste Kapitel »Der blinde Passagier«, in dem das Publikum die uneingeschränkte Wahrheit über die Arche erfahren wird, über Noah, seine Sippschaft und das, was wirklich mit dem Einhorn geschehen ist, einen Reisebericht, den man so nicht in der Bibel finden wird. Die Lesung im Großen Haus beginnt um 19 Uhr und wird musikalisch einfühlsam begleitet von der Harfenistin Evelyne Zoller. Karten zu 22 € (ermäßigt 14 €) sind an der Theaterkasse und online unter www.theater-ulm.de erhältlich.

Am Sonntag, den 5. Juli 2020 präsentieren Musikerinnen und Musiker des Philharmonischen Orchesters der Stadt Ulm um 11 Uhr und um 15 Uhr unter dem Titel »Romantik Russlands« Kammermusik von Alexander Borodin und Pjotr Iljitsch Tschaikowsky im Foyer des Theaters Ulm. Borodin und Tschaikowsky gelten als die namhaftesten Vertreter künstlerischer Gruppierungen in Russland in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, die sich jeweils der Emanzipation von bis dahin vorherrschenden italienischen, deutschen und französischen Einflüssen und der Herausbildung einer nationalen Musik verschrieben, unter Einbindung volkstümlicher Melodien und Themen. Hauptamtlich Wissenschaftler, Mediziner und Chemieprofessor, war das Komponieren für den vielfach begabten Alexander Borodin eine lebenslange Passion: Im seiner Frau Ekaterina Protopova gewidmeten 2. Streichquartett von 1881 ist russische Melodik dominant, betont vor allem durch das Cello, welches Borodin selbst virtuos spielte. Die Komposition wurde nicht zuletzt durch das effektvolle Notturno populär. Das überhaupt erste bedeutende Streichquartett eines russischen Komponisten aber stellte der junge Pjotr Iljitsch Tschaikowsky 1871 mit einem Konzert eigener Lieder, Klavier- und Kammermusikwerke in Moskau vor, die von ortsansässigen prominenten Musikern interpretiert wurden. Tschaikowskys Opus 11 gelangte rasch zu internationalem Ruhm, vor allem das Andante cantabile, welches in zahlreichen Bearbeitungen weltweit Verbreitung fand. Wie bei Borodin sind auch hier volkstümlich inspirierte Themen prägnant, die schlichte ukrainische Volksmelodie aus dem Andante berührte den Dichter Lew Tolstoi bei einem Konzert zu seinen Ehren 1876 derart, dass er weinen musste. Angeblich lauschte Tschaikowsky diese Volksweise während der Sommerfrische einem ukrainischen Zimmermann bei der Arbeit ab. Es musiziert das »Porta Nuova Quartett«: Yuki Kojima (Violine) Christina Hauser-Gurski (Violine) Sayuri Nakao-Haas (Viola) Andreas Haas (Violoncello). Karten für die Konzerte (16 €, ermäßigt 11 €) sind an der Theaterkasse und online unter www.theater-ulm.de erhältlich.

Die Theaterkasse ist zu folgenden Zeiten geöffnet: Montag bis Freitag: 11 – 18 Uhr, Samstag: 10 – 13 Uhr. Die Abend- bzw. Tageskasse öffnet jeweils eine Stunde vor Vorstellungsbeginn.

 

—| Pressemeldung Theater Ulm |—

Frankfurt, Kulturkeller Höchst, BusStop – Theater gegen Rassismus, IOCO Aktuell, 14.02.2020

Februar 14, 2020 by  
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BusStop
youtube Trailer des PakBann e.V. Frankfurt am Main
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Kulturkeller Höchst

PakBann e.V. Frankfurt am Main

BusStop Frankfurt

 BusStop  – Theater gegen Rassismus

„Ich bin anders, denn… Ich bin anders, lasst uns gemeinsam anders sein“

von Ingrid Freiberg

mit diesem Satz und kleinen Erzählungen begann 2017 BusStop, Theater gegen Rassismus, die ersten Aufführungen. Akteure mit sogenanntem Migrationshintergrund und Alteingesessene, die sich in Frankfurt, im Kulturkeller Höchst  im Dalberger Haus zusammenfanden, enthüllen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus, die sich in alltäglichen Situationen und tätlichen Angriffen wiederfinden. Die Theatertruppe BusStop will aufmerksam machen, zum Nachdenken und zum offenen Gespräch anregen, will Grenzen einreißen und das Miteinander stärken. Gemeinsam geschriebene Theaterstücke zeigen die bedrückende politische Entwicklung. Dabei zeigte sich auch, dass es dieser „bunten Truppe“ schwerfiel, Erlebtes angesichts unterschiedlicher Erfahrungen und eigener Vorurteile in Szene zu setzen. Heftige Diskussionen, unterschiedliche Begabungen und Toleranz führten jedoch zu einer engen Gemeinschaft, die es sich zur Aufgabe macht, das allgemeine Bewusstsein für Vielfalt und Andersartigkeit zu stärken…

Kulturkeller Höchst / BusStop Frankfurt - Theater gegen Rassismus © Ingrid Freiberg

Kulturkeller Höchst / BusStop Frankfurt – Theater gegen Rassismus © Ingrid Freiberg

Dabei werden Überlegungen aufgegriffen, wie: Bin ich integriert? Werde ich angenommen? Wie kraftvoll ist meine Verbindung zu den Ahnen, zu meinem kulturellen Erbe und die zu meiner neuen „Heimat“? Kann ich Dinge radikal benennen und dennoch in mir ruhen? Die Gruppe gibt den Sprachlosen eine Stimme und Hoffnung, ihre eigene Geschichte zurückzugewinnen. Dabei vermittelt das virtuose Gitarrenspiel von Paulo Silva, ein kapverdischer SingerSongwriter, mit seinen Fuana-, Batuk- und Morna-Rhythmen zwischen den unterschiedlichen Kulturen. Das eindrucksvolle Programm beleuchtet u. a. Rassismus gegenüber Frauen und die Wertung von Homosexualität. Es geht der Frage nach, wer sind wir eigentlich, was ist ein Fremder? Es fragt nach Hoffnungen und Träumen. Die Antworten scheinen einfach: ein Leben ohne Hass und Streit, ohne Tränen, ohne Schmutz, ein Leben in Liebe, in Menschenwürde, ein Austausch auf Augenhöhe.

Ein Glücksfall ist der Aufführungsort Kulturkeller Höchst im Dalberg Haus, ein alter Gewölbekeller, der Menschen zusammenbringt und erlaubt, bei Wein und Käse bereits vor Vorstellungsbeginn ins Gespräch zu kommen. Besonderer Dank gilt den Gastgebern Petra und Gerhard Klumpp, der auch die Technik übernimmt. Sie engagieren sich für BusStop weit über das Übliche hinaus. Ihnen liegt deren Themen sehr am Herzen. Nur durch ihre Unterstützung sind derartige Theaterabende möglich!

Fremde und Fremdes

„Fremd ist der Fremde nur in der Fremde“, heißt ein vielzitierter und hochphilosophischer Satz aus dem Dialog Die Fremden von Karl Valentin. Vielzitiert ist dieser Satz wohl deshalb, weil er, wie kaum ein anderer, alles in sich birgt, was das Thema „Fremde und Fremdsein“ bedeutet, nämlich die einfache und zugleich ungeheuer komplizierte Tatsache, dass jeder gleichzeitig irgendwo fremd ist und irgendwo zu Hause. Einzig auf den Standort und die Perspektive kommt es an. Fremd ist das, was man nicht kennt, was einem nicht vertraut ist.

Die Themen sind erschreckend alltäglich

Die Bushaltestelle, Namensgeber und Bühnenbild, lässt Raum für Phantasie und für die Auseinandersetzung mit dem Anderssein in einer neuen, nicht immer selbst gewählten Umgebung. Diese Haltestelle mit einer kleinen Bank und einem Fahrkartenautomaten ist ein Ort, an dem es immer wieder zu Rassismus in vielfältiger Form kommt. Hier nun eine Wiedergabe auf das Wesentliche konzentriert: Mit Laternen, sich an den Händen haltend, träumen alle Mitwirkenden von einer Welt ohne Hass, frei von Unterdrückung. Polizisten, die nicht präzise fragen, behandeln völlig respektlos eine Frau mit sogenanntem Migrationshintergrund… Auf ein „Grüß Gott“ von einer Iranerin, antwortet der Hinzugekommene „...jetzt sind wir schon so durchmischt, dass man die Deutschen nicht mehr erkennt!“... Ein Penner, der hinter dem Fahrkartenautomat hervorkommt, pöbelt eine Dame an. Als sie daraufhin angewidert aufschreit, „Jetzt stell dich nicht so an, Baby! Ich hab gepisst, du blöde Hure!“…

Kulturkeller Höchst / BusStop Frankfurt - Theater gegen Rassismus © Ingrid Freiberg

Kulturkeller Höchst / BusStop Frankfurt – Theater gegen Rassismus © Ingrid Freiberg

Zwei ältere Damen auf der Bank: „Wie die unsere Mädchen ansehen, die denken, sie sind Freiwild, sie vergewaltigen sie, und wenn sie nicht wollen, haben alle ein Messer im Sack und stechen zu. Die gehören alle rausgeschmissen!.“.  Äußerst berührend und leider kein Einzelfall in der heutigen Zeit ist die Erzählung einer türkischen Putzfrau über ein altes Nachbar-Ehepaar: Oma alt im Altenheim. Opa allein zu Hause! „Opa wie geht’s?“ Opa: „Es muss!“ Manchmal ich Suppe kochen, Opa bringen. Einmal von der Arbeit kommen, Opa nicht sehen, Opa nicht hören. Andere Tag Suppe kochen, Opa klingeln klopfen. „Opa, Opa ich Suppe bringen!“ Ich große Sorgen, Polizei anrufen. Opa tot! Nix glauben ich. Ich weinen. Andere Tag Tür klingeln. Groß chic mit einem Strauß Blumen, er sagen: „Ich Opas Sohn!“. Ich nicht wissen, Opa Sohn haben. Warum jetzt kommen – zu spät? Opa wie mein Vater!…

Gespräch des Sohnes mit seiner Schulfreundin: „Wirft mir die Blumen vor die Füße! Wie die da stand mit ihrem Kopftuch und ihrem gebrochenen Deutsch! Die hat Zeit, zu ihren Eltern zu gehen, geht schwarz putzen, bekommt unsere Sozialhilfe!“… Ein Ehepaar mit fremdartigem Aussehen, sichtbar auf der Durchreise, wird wie folgt beurteilt: „Jetzt guck sich mal Aaner die feine Pinkel an, die Ausländer verprassen unser Geld und kriegen alles in‘n Arsch geblasen!“... Eine Dame, die das beobachtet, schämt sich und hat das Gefühl, zwischen zwei Stühlen zu sitzen, weil es ihr trotz Bemühen misslingt, mit dem Ehepaar ins Gespräch zu kommen. Auf der Bank sitzend trägt eine Frau sehr melodische persische Lyrik vor. Dem Hinzugekommenen, der die Worte nicht versteht, gefällt es so sehr, dass er mehr darüber wissen will, und bittet sie, noch ein paar Zeilen hören zu dürfen…

People of Color:  einer durch die Sonne des Maghreb, andere durch Bluthochdruck

Müll an der Haltestelle ist immer wieder zu finden: „Freundsche, du kannst nicht einfach deinen Müll hier ablade, wie de willst!“ Ali und Hermann haben vieles gemeinsam: Sie können sich nicht leiden. Der eine spricht Deutsch seit Jahrzehnten, der andere seit Generationen. Beide sind People of Color , „der eine durch die Sonne des Maghreb, der andere durch Bluthochdruck“…  Erich Kästners Gedicht „Einst haben die Kerls auf den Bäumen gehockt“, das den Menschen mit seinem tierischen Erbe konfrontiert, ist eine ausgefeilte Skizze: „So haben sie mit dem Kopf und dem Mund den Fortschritt der Menschheit geschaffen. Doch davon mal abgesehen und bei Lichte betrachtet, sind sie im Grund noch immer die alten Affen!“... Schwarze Männer sind sexy!

Kulturkeller Höchst / BusStop Frankfurt - Theater gegen Rassismus © Ingrid Freiberg

Kulturkeller Höchst / BusStop Frankfurt – Theater gegen Rassismus © Ingrid Freiberg

Eine feine Dame im besten Alter mit Hut, Minirock und ausgesprochen schönen Beinen flaniert mit einem gutaussehenden Afrikaner an der Haltestelle entlang. Die Verliebte sagt zu ihm: „Es ist so schön, dich bekommen zu haben, wenn es auch viel Arbeit gemacht hat.“ Ein anwesendes Pärchen beobachtet die Szene: „Das war die Edith mit ihrem Neger, den hat sie aus Kenia mitgebracht. Letztes Jahr war sie dreimal da, die alte Schabracke! Er wartet nur bis er einen deutschen Pass hat!“ Darauf er: „Schatz können wir nicht ein Taxi nehmen, sonst komme ich zu spät und bekomme meinen Pass wieder nicht!“ Gespräch zwischen Mann und Frau: „Du bist ja so viel schlauer als wie ich!“ „Was ist Intrigation?“ „Es heißt Integration!“ „Über die Intrigation da soll es sogar Kurse geben! Wo kann man das Intrigieren lernen, was muss man da lernen?“ „Zuerst die deutsche Sprache!“ „Da werde ich nie intrigiert! Wenn ich doch alles gelernt habe, bin ich dann Reichsbürger?“ „Das sind doch Nazis!“ „Ja, da gabs mal Aaner, der ist aber schon lange tot! Die AFD – Adolfs Freunde Deutschland – sind nur besorgte Bürger!“ „Aber es sind die, die es uns Ausländern gerne besorgen würden!“...

Zwei elegante Damen treffen sich an der Haltestelle Höchst: „Höchst ist kein Vergleich zu Bad Homburg. Früher war das besser!“ „Meine Bekannte ist hier in der Klinik. Schrecklich, alles voller Ausländer!“ Ein Schwuler betritt die Szene und bringt ein Plakat an. Die eine: „Trotz meines Alters habe ich nichts gegen die, sie sind doch auch Menschen wie du und ich!“ Die andere: „Grüßen Sie ganz herzlich Ihren Sohn von mir!“ „Ach, das ist ja so peinlich! Mein Sohn hat sich kürzlich geoutet. Jetzt kennt die meinen Sohn und womöglich kennt ihn meine Herzsportgruppe auch. Mein Mann ist ja sehr konsequent. Unsere Möbelfabrik wird er nicht übernehmen. Wir könnten Kunden verlieren! Mit seinem Mann, offenbar ein Ausländer, hat er seine Mitte gefunden. Wenn er normal geworden ist, kann er jederzeit nach Hause kommen. Ich habe nichts dagegen!“… „Schatzi, es war sehr schön im Urlaub!“   Er: „Und das Essen, große Portionen, das hat mir gefallen, besonders die leckeren Schnitzel!“ „Mallorca und Schnitzel!?“

Eine Zigeunerin tritt auf.Da siehst du, was da alles reinkommt. Früher hat‘s geheißen, die Wäsche rein, die Zigeuner kommen!“Die sollen doch in ihren Drecksländern bleiben! Die schmeißen den Müll aus dem Fenster heraus!“ Die Zigeunerin zeigt einen Zettel: „Hallo ich kann nicht lesen, ich nix verstehn!“ Die beiden antworten: „Wir haben keine Brille!“ Wortlos gehen sie. Im Weggang verliert die Frau ihr Portemonnaie. Die Zigeunerin eilt hinterher, übergibt es. „Die wollte uns beklauen!“ „Hallo Frau, ich nix klauen, du arme Leute, du keine Brille haben!“

Jenseits der Muttersprache – Claudia M. Berrang

„Ausgespuckt aus der Heimat, ausgespuckt, nur mit einem Koffer voller Wörter, bin weggelaufen, gelaufen gesprungen hoch und höher über die Grenzen und gefallen mitten auf den Mund, der Koffer aufgerissen fallen alle meine Wörter heraus. Buchstaben, auf dem Boden zerstreut, wie die Gedärme aus meinem Leib, sie werden zerquetscht unter den Passantenfüßen, meine Stimme verschwunden im Lärm. Die verletzten Buchstaben zärtlich in den Koffer eingepackt, mich weitergeschlichen, Lippen aufeinandergepresst, ausgespuckt aus der Heimat, ausgespuckt über die Grenzen und gefallen hier in die Ecke. Den Koffer auf dem Schoß, gebückt am Rande dieser Stadt, namenlose Gesichter eilen vorbei, werfen mir fremde Wörter zu, meine bleiben liegen. Die fremden Wörter verschlungen, hungrig in mich hineingestopft heruntergewürgt, bilden eine Kugel, unverdaulich und schwer, ausgeschwitzt aus meinen Poren. Meine Gedärme brechen heraus, formlose Geschichten schreien aus meiner Kehle, meine bleiben liegen. Ausgespuckt aus der Heimat, ausgespuckt nur mit einem Koffer voller Wörter, bin weggelaufen, gelaufen gesprungen hoch und höher über die Grenzen und gefallen mitten auf den Mund.“

Mit dem beschwörenden Schlusschor „Ausblick“ verabschieden sich die bewegend aufspielenden Laien-Darsteller:  Amir Mansoor (Regie), Klaus Baumgarten, Claudia M. Berrang, Herta-Konstanze Braun, Maria Buttiglieri, Joachim Hossbach, Fariba Khadivi, Karin Kühn, Michaeö Langer, Justin Yao Lassana, Behjat Mehdizadeh, Paulo Silva (Gitarre), El Houari Slimi, Mehret Woldal

Nach anfänglicher Stille endet der Applaus in Jubelstürmen!

Danach gab es Gelegenheit, nicht nur untereinander zu diskutieren, sondern sich auch mit den Mitwirkenden über die teils erschütternden Szenen auszutauschen, die Zuschauer erinnerten sich an eigene Erfahrungen und wurden nicht mit ihren Gedanken und Bildern alleine gelassen.

 Es wird weitere Vorstellungen geben, mehr unter  www.busstop-frankfurt.com

—| IOCO Kritik Kulturkeller Höchst |—

Frankfurt, Oper Frankfurt, Tristan und Isolde – Richard Wagner, IOCO Kritik, 29.01.2020

Januar 29, 2020 by  
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Oper Frankfurt

Oper Frankfurt inmitten des Finanzzentrums © IOCO

Oper Frankfurt inmitten des Finanzzentrums © IOCO

 Tristan und Isolde – Richard Wagner

 Tristan – ein Abbild menschlicher Abgründe

von Ljerka Oreskovic Herrmann

Richard Wagner Bayreuth © IOCO

Richard Wagner Bayreuth © IOCO

Im Entwurf vom Juli 1870 findet sich im sogenannten Braunen Buch von Richard Wagner ein Entwurf für eine Beethoven-Schrift, in der dieser schreibt: „Die Wirkung des Schönen ist erst die Bedingung für den Eintritt der wahren Wirkung des Kunstwerkes, nämlich der erhabenen. In der Musik wird die erste Wirkung sofort und durchgehend durch ihre Form erreicht, eben weil sie reine Form ist. – Führt es nicht zur erhabenen Wirkung, so ist überhaupt das Schöne nur Spielerei.“ (Für schöne Spielerei waren weder Beethoven noch Wagner zu haben.) Geschrieben hat Wagner diese Gedanken anlässlich des 100. Geburtstags des von ihm verehrten Komponistenkollegen, dessen „Musik in Begriffe umgesetzt“ Philosophie ergäbe, und zwar die von Schopenhauer. Nun wird dieses Jahr erneut ein Ludwig van Beethoven-Jubiläum, inzwischen der 250. Geburtstag, gefeiert und so erklingt Wagners Tristan und Isolde an der Oper Frankfurt – und eignet sich vielleicht gerade deshalb gut, die „erhabene Wirkung“ von Kunst zu überprüfen, geht es doch um das größte aller Themen: das risikobeladene Wagnis der Liebe. Apropos Beethoven: Gibt es vielleicht Fidelio als Abschluss des Gedenkjahres? Um Liebe – allerdings erfüllte – geht es auch bei ihm.

Tristan und Isolde – Oper Frankfurt
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Wagner nennt seine Oper im Untertitel „Handlung in drei Aufzügen“ und nicht „Drama“. Nicht das äußere Geschehen bestimmt die Handelnden, sondern ihre inneren Empfindungen. Doch aus der Selbstbeschäftigung und Seelenausleuchtung kann pathetische Überhöhung, statt Erhabenheit, werden – in diese Falle wollte Katharina Thoma, die Regisseurin, nicht tappen, stattdessen arbeitet sie mit größtmöglicher Reduktion. Die Kostüme von Irina Bartels sind dunkel, schwarz, nur die beiden Frauen – Isolde im kupfer-golden Jumpsuit, Brangäne im Kleid-Mantel-Ensemble und Hut in Petrol früherer Stewardessen gleich, als Fliegen noch etwas Besonderes und ja „Erhabenes“ war – erhalten farbige Kleidung und dunkles Rot der Tristan-Verräter Melot. Das Bühnenbild von Johannes Leiacker lässt nur schwarz-weiß Kontraste, dagegen das Licht von Olaf Winter farbliche Gestaltung zu; eine – nicht nur farblich – ansprechende Szene, als Brangäne im zweiten Aufzug die Liebenden vor der Gefahr warnt: Wir hören sie, das Licht, grünlich wie ihre Kleidung, kündigt sie an, (von der Zinne kommt sie natürlich nicht mehr, sondern hinter dem schwarzen Rechteck hervor), doch erst nach einigen Takten wird sie zu sehen sein: Ihr „Habet acht“ kommt zu spät.

Im ersten Akt „schwebt“ Isolde auf einem schwarzen Rechteck herunter, in der ebenfalls schwarzen Barke neben ihr liegt Tristan. Später – wie um das Liebesglück zu unterstreichen – wird das Boot weiß sein und das aufgerichtete Rechteck in der Mitte stehen. Es teilt nicht nur die Bühne, sondern ist zugleich eine zeitliche Mauer: Zurück können die beiden Liebenden nicht mehr, und Melot, Tristans Freund, wird die beiden – trotz dieses Schutzwalls –  enttarnen.

Oper Frankfurt / Tristan und Isolde - hier : oben Rachel Nicholls als Isolde, Vincent Wolfsteiner als Tristan © Barbara Aumüller

Oper Frankfurt / Tristan und Isolde – hier : oben Rachel Nicholls als Isolde, Vincent Wolfsteiner als Tristan © Barbara Aumüller

Thomas Ansatz, das „Erhabene“ dieser aufwühlenden und letztendlich zum Scheitern verurteilten Liebe auf ein menschliches Maß zurückzuführen, gräbt den (menschlichen) Abgrund aller aber umso tiefer. Und der Wagnersche Text verlangt umso mehr nach umsetzbarer Darstellung. Tristan ist ein unbeholfener Mann, abweisend bis schroff, der die Liebe nicht sucht und Isoldes Wüten über seinen Verrat, erst ihren Verlobten getötet zu haben, um sie anschließend als Brautwerber zu König Marke zu führen, gar nicht begreift. Begreifen bedeutet ein grundsätzliches Problem für diesen Helden, doch nicht nur für ihn. Zu verstrickt ist er in seine eigene Lebensgeschichte, eine Todessehnsucht peinigt ihn, in den Tod will und wird ihm Isolde jedoch nicht folgen – trotz Liebestrank und anfänglichem Wunsch.

Das schwarze Rechteck, die Schiffsplanken, berühren den Boden nicht, es schwebt immer über ihm, wie auch das Verhältnis von Tristan und Isolde; nur langsam kommen sie sich näher, als der Liebestrank endlich wirkt und sie für das Publikum etwas verborgen, dem ersten Liebesüberschwang erleben. Brangäne hat die mitgeführten Zauber-Getränke vertauscht und etwas ist gekippt, das Rechteck ragt nun steil nach oben. Thoma beweist sicheres Feingespür für die kleinen Momente, es gelingt ihr die musikalische Zartheit in berührender Weise in Szene zu setzen: Ganz vorsichtig sind Hände oben auf dem Rechteck zu erkennen, tastend suchen sie nach der Hand des bzw. der Anderen – Tristan und Isolde haben sich gefunden, doch sie halten einander nicht, stattdessen werden sie zu Schiffbrüchigen, die sich verzweifelt an die Planken klammern.

 Oper Frankfurt / Tristan und Isolde - hier : Rachel Nicholls als Isolde, Claudia Mahnke als Brangäne; über sie gebeugt © Barbara Aumüller

Oper Frankfurt / Tristan und Isolde – hier : Rachel Nicholls als Isolde, Claudia Mahnke als Brangäne; über sie gebeugt © Barbara Aumüller

Das heimliche Liebesrauschen ist jedoch immer bedroht, die Aufdeckung nah, das inzwischen weiß gestrichene Boot – im dritten Aufzug ist es wieder schwarz –, Unschuld suggerierend, wird daran nichts ändern. Isolde hüpft im zart-rosa Jungmädchenkleid beglückt umher, Tristan hat währenddessen seine schwarze Lederjacke zugunsten einer Weste, weißem Hemd und Hose getauscht, seine ganze Haltung bedeutet mehr Selbstgewissheit – eine trügerische Heiterkeit strahlen sie aus. Vielleicht auch, weil sie uns heutigen Menschen darin gleichen, immer irgendwie aneinander vorbeireden bzw. singen. Was der eine anstrebt, wird die andere nicht fassen, die einzige Lösung wird und kann nur der Tod sein. Und Melot, der Vertraute Tristans, wird die vage Ahnung und zugleich reale Befürchtung Brangänes erfüllen, den Verrat aufdecken und sühnen.

Eine weitere fesselnde Szene ist mit dem Auftritt von König Marke verbunden. Als eine distinguierte Erscheinung in Mantel und Hut, tritt er an Tristan heran, dann sitzend, ihm gegenüber, um seine Enttäuschung Aug in Aug kundzutun, während dieser sich windet und alle anderen wie eingefroren verharren. Man hält den Atem an und spürt förmlich die Verletzung Markes, der sich selbst auf ein Wagnis mit der Ehe einließ, auch für ihn wird nichts mehr so sein wie zuvor –  alles ist ein einziger seelischer Scherbenhaufen, später kommt der echte hinzu.

Oper Frankfurt / Tristan und Isolde - hier : Andreas Bauer Kanabas als König Marke, Vincent Wolfsteiner als Tristan © Barbara Aumüller

Oper Frankfurt / Tristan und Isolde – hier : Andreas Bauer Kanabas als König Marke, Vincent Wolfsteiner als Tristan © Barbara Aumüller

König Marke – so hat ihn die Regisseurin als Figur angelegt – ist der Gegenentwurf zu Tristan. Andreas Bauer Kanabas spielt ihn beeindruckend, einnehmend, gepaart mit einem eindringlichen und schönen Bass, „sein“ Marke wird zur überragenden Gestalt.

Vincent Wolfsteiner verkörpert den auf sich selbst zurückgeworfenen Tristan und steigert sich im Laufe des Abends immer mehr. Seine Verzweiflung ob der viel zu früh verlorenen Eltern – schwarz und mit Masken treten sie stumm und wie Gespenster im dritten Aufzug auf –, seine Unfähigkeit überhaupt Beziehungen aufzubauen und zu pflegen, tritt hier anschaulich zutage. Das Rechteck liegt wie ein Trümmerhaufen unter ihm – wahrlich kein guter Ort zum Sterben, doch der äußere Ausdruck seiner Schwermut und Aussichtslosigkeit. Einzig die Musiker verbreiten etwas Trost, dafür hat Thoma zwei auf der Bühne auftreten lassen: Romain Curt, der gekleidet wie ein Klezmer-Musiker die traurige Weise anstimmt und Tristans Trümmerberg umkreist, und Matthias Kowalczyk nicht minder berührend die Holztrompete ertönen lässt.

Die beiden Baritone Christoph Pohl und Iain MacNeil überzeugen stimmlich wie darstellerisch. Pohl besitzt eine klare und deutliche Diktion, und ist als Tristans treuer Freund Kurwenal eine hervorragende Besetzung. Auch MacNeils forscher Melot hinterlässt einen bleibenden Eindruck. Claudia Mahnke als Brangäne erntet (nicht zu Unrecht) zusammen mit Andreas Bauer Kanabas den größten Applaus; ihr zuvor schon erwähnter Wächterruf geht unter die Haut, ihre Bühnenpräsenz ist immer ein Ereignis. Rachel Nicholls als Isolde überzeugt vor allem darstellerisch: Wie sie einsam – der tote Tristan entschwindet mitsamt seinem schwarzen Trümmerberg in das Dunkel der Hinterbühne – auf der leeren und hell erleuchteten Bühne singt, zeitlos in weißer Hose und Pulli, könnte sie auch als Filmdiva durchgehen. Nur in den Tod folgt sie Tristan nicht.

Die kleineren Nebenrollen waren ebenso gut besetzt; dazu gehören Michael Porter mit seinem schönen Tenor (ein junger Seemann zu Beginn), ebenso Tianji Lin (als Hirte im dritten Aufzug) und Liviu Holender (ein Steuermann). Für den satten Klang des  Männerchors war zuverlässig Chordirektor Tilman Michael verantwortlich. Nicht unerwähnt bleiben sollen die Musiker und Musikerinnen, die unter der Leitung von Lukas Rommelspacher für die Bühnenmusik zuständig waren. Es spielen Trompete: Friederike Huy, Michael Schmeißer und Peter Hársaniy (Gäste); Posaune: Christian Künkel und Andreas Weil (Gäste) sowie Rainer Hoffmann (Orchestermitglied); Horn: Pedro Rodriguez (Gast), Stef van Herten, Silke Schurack und Claude Tremuth (Orchestermitglieder) sowie Martin Walz (Gast).

Das Frankfurter Opern- und Museumsorchester – selbstverständlich steht GMD Sebastian Weigle am Pult – erwies sich als kongenialer Begleiter der Szenerie; zurückgenommen, jedoch ohne Klangverlust, nie flach werdend, keinem aufgeladenen und überbordenden musikalischen Rauschzustand sich hingebend, der ohnehin nicht zu dieser zurückgenommenen Inszenierung gepasst hätte. Auch bei Wagner kann der simple Spruch „weniger ist mehr“ zur Wahrheit werden. Weigle holte alle Orchestermitglieder auf die Bühne – nicht nur an diesem Abend haben sie es verdient, oben zu stehen und aus dem Zuschauerraum mit großem Applaus belohnt zu werden. Ihrer Leistung ist es ebenfalls zu verdanken, dass es ein durchaus gelungener und interessanter Premierenabend wurde – auch wenn in anderer Hinsicht die Meinung des Publikums geteilt war.

Tristan und Isolde an der Oper Frankfurt; die weiteren Termine 1.2.; 9.2.; 14.2.; 23.2.; 29.2.; 12.6.; 20.6.; 28.6.; 2.7.2020

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