Essen, Aalto Theater, Hans Heiling – Die Ruhrpott-Oper 22.06.2018

Juni 18, 2018 by  
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Aalto Theater Essen

Aalto Theater Essen / Hans Heilig - Jessica Muirhead als Anna © Thilo Beu

Aalto Theater Essen / Hans Heilig – Jessica Muirhead als Anna © Thilo Beu

Ruhrpott-Oper : Abschied vorerst vom Aalto-Theater

Hans Heiling Freitag, 22. Juni 2018, 19:30 Uhr letzte Vorstellung dieser Spielzeit.

 HIER: Die IOCO Rezension zu dieser Produktion

Erdgeister in Zechenkleidung, Familie Krupp und Bergmannskapelle: Heinrich Marschners romantische Oper Hans Heiling steht am Aalto-Musiktheater ganz im Zeichen des Abschieds von der Steinkohle-Ära Ende dieses Jahres. Am kommenden Freitag, 22. Juni 2018, um 19:30 Uhr (Einführung um 19 Uhr im Foyer) besteht zum letzten Mal in dieser Spielzeit die Gelegenheit, Andreas Baeslers mit viel Lokalkolorit versehene Inszenierung zu besuchen. Besonderer Höhepunkt: Im Anschluss an die Vorstellung wird Jessica Muirhead, Sopranistin im Aalto-Ensemble, vom Freundeskreis Theater und Philharmonie Essen mit dem Aalto-Bühnenpreis ausgezeichnet. Gestiftet wird das Preisgeld in Höhe von 5000 Euro von der Goldschmidt Thermit GmbH. Jessica Muirhead ist in der Rolle der Anna zu erleben, die mit Hans Heiling (Heiko Trinsinger), dem Sohn der Königin der Erdgeister (Rebecca Teem), verlobt ist. Die musikalische Leitung hat Frank Beermann.

Heinrich Marschners Zauberoper, uraufgeführt 1833 in der Zeit des Durchbruchs der industriellen Revolution, ist auch eine Reflexion über die Gesellschaft der Arbeiter und Bergleute sowie deren Lebensstrukturen. In ihren unterirdischen Gängen graben die Erdgeister nach Schätzen. Doch ihr König Hans Heiling hat anderes im Sinn: Er geht hinauf in die „obere Welt“, um seine magische Herkunft hinter sich zu lassen, zu heiraten und ein gewöhnliches Menschendasein zu führen. Wie lange kann das gut gehen?

—| Pressemeldung Aalto Theater Essen |—

Bad Salzuflen, Nordwestdeutsche Philharmonie, Wunschkonzert – Experiment mit starkem Ausgang, IOCO Kritik, 15.06.2018

Konzerthalle Bad Salzuflen am Sommerabend © Karin Hasenstein

Konzerthalle Bad Salzuflen am Sommerabend © Karin Hasenstein

Konzerthalle Bad Salzuflen

Nordwestdeutsche Philharmonie

Nordwestdeutsche Philharmonie  –  Wunschkonzert

 „Publikumswünsche werden wahr!”

Von Karin Hasenstein

Das Leben ist kein Wunschkonzert! Im Allgemeinen stimmt das: Aber Ausnahmen bestätigen die Regel und eine solche Ausnahme fand am 09.06.2018 in der Konzerthalle  Bad Salzuflen statt.

Die Nordwestdeutsche Philharmonie – die NWD – ist ein Verbundorchester, finanziell getragen durch mehrere Städte und Gemeinden, und hat ihren Sitz in Herford in Nordrhein-Westfalen.

Die NWD wurde 1950 als Städtebundorchester mit dem Auftrag gegründet, die Musiklandschaft in der Region Ostwestfalen-Lippe zum Blühen zu bringen. Heute spielen die 78 Musikerinnen und Musiker nicht nur in Konzertsälen zwischen Minden, Paderborn, Gütersloh und Detmold, sondern treten darüber hinaus bei zahlreichen Gastspielreisen im In- und Ausland in berühmten Häusern wie dem Concertgebouw in Amsterdam, der Tonhalle Zürich und dem Großen Festspielhaus in Salzburg auf. Neben Dänemark, Österreich, den Niederlanden, Italien, Frankreich, Spanien und Polen sorgte das Orchester mehrfach auch in Japan und den USA für ausverkaufte Konzertsäle.

Nordwestdeutsche Philharmonie © Sandra Kreutzer

Nordwestdeutsche Philharmonie – NWD © Sandra Kreutzer

Kein Wunder also, dass sich das Orchester seit seiner Gründung in seiner bald 70-jährigen Geschichte eine hervorragende Reputation in der Fachwelt und beim Publikum erarbeitet hat. Besonders die Jahre unter der künstlerischen Leitung des lettischen Dirigenten Andris Nelsons gaben dem Orchester vielfältige Impulse.

Rund 800 Musiktitel, vom Orchester eingespielt, finden sich im Archiv des Westdeutschen Rundfunks. Die NWD ist zu hören auf mehr als 200 Schallplatten- und CD-Einspielungen, so z.B. in einer eigenen CD-Edition mit Live-Aufnahmen aus großen internationalen Konzertsälen.

Aus Besuchern werden Freunde

In Zeiten knapper werdender öffentlicher Mittel stiegen einzelne Mitglieder aus dem Verbund aus, mit jedem Ausstieg wurde die Sorge um den Bestand des Orchesters größer, die Gefährdung des hohen künstlerischen Niveaus aber auch der Arbeitsplätze bedrohten die Existenz des Klangkörpers.

Damit genau das nicht geschah, engagierten sich treue Konzertbesucher für ihr Orchester. Mit 29 Gründungsmitgliedern gingen die NWD-Freunde 2012 an den Start, heute zählt der Freundeskreis 668 Mitglieder – Abonnenten, Konzertbesucher und Bürger aus ganz Ostwestfalen-Lippe, die begeistert hinter ihrem Orchester stehen und sich bei den Entscheidungsträgern der kommunalen Kulturpolitik für eine dauerhafte Existenz der NWD einsetzen.  Wer so gute Freunde hat, der gibt gerne etwas zurück. So entstand die Idee, sich beim Freundeskreis für dessen Unterstützung mit einem Konzert zu bedanken.

 Das NWD Orchester bereitet sich vor © Wilfried Brokmeier

Das NWD Orchester bereitet sich vor © Wilfried Brokmeier

Nun ist ein Wunschkonzert an sich auch nichts Spektakuläres. Das Besondere hierbei ist jedoch, dass das Programm für diesen Abend erst unmittelbar vor dem Konzert, buchstäblich Minuten vor Beginn, zusammengestellt wurde.

Das Publikum konnte aus über 50 Werken, darunter allein 46 Symphonien, auswählen. Die Punktevergabe wurde teils amüsiert, teils besorgt von Mitgliedern des Orchesters beobachtet, wusste doch keiner, was er gleich auf dem Pult liegen haben würde!

Die Auswahl aus den so ermittelten Wunschnummern wurde von Dirigent Frank Beermann und Mitgliedern des Orchesters auf ein Maß zusammengeführt, das schon allein zeitlich über den Rahmen eines „normalen” Symphoniekonzertes hinausging. Damit trotzdem möglichst viele der Publikumswünsche erfüllt werden konnten, wurde aus jeder Symphonie ein Satz ausgewählt.

Die Spannung im Orchester und im Publikum war im Saal deutlich zu spüren, als Frank Beermann ans Pult trat. Beermann studierte an der Hochschule für Musik in Detmold und war als Kapellmeister am Staatstheater Darmstadt und am Theater Freiburg tätig. Von 1997 bis 2002 hatte er einen Residenzvertrag mit der Hamburgischen Staatsoper und war als Gast an der Deutschen Oper Berlin, der Königlichen Oper Stockholm, der Oper Bonn und der Oper Marseille tätig.

NWD bei der Probe © Wilfried Brokmeier

NWD bei der Probe © Wilfried Brokmeier

Beermann, der dem Orchester seit langem verbunden ist, erklärte den Zuhörern, dass es seines Wissens ein solches Format noch nie gegeben hat, wobei ein Orchester auf die Bühne geht, ohne zu wissen, was es spielen wird und.

Alle Beteiligten erwartete also ein Experiment mit offenem Ausgang. Anstatt wochenlanger intensiver Proben gab es keine Absprachen oder Ansagen hinsichtlich Tempi, Dynamik oder wie viele Wiederholungen gespielt werden. Welches Maß an Konzentration und Disziplin das erfordert, mag der geneigte Leser sich selbst ausmalen.

Beermann hatte elf Nummern ausgewählt. Wie praktisch, dass auch Opern-Ouvertüren auf der Liste standen und so eröffnete er das Konzert mit der Ouvertüre zu Le Nozze di Figaro von Wolfgang Amadeus Mozart.

Noch auf Sicherheit dirigierend versicherte Beermann dem Publikum: „Ich schwöre, nichts ist geprobt! Aber es macht Spaß!” Dieser Spaß war ihm deutlich anzumerken; ob er in diesem Moment für alle Musiker sprach, ließ sich nur erahnen.

Gewiss handelte es sich bei der großen Auswahl um Repertoirestücke, die viele Mitglieder häufig im Konzert gespielt haben, jedoch nicht jeder Einzelne und vielleicht auch der Eine oder Andere schon länger nicht mehr. Selbst Beermann bekannte, dass er an diesem Abend Stücke zum ersten Mal dirigierte – “Welche das sind, verrate ich Ihnen nach dem Konzert. Vor allem dem Orchester sage ich das hinterher…!

Nicht nur die Musiker hatten an diesem Abend Besonderes zu leisten, auch die Arbeit der Orchesterwarte stellte eine logistische Herausforderung dar, mussten doch für über 50 Werke die Noten für alle Musiker transportiert werden. So erklärte sich auch die Auswahl, denn viele Noten werden speziell von den Verlagen entliehen, was mit hohen Kosten verbunden ist. Daher spielte die NWD hier in erster Linie aus Archivmaterial. Für Beermann bedeutete das, dass er “weiße” Partituren vor sich liegen hatte, nicht eingerichtete Noten ohne Markierungen. Eine weitere Besonderheit, auf die sich wohl nicht jeder Dirigent einlassen würde und die ein hohes Maß an Erfahrung erfordert.

Es folgten zwei Stücke aus der Peer-Gynt-Suite Nr. 1von Edvard Grieg, Morgendämmerung und In der Halle des Bergkönigs. Während draußen die Sonne langsam unterging, sorgte die Morgendämmerung im Saal für die ersten zauberhaften Momente, als das berühmte Thema in der Flöte erklang, von der Klarinette aufgenommen wurde und die Naturbeschreibung in der großen Streicherbesetzung den Saal erfüllte. In der Halle des Bergkönigs hört man seine Schritte im Pizzicato der tiefen Streicher, die Violinen nehmen das Thema auf und steigern sich in Tempo und Dynamik beinahe halsbrecherisch. Erste Begeisterungsstürme brechen sich im Publikum Bahn.

Es folgt der 1. Satz aus Beethovens Symphonie Nr. 6 F-Dur op. 68  –  Pastorale

Beermann kommentiert launig: „Es gibt so viele interpretatorische Ansätze, damit kann man sich nur blamieren!” Dass die NWD genau das nicht tut, beweist, auf welch hohem Niveau und mit wie viel Erfahrung hier musiziert wird. Besonders positiv fallen hier die Holzbläser auf. Mit einer einzigen kurzen Ansage „bitte ohne ritardando!” wiederholt Beermann den Anfang, welcher perfekt gelingt.

Felix Mendelssohn Bartholdy © IOCO

Felix Mendelssohn Bartholdy © IOCO

Als folgt der 1. Satz aus der 4. Symphonie von Felix Mendelssohn-Bartholdy, Die Italienische.

Auch hier eine einzige Ansage „ohne Wiederholungen!” und die Holzbläser erfreuen mit großer dynamischer Differenziertheit. Das Thema lässt sich transparent durch die Stimmen verfolgen, die Konzentration bei Dirigent und Orchester ist außerordentlich hoch. Allerdings auch im Publikum, versucht doch jeder, die Musiker wenigstens bei einem klitzekleinen Fehler zu ertappen.

Beermann kommentiert das Abstimmungsverhalten mit viel Humor: „Ich habe Sie beim Kleben (der Punkte) beobachtet. Da klebt einer 10 Punkte bei Bruckner 4 – warum nicht?! Wir machen das schon! An dieser Stelle möchte ich Ihnen ein Kompliment machen für Ihren sehr differenzierten Geschmack!”

Es folgt dann aber nicht Bruckner 4, sondern Schumann 1, B-Dur, op. 38, auch Frühlingssymphonie genannt, der 1. Satz: Andante un poco maestoso – Allegro molto vivace.  Die meisten Punkte erhielt, man ahnte es schon bei der Abstimmung, Antonin Dvoráks Symphonie Nr. 9 e-Moll, op. 95  – Aus der Neuen Welt -.

Hier hat sich Beermann für den Schlusssatz entschieden, Allegro con fuoco. Von großer symphonischer Besetzung wird das marschartige Hauptthema vorgetragen, das von der Neuen Welt kündet. Das folgende Klarinetten-Thema drückt die Sehnsucht des Komponisten nach seinem Vaterland aus. Beermann wählt ein rasantes Tempo, Agogik und Dynamik erfordern wiederum höchste Konzentration im Orchester und mit diesem klanglichen Leckerbissen schickt ein sichtlich glücklicher Dirigent Orchester und Publikum in die Pause.

Die Begeisterung des Publikums ist in den Pausengesprächen allgegenwärtig zu spüren. Selbst weniger erfahrenen Konzertgängern dürfte klar geworden sein, dass sie hier Zeuge einer außergewöhnlichen Leistung sind.

Mit frischem Hemd und in bester Laune tritt Beermann nach der Pause ans Pult und verkündet den Zuhörern: „Meine Damen und Herren, ich hätte nicht für möglich gehalten, dass das hier machbar ist!

Obwohl Bruckners 4. Symphonie die entsprechende Punktzahl erreicht hat, bittet er um Verständnis, dass sie an diesem Abend nicht erklingt: „Allein der erste Satz dauert schon 18 Minuten, dann sitzen wir noch um Mitternacht hier!” Der spontane Beifall im Publikum macht deutlich, dass zumindest der Eine oder Andere nichts dagegen hätte.

Wolfgang Amadeus Mozart in Wien © IOCO

Wolfgang Amadeus Mozart in Wien © IOCO

So aber leitet die Ouvertüre zu Mozarts  Don Giovanni den zweiten Teil des Abends ein. Es folgt aus der Symphonie Nr. 94 in G-Dur Mit dem Paukenschlag von Joseph Haydn der 2. Satz, Andante.

Eine kurze Anfrage aus den Violinen bezüglich etwaiger Wiederholungen bescheidet Beermann zur Freude des Publikums positiv: „Wiederholungen? Sind da drin! Wir müssen die alle spielen!” Dem beinahe kinderliedhaften Anfang im ppp folgt bald der berühmte Paukenschlag. In der Wiederholung wird das Thema in Moll verarbeitet. Auch hier ist zu spüren, dass Beermann auf Sicherheit dirigiert.

Mit Franz Schuberts Symphonie Nr. 8 h-Moll, D 759, genannt Die Unvollendete hat das Publikum ein weiteres Schwergewicht der Konzertliteratur erwählt. Diese Stücke sind so schwer zu spielen, gerade weil sie jeder kennt, beziehungsweise zu kennen glaubt. Die Unvollendete ist eine zweisätzige Symphonie, es existieren nur wenige rudimentäre Bruchstücke zu einem 3. Satz.

Der ruhige zweite Satz, Andante con moto, steht gemäß der Tradition im Kontrast zum dramatischen ersten und steht mit E-Dur in der Dur-Variante der Subdominante, was ihn vom finsteren h-Moll des ersten Satzes abhebt. Das Tempo ist ruhig fließend. Sowohl in dem getupften Pizzicato der Bässe als auch im Thema der Flöten und Hörner erfreuen die Stimmen mit großer Präzision und erstklassiger Intonation. Hier ist das Entscheidende das, was zwischen den Zählzeiten liegt. Das Stück atmet eine große Ruhe.

Das NWD Orchester © Sandra Kreutzer

Das NWD Orchester © Sandra Kreutzer

Ein Wunschkonzert ist immer auch ein bisschen wie Eintopf und so folgt als Kontrast zu Schubert der Schlusssatz (Allegretto grazioso, quasi Andantino) aus der 2. Symphonie von Johannes Brahms, D-Dur, op. 73.  Hier vermittelt sich in der Coda durch die Holzbläser-Dominanz besonders gut die Energie der Komposition.

Wer glaubt, dies sei nicht zu steigern, wird eines Besseren belehrt: Mit dem Rücken zum Publikum „Können Sie mal applaudieren, damit ich weiß, dass Sie noch da sind?” verschafft Beermann sich und dem Orchester eine kleine Verschnaufpause vor dem letzten Stück des Abends.

Als großes Finale erklingt der 3. Satz aus der Symphonie Nr. 6  Pathétique in h-Moll op. 74 von Pjotr Iljitsch Tschaikowsky.

Der für Symphonien ungewöhnliche langsame Schlusssatz ist charakteristisch für dieses Werk, dessen Ende an ein Requiem erinnert. Der Komponist selbst betrachtete die Pathétique als sein wichtigstes Werk. Sie wurde unter seiner eigenen Leitung in St. Petersburg uraufgeführt, neun Tage vor seinem Tod und fand bei der Uraufführung nur wenig Beachtung. Den späteren Siegeszug der Symphonie erlebte Tschaikowsky nicht mehr.

Beermann holt noch einmal alles aus dem Orchester heraus. Die große Streicherbesetzung breitet einen satten Klangteppich unter dem wiederum erfreulich präzisen Blech aus, sämtliche Punktierungen und Synkopen sind exakt zu hören. Die Symphonie endet in einem h-Moll-Akkord der tiefen Streicher.

Nach fast drei Stunden Musik bedankte sich das begeistere Publikum bei „seinem” Orchester mit lang anhaltendem frenetischem Beifall. Es war ein besonderer Abend mit einem sehr besonderen Programm, das in dieser Form so nie wieder in einem Konzert erklingen wird.

Jeder einzelne Musiker hat an diesem Abend ein Höchstmaß an Konzentration, Disziplin und Musikalität aufgeboten, wodurch dieses außergewöhnliche Format zu einem Erfolg werden konnte.

Das Experiment „Wunschkonzert” ist geglückt!

So entließ die Nordwestdeutsche Philharmonie ein beglücktes und beschwingtes, vor allem aber dankbares Publikum in die laue Sommernacht. Einzig ein Geheimnis hat Frank Beermann nicht mehr gelüftet: welches Stück er an diesem Abend zum ersten Mal dirigiert hat. Aber das war nach diesem musikalischen Marathon auch nicht mehr wichtig.

—| IOCO Kritik Nordwestdeutsche Philharmonie |—

Essen, Aalto Theater, Hans Heiling von Heinrich Marschner, IOCO Kritik, 23.05.2018

Mai 23, 2018 by  
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Aalto Theater Essen

Aalto-Theater-Essen © IOCO

Aalto-Theater-Essen © IOCO

HANS HEILING – Romantische Oper von Heinrich Marschner

           – Endspiel der Ruhrgebietsbarone –

Von Albrecht Schneider

Haareschneiden und Tortebacken: sprich Friseur und Konditor gelten zu Recht als rechtschaffene Berufe. Freilich fehlt ihnen jener Nimbus, der dem genauso rechtschaffenen des Bergmannes anhaftet. Dessen Arbeitsplatz entzieht sich den Blicken der Normalbürgerlichen, da er tief unter der Erdoberfläche liegt. „Untertage“ ist der sinnige Begriff für den geheimnisvollen wie bedrohlichen Ort, vor dem der Kumpel die Kohle aus dem Gestein schlägt. Und woher sein Rang als besonderer Malocher rührt.

Aalto Theater Essen / Hans Heiling - hier : v.o. Rebecca Teem, Königin der Erdgeister und Jessica Muirhed als Anna © Thilo Beu

Aalto Theater Essen / Hans Heiling – hier : v.o. Rebecca Teem, Königin der Erdgeister und Jessica Muirhed als Anna © Thilo Beu

Dieses Schauplatzes hat sich die Romantik um die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert bemächtigt. Allerdings weniger um den Abbau von Erdschätzen zu poetisieren, vielmehr eignete sich dessen Finsternis und Abgründigkeit trefflich als Sinnbild für Außerweltlichkeit und zudem die dunklen Tiefen der menschlichen Seele. Des Dichters Novalis >Heinrich von Ofterdingen< stößt in einem Bergwerksstollen auf eine Schrift seiner gegenwärtigen wie künftigen Lebensgeschichte, ohne sie entziffern zu können, und für E.T.A. Hoffmanns Jüngling >Elis Fröbom< bietet das Bergwerk von Falun zugleich höchste Beglückung und tiefsten Jammer; es reflektiert den wirren, schier somnambulen Gemütszustand einer hochromantischen, sehr „hoffmannesken“ Figur.

 – Der Berg ruft nicht mehr –

Mit dem Einzug des Christentums im Germanenland hatten die alten Götter ihr Aufenthaltsrecht bei den Menschen verspielt, weshalb aus diesem Ensemble die Liebesgöttin Venus in den Hörselberg emigrierte. Bei ihr wohnte später bekanntlich eine Zeitlang der Sänger Tannhäuser, den sein lüsternes Fleisch aufgrund kurzfristiger Suspendierung frommerer Denkarten dorthin getrieben hatte. Von Richard Wagner wurde dessen Glück und Elend in Musik gesetzt. Der Sage nach wartet auch Kaiser Barbarossa tief im Berg Kyffhäuser bald ein Jahrtausend auf den Ruf zur Rettung des deutschen Vaterlandes, weswegen ihm mittlerweile ein sehr, sehr langer Bart gewachsen ist. Eigentlich nimmt es Wunder, wie eine nach vorgestern sich sehnende und hinstrebende Politik mit ebenfalls langem Bart ihn nicht längst zu nämlichem Zwecke herbeibefohlen hat.

Aalto Theater Essen / Hans Heiling - hier : Heiko Trinsinger als Hans Heiling © Thilo Beu

Aalto Theater Essen / Hans Heiling – hier : Heiko Trinsinger als Hans Heiling © Thilo Beu

Nicht Wunder nimmt es, wenn seinerzeit ein demgemäßer Stoff den Musiker Heinrich Marschner (1795–1861) zu der Oper Hans Heiling anregte. Der Komponist amtiert in der Musikhistorie als der Platzhalter zwischen den Großköpfen C.M. v. Weber und Richard Wagner. Wie ein „abgebrochener Riese“ wirke er, hat einmal leicht spitz der Philosoph Ernst Bloch geschrieben. Die Bezeichnung „Kleinmeister“ wird ihm wohl eher gerecht. Er schrieb an die zehn Opern, gekonnte Kapellmeistermusik, bisweilen durchaus von eigener musikszenischer Qualität, aber letztlich stand und steht er immer im Schatten seines Vorbildes und Vorgängers in Dresden C.M. von Weber.

Der Namensträger seines bekanntesten Opus’, Hans Heiling, ist Mitregent im Reich seiner dominanten Mutter, der Königin aller Erdgeister, die tief unten im Gebirge herrscht, und wo in ihrem Dienst jene emsigen Spukgestalten Edelsteine und Erze aus dem Berg hacken. Ihren Boss Hans indessen zieht es neuerdings an die Erdoberfläche, weil es ihm dort nach der schönen Anna gelüstet. Das Fräulein ist ihm versprochen, und mit ihr als Ehefrau möchte er fortan das der Wissenschaft gewidmete stille Leben eines Privatgelehrten führen. Seine Mutter hingegen mitsamt der unterirdischen Belegschaft will den Kronprinzen keinesfalls missen, weshalb sie ihn alle vehement zum Verzicht auf derlei kontraproduktive Absichten drängen. Vergeblich. Er bleibt stur und verlässt das dunkle Reich zugunsten einer lichten Gelehrtenstube. Seine Verbindung mit der Gattin in spe entwickelt sich ganz und gar nicht nach seinem Geschmack: diese ist der Heiterkeit des Dasein und darüber hinaus auch noch dem jungen Konrad, einem wesentlich fideleren Jägerburschen, mehr zugetan, als es ihrer ohnehin nicht sonderlich innigen Beziehung zu dem etwas philiströsen Erdgeistköniginnensohn dienlich wäre. In die mischt sich überdies seine Mutter ein, indem sie gemeinsam mit ihrer Geisterscharen der darob verschreckten Anna üble Tage prophezeit, sofern diese nicht den Herrn Sohn umgehend >aus dem Netz der Liebeszauberei< lösen sollte.

Aalto Theater Essen / Hans Heiling - hier : Jessica Muirhead als Anna und der Opernchor © Thilo Beu

Aalto Theater Essen / Hans Heiling – hier : Jessica Muirhead als Anna und der Opernchor © Thilo Beu

Der in sie vernarrte Geisterfürst Heiling will mitnichten von der Braut lassen, muss aber nach verbalen wie handgreiflichen Balgereien mit den Einheimischen erkennen, dass ihm Konkurrent Konrad bei der Jungfrau längst den Rang abgelaufen hat. Schwer gekränkt wegen der desertierten Verlobten zitiert er seine alten Gebirgsdämonen zu sich und stimmt sie auf Heimzahlung der Schmach ein. Bloß bevor er auf seinem Rachefeldzug sein Mütchen an den gerade getrauten Anna und Konrad zu kühlen vermag, erscheint die Geisterfürstin und gebietet Mäßigung. Der brave Filius Hans Heiling gehorcht, entsagt der Ehe wie der Rache und verschwindet für immer im Berg, das junge Paar in einer friedfertigeren Zukunft. Die leidvolle Affäre hat ihr Happy End.

Des Industriezeitalters Energie lieferte von Anfang an die Kohle. In diesem Jahr 2018 geht deren Abbau im Ruhrgebiet mit der Schließung der letzten zwei Zechen definitiv zu Ende. Von ihr verabschiedet sich das Revier allenthalben mit ihr gewidmeten Ausstellungen. So auch in Essen.

Für das einheimische Aalto-Musiktheater mag dieses Finale mit ein Grund dafür gewesen sein, die Partitur Hans Heiling hinten aus dem Archiv  zu holen und die alte böhmische Sage zeitnah als Blick auf das Tun und Lassen einer Industriellenfamilie zu inszenieren. Aus dem banal biedermeierliche Libretto des Sängerschauspielers Eduard Devrient (1801-1877) formt der Regisseur (Andreas Baesler) durch Wort (Hans-Günter Papirnik), Bild (Harald B. Thor), Kostüm (Gabriele Heimann) und Licht (Stefan Bolliger) einen teils wehmütigen, teil heiteren, jedenfalls stets stimmigen Abgesang auf Arbeit, Herrschaft, Architektur, Kultur und eben solche „Typen“, die gemeinsam des Reviers, des (Ruhr-) Potts Charakter bestimmten. Und, wenngleich reduziert, noch bestimmen.

Da wir nun einmal in dessen Hauptstadt, in Essen, sind, findet das Vorspiel der Oper in einem der Villa Hügel, dem hiesigen Stammsitz der Kruppdynastie, nachempfundenen Interieur statt. Der Konzernherr Hans Heiling (Heiko Trinsinger) will das Unternehmen verlassen, um das Mädchen Anna von einfacher Herkunft zu ehelichen. Das geht seiner Mutter, der Patriarchin der Firma (Rebecca Teem, in Maske und Gestus eine Kopie der seligen, einst einflussreichen und mitbestimmenden Berta Krupp), gehörig wider den Strich. Und die übrige Führungsetage mault im Chor mit den Kumpels seinetwegen nicht minder heftig. Allein der Verliebte ist von dem Vorhaben nicht abzubringen und macht sich auf den Weg in das neue Leben.

Die Reise dorthin vollzieht sich musikalisch in der Ouvertüre. (Diese erst dem Prolog folgen zu lassen, war eine dramaturgische Erfindung Heinrich Marschners). Nach deren Ende empfängt der Hans in einem schicken Salon der Fünfzigerjahre Braut Anna (Jessica Muirhead) und die zukünftige Schwiegermutter Gertrude (Bettina Ranch). Letztere offenbart sich als eine gleichermaßen mächtige Übermutter, die aus wohlverstandenen ökonomischen und sozialen Gründen das Verlöbnis um nichts in der Welt scheitern sehen möchte.

Nur will das Verhältnis zwischen dem Großindustriellen und dem Kleinbürgerfräulein ebenso wenig recht gedeihen wie das ursprüngliche zwischen dem Menschenmädchen und dem Erdgeisterkönig. Auch jetzt kommt ihm der Jüngling Konrad (Jeffrey Dowd) ins Gehege, das er eigentlich ausschließlich mit seiner Herzensdame bewohnen möchte. Auch jetzt sind letztlich die zwei Sphären, einst das gefährlich Dämonische und das harmlos Irdische, nunmehr die der gesellschaftlichen Macht und die der Ohnmacht, nicht miteinander vereinbar.

Aalto Theater Essen / Hans Heiling - hier :  Bergwerksorchester Consolidation Geslsenkirchen © Thilo Beu

Aalto Theater Essen / Hans Heiling – hier : Bergwerksorchester Consolidation Geslsenkirchen © Thilo Beu

Ausgetragen wird der Dissens weit weg von den Originalschauplätzen wie Erdinnerem, Schenkengarten, wilder Gebirgsgegend und Bergkapelle. Stattdessen nachgerade in der Kapitalistenvilla und auf der Zeche, im Stadtpark, und in der Wohnküche mit Schwarzweißtelevision und Kohlenherd. Zuletzt dann auf einem Grubengelände mit Förderturm als Hintergrundprospekt.

Das sind alles jeweils wunderbar stimmige Bilder. Milieugerecht, wenn eine Bergmannskapelle (siehe Foto, Bergwerksorchester Consolidation) in der Waschkaue der Zeche das Steigerlied intoniert oder sich in Gertruds Küche Heiling und Konrad fetzen, gar gespenstisch, wenn im vernebelten Stadtpark Clanchefin Berta „dat Anneke“ mit Drohungen zwingen möchte, ihren Hans laufen zu lassen. Dem ist mittlerweile klar geworden, dass ihm die Braut abhanden gekommen ist, doch die Schmach will er nicht auf sich sitzen lassen. Im großen Finale, nach der Trauung Annas und Konrads, macht er Anstalten, sie zu erschießen, einzig die beizeiten anrückende Mutter Berta weiß das zu verhindern. Seelisch und körperlich zerrüttet, sinkt er entkräftet und entnervt zu Boden, vermag indessen noch die zuvor ausgelegten Sprengsätze zu zünden. Im Hintergrund stürzt der Förderturm, fällt das Grubengebäude in sich zusammen. Aus ist es mit dem Bergbau. Und mit dem Hans Heiling. Mitnichten ein Happy End.

Dirigent Frank Beermann lockt mit den allzeit wachen und vortrefflich aufspielenden Essener Philharmonikern aus der von Einfällen nicht gerade überlaufenden und nicht unbedingt farbenreichen Partitur alles das heraus, was darinnen steckt. Und, wie man zu hören meint, auch manches mehr. Das Primat der SängerInnen lässt er unangetastet, von ihnen allen wird exzellent gesungen und mit Verve gespielt. Ein perfektes Solisten-ensemble, in das sich der Chor gleichrangig einfügt.

Mit Ausstieg und Fall des Hans Heilung gedenkt das Aalto Theater zu Essen des Endes der Zechen und des Exitus ihrer Dynastien.   Der Gruß GLÜCKAUF wird bleiben.

—| IOCO Kritik Aalto Theater Essen |—

Minden, Stadttheater Minden, Siegfried von Richard Wagner, IOCO Kritik, 11.10.2017

Oktober 12, 2017 by  
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Stadttheater Minden 

Stadttheater Minden © Stadttheater Minden

Stadttheater Minden © Stadttheater Minden

Wagner-Wunder in Ost-Westfalen.

Siegfried von Richard Wagner am Stadttheater  Minden

Von Guido Müller

Richard Wagner Büste in Bayreuth © IOCO

Richard Wagner Büste in Bayreuth © IOCO

Seit 2015 wird am Stadttheater Minden, der Weserstadt, Richard Wagners Der Ring des Nibelungen durch dasselbe Team mit wesentlicher Unterstützung des Richard Wagner Verbandes Minden, der Nordwestdeutschen Philharmonie und zahlreicher regionaler Mäzene und Sponsoren erarbeitet. Treibende Kraft hinter diesem Mammut-Projekt und die Gesamtleitung liegt bei Frau Dr. Jutta Hering-Winckler vom Mindener Wagner Verband.

Diese großartige Initiative ostwestfälischen Bürgersinns und vor allem die sensationell gute Qualität der Aufführungen fand schon breite große positive Beachtung in den Feuilletons und auch überregionalen Medien. Auf Rheingold 2015 und Die Walküre 2016 folgte in sieben Vorstellungen – einschließlich der Generalprobe als Schulvorstellung-  Siegfried 2017, der dritte Abend der Tetralogie.

Vor allem musikalisch ist die besuchte vorletzte Vorstellung ein Ereignis. Dazu trägt neben der vorzüglich präzise, leidenschaftlich und die großen Bögen musizierenden Nordwestdeutschen Philharmonie unter dem langjährigen Chefdirigenten an der Oper Chemnitz und Wagner-Spezialisten Frank Beermann stark der Sänger der Titelpartie bei. Thomas Mohr singt und spielt den Siegfried in dieser Vorstellung nicht nur. Er verkörpert mit allen Fasern seiner Persönlichkeit und mit seinen enormen stimmlichen Möglichkeiten den jungen Pubertierenden auf dem Weg zum Erwachsen werden in allen Facetten bis zum Erwachen der Sexualität an der Seite Brünnhildes.

Stadttheater Minden / Siegfried © Friedrich Luchterhandt

Stadttheater Minden / Siegfried © Friedrich Luchterhandt

Die erwachende Frau auf dem von Feuer umgürteten Felsen, das der junge Furchtlose durchschritten hatte, hält der junge Siegfried ja zunächst in einem der vielen durch die kunstvolle, psychologisch fein ziselierte Regie vom Altmeister Gerd Heinz zugleich urkomischen undtief berührenden Momente für seine Mutter. Äußerlich entspricht Thomas Mohr zunächst kaum dem Klischee des tumben, muskelbepackten germanischen blonden Drachentöters. Um somehr kann Mohr die Rolle in den psychischen Facetten frei und fein ausspielen und auch alle komischen Aspekte darstellen, die dem Regisseur Gerd Heinz ein ganz besonderes Anliegen in diesem drittenTeil der Tetralogie sind.

Richard Wagner hielt diesen Ring-Abend für sein publikumswirksamstes und unterhaltsamstes, gar sein populärstes Einzelwerk. Das Werk enthält zudem im Rahmen der vier Teile viele Elemente eines Scherzos. Der Rezensent gesteht gerne, dass er sich hier der Meinung des Bayreuther Meisters anschließt.

Gerd Heinz legt großen Wert auf eine möglichst realistische und textnahe Darstellung. Die einzigen Verfremdungen liegen eigentlich in zwei Elementen: er verlegt die Handlung und Kostüme ins 19.Jahrhundert, nachdem er Rheingold und Walküre in frühere Jahrhunderte angesiedelt hatte (praktikables variables Bühnenbild mit dem großen umgreifenden Ring und geschmackvolle Kostüme: Frank Philipp Schlößmann). Zudem sind Gerd Heinz die komischen und märchenhaften Elemente dieser Oper besonders wichtig.

Stadttheater Minden / Mime am Amboss_ Dan Karlström © Friedrich Luchterhandt

Stadttheater Minden / Mime am Amboss_ Dan Karlström © Friedrich Luchterhandt

Noch bedeutsamer für die Optik dieser Inszenierung, wie bereits in den zwei voraus gehenden Teilen des Rings, spielt das große Ring-Orchester, das im schönen Jugendstil-Theater von Minden nicht in den Orchestergraben passen würde, auf der Hinterbühne mehr oder weniger stark angeleuchtet hinter einem Gazevorhang. Auf diesen durchsichtigen Vorhang werden immer wieder Videos mit sichbewegenden Symbolen des Rings und Muster zur weiteren Erklärungprojeziert (sehr ansprechende und nicht vordergründige Videogestaltung: Matthias Lippert).

So ist fast während der ganzen Oper das Orchester zu sehen. Dies steht allerdings den ursprünglichen Absichten Wagners vom unsichtbaren Orchester entgegen, wie er es im Bayreuther Festspielhaus realisierte. Erst während des intimen großen Schlussduetts der Oper verschwindet das Orchester hinter dem Vorhang fast ganz im Dunkel

Damit sucht diese Produktion sicher vor allem die enorme Rolle herauszustellen, die das große vielstimmige und vielfarbige Orchester gerade auch im Siegfried im Zwiegespräch auch mit dem Gesang spielt. Zugleich ist es sängerfreundlicher, wenn die Sänger näher an der Rampe und dem Publikum singen als hinter oder über das Orchester hinweg, teilweise sogar auf Wendeltreppen, Aufbauten vor dem Bühnenportaloder von Seitenbalkonen. Das unterstützt auch die Textverständlichkeit und Spielnähe in vielen Szenen. Allerdings wird diese Stellung des Orchesters auf der Hinterbühne möglicherweise akustische Probleme für die Besucher oben und hinten auf den beiden Rängen bedeuten, die ich von meinem vorzüglichen Platz in der sechsten Reihe des Parketts aus nicht beurteilen kann.

Zudem steht der Dirigent mit dem Rücken zum Geschehen, so dass vor allem über Gehör und Bildschirme der Kontakt zu den Sängern besteht. Doch nichts wackelt in der Koordination. Hier macht sich die große Routine und Erfahrung von Frank Beermann mit Wagner-Opern bereits seit 2002 in Minden bemerkbar. Auch als musikalischer Chef am Opernhaus Chemnitz von 2007 bis 2016 wuchs er zu einem der „besten Wagner-Dirigenten unserer Zeit“ (Eleonore Büning 2015)  heran.

 Stadttheater Minden / Siegfried - hier Oliver Zwarg ist Alberich © Friedrich Luchterhandt

Stadttheater Minden / Siegfried – hier Oliver Zwarg ist Alberich © Friedrich Luchterhandt

Der Sänger der Titelpartie des Siegfried Thomas Mohr gab in Minden sein Debüt in dieser Rolle. Während des ersten Aufzugs dieser sechsten und vorletzten Vorstellung des Mindener Siegfried-Marathons bemerkte ich, dass irgend etwas nicht ganz so stimmen kann, wie ich es von den stimmlichen Möglichkeiten diesen immer sehr intelligent und wortdeutlich interpretierenden, äußerst differenziert und strahlend frisch singenden großartigen Wagner-Tenors kenne.

Als Siegmund und Parsifal u.a. an den Opernhäusern von Halle (Saale) und Leipzig konnte ich ihn schon mit glänzenden Erfolgen bei Publikum und Kritik erleben. Und ich gestehe, er war der Hauptgrund meiner Reise zum Stadttheater Minden. Aber die Stimme klang leicht belegt und immer wieder suchte der Sänger im munteren Spiel des ersten Aufzugs mit Mime und am realistisch bedienten Blasbalg am rechten Bühnenrand, im Feilen und Schmieden des Schwertes Nothung am Amboss den Blick zum Dirigenten.Vor dem zweiten Aufzug wurde Thomas Mohr dann angesagt, dass er unter einem jahreszeitlich bedingt starken Infekt leide. Trotz starker Medikamente sei er indisponiert. Doch ab jetzt schien der Druck auf den Sänger genommen. Frei und besonders schön sang der Tenor nun gerade die mir besonders lieben lyrischen Stellen des zweiten Aufzugs,so dass sich  der berühmte Gänsehauteffekt einstellte.

Stadttheater Minden / Siegfried - 2. Aufzug © Friedrich Luchterhandt

Stadttheater Minden / Siegfried – 2. Aufzug © Friedrich Luchterhandt

Sichtlich gilt auch dem Charaktertenor Thomas Mohr die besondere Zuneigung diesem, im Vergleich zum ersten Aufzug mit den berüchtigten Schmiedeliedern weniger heroischen zweiten Aufzug voller Naturpoesie. Nur einmal hatte ich eine Schrecksekunde, als die Stimme leicht weg brach. Doch vielleicht war dies auch nur ein Moment der großen emotionalen Rührung, der auch Siegfrieds Monologe in diesem Aufzug ähnlich wie sein Gefühl der großen Einsamkeit und Verlassenheit nachder Ermordung Fafners und Mimes auszeichnet. Hier hat Thomas Mohr seine größten Augenblicke an diesem Abend wie später im Duett mit Brünnhilde.

Es ist faszinierend, wie Thomas Mohr diese Partie mit enormer Kraft, Konzentration, Differenzierung und Professionalität bis zum Ende dessich ins Hymnische steigernden Schlusses des Liebesduetts mit Brünnhilde gesungen und gestaltet hat. Über den Tenor der Uraufführung zitiert das Programmheft aus den Tagebüchern Cosima Wagners in einer erstaunend lächelnd machenden Parallele: „Siegfried geht gut vonstatten, man will behaupten, daß Herr Betz gar nicht heiser gewesen! Solche Wesen mögen andere ergründen,wir verstehen sie nicht.“

Thomas Mohr ebenbürtig seine Kollegen, unter denen ich zunächst den herausragenden finnischen Tenor Dan Karlström vom Opernhaus Leipzig als Mime nennen muss, der die Rolle nicht nur fein und eherkomisch als hinterlistig oder lächerlich, eher anrührend und als intellektuellen Tüftler denn heimtückisch und blöd spielt und wirklich belcantös singt. Sein Bruder und Schwarz-Alberich Oliver Zwarg hingegen besitzt die ganz große dunkle Dämonie und brutale stimmliche Eruption des sozial Ausgestoßenen und Verachteten. Im Jägerkostüm führt er seinen Nachwuchs Hagen als Jüngling gleich mit sich, um seinen Plänen zum Erwerb der Weltherrschaft durch den Ring und dem Untergang der Lichtalben Götter näher zu kommen. Stimmlich vermag es dieser Sänger mit jedem Ton durch Mark und Bein zu erschüttern. Eine bayreuthwürdige Weltklasse-Leistung!

Stadttheater Minden / Siegfried - hier Oliver Zwarg als Alberich © Friedrich Luchterhandt

Stadttheater Minden / Siegfried – hier Oliver Zwarg als Alberich © Friedrich Luchterhandt

Seinen Gegenspieler Wotan singt der bereits in seinem göttlichen Habitus stark erschütterte Wanderer, den der in dieser Partie auf großen Bühnen (zuletzt am Badischen Staatstheater Karlsruhe LINK ZU MEINER BESPRECHUNG) bewährte Heldenbariton Renatus Mészár strahlend und mit elegantem stimmlichen Profil auch in seinem im vom Regisseur zugewiesenen Habitus als Clochard verkörpert. Darunter leidet lediglich ab und zu die sprachliche Verständlichkeit.

Über eine erstaunlich deutliche Diktion der Wagner-Sprache verfügen die übrigen Sänger und Sängerinnen  – sogar der Waldvogel der herrlich trällernden und akrobatischen Julia Bauer. Deren Rolle fällt ja leider oft dem reinen Koloraturgesang zum Opfer, obwohl ihre Botschaften an Siegfried doch von großer Bedeutung für seinen künftigen Weg sind. Doch auch in ihrem Fall war Gerd Heinz die Wortverständlichkeit im Detail besonders wichtig. So, wenn Siegfried den zunächst optisch eindrucksvoll durch einen großen, sich ringelnden und aufbäumenden, durch mehrere phosphorisierende Glieder mit darin verborgenen Statisten des Ratsgymnasiums Minden verkörperten Drachen Fafner ersticht. Nachdessen Tode leckt Siegfried das Drachenblut und versteht nun den Gesang des Waldvögleins, das ihn zunächst zum Hort und Ring in der Drachenhöhle und später zur Braut führt. Fafner singt der erfahrene James Moellenhof, das langjährige Mitglied der Oper Leipzig, mit profundem Bass.

Es ist ein großer berührender Augenblick der Inszenierung, wenn Fafner sich im Sterben als Schattenriss aus dem Dunkel wie ein großer Unternehmer des Manchester-kapitalismus erhebt, dann das Licht strahlend auf ihn geworfen wird und wir mit Siegfried erschüttert in ihm den sterbenden Riesenmenschen erkennen (immer wieder bedeutsame,aber nicht aufdringliche Lichtgestaltung: Michael Kohlhagen).

Nachdem Siegfried den Drachen und den sich in seinen Mordabsichten verplappernden Tüftler-Zwerg Mime in einer Art Notwehrexzess aus dem Weg geräumt hat, streckt sich Siegfried unter einer Linde aus. Wirkommen zu einer der schönsten und berührendsten Szenen des Ring. Siegfried spürt das Alleinsein und ersehnt sich durch die Führung des Gesangs des Waldvogels „ein gut Gesell“ herbei. Thomas Mohr gestaltet diese Szene mit wundervoller Hingabe und lyrischer Zärtlichkeit,wie sie auch einem Lied von Franz Schubert anstehen.

Und der Waldvogel antwortet mit den herrlich gedichteten Worten: „Lustig im Leid sing‘ ich von Liebe, wonnig aus Weh‘ web‘ ich mein Lied:nur Sehnende kennen den Sinn.“  Wer denkt hier nicht an Tristan und Isolde und Die Meistersinger von Nürnberg, die Wagner während der mehrjährigen Unterbrechung ab 1857 an der Komposition von Siegfried schuf.

Zu Beginn des stürmischen dritten Aufzugs weckt der Wanderer-Gott Wotan zunächst die Urmutter Erda herauf (die souveräne Janina Baechle, die mit dieser Rolle u.a. bereits regelmäßig an der Wiener Staatsoper auftritt). Mit Erda hatte Wotan die Tochter Brünnhilde gezeugt. Ihr Göttervater Wotan hatte ihr selber die Göttlichkeit genommen, als er sie zum Ende der Walküre in den Schlaf auf dem von Feuer umbrandeten Felsen bannte und sie dem ersten Furchtlosen bestimmt. Erda zieht sich entsetzt über Wotans Machenschaften zu ewigem Schlafzurück. Wotan trifft anschließend auf den ihn furchtlos verhöhnenden Siegfried, der ihm im Kampf den Speer zerschlägt. Damit ist für Siegfried der Weg frei zum Walkürenfelsen. Dort erblickt erzum ersten Mal in seinem Leben eine Frau. Sie lehrt ihn das Fürchten. Aber nur kurz, denn er küsst sie wach und glaubt in ihr zunächst der Mutter zu begegnen.

Stadttheater Minden / Siegfried - Dara Hobbs als Brünnhilde und Thomas Mohr als Siegfried © Friedrich Luchterhandt

Stadttheater Minden / Siegfried – Dara Hobbs als Brünnhilde und Thomas Mohr als Siegfried © Friedrich Luchterhandt

Brünnhildes Erwachen „Heil dir, Sonne! Heil dir, Licht!“ gestaltet die prächtig aussingende amerikanische Sopranistin Dara Hobbs zu einem strahlend hellen Sonnenhymnus. Dara Hobbs ist eine bereits auf verschiedenen Opernbühnen in den USA und in Deutschland (Frankurt/M., Bonn, Essen, Chemnitz, Regensburg, Bayreuth) erfahrene hochdramatische Sopranistin mit junger stimmlicher Frische u.a. der großen Wagner-Partien Senta, Sieglinde, Isolde und Brünnhilde, die sie nun in allen drei Ring-Opern in Minden und demnächst in Chemnitz verkörpern wird.

Im kammerspielartig intensiven Zusammenspiel mit Thomas Mohr entfalten nun beide stimmlich und darstellerisch die ganze Vielfalt dieses Sich-Näherns und Mißverstehens, des erotischen Neckens, körperlichen Anstachelns und emotionalen Sich-Ergebens, des Verängstigten und des Verschmelzens einer Liebesbegegnung. Auch hier spart Gerd Heinz nicht an Komik der Gesten – einschließlich des Faltens der Hände zum einträchtigen Flehen gen Himmel.

Am Ende großer Beifall und Standing Ovations des teilweise weit angereisten Publikums für alle Sänger, das Orchester, den Dirigenten und die Statisten. Auch die Bühnentechnik leistet Großartiges.

Das Fazit: Der Ring in Minden ist wirklich vor allem ein musikalisches Wunder. Im September 2018 wird eine fesselnde Götterdämmerung zu erwarten sein und 2019 schließlich zweimal die gesamte Tetralogie des Ring des Nibelungen am Stadttheater Minden aufgeführt werden.

Nicht unerwähnt bleiben muss, last but not least, vor allem da kein Dramaturg der Produktion genannt wird, dass es ein vorzüglich informatives Programmbuch gibt, redaktionell gestaltet von Udo Stephan Köhne und Christian Becker. Es beinhaltet nicht nur das Textbuch, die Namen und Bilder wirklich aller Beteiligten – auch hinter der Bühne – und die üblichen ausführlichen Informationen zu den Künstlern sondern auch eine Chronologie sowie Richard Wagners Briefe zur Entstehungsgeschichte der Oper, ein Gespräch von Udo Stephan Köhne mit dem Regisseur Gerd Heinz und ausführliche Erläuterungen zur Entstehungsgeschichte, zur Musik, wie zum Inhalt und Text.

Im Rahmen des Mindener Ring-Zyklus wird vom 3. bis 23.9.2018 Richard Wagners Die Götterdämmerung folgen und 2019 sind im September und Anfang Oktober zwei Ring-Zyklen der Tetralogie geplant. IOCO freut sich, ab jetzt mit verschiedenen Korrespondenten dabei sein zu können und darüber zu berichten.

Wagnerianer und alle Neugierigen, die Wagners spannendes Welt-Musiktheater an vier Abenden ohne große Verfremdungen des Regietheaters kennenlernen wollen, sollten sich die Termine in Minden (3. bis 23.9.2018)  vormerken.

Nach dem Ende der sommerlichen Festspiele in Bayreuth Ende August lässt sich aber auch das Bedürfnis nach einer vorzüglichen musikalischen Interpretation Wagners auf lustvollste Weise im Frühherbst in Minden stillen. Die sängerische Besetzung auf höchstem Niveau, der Ensemblegeist und die herausragende musikalische Leitung von Frank Beermann mit der Nordwestdeutschen Philharmonie dürften dem „ostwestfälischen Wagner-Wunder“  bereits heute Kultstatus unter Kennern verleihen.

—| IOCO Kritik Stadttheater Minden |—

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