Stuttgart, Staatsoper Stuttgart, Saison 2020/21 – doch nur bis Januar 2021, IOCO Aktuell, 24.07.2020

Staatsoper Stuttgart

Oper Stuttgart © Matthias Baus

Oper Stuttgart © Matthias Baus

Die Staatsoper Saison 2020/21 – bis Januar 2021

Nur 38 statt 68 Vorstellungen im Opernhaus

Wer ist wir?

  • Fünf Musiktheater-Premieren im Opernhaus bis Dezember
  • Deutlich reduzierte Anzahl von Vorstellungen durch Kurzarbeit
  • Coronatauglicher Abstand auf der Bühne und im Publikum
  • Wir stellen Fragen nach unserer eigenen Geschichte.
    Womit identifizieren wir uns? Und: Wer ist eigentlich wir?“ (Viktor Schoner)
  • Max Herre ist Artist in Residence
  • Staatsoper unterwegs: Konzerte in Clubs, Projekte in Stadt und Land
  • Gastspiele, Familienkonzert und Parcours beim JOiN

Am 22. Juli 2020 gaben Opernintendant Viktor Schoner, die Leiterin des JOiN Elena Tzavara und Generalmusikdirektor Cornelius Meister im Rahmen der Jahrespressekonferenz der Staatstheater Stuttgart das Programm der kommenden Saison bis Ende Januar 2021 bekannt.

Alle Premieren der neuen Saison verbindet die Leitfrage „Wer ist wir?. Wann wird aus unterschiedlichen Menschen eine Gemeinschaft? Wer repräsentiert sie? Wo bleibt die Stimme der*s Einzelnen in diesem „wir“ – bei unterschiedlichsten Perspektiven, Standpunkten und Identitäten? Wie positioniert sich Deutschland in einem europäischen Kontext?

Staatsoper Stuttgart / Intendant Viktor Schoner @ Matthias Baus

Staatsoper Stuttgart / Intendant Viktor Schoner @ Matthias Baus

Viktor Schoner über das Programm der neuen Saison:Hinter den Premieren dieses Herbstes steht trotz aller Modifikationen eine klare programmatisch-dramaturgische Linie: eine Art Selbstbefragung, die wir an uns als Gesellschaft richten wollen, ohne dabei abgrenzend zu sein: Wer ist eigentlich wir? In der Familie, im städtischen Zusammenleben, in der Frage nach der geschichtlichen Bedeutung der Nationen und im Verhältnis zu unseren Nachbarn. Definiert sich ein Wir tatsächlich leichter über Abgrenzung, wie es vor allem Populisten formulieren? Das Verhältnis von Deutschland und Frankreich spielt genauso eine Rolle wie die Frage nach systemsprengenden und angepassten Persönlichkeiten.“

Im Zentrum der heutigen Jahrespressekonferenz standen die Neuproduktionen der Staatsoper Stuttgart und des JOiN als umfassendem Vermittlungsprogramm sowie die Kooperationsprojekte der Staatsoper Stuttgart. Nach dem „Oper trotz Corona“-Programm mit über 100 Vorstellungen im ganzen Stadtraum kehrt die Staatsoper Stuttgart im Herbst hauptsächlich wieder in den Littmann-Bau zurück.

Dabei ist die Vorstellungsanzahl deutlich reduziert. Statt wie ursprünglich geplant 68 können bis Ende Januar nun nur 38 Vorstellungen im Opernhaus gezeigt werden. Zudem beginnt die Saison erst am 1. Oktober, darüber hinaus wird es im Januar 2021 keine Opernaufführungen geben. Insgesamt liegt der Fokus auf fünf Musiktheater-Premieren und Spezialformaten, es wird lediglich zwei Repertoirevorstellungen geben. Intendant Viktor Schoner: „Die Einsparungsmaßnahmen durch Kurzarbeit fordern von uns allen Opfer. Der Repertoirebetrieb, wie wir ihn kennen, wird in der kommenden Saison nicht stattfinden. Dennoch freue ich mich, dass wir unsere Premieren, für die bereits seit Monaten in unseren Werkstätten gebaut wurde oder deren Bühnenbilder bereits fertig gestellt waren, wie geplant realisieren und der Öffentlichkeit zugänglich machen können.

Fünf Premieren, Spezialformate, ein Gastspiel und Repertoire

Neben zwei Opern des Repertoires werden die fünf Neuproduktionen einen weiten Bogen von Mozarts Zauberflöte bis hin zu Salvatore Sciarrino schlagen. Dezidiert Familientaugliches steht hier neben Experimentellem, Populäres neben selten zu Hörendem. Zusätzlich zu den wenigen Repertoirevorstellungen wurden außerdem neue Projekte angesetzt: konzertante Aufführungen, ein Abend mit Verfilmungen von Madrigalen, eine Gesprächsreihe mit Chorkonzert und vieles mehr.

Generalmusikdirektor Cornelius Meister

Cornelius Meister dirigiert in den ersten Monaten der kommenden Saison zwei Opern-Neuproduktionen: Die eigentlich für Ende Juni 2020 vorgesehene Premiere des Doppelabends von Pietro Mascagnis Cavalleria rusticana kombiniert mit Salvatore Sciarrinos Kammeroper Luci mie traditrici (Meine verräterischen Augen) in der Regie von Barbara Frey ist nun die zweite Premiere der neuen Saison. Im Oktober feiert dann Gustav Mahlers Das Lied von der Erde in der Orchesterfassung von Arnold Schönberg und in der Kopplung mit Elfriede Jelineks Die Bienenkönige Premiere in einer szenischen Aufführung, Regie führt David Hermann. Diese Produktion ist die einzige Premiere, die aufgrund der Corona-Maßnahmen modifiziert werden musste: Ursprünglich war für Ende Oktober die Neuproduktion von Richard Strauss‘ großdimensionierter Oper Die Frau ohne Schatten vorgesehen. Die eigentlich für diese Produktion vorgesehenen Sänger*innen Ks.Simone Schneider, Evelyn Herlitzius, Michael König und Martin Gantner werden auch Das Lied von der Erde gestalten.

Außerdem übernimmt Cornelius Meister die Musikalische Leitung des programmatischen Eröffnungskonzerts der Saison: Bei  Denk ich an Deutschland in der Nacht  treffen so unterschiedliche Künstler*innen wie Max Herre oder Schorsch Kamerun mit Sänger*innen des Stuttgarter Ensembles und dem Staatsorchester Stuttgart zusammen. Ein Abend zwischen E und U, zwischen Musik und Literatur, zwischen deutscher Romantik und Hiphop.

Die im Opernhaus einmalige konzertante Aufführung von Wolfgang Amadeus Mozarts Don Giovanni wird ebenfalls Cornelius Meister dirigieren. Ihr geht ein lange verabredetes Gastspiel in der Kölner Philharmonie am 1. November voraus. In der Titelrolle tritt Björn Bürger auf. Im Beethoven-Saal der Liederhalle wird Cornelius Meister außerdem einen Zyklus mit allen Brahms-Sinfonien an zwei aufeinander folgenden Tagen dirigieren.

„Für jedes Werk im Herbst haben wir einen eigenen Klangraum geschaffen: Gesang und Orchester werden bei jeder Oper und bei konzertanten Aufführungen aus unterschiedlichen Richtungen zu hören sein. Dabei beziehen wir den Orchestergraben, die Bühne, die Logen, den dritten Rang und das Foyer ein. Das ganze Opernhaus wird zum Klingen gebracht, und das Publikum hat so die Möglichkeit, die Protagonist*innen der Staatsoper und des Staatsorchesters aus Perspektiven zu erleben, die vollkommen neu und jedes Mal anders sind“, so Cornelius Meister.

Spezialformate, Artist in Residence und Gastspiel

Denk ich an Deutschland in der Nacht ist der inhaltlich-programmatische Auftakt zur neuen Saison mit dem Thema „Wer ist wir?“. Der Konzertabend ist der Versuch, das „Konstrukt Deutschland“ humoristisch, assoziativ und ironisch, aber auch auf ganz ernsthafte Weise zu befragen. Unter der musikalischen Leitung von GMD Cornelius Meister werden dabei Werke von Gustav Mahler, Ludwig van Beethoven, Clara und Robert Schumann, Fanny Hensel und Arnold Schönberg zu hören sein – und dabei konfrontiert mit Musik von und mit Max Herre und Schorsch Kamerun, der auch die Spielleitung unternehmen wird.

Der Rapper, Singer-Songwriter und Produzent Max Herre ist gleichzeitig Artist in Residence an der Staatsoper Stuttgart: In der Saison 2020/21 wird der das Opernhaus zu seinem „Musikzimmer“ machen und neben dem Eröffnungskonzert Denk ich an Deutschland in der Nacht mit dem Staatsorchester Stuttgart im Juni 2021 mit dem Staatsorchester, dem Pianisten Roberto Di Gioia und dem Projekt Web Web als Jazzer auftreten. Intendant Viktor Schoner:Wir alle hier lieben die Oper, haben aber gleichzeitig keine musikalischen Scheuklappen – und Max Herres Musik mag ich schon seit Jahren. Mit ihm konnten wir einen der wichtigsten und klügsten deutschen Hip-Hop Musiker gewinnen, in unterschiedlichen Formationen im Opernhaus seiner Heimatstadt aufzutreten.“

Zweimal ist am 31. Oktober und 1. November La Fiesta von Israel Galván im Opernhaus als Gastspiel zu sehen: Gemeinsam mit Sänger*innen, Musiker*innen und Tänzer*innen dekonstruiert der als Avantgardist und Enfant terrible der spanischen Flamenco-Szene bekannte Tänzer und Choreograph das zum Aushängeschild spanischer Kultur gewordene Gesamtkunstwerk „Flamenco“.

Wer ist wir?, das Thema der neuen Saison, steht inhaltlich über einer neuen Gesprächsreihe, die im Oktober ihren Auftakt nimmt. Zwei Gäste werden bei dieser Reihe miteinander in Dialog treten, und die zu Grunde liegende Frage bewusst offen, kritisch, global und postnational stellen. Umrahmt werden diese Gespräche teilweise von einem der zentralen Kollektive der Staatsoper Stuttgart, dem Staatsopernchor, der auch musikalisch ein vielfältiges „Wir“ thematisieren wird.

Während der Zeit des Lockdowns des Opernhauses haben sechs Videokünstler*innen sechs Musikfilme mit Sänger*innen des Ensembles gedreht: Sechs Filme über Gefühle im Ausnahmezustand auf der Basis von frühbarocken Madrigalen, diese poetischen Seelenminiaturen von Claudio Monteverdi, Tarquino Merula und Carlo Milanuzzi, werden im Dezember unter dem Titel Quälend süße Einsamkeit im Opernhaus gezeigt. Dazu wird Musik aus der Zeit Monteverdis unter der Musikalischen Leitung von Stefano Montanari gespielt. Entstanden sind die Filme an erstarrten Orten des öffentlichen Lebens – dem Flughafen, der Staatsgalerie oder dem verwaisten Opernhaus.

Neben der konzertanten Aufführung von Mozarts Don Giovanni stehen außerdem zwei Arienabende auf dem Programm: Am 11. November präsentieren Catherine Naglestad und Nicholas Brownlee unter der Musikalischen Leitung von Valerio Galli Höhepunkte der Opernliteratur. Am 17. Dezember stehen Elizabeth Caballero, Diana Haller und Adam Palka auf dem Konzertpodium im Opernhaus. Die Musikalische Leitung hat dann Karsten Januschke. Die Programme werden noch bekannt gegeben.

Projekte im Stadtraum

Viktor Schoner:Wenn die Corona-Krise eines gezeigt hat, dann, dass verlässliche Partner in dieser Stadt sich gegenseitig stützen: Gemeinsam mit den unterschiedlichsten Kooperationspartnern in der Stadt und im Land haben wir in den vergangenen Monaten emotional beflügelnde und künstlerisch bereichernde Erfahrungen gemacht. Diese Haltung wollen wir uns auch in Zukunft bewahren.“

Die bisher im Foyer des Opernhauses stattfindenden Liedkonzerte werden zu Beginn der neuen Saison in Räumen stattfinden, die von der Krise leergefegt wurden: Clubs, Hotellobbys und viele weitere Locations werden Spielorte für die eigens dafür konzipierten Programme sein.

Auch die Lunchkonzerte sind ab Herbst an verschiedenen Orten im Stuttgarter Stadtraum zu Gast: Musiker*innen des Staatsorchesters werden bei diesem beliebten Format zur Mittagszeit mit etwa 30-minütigen Programmen auftreten.

Die Zauberflöte – Welterfolg von Barrie Kosky – nun auch in Stuttgart
youtube Trailer Komische Oper Berlin
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Neuproduktionen

Den Auftakt der Opernsaison am 3. Oktober 2020 markiert die Premiere der Neuproduktion von Wolfgang Amadeus Mozarts Die Zauberflöte. Die Inszenierung von Barrie Kosky (siehe Trailer oben) und Suzanne Andrade ist eine Produktion der Komischen Oper Berlin, die bereits weit gereist ist und nun auch mit dem Ensemble der Staatsoper in Stuttgart zu sehen sein wird. Am Pult des Staatsorchesters Stuttgart steht Hossein Pishkar, der bereits in der letzten Saison als Dirigent bei einem Sinfoniekonzert mit Werken von Sciarrino, Romitelli und Beethoven debütierte. Josefin Feiler und Carina Schmieger treten als Pamina auf, alternierend mit Vera-Lotte Böcker als Gast. An ihrer Seite singen Mingjie Lei und Kai Kluge aus dem Stuttgarter Solistenensemble Tamino. Beate Ritter und Ks. Yuko Kakuta sind in der Rolle der Königin der Nacht zu erleben, als Sarastro David Steffens und Michael Nagl.

Am 11. Oktober 2020 folgt ein Doppelabend mit Pietro Mascagnis Cavalleria rusticana und Salvatore Sciarrinos Luci mie traditrici (Meine verräterischen Augen) in der Inszenierung von Barbara Frey, der bereits in der aktuellen Spielzeit angekündigt war und nun Premiere feiert. Es dirigiert Cornelius Meister. Die eigens erstellte Orchestrierung von Sebastian Schwab spielt mit Klängen aus unterschiedlichen Räumen. Eva-Maria Westbroek (Santuzza), Arnold Rutkowski (Turridu), Rosalind Plowright (Lucia), Dimitris Tiliakos (Alfio)und Ida Ränzlöv (Lola) gestalten die Hauptpartien in Mascagnis beliebter Verismo-Oper. Eine weitere tragende Rolle kommt dem Staatsopernchor Stuttgart zu. In Sciarrinos 1998 in Schwetzingen uraufgeführter Oper, die in der Originalbesetzung mit 17 Orchestermusiker*innen aufgeführt wird, singen Rachael Wilson (La Malaspina), Elmar Gilbertsson (Un servo della casa), Ida Ränzlöv (L’Ospite) und Christian Miedl (Il Malaspina). Generalmusikdirektor Cornelius Meister: „Welch Glück, dass wir gezwungen waren, über den Orchesteraufbau bei Salvatore Sciarrinos Oper, der ursprünglich allein für den Orchestergraben gedacht war, noch einmal nachzudenken! Der feine und differenzierte Klangreichtum seiner Instrumentation kommt durch die Anordnung im Raum nun viel besser zur Geltung.“

Das Lied von der Erde von Gustav Mahler in der Fassung für Kammerorchester von Arnold Schönberg und Rainer Riehn am 27. Oktober 2020 ist die dritte Premiere der Saison – und ersetzt die ursprünglich für diesen Termin geplante Premiere von Die Frau ohne Schatten von Richard Strauss, die aufgrund der großformatigen Besetzung unter den geltenden Hygienerichtlinien nicht zu realisieren gewesen wäre. Die Inszenierung stammt von David Hermann, der als Regisseur auch Strauss‘ Oper erarbeitet hätte. Nun inszeniert er mit den Sänger*innen Ks. Simone Schneider, Evelyn Herlitzius, Michael König und Martin Gantner eine szenische Version von Gustav Mahlers Symphonie auf Gedichte aus Hans Bethges Die chinesische Flöte im Rohbau des Bühnenraums, den Jo Schramm für Die Frau ohne Schatten entworfen hat. Gekoppelt wird Mahlers Musik mit Elfriede Jelineks Prosatext Die Bienenkönige. Die Schauspielerin Corinna Harfouch wird das Gesangsensemble für diesen Teil erweitern. Das Staatsorchester Stuttgart spielt unter der Leitung von Cornelius Meister.

Jules Massenets Werther ist die vierte Premiere der neuen Saison am 15. November 2020. Marc Piollet zeichnet für die Musikalische Leitung verantwortlich. Die Inszenierung stammt von Felix Rothenhäusler, der die Oper als Studie über die „Gefühlsextremist*innen“ Werther und Charlotte deutet. Die Titelrolle wird dargestellt von Jarrett Ott – und damit ist die Oper in Stuttgart in der selten zu erlebenden Bariton-Fassung zu hören. Seine Geliebte Charlotte wird von Rachael Wilson dargestellt, ihr Verlobter Albert ist Pawec Konik.

Die verzauberte Welt ist der Titel eines Musiktheaterabends für alle ab 6 Jahren, in dessen Mittelpunkt Maurice Ravels L’Enfant et les sortilèges steht und der am 19. Dezember 2020 Premiere feiert. Konzipiert und inszeniert wird die Oper von Schorsch Kamerun, der das Stück durch Ravels Märchensuite Ma Mère L’Oye sowie eigene Songs und Texte ergänzt. Die Musikalische Leitung hat der ehemalige Stuttgarter Generalmusikdirektor Dennis Russell Davies inne. Die zentrale Rolle des Kindes in L’Enfant et les sortilèges wird von Diana Haller dargestellt. Zudem sind bei dieser Produktionen in Zusammenarbeit mit dem JOiN Kinder und Jugendliche zwischen 10 und 16 Jahren zum Mitmachen eingeladen: Sie werden gemeinsam mit dem Sängerensemble auf der Bühne des Opernhauses stehen.

Repertoire

Lediglich zwei Werke aus dem Repertoire der Staatsoper Stuttgart werden in der ersten Hälfte der Spielzeit 2020/21 wieder aufgenommen, davon eine konzertante Aufführung:

Wolfgang Amadeus Mozarts Don Giovanni kommt am 9. November 2020 einmalig im Stuttgarter Opernhaus und bei einem Gastspiel in der Philharmonie Köln (1. November 2020) konzertant zur Aufführung. Es dirigiert Generalmusikdirektor Cornelius Meister. Die Titelpartie singt Ensemblemitglied Björn Bürger.

Giacomo Puccinis Madama Butterfly steht am 12. Dezember 2020 wieder auf dem Spielplan der Staatsoper Stuttgart. Dirigentin Oksana Lyniv kehrt ans Pult des Staatsorchesters zurück. Die sängerischen Hauptpartien gestalten Elizabeth Caballero (Cio-Cio San) und Ensemblemitglied Pavel Valuzhin (Pinkerton). Ob die Oper in der Inszenierung von Monique Wagemakers oder konzertant zu sehen sein wird, entscheidet sich im Laufe des Herbstes.

Solistenensemble und Internationales Opernstudio

Das Solistenensemble der Staatsoper Stuttgart ist zusammen mit dem Staatsorchester und dem Staatsopernchor das Herzstück des Hauses. Intendant Viktor Schoner: „In der kommenden Spielzeit wird es im Solistenensemble eine große Kontinuität geben. Unsere Sängerinnen und Sänger sollen sich gemäß der großen Ensembletradition des Hauses langfristig optimal weiterentwickeln können: durch neue Herausforderungen in einer Arbeitsatmosphäre des gegenseitigen Vertrauens und der Wertschätzung.“

Neu im Ensemble sind ab der Saison 2020/21 die beiden Sopranistinnen Carina Schmieger und Claudia Muschio sowie der Bassbariton Jasper Leever, die aus dem Internationalen Opernstudio übernommen werden. Acht Plätze für junge Nachwuchssängerinnen und -sänger werden in der kommenden Spielzeit im Opernstudio angeboten, wovon sechs neu besetzt werden: Neu hinzu kommen Linsey Coppens aus den Belgien, Gerard Farreras und Laia Vallés Montojo aus Spanien, Ángel Macías und Jorge Ruvalcaba aus Mexiko und Clare Tunney aus Großbritannien. Ein weiteres Jahr im Opernstudio bleiben Charles Sy aus Kanada und Alexandra Urquiola aus Kuba.

Musiktheater im JOiN: Mitmachen und Zuschauen in jedem Alter!

Neben einer Musiktheaterneuproduktion für alle ab 6 Jahren und einem Familienkonzert mit dem Staatsorchester im Opernhaus sowie den beliebten Sitzkissenkonzerten bietet die Junge Oper im Nord, das JOiN, auch in den ersten Monaten der neuen Saison ein breitgefächertes Programm an: für junge Menschen ab drei Jahren, aber darüber hinaus auch für alle Altersgruppen, die aktiv singen oder performen möchten.

Elena Tzavara, die künstlerische Leiterin des JOiN, über ihr Programm: „Unsere große Stärke ist unsere Kreativität, die nicht nachlassen sollte, wenn es um kulturelle Bildung für Kinder und Jugendliche geht. Gerade in dieser gesellschaftlich allumfassenden Krise sind wir als Kulturakteure aufgefordert, alles zu tun, um Kinder und Jugendliche zu erreichen – jetzt mehr denn je.“

Ein zentrales Projekt des JOiN in der Saison 2020/21 ist die Neuproduktion von Die verzauberte Welt mit Musik von Maurice Ravel, die am 19. Dezember im Opernhaus Premiere feiert. Dazu sind Kinder und Jugendliche zwischen 10 und 16 Jahren eingeladen, gemeinsam mit der Protestmusik-Ikone Schorsch Kamerun, der den Abend inszenieren wird, auf der Bühne zu stehen. Bewerbungen für einzelne Jugendliche oder ganze Schulklassen sind ab sofort möglich per Mail an join@staatstheater-stuttgart.de.

Auch im Opernhaus wird am 10. Oktober 2020 das Das Dschungelbuch als „tierisch-lustiges Familienkonzert“ für alle ab 6 Jahren zu erleben sein. In einem Arrangement und unter der Musikalischen Leitung von Alexander Erbrich werden dann die Hits aus dem gleichnamigen Disney-Zeichentrickfilm mit dem Staatsorchester Stuttgart zu erleben sein.

Vor Weihnachten wird Artus – Ein Film-Projekt als Preview gezeigt: Eigentlich hätte Nicholas Koks und Jan Homolkas Adaption von Henry Purcells King Arthur in der Inszenierung von Elena Tzavara bereits in der laufenden Saison Premiere feiern sollen – Corona hat dies verhindert. Nun ist gemeinsam mit dem Projektchor, bestehend aus 30 Jugendlichen, Mitgliedern des Ensembles und des Opernstudios sowie des Staatsorchesters ein Filmprojekt entstanden, in das es noch vor Weihnachten erste Einblicke im JOiN gibt. Dazu wird Claudio Monteverdis Il combattimento di Tancredi e Clorinda im „Vorprogramm“ aufgeführt. Der Termin wird noch bekannt gegeben.

Am 6. Dezember lädt das JOiN zu einem Nikolaus-Parcours ein: Dabei können Kinder und ihre Familien die vorweihnachtliche Junge Oper im Nord erkunden – und sich dabei auf die Suche nach musikalischen Nikolaus-Überraschungen machen.

Zurück im Repertoire ist mit Leonard Evers Musiktheater Gold ab 7. November 2020 eine der Erfolgsproduktionen des JOiN: Angelehnt an das Märchen Vom Fischer und seiner Frau der Brüder Grimm erzählt diese ebenso poetische wie tiefsinnige Kinderoper in der Inszenierung von Jörg Behr von der Suche nach dem Glück.

Den Einstieg ins Musiktheater für Kinder ab drei Jahren und ihre Familien bieten erneut die beliebten Sitzkissenkonzerte, die in der neuen Saison im Foyer des JOiN zu erleben sein werden. In der ersten Spielzeithälfte stehen Die Grille und die Ameise, Das Ding aus dem Klangsumpf, Das kleine Ich-bin-ich und Das Lamm, das zum Essen kam auf dem Programm. Zusätzlich sind die Sitzkissenkonzerte in der neuen Spielzeit auch als Gastspiele für Kindergärten und Grundschulen buchbar: Die Musiker*innen des Staatsorchesters kommen mit den unterschiedlichen Programmen direkt vor Ort!

Partizipation und Vermittlung

Bereits ab November laufen die Vorbereitungen für das Straßenoratorium Nesenbach, das im Juli 2021 im Stuttgarter Stadtraum gezeigt wird: An acht Terminen werden dann an acht unterschiedlichen Orten Menschen jeden Alters gemeinsam singen und performen. Eingeladen sind bereits jetzt alle Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen, sich per Mail an join@staatstheater-stuttgart.de anzumelden. Probenbeginn ist der 4. November 2020.

Zuerst zum Workshop, dann ins Sinfoniekonzert: Bei allen Sonntagsterminen der drei Sinfoniekonzerte bis Januar sind Kinder zwischen 4 und 10 Jahren wieder eingeladen, zunächst an einer spielerischen und musikalischen Einführung teilzunehmen, um dann den zweiten Teil des Sinfoniekonzerts zu erleben. Vor der Pause werden die Kinder durch erfahrene Pädagog*innen auf das Programm vorbereitet und besuchen anschließend gemeinsam mit den anderen Kindern das Konzert.

Unter dem Titel GLOW – Gläserne Opernwerkstatt sind alle Initiativen des JOiN gebündelt, die Zuschauer*innen und Gruppen aller Altersstufen hinter die Kulissen blicken lassen: Ob Proben- oder Aufführungsbesuch, Workshops, Vor- und Nachbereitungen, kleine Stückentwicklungen, ein Urban-Gardening-Projekt, der Preview-Club oder digitale Angebote – die Gläserne Opernwerkstatt ist ein Angebot für alle, die sich bereits für Oper begeistern oder vielleicht zum ersten Mal mit dieser Kunstform in Berührung kommen.


Karten

Schriftliche Kartenbestellungen sind für alle Vorstellungen ab sofort möglich. Die Information über eine Kartenzuteilung erfolgt vor Vorverkaufsbeginn.

Der Kartenvorverkauf für die ersten Monate der neuen Saison beginnt folgendermaßen:

17. August für alle Veranstaltungen im September

15. September für alle Veranstaltungen im Oktober

15. Oktober für alle Veranstaltungen im November

Online
www.staatsoper-stuttgart.de

Telefonisch
+49 711 20 20 90, Montag bis Freitag 10 bis 20 Uhr, Samstag 10 bis 18 Uhr

Persönlich
Öffnung der Tageskasse ab 1. September:
Mo-Mi 10-14 Uhr
Do-Fr. 14-18 Uhr

Abonnements
Alle Abonnements der kommenden Saison bleiben bestehen. Allerdings können in der nächsten Spielzeit in den Spielstätten aufgrund der derzeit gültigen Abstandsregelungen weniger Sitzplätze angeboten werden als bisher.
Mehr dazu: www.staatstheater-stuttgart.de/abo

—| Pressemeldung Staatsoper Stuttgart |—

Aachen, Theater Aachen, Elisabeth Ebeling: 1946 – 2020, IOCO Aktuell, 22.07.2020

Juli 21, 2020 by  
Filed under Pressemeldung, Schauspiel, Theater Aachen

Theater Aachen / Elisabth Ebeling @ Marie-Luise Manthei

Theater Aachen / Elisabth Ebeling @ Marie-Luise Manthei

Theater Aachen – Trauer um Elisabeth Ebeling

Elisabeth Ebeling, zuletzt seit vielen Jahren Schauspielerin im Ensemble des Theater Aachen ist nach längerer Krankheit am 16. Juli 2020 gestorben. 15 Jahre bereicherte sie in verschiedensten Rollen die Aachener Bühne und hat im vergangenen Jahr noch ihr 50. Bühnenjubiläum gefeiert.

»Mit Elisabeth Ebeling verlieren das Theater Aachen und das Aachener Publikum eine unverwechselbare Kollegin und großartige Bühnenkünstlerin. Wir sind sehr traurig.« so Generalintendant Michael Schmitz-Aufterbeck.

»Elisabeth war als Spielerin ein unerschöpfliches Universum. Egal ob tragische oder komische, ob undurchsichtige oder heitere Figuren, ihre Rollenphantasie und ihre unerschrockene Spiellust, mit der sie sich voller Neugierde an immer neue Welten heranwagte, waren riesig.« ergänzt Inge Zeppenfeld, Chefdramaturgin und Leiterin des Schauspiel. »Sie hat uns alle immer wieder beeindruckt mit ihrer geraden direkten Art und mit ihrer Lebenserfahrung, die in jede Rolle einfloss, und uns immer wieder staunen lassen, wie jeder Satz, den sie auf der Bühne sprach, ein unumstößliches Gewicht bekam. Man könnte durch ihre elegante Ausstrahlung meinen, dass sie so etwas wie die Grande Dame des Aachener Ensembles war, aber sie war weit mehr, weil sie eben auch rotzig, jugendlich frei und uneitel sein konnte, wenn es um die Darstellung einer skurrilen Figur wie z.B der Erna in Werner Schwabs Die Präsidentinnen ging. Wie gesagt: Sie war menschlich und künstlerisch gleichermaßen ein ganzes Universum

Die Präsidentinnen hier mit Elisabeth Ebeling
youtube Trailer Theater Aachen
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Elisabeth Ebeling, geboren am 15.10.1946, hatte ihr erstes Engagement nach dem Schauspielstudium an der Hochschule für Musik und Theater Hannover am Bremer Theater. Sie war an unterschiedlichsten Bühnen in Deutschland tätig: Schauspielhaus Bochum, Schiller Theater Berlin, Bühnen der Stadt Köln, Luzerner Theater, Städtische Bühnen Frankfurt, Staatstheater Nürnberg, Berliner Ensemble. Sie arbeitete mit namhaften Regisseuren zusammen, darunter David Mouchtar Samorai, Rainer Werner Fassbinder, Klaus Michael Grüber sowie Hans Neuenfels.

Ludger Engels holte sie dann 2005 ans Theater Aachen, unter seiner Regie spielte sie große Rollen wie Big Mama in Die Katze auf dem heißen Blechdach, die Daja in »Nathan der Weise«, in An den Wassern zu Babel und in Elfriede Jelineks FaustIn and Out und auch im Musiktheater in Powder Her Face.

Auch unter der Regie von Christina Rast spielte Elisabeth Ebeling mehrfach, u.a. die Gertrud in Hamlet, das Gretchen in Faust1+2 #konzentriert und zuletzt die Ute in Hebbels »Nibelungen«.

Ihr komödiantisches Talent konnte man immer wieder erleben, so als Erna in Werner Schwabs Die Präsidentinnen (siehe video oben) oder als Margot Honecker in Ich bin wie ihr, ich liebe Äpfel oder als dauerquarzende Mutter des Chefs in »Die sexuellen Neurosen unserer Eltern«.

In Erinnerung bleiben wird vor allem aber ihr Solo-Abend mit dem Musiker Malcolm Kemp So oder so – Hildegard Knef.

In ihrer letzten Kammer-Rolle war sie in Lot Vekemans Momentum in der beeindruckenden Rolle Das ungeborene Kind zu sehen. In der zu Ende gegangenen Spielzeit konnte man sie noch in Noch ist Polen nicht verloren auf der großen Bühne erleben.

—| Pressemeldung Theater Aachen |—

Paris, Athénée – Théâtre Louis-Jouvet, Winterreise – Liederzyklus – Franz Schubert, IOCO Kritik, 08.03.2020

Athénée – Théâtre Louis-Jouvet, Paris © Mirco Magliocca

Athénée – Théâtre Louis-Jouvet, Paris © Mirco Magliocca

Athénée – Théâtre Louis-Jouvet

WINTERREISE – ein Liederzyklus – Franz Schubert

– Eine mythische Wanderung durch die Nacht –

von Peter M. Peters

Im Oktober 1816 komponierte Schubert das Lied Der Wanderer nach dem Gedicht von Georg Philipp Schmidt von Lübeck (1766-1849), dessen Schlussvers «Dort, wo du nicht bist, dort ist das Glück» zum romantischen Motto schlechthin wurde. Fünf Jahre später, im Jahre 1821, veröffentliche der Komponist dieses Lied zusammen mit dem Morgenlied von Zacharias Werner (1768-1823) und Wanderers Nachtlied von Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) im Verlag Cappi und Diabelli als sein viertes Opus. In der Zusammenstellung der Lieder zu einer kleinen Werkgruppe hat der Komponist zum ersten Mal einen Gedanken musikalisch-literarisch artikuliert, der ihn bis ans Ende seines Lebens beschäftigte und bewegte, nämlich das Wandern als Metapher menschlicher Existenz; man könnte versucht sein, das von Schubert veröffentliche Liederheft mit Der Wanderer oder Das Wandern zu überschreiben. Schuberts Wanderer-Kompositionen kulminieren, sieht man von den Instrumentalwerken ab, schließlich in den beiden Zyklen nach Gedichten von Wilhelm Müller Die schöne Müllerin (1823) und  Winterreise  (1827). Während die Lieder der Schönen Müllerin insgesamt noch eher durch einen traditionellen Tonfall gekennzeichnet sind, lassen sich die 24 Lieder der Winterreise sowohl in ihrer unverwechselbaren Einmaligkeit als auch in ihrem übergeordneten zyklischen Zusammenhang nicht mehr mit einem überkommenen Liedbegriff in Einklang bringen.

Franz Schubert wusste, dass er mit den Liedern der Winterreise eine Grenze überschritten hatte, hinter die er nicht mehr zurückgehen konnte, auch wenn ihm niemand mehr folgen wollte. Über den verstörenden Eindruck, den Schuberts Lieder auf seine Freunde machte, als er sie ihnen zum ersten Mal singend und spielend vorführte, berichtet sein Freund und Förderer Joseph von Spaun (1788-1865): „Schubert wurde durch einige Zeit düsterer gestimmt und schien angegriffen. Auf meine Frage, was in ihm vorgehe, sagte er nur „nun, ihr werdet es bald hören und begreifen.“

Franz Schubert Wien © IOCO

Franz Schubert Wien © IOCO

Die Winterreise zeichnet die inneren Qualen eines Mannes nach, der von der verlassen wurde, die er liebt. Während er dem Wahnsinn nahe durch eine Winterlandschaft wandert, der ihn unweigerlich zum Tode führt, den er erstrebt. Es ist das Drama eines vor-freudschen Charakters. Die raffinierte musikalische Konstruktion umfasst nuancenreiche Artikulationen und die Wiederholungen kleiner Keime thematischer Materialien, die ein breites Spektrum von Emotionen abdecken.

Vitalität und Hoffnungslosigkeit koexistieren im Zyklus Winterreise, das liegt vielleicht an dem gemeinsamen Schicksal der Autoren. Zwei junge Männer sterben ein Jahr später nach der jeweiligen Beendigung  ihres Werkes. Der Dichter Wilhelm Müller an einem Herzschlag mit 33 Jahren und Franz Schubert an der Syphilis mit 31 Jahren. Gefühl? Vorahnung des eigenen Lebensende? Wir wissen es nicht! Uns bleiben nur wenige intime Zeugnisse einer Wanderung zwischen Leben und Tod in einem Gebiet ohne Wiederkehr. Man könnte fast sagen die Winterreise markiert mit Recht den Frühlingsanfang und ist mehr als eine Wandergeschichte, es ist eine Reise ohne Bestimmungsort. Im Vorbeigehen könnte das als ein Depressionsniederschlag verstanden werden: Was auch immer passiert, wir werden sicher nicht dorthin gelangen.

Winterreise – Noëmi Waysfeld – Guillaume de Chassy
youtube Trailer AWZ records
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„…ich bin ein Fremdling überall “

Der berühmte Lieder-Zyklus Winterreise  D 911 von Franz Schubert (1797-1828) nach den Gedichten von Wilhelm Müller (1794-1827) sahen wir in den letzten Jahren oftmals in veränderter Form, teilweise in faszinierenden Neuschöpfungen, Ergänzungen und Visionen, jedoch auch in völlig uninteressanten Versuchen, die man besser vergessen sollte. Hier einige nach unserer Meinung gelungene Beispiele:1. Winterreise : Eine komponierte Interpretation für kleines Orchester von Hans Zender (1936-2019), Komponist und Dirigent mit Hans Peter Blochwitz, Tenor (1995). 2. Eine inszenierte Winterreise von Robert Wilson mit Jessye Norman, Sopran und Mark Markham, Klavier und den Kostümen von Yves Saint-Laurent / Théâtre du Châtelet Paris (2001). 3. Eine getanzte Winterreise in der Choreographie von Trisha Brown mit ihrer Dance Company, Simon Keenlyside, Bariton und Pedja Muzijevic, Klavier / John Jay College Theater New York (2002). 4. Mit der Produktion „… und sind  wir selber Götter – Die Winterreise“ des Theater Rambazamba – Ensemble Gisela Höhne / Berlin sah man eine besonders bewegende Versionen. Die Akteure, Menschen mit geistiger Behinderung bewegen sich in der musikalischen Weltliteratur, als wäre das Ganze von ihnen selber erfunden. Mit Pauken und Posaunen, Streichinstrumenten und Schlagwerk, unterstützt von Bratsche, Gitarre, Percussion und Klavier, vor allem aber mit berührenden Gesang und wildem Geschrei kämpfen die Winterreisenden an gegen pillengesättigte Traurigkeit, gegen eine Welt, die sie kaltzustellen versucht. Opfer? Die Personen leiden, ertragen, langweilen sich, freuen sich vor allem und lassen sich nicht unterkriegen, nehmen den Kampf immer und immer wieder auf. Grand Théâtre Luxembourg (2009). 5. Eine Winterreise für drei Sänger und Schauspieler von Takénori Némoto und Yoshi Oïda und dem Ensemble Musica Nigella / Athénée Théâtre Louis-Jouvet Paris (2012).

Athénée – Théâtre Louis-Jouvet, Paris / Eine Winterreise © Antoine Cirou

Athénée – Théâtre Louis-Jouvet, Paris / Eine Winterreise © Antoine Cirou

29. Februar 2020   –  Athénée – Théâtre Louis-Jouvet, Paris

Un Voyage d’hiver : Étranger je suis venu, étranger je repars. Diese Sätze könnte man als Motto dieser Winterreise-Version verwenden. Eines Tages die Winterreise als eine Reihe populärer Lieder mit scheinbarer Einfachheit zu interpretieren war das Ziel des Regisseurs Christian Gangneron und mit der Mithilfe der Vortragskünstlerin Noëmi Waysfeld und des Pianisten Guillaume de Chassy haben sie 13 Lieder des Zyklus ausgewählt und für ihre Winterreise neu entdeckt. Obwohl gewagt ist es jedoch kein Sakrileg, denn geschrieben von einem verzweifelten jungen Dichter und vertont von einem jungen Komponisten voller Depressionen erstarrt, jedoch überquellend von  Melodien. Die Winterreise von Müller und Schubert berührt weit über Zeiten und Klimazonen hinaus jeden, der die Qualen des Emigranten in einem fremden Land gespürt oder nur erahnt hat. Aber auch die emotionellen Reisen durch unsere Seelenlandschaften sind oft gesperrt durch eiskalte Gefühlsabschnitte in unserem eigenen Leben.

Franz Schubert wohnte hier © IOCO

Franz Schubert wohnte hier © IOCO

Eine Neuaneignung der Schubert-Lieder und eine poetische und musikalische Transposition ihrer Vorstellungskräfte, indem sie eine Art liebevolle Wiederaneignung des Meisterwerkes hervor bringen. Dass war wohl ohne Zweifel das Ziel der drei Künstler und ganz voran die Sängerin Noëmi Waysfeld, die wir als Interpretin von Weltmusik, Chanson und Jazz vorstellen würden und die äußerst talentiert in mehreren Sprachen, darunter auch Jiddisch, diese Musik interpretiert. Ihre sicherlich geschulte Stimme hat eine gewaltige Tonpalette, die sich natürlich und  nuancenreich von tiefster Tiefe bis in höchste Höhen begibt. Wir waren besonders beeindruckt und berührt von der Tonfarbe, dem Timbre ihrer Stimme, der geheimnisvoll unseren Hörgenuss streichelte. Eine typische nicht zu erlernende mystische Tonfarbe, die wohl nur durch viele Generationen und Epochen vererbt werden kann, es ist die traurige Farbe und die schmerzliche Erinnerung an den von   Jahrtausenden von Jahren begonnenen ewigen Exodus.

Guillaume de Chassy, Trailer oben, pendelt zwischen klassischer Musik, Jazz und musikalischer Improvisation und wagt mit Natürlichkeit und pianistischem Können musikalische Abweichungen von der Partition zu spielen. Er erfindet ein neues harmonisches und rhythmisches Dekor und öffnet da und dort ein Fenster für eine neue improvisierte Markierung. Aus diesem langen Prozess der Befragung und Wiederaneignung erscheint die Winterreise in einem unerwarteten Licht, manchmal magisch, manchmal faszinierend oder auch in einem kreativen Ansatz von radikalen Vorurteilen, die sich aber zugleich in liebevollen Respekt für das Werk verwandeln.

Athénée – Théâtre Louis-Jouvet, Paris / der wundere Besucherraum © Mirco Magliocca

Athénée – Théâtre Louis-Jouvet, Paris / der wundere Besucherraum © Mirco Magliocca

Der Regisseur Christian Gangneron zeigt uns auf einer völlig nackten Bühne mit weißen Plastiktüchern die Illusion von Kälte,  Frost und Einsamkeit, auf der die Sängerin und ihr Pianist eine Art von dramatischen Theater vollführen und das mit Textauszügen aus der Winterreise der österreichischen Autorin Elfriede Jelinek. So hören wir zwischen den Liedern das ewige Spiel von Frage und Antwort, das spröde raue ironische Spiel der Nobelpreisträgerin. Der Regisseur nennt das Schauspielkunst oder was auch immer? Für uns ist es nichts anderes als eine banale Gestaltung von steifer Gestik und ungereimter Bewegung! Jedoch die Sängerin mit ihrer natürlichen sensiblen Zerbrechlichkeit befreit sich von selbst aus diesen steifen Fesseln. Als junge moderne weibliche Wanderin durchstreift sie die europäische Kultur mit ihrer Duplizität Mann-Weib-Weib-Mann und das alles in leichten tänzerischen Bewegungen und man denkt unweigerlich an Der Tod und das Mädchen, an das ewige Spiel von Liebe und Tod, der ewige Kampf zwischen Eros und Thanatos.

Hinweis auf die Erscheinung der CD Un Voyage d’HiverNoëmi Waysfeld, Guillaume de Chassy (Klarthe Records – Verteilung PIAS).

Athénée – Théâtre Louis-Jouvet, Paris / Eine Winterreise © Antoine Cirou

Athénée – Théâtre Louis-Jouvet, Paris / Eine Winterreise © Antoine Cirou

Athénée – Théâtre Louis-Jouvet  –  von Gestern bis Heute

Nach vielen Standortwechsel und Namensänderungen wird das neue Athénée im 9. Bezirk von Paris im Jahre 1893 eröffnet. Das im italienischen Stil erbaute Gebäude von Paul Fouquiau ist ein architektonisches Schmuckstück und wird offiziell als «Monument Historique» ernannt. Das Theater wird sehr schnell ein besonderer Treffpunkt für Theater- und Musikereignisse in der Pariser Kulturlandschaft. Die erste große künstlerische Phase wird mit dem berühmten populären Schauspieler Louis Jouvet eingeleitet, indem er als Schauspieler, Regisseur, Bühnenbildner und Theaterdirektor das Haus von 1934 bis 1951 leitet. In diesen fruchtbaren Jahren hat er praktisch die gesamte moderne Theaterliteratur der Zeit auf seiner Bühne gezeigt. In den Jahren 1977 bis 1981 stand das Theater unter einem besonders glücklichen Stern und zwar mit der Direktion von Pierre Bergé. Dieser ließ direkt unter dem Dach ein kleines 90 Personen umfassendes Experimental-Studio zusätzlich errichten für besondere Ereignisse. Außerdem war er der Initiator der berühmten « Lundis musicaux », indem er die großen Interpreten von Melodie und Lied für ein Recital einlud: u.a. Grace Bumbry, Elisabeth Schwarzkopf, Ruggero Raimondi, Felicity Lott, Simon Keenlyside, Alfredo Kraus… Der Saal hat eine außergewöhnliche gute Resonanz und eine einmalige Akustik, einfach ideal für musikalische Interpretationen. Aber auch große Namen aus der Theaterwelt haben sich hier regelmäßig ein Stelldichein gegeben: u.a. Peter Brook, Jean Vilar, Matthias Langhoff, Maria Casarès, Jeanne Moreau…

Seit 1982 wird der Musentempel von Patrice Martinet geleitet und auch er folgt und erweitert diese besondere wagnisreiche Kulturpolitik, indem er auf alle seine Produktionen den Stempel des Besonderen auflegt, einen innovativen und mitunter auch frechen Stempel.

—| IOCO Kritik Athénée – Théâtre Louis-Jouvet |—

Münster, NRW-Theatertreffen – „Vorsicht, zerbrechlich“, IOCO Aktuell, 07.06.2019

Juni 7, 2019 by  
Filed under IOCO Aktuell, Theater Münster

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Theater Münster

Theater Münster © Rüdiger Wölk

Theater Münster © Rüdiger Wölk

NRW-Theatertreffen –  Auf der Suche nach sich selbst

Halbzeit beim NRW-Theatertreffen in Münster

von Hanns Butterhof

Seit dem 30. Mai 2019 zeigt das NRW-Theatertreffen in Münster 10 für die Qualität der Theaterlandschaft repräsentative Produktionen unter dem Titel Vorsicht, zerbrechlich. Am Ende des Treffens am 8. Juni 2019 wird die Jury das beste Stück küren. Das Theater Münster ist Gastgeber des Theatertreffens.

 NRW THEATERTREFFEN 2019 in Münster © Theater Münster

NRW THEATERTREFFEN 2019 in Münster  © Theater Münster

Es fällt auf, dass die Jury nur das Stück einer einzigen Autorin eingeladen hat. Und auch dies ist noch mit dem Stück eines Mannes verschnitten: Elfriede Jelineks Am Königsweg wird in der Fassung des Mülheimer Theaters an der Ruhr mit Alfred Jarrys König Ubu zusammen gezeigt. Die übrigen Stücke stammen von Männern. Nur ein deutscher Gegenwartsautor, Thomas Melle, ist mit Bilder von uns dabei, 4 der 10 Stücke sind Romanadaptionen.

Theater Münster / Der Theatermacher - hier : Andreas Beck als Bruscon © Birgit Hupfeld

Theater Münster / Der Theatermacher – hier : Andreas Beck als Bruscon © Birgit Hupfeld

Zur Halbzeit zeigt sich als deutliche Tendenz, dass das Motto Vorsicht, zerbrechlich weniger politisch auf den Zustand unserer Demokratie als auf das Theater selbst bezogen ist. Schon das Eröffnungsstück vom Schauspiel Dortmund, Thomas Bernhards Der Theatermacher,(Foto) fragt vielfach nach seiner Wirkung. Die fesselnde Darbietung des von Kay Voges inszenierten Stücks mit einem beeindruckenden Andreas Beck als Theaterberserker Bruscon setzt mit einer Komödienfassung ein zweites Mal an. Die mündet mit zunehmendem Sinnverlust in eine Musical-Variante und endet schließlich in einer fulminanten Punk-Auskotzung à là Femen, in der die missbrauchte Tochter Bruscons eine grelle Stimme bekommt.

Die vom Theater Bielefeld in der Regie von Alice Buddeberg gezeigte Adaption des Romans Im Herzen der Gewalt von Édouard Louis schildert den Versuch eines vergewaltigten Homosexuellen, mit diesem Erlebnis fertig zu werden. Die Regie spaltet im Bemühen, keine Vorurteile zu bedienen, die Figuren auf: Täter, Opfer und weitere Beteiligte tauschen die Rollen, Reflexion und Dringlichkeit der Thematik stellen sich quer zum Mitfühlen.

Ähnlich löst Philipp Preuss bei dem Zusammenschnitt von Elfride Jelineks Am Königsweg mit Alfred Jarrys König Ubu den Zusammenhang von Szene und Text Langeweile erzeugend auf.

Theater Münster / Extrem laut und unglaublich nah © Martin Büttner

Theater Münster / Extrem laut und unglaublich nah © Martin Büttner

Gegen diesen Trend steht die Romanadaption „Extrem laut und unglaublich nah“ nach Jonathan S. Foer. Zwar wechseln auch in der Fassung der Burghofbühne Dinslaken Schauspieler die Rollen. Aber in der Regie von Mirko Schombert stört es nicht, da die fantastische Julia Sylvster durchgängig die Hauptfigur Oskar spielt und die Geschichte des Jungen, der Spuren seines Vaters sucht und sich findet, erspielt und nicht erzählt wird.

Gänzlich innovativ verfährt Bert Zander vom Theater Oberhausen mit Fjodor Dostojewskis Roman Schuld und Sühne. Er lässt den fesselnden Christian Bayer in einem Karree gegen die nur in Video-Projektionen anwesenden Figuren seiner Auseinandersetzung um die Berechtigung eines Mordes anspielen. In dieser Kombination aus Theater und Film gelingt intensives Theater durch die Erweiterung seiner Mittel statt deren Zerstörung.

NRW THEATERTREFFEN 2. Teil: Die folgenden Produktionen – Kleist: Der zerbrochene Krug; Melle: Bilder von uns; Horváth: Zur schönen Aussicht; Houellebecq: Unterwerfung; Müller: Die Hamletmaschine.

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