Hamburg, Elbphilharmonie, Münchner Philharmoniker – Valery Gergiev, IOCO kritik, 23.01.2020

Januar 23, 2020 by  
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Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung der Elphi © Ralph Lehmann

Elbphilharmonie Hamburg

Münchner Philharmoniker – Valery Gergiev

Martyrium versus Liebesrausch

von Michael Stange

Mit Deutschlands Norden verbindet Valery Gergiev seit dem Auftritt beim Schleswig-Holstein Musikfestival 1989 ein enges Band. Seine regelmäßigen Gastspiele mit den Münchner Philharmonikern sind Höhepunkte der Saison und teilweise auf dem YouTube Kanal der Elbphilharmonie verfügbar.

Münchner Philharmoniker – fulminant – Debussy und Wagner

Zum Jahreseinstand 2020 wählten Orchester und Chef zwei Kompositionen, die die Themen Sehnsucht, Liebe, Sehnsucht und Tod umkreisen.

Valery Gergiev demonstrierte auch an diesem Abend, warum er einen der weltweit gefragtesten Dirigenten ist. Sein immenses Konzert und Opernrepertoire präsentiert er stets außerhalb jeglicher Routine. Seine Interpretationen wandeln sich auch bei häufig musizierten Werken. Immenses Einfühlungsvermögen paart er mit der Fähigkeit, dem Orchester seine Visionen zu vermitteln, so dass gemeinsam faszinierende Interpretationen entstehenden, deren Ausdruckspalette und Tiefe konventionelle Konzert- und Opernerlebnisse weit überstrahlen. So unterschiedlichen Komponisten wie Wagner, Verdi, Mahler, Strauss, Berlioz, Beethoven, Bruckner und die russischen Tonsetzer gestaltet er in Oper und Konzert mit immensem Musikalität und berstender Energie.

Elbphilharmonie Hamburg / Münchner Philharmoniker - hier die Solisten © Daniel Dittus

Elbphilharmonie Hamburg / Münchner Philharmoniker – hier die Solisten © Daniel Dittus

Im ersten Teil erklangen Kompositionen Claude Debussys zu Gabriele d’Annunzios Theaterstück Le martyre de Saint Sébastien. Es stellt die Geschichte des römischen Zenturios und Christen Sebastian dar, der vom römischen Kaisers Diokletian begehrt wird und Kämpfer für den christlichen Glauben ist. Da er den Verführungsversuchen des Kaisers widersteht, wird Sebastian von ihm zum Tode verurteilt, an einen Lorbeerbaum gebunden und mit Pfeilen getötet.

Zur Ausgestaltung des Lebens des Protagonisten der – wie Wagners Parsifal – dem Glauben durch seine Aufopferung stärken will, hat sich Debussy auch in dieser Komposition völlig von Wagners Klangbild gelöst und eine eigene Tonsprache entwickelt. Neben der Verwendung von Elementen alter Kirchenmusik setzte er impressionistische Farben und leuchtende Töne. Poetische Prosa, Reinheit und Intimität des religiösen Gefühls verschmelzen zu einer musikalischen Ausleuchtung von d’Annuzios Drama. Die Orchesterstücke gehen in ihrer Wirkung weit über eine die Handlung begleitende Bühnenmusik hinaus. Vier Sätze untermalen die Handlung des Dramas. Im ersten Satz „La cour des lys“ (Der Lilienhof) wird die Folterung von zwei Christen mit glühenden Kohlen behandelt. Dort dominieren die Holzbläser und an gregorianische Gesänge Akkordbündel. Der zweite Satz „Danse extatique“ (Ekstatischer Tanz) untermalt das göttliche Wunder des Tanzes Sebastians auf glühenden Kohlen und beschreibt auch einen nicht wieder herunterfallenden Bogenpfeil, der in den Himmel geschossen wurde. Ekstatisch verkündete eine Trompetenhymne die Erscheinung von sieben Engeln. La passion (Die Passion Christi) schildert Sebastians Schmerz und das Todesurteil des Kaisers und vereint Dramatik und schmerzverzerrte Dissonanzen. Le bon pasteur (Der gute Hirte) beschreibt den Vollzug des Urteils. Den von Pfeilen durchbohrten Sebastian überkommt bei der Erscheinung Christis die Vision seiner selbst als guter Hirte. Der bebende Orchestergrund wird im Finale zum flirrenden Klang furchtloser Erlösung.

Debussys fein strukturierte Komposition ist voll sehnender Instrumentenführung ohne Orchesterwogen Drama, Spannung, So beschreibt er Leid, Entrückung und Tod. Sein Werk beschreibt Sebastians Weg mit dynamischen, rauschhaften Spannungen ohne Pathos. Delikate, subtile Momente stehen neben verhaltenen Ausbrüchen.

Elbphilharmonie Hamburg / Münchner Philharmoniker - hier : Valery Gergiev © Daniel Dittus

Elbphilharmonie Hamburg / Münchner Philharmoniker – hier : Valery Gergiev © Daniel Dittus

Den Münchner Philharmonikern ist Debussy nicht fremd. Schon die Dirigentenlegende Sergiu Celibidache setzte ihn vor drei Jahrzehnten häufig auf seine Programme und gerade er war ein Meister der Orchesterfarben. Dieses Erbe und die Tradition eines auf gegenseitigem Zuhören basierenden Orchesterspiels machen die Münchner Philharmoniker zu idealen Interpreten dieser selten gehörten Komposition. Den Streichern gelingt ein mit emotional, brillanter Klang aus einem Guss. Gemischt mit der schwelgerischen Dichte der Holbläser und den oft markerschütternden Klängen der Blechbläser entspann sich im ganzen Stück eine Atmosphäre von fröhlicher Leichtigkeit bis zu größtem Leid

Die orchestral wechselnden Höhepunkte und die wirkungsvollen Kontraste der Komposition wurden so bestechend herausgestellt. Gergiev und die Musiker sponnen die Elbphilharmonie mit Debussys Mischung aus Barock, mittelalterlicher Mysterien und impressionistischen Klangfarben ein. Mit subtiler Feinsinnigkeit und dramatischem Aplomb legten sie die musikalischen Strukturen und die klangliche Raffinesse Debussy offen.

Der zweite Teil brachte den 2. Akt von Wagners Tristan und Isolde. Valery Gergiev ist in seinen Opernaufführungen oft ein Stürmer, der die Handlung mit raschen Tempi und packenden Momenten vorantreibt. Im Hamburger Konzert präsentierte eine tiefere Auslotung der lyrischen Momente und des symphonischen. Überbordende Dramatik und Leidenschaft erklang in wogenden Orchesterfluten mit atemberaubender Wucht. Schon im Vorspiel offenbarte er, dass manches von Debussys Instrumentation eine Weiterentwicklung von Wagners Tonsprache war.

Elbphilharmonie Hamburg / Münchner Philharmoniker - hier : Valery Gergiev © Daniel Dittus

Elbphilharmonie Hamburg / Münchner Philharmoniker – hier : Valery Gergiev © Daniel Dittus

Bei der Umsetzung dieser Klangvision spielte neben Orchester und Ensemble auch die ausgezeichnete Akustik der Elbphilharmonie gestaltende Karten.

Richard Wagner Denkmal in ..... © IOCO / TThielemann

Riesiges Richard Wagner Denkmal in . © IOCO / TThielemann

Andreas Schager bewies, dass er der heute führende Interpret des Tristan ist. Bei seinem Eintreten kostete Gergiev die gesamte Orchestermacht aus. Dem blieb der Sänger nichts schuldig. Sein Ruf „Isolde, Geliebte…“ kam vollklingend metallisch mit glänzender Höhe kometenhaft in den Saal. Das Liebesduett kostete er mit zarten Piani und schwelgerischen Stimmfarben aus. Die belcantesce Textbehandlung und die Fähigkeit, seine Stimme mit einer das Gesungene mit einer Stimmfarbe zu unterlegen, die im Ausdruck koloriert ohne an Klangschönheit einzubüßen, ist eine einzigartige Gabe. Als er bei „Wohin nun Tristan scheidet“ Isolde auffordert ihm ins Totenreich zu folgen verschattet er die Stimme derart, dass man meint, er Stünde dort bereits. Selten, dass stimmliche Meisterschaft und Rollenidentifikation in so glückhafter Weise zusammenklingen. Martina Serafins Isolde paarte Aplomb mit Attacke. Yulia Matochkina sang eine Brangäne von stimmschöner Eindringlichkeit und Poesie. Auf ihre sonore Tiefe schloss sich eine prächtige Mittellage an, die in eine leuchtende, glühende und ungemein klangschöne Höhe gipfelte. Mikhail Petrenko war ein ausdrucksstarker König Marke mit kernig, klangvollem Bass und prachtvoller Gestaltung. Miljenko Turk gab einen stimmgewaltigen Kurwenal mit strahlendem Bariton und dramatischem Einsatz.

Der seidige Glanz der Streicher, die Farben der Holzbläser und die zwischen verhaltener Begleitung und auftrumpfenden Tosen variierenden Blechbläser boten einen Wagner der Extraklasse. Wie ein Maler auf seiner Palette mischt Gergiev raffinierteste Farben, ließ die Musik fein abgestuft ineinander übergehen und hob Melodielinien filigran hervor.

Eine Wagner Sternstunde in Hamburg

—| IOCO Kritik Elbphilharmonie Hamburg |—

Wiesbaden, Hessisches Staatstheater, Tosca – Giacomo Puccini; IOCO Kritik, 08.12.2019

Hessisches Staatstheater Wiesbaden

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Tosca – Giacomo Puccini – Wiederaufnahme

„Quäle die Heldin!“

von Ingrid Freiberg

Von Folter und Tod, Glocken und Kanonen handelt Giacomo Puccinis fünfte Oper Tosca. Es ist ein naturalistischer Thriller von ungeheurer Spannung. „Mit La Bohème wollten wir Tränen ernten, mit Tosca wollten wir das Gerechtigkeitsgefühl der Menschen aufrütteln und ihre Nerven ein wenig strapazieren. Bis jetzt waren wir sanft, jetzt wollen wir grausam sein.“  Puccini fasste es in einer Formel zusammen: „Quäle die Heldin!“, So direkt bekennt  sich Puccini über sein 1900 in Rom uraufgeführtes Werk und erwies sich damit als veritabler Erbe Verdis.

Das Läuten von Kirchenglocken und der Gesang des Hirtenknaben sind die Klangkontraste zu Toscas innigem Gebet und Cavaradossis blühenden Lyrismen in bekannter Puccini-Süße. Als Puccini die berühmte Sarah Bernhardt in der Titelrolle des für sie geschriebenen Dramas von Victorien Sardou, der späteren Quelle für den Librettisten Giuseppe Giacosa, auf der Bühne sah, trug er sich mit dem Gedanken einer gleichnamigen Oper. Mehrere andere Komponisten, auch Verdi, interessierten sich für die skandalumwitterte Tragödie, die Verleger Ricordi letztlich doch für Puccini reservieren konnte. Nach der Uraufführung in Rom sicherte vor allem die nachfolgende Aufführung an der Mailänder Scala unter Arturo Toscanini der Oper den Status als Welterfolg.

Tosca – Hessisches Staatstheater Wiesbaden
youtube Trailer Hessisches Staatstheater zur Premiere 2015
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Starke menschliche Interaktionen

Folter, Tod, Lüge und Heuchelei stellt auch Sandra Leupold bei ihrer traditionellen Inszenierung in den Mittelpunkt. Sie lässt nichts zu wünschen übrig, was die Personenregie betrifft. Das Zusammenspiel zwischen den Charakteren ist im kleinsten Detail durchdacht und zeigt sehr starke menschliche Interaktionen. Es ist ein überzeugendes Kammerspiel, eine minutiöse Verzahnung von Text und illustrierender Musik. Zu keiner Zeit wird man von großer Sangeskunst und der spannenden Handlung abgelenkt. Leupolds Tosca ist nicht nur Diva, sondern zugleich eine Frau von Mitleid erregender Naivität, die noch im letzten Akt ihrem Geliebten mit weit ausholenden Gesten von ihrem gerade begangenen Mord erzählt.

Beeindruckendes Bühnenbild

Die Oper Tosca braucht eine glaubwürdig erzählte Geschichte und ein beeindruckendes Bühnenbild: Das ist sowohl Sandra Leupold (Inszenierung) als auch Tom Musch (Bühne) gelungen. Sein Einheitsbühnenbild, im 1. Akt ein großer kahler fünfeckiger Kirchenraum mit Nischen, in denen Madonnen – eingerahmt mit roten Lichtlein und in der Mitte ein an das Kreuz genagelter Christus – stehen, ist ein passender szenischer Rahmen. Weihrauch weht von der Bühne her in den Zuschauerraum… Im 2. Akt wandelt sich der Altar zur Tafel, an der Scarpia speist, die Madonnen sind mit Tüchern verhängt; nur in der hinteren Mitte ist der Gekreuzigte noch zu sehen. Der Raum wandelt sich im 3. Akt in ein fahl beleuchtetes Gefängnis, in dem am Ende Cavaradossi von Spoletta, auf den das Los fiel, durch einen Genickschuss getötet wird. Als bekannt wird, dass Tosca Scarpia erstochen hat, kommen die Schargen in das Gefängnis zurück, um auch Tosca zu erschießen. Doch es kommt anders: Sie entwendet Spoletta den Revolver, erschießt sich und sinkt neben ihrem Liebsten nieder. Ausgeleuchtet werden alle Szenen von einem Octagon aus Neonröhren, die handlungsbegleitend flimmern.

Die Kostüme von Marie-Luise Strandt betonen glaubwürdig das klassische Regiekonzept. Tosca trägt zunächst, ganz Diva, ein goldgelbfarbenes Komplet, danach eine sehr elegante weiße Satinrobe mit schwarzer Spitzenapplikation. Cavaradossi, der Künstler, ist leger gekleidet, während im 1. Akt ein Ledermantel für Scarpia sein diabolisches Wesen als Polizeidirektor von Rom, der das alte Regime mit Gewalt verteidigt, unterstreicht. Sein zweireihiger Gehrock mit Stehkragen und Weste im 2. Akt unterstreicht, dass Scarpia ein Baron ist.

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Tosca - hier : Cavaradossi und Adina Aaron als Tosca © Martin Kaufhold

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Tosca – hier : Cavaradossi und Adina Aaron als Tosca © Martin Kaufhold

Warum nennt Cavaradossi seine Geliebte nicht Floria?

Tosca ist eine Rolle, die von allen, wirklich allen großen Sopranistinnen in den letzten 100 Jahren gesungen wurde. Adina Aaron bietet mit Wärme, Leidenschaft, Ausdruckskraft und ungemein dichten Höhen ein strahlendes Erlebnis. Sie ist nicht nur gesanglich großartig, sondern überzeugt auch schauspielerisch mit ihrem Einfühlungsvermögen. Dabei strahlt sie Leidenschaft und Feuer aus. Aus der eifersüchtigen Diva wird eine liebende kämpfende Frau. Die zahlreichen Schlüsselstellen (Giuro!, Quanto…il prezzo...) gelingen ihr mit staunenswerter Sicherheit! Die hohen „C‘s“ erklingen strahlend; berührend das Vissi d’arte in Form eines schlichten Gebets. Wenn Adina Aaron am Ende erzählt, wie sie dem Peiniger Scarpia das Messer ins Herz stach, sind das nicht nur Worte! Ihre Stimme wiederholt das Geschehen…

Die Darstellung von Adina Aaron und Rodrigo Porras Garulo ist von Selbstverständlichkeit und Natürlichkeit geprägt. Ihre Stimmen fließen ineinander und umschmeicheln sich gegenseitig. Da bleibt nur eine Frage offen: Warum nennt Cavaradossi seine Geliebte nicht Floria? Rodrigo Porras Garulo als Mario Cavaradossi geht sicht- und hörbar in dem sympathischen Rollencharakter seiner Figur auf. Seine Interpretation von „E lucevan le stelle“ beginnt fast tonlos, um sich anschließend in strahlende Höhen zu steigern. Garulos Stimme ist reich an Gefühl, sein Vibrato klingt herrlich elegant und schön. Die feinen, lyrischen Passagen gestaltet er wunderbar. Sein Bühnenspiel ist faszinierend lebendig. Mit dieser Leistung lässt Rodrigo Porras Garulo vergessen, dass es nicht zum Rollendebüt von Andreas Schager kam…

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Tosca - hier : Ensemble © Martin Kaufhold

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Tosca – hier : Ensemble © Martin Kaufhold

Rollendebüt von Thomas de Vries als Scarpia – Ein großer Erfolg!

Sein Te deum im 1. Akt lässt aufhorschen, überzeugend wie er den Plan zur Ermordung Cavaradossis und zur Vergewaltigung Toscas fasst, sich dann in scheinbarer Frömmigkeit vor den Priestern zum Gebet niederkniet. Das ist böse und raumgreifend – von großer Intensität, es macht glaubhaft, dass Rom vor ihm zittert. Gerade dieses Wechselspiel aus formvollendeter Konvention und animalischer, sadistischer Bosheit machen seine Interpretation so faszinierend. Thomas de Vries beeindruckt mit seinem voluminösen facettenreichen Bariton, seiner sonoren herrlichen Stimme. Er ist dramatisch kompromisslos und manipulativ…

Auch in den übrigen Partien gibt es erfreuliche Leistungen: Young Doo Park  wertet die Rolle des Cesare Angelotti mit seiner Riesenstimme, seinem dunklen Bass, und seiner ergreifenden Darstellung auf. Verzweifelt spielt er den geschundenen auf der Flucht befindlichen Voltairianer. Eine Charakterstudie der besonderen Art ist der Mesner von Benjamin Russell. Wie er sich am Opferstock bedient, den Picknickkorb für sich zur Seite stellt und danach niederkniet, um zu beten, hat etwas von der commedia dell arte. Sein Spiel wird gekrönt von seinem eleganten, artikulationsgenauen Bariton. Ein wenig fällt Erik Biegel als schmieriger Spoletta ab. (Er ist besser besetzt, wenn seine Spielfreude aufleuchten darf.) Als Scarpias Schargen gewinnen Daniel Carison als Sciarrone, Leonid Firstov als Gefängniswärter, der Cavaradossi seinem letzten Wunsch entsprechend Papier und Bleistift bringt. Das ist ein bewegender Augenblick… Anrührend der zarte Knabensopran von Stella An. Ihr Gesang geht zu Herzen.

Gut eingebunden sind die Chöre: Chor und Extrachor des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden unter Leitung von Albert Horne und die Kinderkantorei der Ev. Singakademie Wiesbaden unter Leitung von Jud Perry tragen in der Schlussszene des 1. Aktes maßgeblich zum opulenten musikalischen Höhepunkt bei. Die Chöre beeindrucken mit tragischer Dichte und klanglicher Schönheit.

Das Orchester spielt in Bestform

Das Hessische Staatsorchester Wiesbaden unter Leitung von Christoph Stiller bereitet Freude. Plastisch gelingen die motivischen Passagen, schon beim Scarpia-Leitmotiv im 1. Akt präsentieren sich die Musiker in Bestform, zeigen enorme Spielfreude, die Spannung in der Partitur gelingt vortrefflich. Einem schön grundierenden satten Streicherklang stehen das Blech und die Hörner gegenüber, die geschmeidig wirken. Die feineren Zwischentöne bei den Arien Vissi d’arte und E lucevan le stelle werden wohltuend moduliert. Der Horn-Choral zu Beginn des 3. Aktes, das berüchtigte Cello-Quartett vor Cavaradossis Sternenarie und die Soloklarinette leuchten auf. Das Zusammenspiel zwischen Orchester und SängerInnen auf der Bühne ist eindrucksvoll.

 Das beglückte, beseelte Publikum bedankt sich mit Standing Ovations!

Tosca am Hessischen Staatstheater Wiesbadeb; weitere Vorstellugnen 5.1.; 11.1.; 29.2.; 12.4.; 28.5.2020

—| IOCO Kritik Hessisches Staatstheater Wiesbaden |—

Wiesbaden, Hessisches Staatstheater, Klimaprojekt – Opera meets nature, IOCO Aktuell, 08.10.2019

Andreas Schager / Opera meets nature Treiber © Andreas Schager

Andreas Schager / Opera meets nature Treiber © Andreas Schager

Opera meets nature – Ein Klimaprojekt

 Andreas Schager, Intendant Uwe Eric Laufenberg, Lidia Baich  …

von Ingrid Freiberg

Klimapolitik ist aktuell in aller Munde: Es wird demonstriert, diskutiert, gestritten und dabei viel Zeit vergeudet. Zupackender äußerte sich der österreichische Heldentenor Andreas Schager in der Süddeutschen Zeitung in einem Artikel „Unser kranker Freund, der Baum“. Der auf einem Bauernhof aufgewachsene Sänger forderte „Lasst uns Bäume pflanzen!“. Andreas Schager hat früh gelernt, für das Leben zu sprechen, und nicht von Arbeit und Freizeit.

Obwohl weltweit engagiert, pflegt er einen engen Kontakt zu seinen sehr aktiven Fans, die sich spontan seiner Aufforderung anschlossen und das erste Pilotprojekt Opera meets nature in Wiesbaden ins Leben riefen. Mit dem Intendanten des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden, Uwe Eric Laufenberg, der kommunalen Presse, FAZ, Süddeutsche Zeitung, RTL, der Leiterin des Hessischen Forstamtes, Sabine Rippelbeck, u.v.a. wurden vielversprechende Gespräche und Telefonate geführt.

Opera meets nature – Ein Klima-Pilotprojekt
Für Kulturinstitute in Wiesbaden und weiteren deutschen Städten

Nach nur vier Wochen ermöglicht die eingeleitete Spendenaktion, einen Nibelungenwald mit 1.600 Bäumen. Der Aktion Opera meets nature wird in Wiesbaden über ein Hektar Fläche zur Verfügung gestellt, um Bäume zu pflanzen. Gepflanzt werden Eichen und Weißtannen, die mit den klimatischen Veränderungen besser umgehen können. – Der Fichtenbestand ist im Wiesbadener Wald von ursprünglich 17 % auf unter 5 % gesunken, das ist erschreckend und auch ein weitverbreitetes Naturereignis!


Beteiligen Sie sich an dieser Aktion!

Schon ein kleiner Beitrag genügt, die Zukunft unserer Kinder und Enkel zu verbessern! Ein Baum kostet 4,- Euro. Die Bankverbindung lautet:

Opera meets nature – Turgay Schmidt
Volksbank Mittelhessen
IBAN DE 30 5139 0000 0159 1224 09


Stattliche Esche, schwerer Findling und Nothung, das Schwert…

Ziel der Aktion ist es, mit einem erfolgreichen Projekt unter Mitwirkung des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden zu starten. Eine Esche – ein stattlicher Baum von bereits 7 Metern Höhe – wird als Symbol des Lebens und der Zukunft unserer Erde direkt neben das Hessische Staatstheater Wiesbaden gepflanzt. Vor den Baum wird ein 3 Tonnen schwerer Findling aus der Heimat von Andreas Schager platziert, in dem Nothung, das Schwert der Hoffnung, stecken soll. In Zeiten massiver Gefahr für Klima, Natur und Wald wird Schager Ende des Jahres, voraussichtlich am 29. November, Weltenbaum und Findling einweihen und zusammen mit seiner Frau, der Geigerin Lidia Baich, in einem Festakt Interessierte und Pressevertreter die Initiative Opera meets nature vorstellen. Die Pflanzung des Nibelungenwaldes ist noch nicht terminiert, wird aber auch in der kalten Jahreszeit erfolgen.

Impuls aus dem Bereich der Oper

Es überrascht viele, aber es ist eine hervorragende Möglichkeit, wenn sich Theaterfreunde nachhaltig und sinnvoll auch für unsere Natur engagieren, um dem Baumsterben großflächig entgegenzuwirken. Bitte machen Sie auf Opera meets nature aufmerksam! Mt Ihrer Hilfe und Unterstützung kann das Projekt erfolgreich werden!!!

—| Pressemeldung Opera meets nature |—

Rostock, Volkstheater Rostock, Tristan XS – mit Live Video, IOCO Kritik, 25.09.2019

September 25, 2019 by  
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Volkstheater Rostock

Volkstheater Rostock © Dorit Gaetjen

Volkstheater Rostock © Dorit Gaetjen

TRISTAN XS –  konzertante Szenen aus Tristan und Isolde

Spielzeiteröffnung mit TRISTAN XS und Live Video Performance

von Thomas Kunzmann

Am 8. September 2019 eröffnete das Volkstheater Rostock die Saison 2019/20 mit einem Theaterfest zwischen Doberaner Straße und Patriotischem Weg. Es gibt Einblicke in die Kostümschneiderei, der Opernchor tritt auf, für Kinder eine Bastelstraße und die Malerwerkstatt, neue Ensemble-Mitglieder werden vorgestellt und natürlich gibt’s Würstchen vom Grill. Auch das Wetter spielt mit. Und so schaut man allseits in gut gelaunte Gesichter. Die Saison geht sich gut an.

Ralph Reichel, Nachfolger des scheidenden Intendanten Joachim Kümmritz, kann optimistisch in die Zukunft sehen: der neue Bürgermeister der Hansestadt, Claus Ruhe Madsen, hatte zumindest im Wahlkampf verkündet, dass er die Norddeutsche Philharmonie zukünftig mit 99 Musikern sieht. Und auch nach Amtsantritt verkündete er, dass am Theaterneubau nicht gerüttelt werden soll. Am 16.09. sollen drei Modelle des zukünftigen Hauses im Rathaus aus- und zur Diskussion gestellt werden. Dennoch ist bis zur Eröffnung, die aktuell mit 2026 angesetzt wird, noch ein weiter Weg. Das Programm im Volkstheater jedenfalls, so Reichel, soll mutiger werden.

Volkstheater Rostock / TRISTAN XS - hier : vl Marcus Bosch, Manuela Uhl, Hans-Gerg Wimmer © Martin Goffing

Volkstheater Rostock / TRISTAN XS – hier : vl Marcus Bosch, Manuela Uhl, Hans-Gerg Wimmer © Martin Goffing

Die Saison-Eröffnung fällt zusammen mit dem „Tag des offenen Denkmals“, auch die Werfthalle 207, die erst einmal für fünf Jahre zur Sommerbespielung für das Volkstheater Rostock angemietet wurde, nimmt an dem Event mit einer Führung teil, die der Technische Leiter und der Musiktheaterdramaturg kenntnisreich und unterhaltsam gestalten. Das online gestellte Programm zu diesem Tag liefert allerdings nicht einmal den Hinweis darauf, was für einen ausgefallenen musikalischen Leckerbissen kaum zwei Stunden später Kulturinteressierte erwarten würde. Dennoch können aus den Besuchern noch einige Abend-Gäste geworben werden. Die Vorstellung ist insgesamt gut besucht, wenn auch nicht komplett ausverkauft.

Tristan XS  – Richard Wagner in 90 Minuten

TRISTAN XS zur Spielzeiteröffnung 2019/20 war ein Wagnis. Mehr als 10 Jahre ist es her, dass in Rostock ein szenischer Wagner lief. Damals war es der Holländer, etwa zeitgleich mit dem Freischütz. Letzterer kam bereits 18/19 wieder auf den Spielplan. Wagner jedoch bleibt rar. Zwar gab es den Tristan konzertant, aufgeteilt auf mehrere Philharmonische Konzerte noch unter Peter Leonard (Intendant in Rostock bis 2014) und auch das Tristan-Vorspiel fand einmal Einzug in der Reihe „Classic light“, dennoch ist Bosch als Conductor in Residence, der auch maßgeblich für das Programm verantwortlich zeichnet und ein erfahrener Wagner-Dirigent ist, nicht nur in dieser Hinsicht ein Glücksfall für Rostock.

Richard Wagner © IOCO

Richard Wagner © IOCO

Tenor Hans-Georg Wimmer, der das Projekt Tristan XS gemeinsam mit Armin Terzer konzipiert und realisiert hat, übernimmt die Partie des Tristan. Als ausgebildeter Bass-Bariton und Experte für alte Musik wechselte Wimmer vor drei Jahren in das Heldentenor-Fach und übernahm bereits die vollständige Titelpartie in Triest und am Landestheater Niederbayern. Aktuell ist er als Loge in der Ring-Adaption in Aachen zu sehen. Dennoch ist er unter den Wagnerianern eher ein Unbekannter. Anders Isolde: Manuela Uhl ist seit vielen Jahren Weltstar. Senta, Elisabeth, Sieglinde, Elsa, Venus, Irene, aber auch Salome, Feldmarschallin, Chrysothemis führten sie an die bedeutendsten Opernhäuser weltweit. Nun endlich Isolde. Auch in Rostock ist sie schon einige Male aufgetreten. Da war die legendäre Benefiz-Gala mit Klaus Florian Vogt und Roman Brogli-Sacher in der Moderation von Hans-Jürgen Mende mitten im Kampf um den Erhalt der vier Sparten oder die IX. von Beethoven.

Volkstheater Rostock / TRISTAN XS - hier : Hans-Georg Wimmer © W Hüttemann

Volkstheater Rostock / TRISTAN XS – hier : Hans-Georg Wimmer © W Hüttemann

Am Volkstheater wird also nun Richard Wagners Oper Tristan und Isolde auf die Soli und Duette der beiden Protagonisten eingedampft und mit einer Live-Video-Performance des australischen Videokünstlers Stephen Hamacek begleitet.

Marcus Bosch eröffnet den Abend mit einer kleinen Inhaltsangabe.  Äußerst getragen, dennoch frei von allzu romantischem Schmelz, setzt die Norddeutsche Philharmonie das Vorspiel an, bis nach wenigen Takten bereits das zweite Handy im Publikum dermaßen stört, sodass Bosch unterbrechen muss. Wer auch immer über die enervierenden Hinweise aller Theater lächelt – hier fehlte die Aufforderung zum Abschalten, und schon passiert es.

Nachdem wieder Ruhe eingekehrt ist, beginnt das Vorspiel erneut und nun kommt die Akustik der alten Halle hervorragend zum Tragen. Das Orchester auf der Bühne und die schuhkartonartige, geradlinige Konstruktion ist eine Kombination, die bereits in den Philharmonischen Konzerten positiv auffiel. Wenn die Motive durch die Instrumente wandern, folgen die Augen unwillkürlich dem Klang. Die Farben bleiben zart und durchsichtig, ohne Kraft und Spannung vermissen zu lassen. Ein Erlebnis, das oftmals ein Orchestergraben verhindert.

Der Verzicht auf Steuermann, Brangäne und Kurwenal führt nach der Ouvertüre direkt zur Liebestrankszene. Der Übergang ist ungewohnt, hinterlässt aber zu keinem störenden musikalischen Bruch. Manuela Uhl intoniert sauber, genießt regelrecht das Hinaufschwingen in die Höhen, zischt und spielt ihre Wut und Verletztheit glaubwürdig, wenn sie Genugtuung für Morolds Tod fordert. Tristan nimmt die Herausforderung an und überzeugt bereits mit den ersten Noten. Der dunkle Tenor strotzt regelrecht vor kraftvoller Entschlossenheit, setzt sich sicher auf den Klang des Orchesters und glänzt mit ausgezeichneter Textverständlichkeit. Unwillkürlich denkt man an Andreas Schagers unbändige Kraft. Die bis zu diesem Moment spürbare Anspannung weicht dem Zurücklehnen und purem Genuss. Der Konflikt der Beiden mündet im Trinken des vermeintlichen Todestranks, den Brangäne allerdings ausgetauscht hat. Und tatsächlich greifen die Sänger nach einem Glas unter dem Notenpult. Im Orchester beginnen zarte Harmonien zu leuchten und die Szene wechselt in gefühlvoller Überblendung direkt hinein in den zweiten Akt der Oper, das Liebesduett „Oh sink hernieder, Nacht der Liebe“. Naturgemäß fehlt die Zuspitzung des Konflikts durch das Auftreten Markes und Melots oder auch Brangänes Sorge, dennoch funktioniert die Abfolge. Wimmer legt eine Schaufel Gefühl auf, könnte allerdings in der Szene etwas lyrischer sein. Da letztlich nur wenige Sequenzen aus der Oper nur mit den beiden Titelfiguren möglich sind, hätte man eventuell auf den Tag/Nacht-Strich verzichten können. Vermisst hat hier aber wahrscheinlich niemand etwas. In der Musik deutet sich mit den entfernten Hörnern noch das Auftreten Markes an, die Spannung steigt. Pause.

Die war ursprünglich nicht geplant, ca. 90 Minuten veranschlagte man, dennoch kommt sie dem Bruch zum dritten Aufzug sehr entgegen. Wieder gibt Marcus Bosch einen Überblick über die Entwicklung der Handlung, bevor die Musik einsetzt.

Volkstheater Rostock / TRISTAN XS - hier : Manuela Uhl © Beate Kazimirowicz

Volkstheater Rostock / TRISTAN XS – hier : Manuela Uhl © Beate Kazimirowicz

Wie aus dem Nichts erklingt das Englischhorn aus der Höhe der letzten Zuschauerreihe in einer blitzsauberen Zartheit, die die gesamte Tragik der Tristan-Figur an einem einzigen Instrument kondensieren lässt. Luis Blanco Ferrer-Vidal als Gast, ersetzte den erkrankten Solo-Oboisten und gerät zur weiteren Überraschung des Abends. Wimmer gibt dem Tristan die notwendige Verzweiflung und Todessehnsucht bis zur letzten Sekunde. Isoldes Auftritt jedoch gerät zur Sternstunde des Abends. Auch in der Kurzfassung wird überdeutlich, wie die ganze Oper – von der Vorgeschichte, über die möglichen Tode Tristans während des ersten und zweiten Aufzugs – sowohl szenisch als auch musikalisch konsequent auf diesen Moment hinarbeitet. In der ihr eigenen Zartheit und ätherischen Weltfremdheit brilliert Manuela Uhl mit der traumhaft verklärten Schlussarie „Mild und leise, wie er lächelt“, während Tristan – sei es ob des nun erkennbaren gelungenen Experiments, sei es als Spiegel des Textes, versunken zwischen den Notenpulten glücklich strahlt.

Ach ja, eine Live-Video-Performance fand auch statt. Die wenigen, mitunter kaum spürbar bewegten Bilder, die hin und wieder ineinanderflossen, untermalten musikalische Stimmungen, nahmen Irlands Grün und das Blau des Meeres auf. Kann man machen, ohne sie hätte allerdings auch nichts gefehlt. Der Systemabsturz und Neustart hingegen wirkten denn doch etwas störend.

Marcus Bosch lotet, soweit die gekürzte Fassung dazu Raum bietet, die klanglichen Möglichkeiten der Halle vom leisesten Flirren bis zur höchsten Expressivität aus. Auch wenn das Orchester für diesen Abend nur drei Proben hatte, so entfaltet es doch die volle Vielfalt der Partitur und bringt das Publikum einmal mehr auf den Geschmack. Der lang anhaltende Applaus inklusive stehender Ovationen beweist: Das Publikum wünscht, dass Wagner doch bald in voller Länge an das Volkstheater zurückkehrt.

Apropos Neubau des Volkstheater. Am 16. September 2019 wurden die Siegerentwürfe für den Neubau des Volkstheaters präsentiert. Den europaweit ausgeschriebenen Architektenwettbewerb konnte das Berliner Büro Hascher Jehle Assoziierte für sich entscheiden. Der moderne Bau, der sich im Gegensatz zu den Folgeplatzierten in harmonisch fließenden Formen der Umgebung anpasst, soll nach aktueller Planung 2026 fertig gestellt werden und ca. 110 Mio. Euro kosten, wovon das Land 51 Mio. zugesagt hat.

—| IOCO Kritik Volkstheater Rostock |—

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