Stuttgart, Staatsoper Stuttgart, DIALOGUES DES CARMÉLITES - Francis Poulenc, IOCO

Stuttgarts neue „Dialogues des Carmélites“ wird unter Ewelina Marciniak zu einem packenden, bildmächtigen Opernabend: feministisch gelesen, psychologisch fein durchdrungen, musikalisch betörend und von einem glänzenden Sängerinnen-Ensemble sowie Cornelius Meister eindrucksvoll getragen.

Stuttgart, Staatsoper Stuttgart, DIALOGUES DES CARMÉLITES - Francis Poulenc, IOCO
Oper Stuttgart © Matthias Baus

von Peter Schlang

Überzeugendes Plädoyer für weibliche Stärke und Solidarität

An der Staatsoper Stuttgart begeistert Francis Poulencs „Dialogues des Carmélites“ in der Inszenierung von Ewelina Marciniak

Francis Poulenc komponierte seine einzige abendfüllende Oper „Dialogues des Carmélites“ auf Anregung des Direktors des renommierten Verlagshauses Ricordi in den Jahren 1953 bis 1956. Sie wurde am 26. Januar 1957 an der Mailänder Scala uraufgeführt. An der Staatsoper Stuttgart gelangte das Werk am 29. März nach 2011 zum zweiten Mal auf die Bühne, dieses Mal in der Regie der polnischen Theater-Regisseurin Ewelina Marciniak, die damit an der Stuttgarter Oper auch ihr Operndebüt gab.

Grundlage des vom Komponisten selbst verfassten Librettos ist das gleichnamige Drama des katholischen Dichters Georges Bernanos, der dafür seinerseits auf die Novelle „Die Letzte am Schafott“ von Gertrud von Le Fort zurückgegriffen hat. Der Kern der Handlung aller drei Werke ist eine historische Begebenheit aus der jakobinischen Schreckensherrschaft während der Französischen Revolution im Jahr 1794: Die Nonnen des Karmelitinnen-Klosters Compiègne versagen den aktuellen Machthabern den Gehorsam, weigern sich, ihren Ritualen abzuschwören, und nehmen dafür den kollektiven Tod unter der Guillotine in Kauf.

Die literarischen Fassungen fügen wie Poulencs Libretto diesem historischen Geschehen die fiktive Gestalt der Novizin Blanche (!) hinzu, die sich infolge ihrer biografisch begründeten Schuldgefühle und ihrer daraus resultierenden psychischen Probleme zum Eintritt in den Carmel entschließt. Obwohl Schwester Blanche aufgrund ihrer kurzzeitigen Flucht ins väterliche Heim bei der Verhaftung und Verurteilung des Konvents ihrer Hinrichtung hätte entgehen können, folgt sie ihren Mitschwestern, getreu dem gemeinsam abgegebenen Gelübde, in den Tod.

Claudia Muschio (Soeur Constance), Diana Haller (Mère Marie), Helene Schneiderman (Mère Jeanne) © Matthias Baus

Das Regieteam lotet den Kosmos dieses hybriden Werkes – neben Ansätzen eines Kriminalstücks und Elementen des psychologischen Kammerspiels treten religiöse und psycho-soziale Reflexionen sowie die Bedeutung von Ritualen in den Vordergrund – gekonnt und schlüssig aus. So gelingt ein äußerst bildmächtiger, psychologisch durchdachter, spannender und fesselnder Opernabend, und das ohne jeden Bruch. Dabei macht die Regisseurin aus ihrer Herkunft vom Sprechtheater keinen Hehl und stellt in ihrer Interpretation den Text und seine wichtigsten Details ganz in den Mittelpunkt. Dabei gelingt das Kunststück, die Musik nicht zu vernachlässigen oder gar in den Hintergrund zu drängen. Vielmehr darf man den ganzen knapp dreistündigen Abend hindurch einen dichten Gleichlauf von Handlung und Musik, von Bühne und Graben erleben.

Ein wichtiges Element bildet dabei die szenische Füllung und Illustration der zahlreichen Vor- und Zwischenspiele zwischen den insgesamt zwölf Bildern der Oper. Dafür ist neben anderen die Choreografin Ana Szopa verantwortlich, die dafür nicht nur den Chor der Staatsoper, sondern auch ein großes Aufgebot der Statisterie einsetzt. Dazu setzt sie auch die Ordensfrauen selbst immer wieder gekonnt chorisch und choreografisch in Szene, wobei sie nicht nur katholische Rituale, sondern auch andere Kulturen wie das fernöstliche Yoga, zitiert.

Wichtigstes Deutungsmittel der Regie und dieser Inszenierung und damit d a s Thema des Abends ist das emanzipatorische, ja feministische Element, das die Regisseurin in allen ihren bisherigen Arbeiten zum Prinzip erhoben hat.

Diana Haller (Mère Marie), Rachael Wilson (Blanche de la Force), Catriona Smith (Soeur Mathilde), Simone Schneider (Madame Lidoine), Claudia Muschio (Soeur Constance), Helene Schneiderman (Mère Jeanne), Staatsopernchor © Matthias Baus

In diesem Fall beschreibt sie das Kloster als Ort der Selbstentfaltung und heterogener Lebensentwürfe sowie als Refugium der Freiheit abseits von Ehe und Mutterschaft und zeigt die Kraft inniger Schwesterlichkeit inmitten vergifteter Brüderlichkeit. Bildhaft drückt sich das im Verzicht auf die (uniforme) Nonnentracht aus, welche von der Kostümbildnerin Julia Kornacka durch bunte, ganz individuell gestaltete und aus unterschiedlichen Epochen stammende Kleidungsstücke ersetzt wird. So wird aus der nach außen einheitlich und gleichförmig auftretenden Gemeinschaft von scheinbar gleichdenkenden und -fühlenden Frauen ein sichtbar „bunter Haufen“. Im Gegensatz dazu erscheint die weltliche Gesellschaft in schwarz-weißer Einheitskleidung und zeigt damit bildhaft die dort oft herrschende Einschränkung der Freiheitsrechte und des Individuums durch den gesellschaftlichen Anpassungsdruck. Gegen solch uniforme „Bürokleidung“ tauschen die Frauen gegen Ende und nach ihrer Unterdrückung durch das weltliche Regime ihre zuvor so fantasievollen Gewänder.

Überhaupt unterstreicht die Inszenierung durch mancherlei bildhafte Zeichen ihre die Rolle der Frauen stärkende Sicht auf das Stück, sei es durch die eindrucksvolle Lichtregie Aleksandrs Prowalinskis oder durch die behutsame Einfügung diverser Skulpturen, vorwiegend in beschädigtem oder gar zerstörtem Zustand. Gipfelpunkt dieser historisch-artifiziellen Anspielungen ist ein gestürztes männliches Revolutionsdenkmal, vor und auf dem die durch das männliche Terrorregime getötete Autorin und Frauenrechtlerin Olympe de Gouges und die ebenfalls enthauptete letzte Königin Marie Antoinette ihre weibliche Würde und Unabhängigkeit demonstrieren. Den Robespierre’schen Gewaltexzessen stellt die Regisseurin die Revolution der Frauen entgegen und kritisiert damit die für Frauen ungleichen, sie benachteiligenden Folgen der franz. Revolution. Ferner würdigt diese großartige Stuttgarter Inszenierung den Einsatz mutiger Frauen für ihre Gleichbehandlung und -berechtigung, sei es durch das kollektive Selbstopfer der Ordensfrauen oder den politischen Freiheitskampf einer Olympe de Gouges und anderer Frauenrechtlerinnen. Und in der gerade aufgeflammten Diskussion um mithilfe von Deep-Fake manipulierte frauenverachtende Fotos und andere Beweise für eine paranoid-krankhafte Männlichkeit kommt dieser Produktion eine Aktualität zu, wie sie möglicherweise zu Beginn ihrer Konzeption noch gar nicht abzusehen war.

Cameron Becker (Le Chevalier de la Force), Rachael Wilson (Blanche de la Force) © Matthias Baus

Dass dies alles unsere Zeit und das Publikum direkt betrifft, macht auch die den ganzen Abend über geöffnete Bühne deutlich, die von Mirek Kaczmarek düster-kahl und meist leer, aber mit spiegelglattem Boden und spiegelähnlichen Wänden gestaltet wurde. Aus diesen und aus dem Bühnenhimmel schieben und senken sich immer wieder Wand- und Deckenelemente und bilden so eine dramaturgisch spannende Bühnenlandschaft, die auch einen passenden Rahmen und Raum für die jederzeit packende Personenführung bietet, die ihren schrecklichen Höhepunkt im Gang der Schwestern zu ihrer Hinrichtung besitzt. Auch dafür findet das Regieteam eine überzeugende wie schockierend-bildhafte Lösung, indem es die Delinquentinnen singend durch eine gläserne Galerie unter eine den Rezensenten an das KZ in Auschwitz erinnernde Dusche schickt. Aus dieser ergießt sich zum Klang eines eigens für diese Inszenierung gebauten Guillotine-Schlagwerks und bei immer dünner werdendem Nonnengesang ein Strahl (Theater-)Bluts auf die im Tod erstarrenden Schwestern, die danach von einem Jakobiner-Henker in einer Reihe drapiert werden. Welch ein unter die Haut gehendes Schlussbild! Dieses wird getragen und unterstrichen durch die letzten Takte von Poulencs ergreifender, alle Seelenabgründe ihrer Protagonistinnen hörbar machender Musik.

Diese huldigt nicht nur spätromantisch-modernen Klängen, sondern zeigt auch deutliche Spuren der Gregorianik und anderer Formen der Kirchenmusik und verleiht zudem durch barocke Anklänge auch der Zeit der historischen Verortung dieser Oper musikalisch-akustischen Ausdruck. Der im Sommer scheidende Stuttgarter Generalmusikdirektor Cornelius Meister lässt dies alles mit dem perfekt und ungetrübt aufspielenden Staatsorchester zu einem Ohrenschmaus werden, der manchmal fast vergessen lässt, was zu dieser entrückend-betörenden Musik auf der Bühne an Schrecklichem verhandelt wird.

Staatsopernchor Stuttgart, Rachael Wilson (Blanche de la Force) © Matthias Baus

Auch gesanglich ist dieser Abend wieder ein großes Fest, und nach der famosen Männerriege der Meistersinger in der letzten Premiere hat nun das nicht minder fabelhafte Solistinnen-Team der Staatsoper Stuttgart seinen großen und zurecht umjubelten Auftritt. Ja, es grenzt an ein Wunder und ist zumindest sensationell, welch geschlossene Ensembleleistung die Riege der bis auf einen Gast alle aus dem hauseigenen Ensemble stammenden Sängerinnen an diesem Abend darbietet. Ja, man kann es auch umgekehrt sagen: Die für diese Produktion erneut an die Stuttgarter Oper gekommene Evelyn Herlitzius als einen fast unmenschlichen Todeskampf führende alte Priorin Madame de Croissy fügt sich darstellerisch wie gesanglich ohne Abstriche in das Kollektiv ihrer Mitschwestern ein.

Diese liefern in der behutsam alle überstrahlenden Rachael Wilson mit betörend fein geführter Stimme als junge Blanche de la Force, der überzeugend-resoluten Simone Schneider als neuer Oberin Madame Lidoine und der ihren Mezzosopran mit hoher Dichte und kräftigem Glanz zum Leuchten bringenden Diana Haller als bei der Wahl der neuen Priorin unterlegene und als einzige dem Tod entgangene Mutter Marie genauso mitreißende Rollenportraits und Charakterstudien wie die drei übrigen Solistinnen. Dies sind Claudia Muschio als junge, fromm-naive und als Spiegelbild Blanches wirkende Schwester Constance, die als gütige, altersweise Mutter Jeanne äußerst lebensnah agierende Helene Schneiderman und Catriona Smith als überzeugend solidarisch-feinfühlige Schwester Mathilde. Alle sieben Frauen begeistern mit großer darstellerischer wie stimmlicher Präsenz und Tiefe.

Rachael Wilson (Blanche de la Force) © Matthias Baus

Nur chronologisch nachgeordnet sind diesem solistischen Damen-Chor Shigeo Ishino als Blanches Vater, dem Marquis des la Force, und Cameron Becker als dessen Sohn. Für den Chor der Stuttgarter Staatsoper gibt es sicherlich wirkmächtigere Werke als diese eher als SolistInnen-Stück sich gebende Oper Poulencs, er meistert aber seine hauptsächlich durch Vokalisen und einzelne Silben geprägten Auftritte (Zitat Poulencs aus dem Programmheft: „Da Bernanos der Volksmenge keinen Text gegeben hat, habe ich die Chormasse auf ganz instrumentale Weise behandelt.“) mit der bekannten Musikalität und Souveränität.

Auch wenn Thema und Schluss dieses Werkes und seine angesichts der Weltlage bedrückende Aktualität etwas nahelegen würden, reagierte das Premierenpublikum im voll besetzten Stuttgarter Opernhaus mit großem, lange anhaltendem und verdientem Jubel.

Weitere Vorstellungen am 8., 12., 15. und 18. April

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