Stralsund, Theater Vorpommern, Oceane - D. Glanert, IOCO

Stralsund, Theater Vorpommern, Oceane - D. Glanert, IOCO
Oceane, Sotiris Charalampous (c) Peter van Heesen
  1. März 2026

Lebendige, echte Expressivität und eine starke Geschichte, Detlev Glanerts „Oceane“ begeistert am Theater Vorpommern

 

 „Ich sehe mich als konservativen Anarchisten, ich möchte unabhängig sein von täglich wechselnden Modernitäten, ich versuche die Musik hinter mir ganz individuell weiterzudenken in eine Musik für die Menschen von heute.“

Soweit bedenkenswerter O-Ton von Detlev Glanert. Er ist Jahrgang 1960 und zur Zeit als einer der meistgespielten und vielfach ausgezeichneten lebenden Komponisten mit seiner inzwischen vierzehnten Oper „Oceane“ (2019) am Theater Vorpommern (Stralsund) zu erleben. Und dies auf sehr eindrucksvolle Weise. Dazu passt ein weiteres Zitat:

„Ich glaube immer noch daran und bin überzeugt davon, dass Musik Emotionen transportiert. Sie bleibt ein Spiel im intellektuellen Sinn, aber ein Spiel, das ganz viel mit uns, mit unserem menschlichen Dasein zu tun hat.“

Oceane, Kadi Jürgens (c) Peter van Heesen

Die Worte liest man wohl, allein lebendig, nachprüfbar, erlebbar – und das mit grandioser, unter die Haut gehender emotionaler Wucht – werden sie erst bei einer Aufführung; etwa einer solchen der „Oceane“, wie sie das Theater Vorpommern inzwischen mehrfach und stets so überzeugend wie erfolgreich geboten hat.

Glanerts Oper auf ein Libretto von Hans-Ulrich Treichel - „Oceane von Parceval“ - basiert auf einer (von insgesamt drei) Fragment gebliebenen Erzählung Theodor Fontanes (1881), in der es um das alte Motiv der Meerjungfrau ( Melusine) geht, um deren Sehnsüchte nach Menschlichem und die hier naturgegebene Unmöglichkeit, dieses Ziel zu erreichen; eine „Erlösung“, wie bei der Sage vom Parcival, aber schon. Bei Glanert/Treichel materialisiert sich das kaum märchenhaft: „Die Oceane ist eine moderne Melusine, Fontane war äußerst interessiert an diesen Figuren, die Probleme mit ihrer Umwelt hatten..Fontanes Fragment hat nicht viel äußerliche Handlung, deshalb musste ich in die Figuren kriechen, um ihr Drama nach außen zu stülpen.“ Und genau das geschieht mit außerordentlicher Intensität und Wirkmächtigkeit!

Oceane_Antje Bornemeier (c) Peter van Heesen

Die Handlung in Kurzfassung: In einem Hotel am Strand von Heringsdorf auf Usedom (!) geht die  Saison mit einem Ball zu Ende. Letzteres könnte endgültig sein, denn die Inhaberin ist pleite. Hoffnung keimt auf, als eine Person – Oceane – erscheint, möglicherweise reich , vielleicht auf einen Kredit hin ansprechbar. Ihr allerdings rätselhaftes Wesen und unkonventionelles Verhalten irritiert sowohl einige stückbestimmende Protagonisten als auch die ganze Hotelgesellschaft.

Man erkennt: Oceane passt hier nicht hin, sie wirkt fremd, bleibt Außenseiterin, kann erkennbar nicht menschlich (mit)fühlen und wird schließlich für ihre Umgebung auch ungeachtet eines fatal endenden Bindungs-Versuchs (Verlobung) zum mit völligem Unverständnis und abgründigem Hass (Pfarrer !) verfolgten Feindbild. Ihre Heimat, ihr Empfinden sind nicht von dieser Welt; ihre Welt ist die der Natur, die des Meeres, in das sie - „nach Hause“ - entschwindet.

Oceane, Thomas Rettensteiner, Maciej Kozłowski, Sotiris Charalampous und Yuko Kakuta (c) Peter van Heesen

Fontane sagt: „Es gibt Unglückliche, die statt des Gefühls nur die Sehnsucht nach diesem Gefühl haben und diese Sehnsucht macht sie reizend und tragisch.“ Man kann hinzufügen: Und im Widerstreit von leben und lieben zu wollen, es aber  nicht zu können, zu einem tragfähigen, bühnenwirksamen Opernstoff!

Jan-Richard Kehls Inszenierung (Dramaturgie Katja Pfeifer) stellt sich solcherart in vielerlei Weise spannenden Gratwanderung. Das Bühnengeschehen – Kehl setzt auf dessen parabelhafte Aktualität zwischen Zusammenhalt und Ausgrenzung - lässt es an Realistik nicht mangeln. Es meidet jede Mystik, jede Märchenhaftigkeit, bezieht aber aus der Sonderstellung Oceanes und ihrem aus jeglichem Rahmen fallenden Verhalten eine nicht alltägliche Spannung; also eine Ambivalenz des Geschehens, die zu hinterfragen sich ob ihrer dann doch wieder „natürlich“ erscheinenden Realistik nahezu erübrigt.

Dabei fehlt es der Handlung nicht an handfester, gesellschaftlich determinierter Konflikthaftigkeit. Sie gerät in der Schärfe der ausgerechnet von einem Theologen forcierten Hetzkampagne gegen Oceane schon mal ins Katastrophische und ist an dieser Stelle Gipfel einer auch sonst problembehafteten und nur mühsam mit ballhafter Fröhlichkeit überspielten, moralische Übereinkünfte bewahren wollenden Handlung. Auf der variabel genutzten, eher düster wirkenden Drehbühne mit Schiffsanleger und desolatem Hotelgebäude (Bühne und Kostüm Andreas Wirlkens) sind das letztlich zwei Akte voller teils turbulenter Lebendigkeit (Ball, Tänze mit Bühnenmusik) und einer phasenweisen Atemlosigkeit, die im Wechsel mit Monologen beziehungsweise Dialogen von stark gefühlshafter Intensität geprägt sind.und durchweg zu fesseln vermögen.

Spätestens hier muss einer Musik gedacht werden, die den gegebenen und so gar nicht landläufigen Konstellationen im Bühnengeschehen mit ungemein sensiblen Klangvorstellungen nachzuspüren vermag. Glanert – der, siehe oben, selbst ernannte „konservative Anarchist“, ist musiksprachlich in vielen Stilen zu Hause. Das Erscheinungsbild aber ist dabei sein  ganz Eigenes. Eklektizismus wäre, so ist zu lesen, nicht sein Problem. Wer ihm im Theater zuhört, käme auch gar nicht auf den Gedanken, etwa stilistische Vergleiche anzustellen oder gar sie zu bewerten. Egal, in welchem Bereich er auch unterwegs ist, das Zauberwort heißt: griffige, unmittelbare und hier speziell von Natur und (bildhaft eingespieltem) Meer geprägte, durchaus auch „malerische“ Expressivität!

Oceane, Kadi Jürgens, Alexandru Constantinescu und Opernchor (c) Peter van Heesen

Und eben die ließ auch den Besucher der Stralsunder Inszenierung - wir sprechen von der Aufführung am 7. März – von der ersten Note an nicht los. Garant dafür war ein Theaterensemble, das die Anforderungen einer anspruchsvollen Partitur mit bemerkenswerter Souveränität meisterte. Allen voran Solisten, bei denen – und hier darf man rechtes pauschalisieren – kein Wunsch offen blieb!

Als hätte man nie andere Partien gesungen. Kraft- und charaktervoll sowie glasklar in der Tongebung, sicher im schwierigen Umfeld oft flächiger, kaum tonal durchzuhörender Harmonik, von geradezu körperlich erlebbarer Gefühlsintensität, stimmtechnisch auf absoluter Höhe und stets von so variabler wie überzeugender darstellerisch-sängerischer Glaubwürdigkeit – da hatte man am Ende eines aufregenden Opernabends und nach einem unter die Haut gehenden, großartigen Abschieds- Finale das Gefühl, ein berührendes großes Drama sehr unmittelbar miterlebt zu haben.

Fast spontan der naheliegende Wunsch nach einer Wiederholung! Nach einer Wiederbegegnung mit  Antje Bornemeier (Oceane), Sotiris Charalampous (Martin von Dircksen), Maciej Kozlowski (Dr. Albert Felgentreu), Yuko Kakuta (Kristina), Thomas Rettensteiner (Pastor Baltzer), Kadi Jürgens (Madam Louise) und Alexandru Constantinescu (Diener Georg).

Inbegriffen der wieder vorzüglich vorbereitete Chor (Jörg Pitschmann)  und ein blendend aufgelegtes Philharmonisches Orchester Vorpommern. Wer hier Ohren hatte zu hören, aufmerksam zu hören, der hatte bei GMD Florian Csizmadias alle denkbaren gestalterischen Details ausleuchtendem Dirigat unheimliches Vergnügen an Struktur und Klangwelt einer sensibel umgesetzten, und mit enorm reichhaltigen Opernerfahrungen ihres Komponisten ausgestatteten Partitur.

Sie offerierte differenzierteste Empfindungswelten und garantierte insgesamt eine abenteuerliche Reise durch sonst eher wenig berührtes, allerdings vielversprechendes Terrain so gar nicht überlebter, ja akzntuierter Ausdruckskunst.

Eine Aufführung, die als weiterer, unorthodox markanter Punkt in Vorpommerns Musiktheatergeschichte im Gedächtnis bleiben dürfte!          

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