Stralsund, Theater, Don Giovanni „in 90 Minuten", IOCO

Stralsund, Theater, Don Giovanni „in 90 Minuten", IOCO
Semjon Bulinsky, Antje Bornemeier, Sina Puffay, Alexandru Constantinescu, Thomas Rettensteiner (C) Peter van Heesen

DON GIOVANNI als etwas anderes Musiktheater; Mozart in Kurzfassung am Theater Vorpommern

 

Man las es  -  und staunte. Ankündigungen besagten: Premiere demnächst mit Mozarts Don Giovanni „in 90 Minuten“! Echt? Jawohl. Kein Irrtum, weder Sparprogramm noch Rücksichtnahme auf eine Greifswalder Ausweich-Spielstätte im sogenannten Kaisersaal des Volkshauses. Auf dem Titelblatt des Programmheftes war es dann zu lesen, fast ein wenig versteckt, mit kleinen Buchstaben, aber erkennbar: Freistil! Und da hatte man dann die Möglichkeit, der beabsichtigten Verortung näher zu kommen: nämlich als eines der Projekte innerhalb der bereits länger verfolgten und bemerkenswert innovativ ausfallenden Reihe FREISTIL, mit der das Theater Vorpommern Räume für Experimentelles, auch Abseitiges und Grenzüberschreitendes ausloten und neugierig machen wollte - und mit nunmehrigem Projekt Nr. 4 offensichtlich weiterhin will. Das hatte mit wahrlich innovativen Präsentationen schon mehrfach bestens funktioniert; letztens mit der kompletten Eigenproduktion der Parodie „In der Oper wird nicht gemordet“ - seinerzeit auch an dieser Stelle nachzulesen. Im Übrigen dürfte es dabei auch um den werbenden Blick auf neue Besucher(schichten) gehen. Die Jugend etwa, für die Vorpommerns Theaterpädagogik auch in diesem Jahr ein aufwändig und umfänglich gestaltetes Werbeheft (JUNGES THEATER) präsentiert. Mittendrin auch Mozarts „Don Giovanni in 90 Minuten“. Der Werbespot hier: die Neufassung erzähle das Werk „radikal anders: konzentriert, kompromisslos, emotional zugespitzt – und in nur 90 Minuten.“ Das kann schon neugierig machen! Und den Blick öffnen, gewinnen, vielleicht auch schärfen für veränderten Hör- und Sehgewohnheiten angepasste Kulturpräsentation.

Bryndís Guðjónsdóttir, Thomas Rettensteiner (C) Peter van Heesen

Nun also ein sehr bekannter Mozart in ungewohnter Sicht und Länge sowie in einer speziellen Textfassung von Bettina Bartz und Werner Hintze.  Das entsprach den Vorstellungen des Theaters Vorpommern (FREISTIL!) und denen der Regisseurin Mascha Pörzgen, die dann für dieses Projekt gewonnen werden konnte. Das Konzept in Kurzform lautet: Der Titelheld spielt eine hier deutlich geringere Rolle, denn die übernimmt demonstrativ Donna Anna. Die gesamte Geschichte wird aus ihrer Sicht erzählt, als „persönliche Erinnerungsgeschichte“. Und das weniger als „objektive Handlung“ denn als „Rekonstruktion eines traumatischen Ereignisses.“ Eben dieses – ihr anfängliches Nicht-Erkennen Don Giovannis und die Folge, der Tod des Vaters - wird von ihr als „Schuld“ empfunden, die sie nicht zu überwinden vermag. Don Ottavio, ihr versprochen, erweist sich menschlich zur Lösung ihres Problems als ungeeignet; Mit dem Schlussakkord des Werkes lässt sie symbolisch den ihr von ihm geschenkten Ring aus hoch erhobener Hand fallen. Ihr kann nicht geholfen werden. Eine Perspektive für sie bleibt dabei ebenso offen wie das Schicksal des aus dem Tod zurück geholten, als unheldisch und durchaus psychopathisch betrachteten Don Giovanni – Symbol für (s)ein  Verhaltensmuster Frauen gegenüber, das mit ihm eben nicht verschwindet. Solcherart durch demonstrative Orientierung auf  Frauenrollen verstärkten Aktualitätsbezug, die nicht immer ganz leicht einzuordnenden Videos sowie einige konzeptionell verankerte, „zum Weiterdenken“ gedachten Regie-Ambitionen über Themen „wie Trauma, Schuld, Macht und Abhängigkeit“ (Pörzgen) lassen da einiges an geistiger Arbeit für den Rezipienten aufscheinen. Dazu gehört auch das Betonen von Donna Annas Schuldkomplex und nicht zuletzt die Absicht, das Ganze als in ihrer Erinnerung ablaufend zu präsentieren. (Wer das umfangreiche, wieder bestens ausgestattete und sachkompetent verfasste Programmheft von Stephanie Langenberg wohl eher nach der Aufführung gelesen hat, weiß dann natürlich einiges mehr!) 

Diese beschriebene Sicht wird durch den häufigen Einsatz von schon erwähnten (und bewusst meist leicht verunklarten!) Video-Einspielungen verstärkt. Ebenso durch den Wegfall diverser Nebenhandlungen und Personen (Masetto), mithin durch Konzentration auf  e i n e n  Handlungsstrang und dessen individuelle Intensivierung und Profilierung. Auffällig hervorgehoben erscheint Leporello, der als Paparazzo dauerfilmend omnipräsent ist und allen Protagonisten lautstark auf die Nerven geht. Ansonsten noch mit von der Partie: die beiden Frauenrollen (!) Donna Elvira und Zerlina. Insgesamt: geballte Frauenpower gegen Don Giovanni; man kann auch sagen: große, großartig materialisierte (musikalisierte) frauliche Leidenschaften gegenüber einem erfolglos bemühten Liebhaber, einem eher nicht lustigen Hallodri und dem – hier herausgestellt! - komplett versagenden, fast Mitleid verdienenden Frauenversteher vom Dienst.

Bryndís Guðjónsdóttir, Alexandru Constantinescu, Thomas Rettensteiner (C) Peter van Heesen

Noch einmal Regisseurin Pörzgen: „So versteht diese Inszenierung von „Don Giovanni“ das Theater als einen Ort der Perspektiven. Sie lädt das Publikum ein, ein bekanntes Werk neu zu betrachten – nicht als abgeschlossene moralische Parabel, sondern als offene Geschichte über Wahrnehmung, Macht und Erinnerung.“  Letztlich – so nochmals Pörzgen – ist es erklärte Absicht, eine zentrale Episode der Oper in den Fokus zu nehmen und sie konzentriert dramatisch um die Gestalt Donna Annas zu verdichten.

Soweit also das herausfordernde Angebot des Theaters Vorpommern. Wie damit umgehen? Als Tabubruch, begangen an einem gestandenen Werk unangefochten singulärer Opern-Weltliteratur? Als Experiment mit dem Ziel, mittels kühnem Schnitt bisherige Perspektiven zu verändern und traditionelle Prioritäten in Frage zu stellen? Vielleicht von allem ein bisschen, zusätzlich serviert mit einer gehörigen Portion konzept- und aufführungsbedingtem Pragmatismus?

Sicher ist, die Greifswalder Premiere lässt keinerlei Einbußen an künstlerischem Gehalt erkennen oder gar am Ernst einer Fassung zweifeln, die zweifellos Fragen aufwirft und vom Rezipienten nicht leichte, weil ungewöhnliche Entscheidungen fordert. Andererseits durften Regie und Dramaturgie (Stephanie Langenberg) davon ausgehen, dass die handlungsmäßige Konzentration sich tatsächlich – und wie gewünscht – in einer starken emotionalen Verdichtung widerspiegelte. Es gibt auf der ebenen Fläche des großen Saales keine Bilder, deshalb auch keine Wechsel oder Zäsuren, keine Ruhepausen, weder gedanklich, im Geschehen noch in der Stringenz lebhaftester Gefühlsäußerungen. Dafür nahtlose gut 90 Minuten, in denen permanentes Auf und Ab der Protagonisten für eine gewisse Atemlosigkeit sorgten. Das Ganze spielte sich fast gänzlich auf (!) und um einen sehr langen Tisch samt sieben Stühlen ab. Auf ihm wird gemordet, aber auch gegessen oder geturtelt, er dient als Ablage für große Mengen an Damenschuhen und Aktenordnern, die als Erinnerungsstücke (Schuhe) beziehungsweise als nach Ländern geordnete Statistiken von Don Giovannis Abenteuern fungieren. Neben einem weiteren Stuhl oder besser: Sessel  (für den Komtur), einem Rollator (für den toten Komtur/Grabmal und den lebenden wie dann toten Don Giovanni) sowie einigen Koffern Donna Elviras (zum Einsammeln der Schuhe) brauchte es kein weiteres Bühnendekor. Es reichte, um ständig turbulentem Geschehen Raum und Struktur zu geben (Bühne, zeitloses Kostüm und Video Eva Humburg).

Hauptkomponente erhoffter Wirksamkeit blieb natürlich Mozarts Musik, die in der beabsichtigten Bündelung heftiger Emotionen manche konzeptionelle Überlegung glattweg überlagert haben dürfte. Kein Wunder, denn das Theater Vorpommern hatte mit (s)einem brillanten Solistenensemble erneut alle Trümpfe in der Hand. Allen voran  d i e  Protagonistin des Abends, Bryndís Guծjónsdóttirs Donna Anna (a. G.), die mit leidenschaftlichem Agieren, großer, kraftvoll gebändigter, aber auch gefühlsgeladen intensiver (und gelegentlich etwas scharfer) Stimme raum- und gemütergreifend  den Kern des Geschehens geradezu demonstrativ prägte. Als eine Persönlichkeit, die - von Trauer und Schuldgefühlen fast übermannt – letztlich doch noch eine gewisse Entscheidungskraft aufbringt, um das Gefühl zu vermitteln, dass da irgendwann noch eine Lösung in Sichtnähe bleibt. Letzteres gilt für Semjon Bulinsky als ihren (bedauernswerten) Verlobten Don Ottavio eher nicht. Aber er ergänzt als Partner passend und sehr überzeugend, weil mit  bekanntermaßen wohlklingender, so variabel wie sensibel und sängerisch mühelos eingesetzten Baritonstimme das Bild gegensätzlicher, sich jeder noch so wünschenswerten Übereinstimmung entziehenden Haltung. Zwei innig Verliebte, die zueinander nicht kommen können und sich damit sehr schwer tun!

Bryndís Guðjónsdóttir, Alexandru Contantinescu (C) Peter van Heesen

Ganz anders der Don Giovanni Alexandru Constantinescus. Ein „Frauenversteher“, ein Bonvivant professioneller Prägung, bislang verwöhnt mit „Erfolgen“ und im Konzept als „Mensch“ dennoch nicht ganz aufgegeben: vielleicht ist er doch jemand auf der Suche nach tieferem Lebenssinn!? So richtig deutlich wäre das weniger erkennbar, denn Constantinescu – auch er mit tollem Bariton, geschmeidig, selbstsicher, souverän in den Dialog-Rezitativen, stimmlich verführerisch – verkörpert dann doch eher das traditionelle Bild des einigermaßen skrupellosen Schürzenjägers; und das sehr glaubhaft! 2012 hat er diese Rolle übrigens schon einmal erfolgreich am Theater Vorpommern verkörpert, natürlich in traditionell gewohnter Fassung.

2012 war auch schon Thomas Rettensteiner als Leporello dabei. Diesmal sehr anders: als – wie oben bereits angedeutet – moderner, den Schönen und Reichen dieser Welt als Boulevard-Fotograf nachreisender Paparazzo. Die Figur ist hier bewusst aggressiver angelegt, weniger spitzbübisch und unterhaltsam situationskomisch, eher als allen anderen unangenehm auf den Nerv gehender, serviler Unruhestifter. Damit gewinnt er eine Dominanz, die ein wenig gewöhnungsbedürftig scheint, aber wohl genau so angelegt ist. Dementsprechend gibt Rettensteiner dem Affen so richtig Zucker: spielerisch und stimmlich sehr agil, rhetorisch überzeugend und mit einer Stimmgewalt, die ganz große Räume füllt. Ihm macht das sichtlich viel Freude, die auch dann im Saal gut ankommt, wenn hier und da die etwas feinere Klinge denkbar wäre. Dieser Leporelle ist eben einfach etwas anders!

Immer spannend beim Don Giovanni: wie geht man mit der Rolle des Komturs um? Hier wird er zunächst auf dem Tisch ermordet und anschließend im Rollator sitzend „entsorgt“: das Ganze etwas makaber. Später taucht er gelegentlich als „Geistererscheinung“ auf, oder, wie das Konzept sagt: „immer wieder als Präsenz -  mal real auf der Bühne, mal als Schatten oder Bild“. Und dies als „Heimsuchung“ (Schuld) Donna Annas? Wie dem auch sei: Für ihn hatte man mit Jovan Koščica den richtigen  Darsteller-Sänger gefunden: ein schöner Bass, runde, volle Stimme, maßvolles Pathos, keine Übertreibung. Und auf  der Bühne klärt man das Mahl mit den sionderbaren Folgen ebenso unspektakulär auf dem Tisch (!) mit entsprechend tödlichem Händedruck; der Rollator ist dann auch hier, diesmal für Don Giovanni die nächste Station, ehe ihn Donna Anna (!) zurück ins Leben (welches?) holt.

Bleiben noch zwei wichtige Damen: Beide sängerisch wiederum bestens besetzt und akustisch eine große Freude: die Donna Elvira Antje Bornemeiers, gesetzt und noch immer den Frauenhelden liebend, sowie die kokette, einem Abenteuer nicht abgeneigte Zerlina Sina Puffays. Beide verkörpern im Ensemble wichtige, stimmlich individuell geprägte Positionen! 

Fazit: Eine vokalsolistische Ensembleleistung von schönster Wirkmächtigkeit.

Letzteres gilt auch für das Philharmonische Orchester Vorpommern. David Behnke, 2. Kapellmeister und Studienleiter des Hauses, hat sich im Programmheft mit grundsätzlichen Überlegungen zu Mozarts Musik geäußert und dann den schlagenden Beweis für die Stichhaltigkeit seiner Sicht in der Praxis gleich mitgeliefert. Seinem Dirigat zu lauschen, war reines Vergnügen. Sichtlich penibel bis ins Detail gearbeitet, erklang hier ein Mozart von bemerkenswerter Aussagekraft, genauer: von stärkster Mitteilungsdichte. Nichts Beiläufiges, alles von Wichtigkeit, klug dosiert und auf Verdeutlichen von Text und Affekt ausgerichtet. Dabei ohne jeden Anflug akademisch realisierten Kalküls, dafür kontrastreiche, vibrierende, stringente Lebendigkeit, die vieles von Mozarts ambivalentem Komponieren in sich trug. Gemeinsam mit den Vokalsolisten – ein kurzer, eingespielter Männerchor (Jörg Pitschmann) bleibt marginal -  ergab das ein beziehungsreiches Musizieren von schönstem musikantischen Gleichklang. Diesem Eindruck im Nachhinein opernästhetische Überlegungen anzustellen – wer es braucht, dann bitte.

Man könnte sogar – es sei etwas provokativ gesagt - der Regisseurin widersprechen, die das Ziel ihrer Arbeit dann erreicht sieht, wenn dem Besucher Fragen bleiben, etwa über menschliche Beziehungen allgemein, „über Missverständnisse, Abhängigkeiten und darüber, wie Menschen miteinander umgehen.“ Da ist dann wohl jeder einzelne gefragt!

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