München, Staatsoper, INTERVIEW MIT ANA EDROSO STROEBE, IOCO

Premiere von Faust an der Bayerische Staatsoper: Dramaturgin Ana Edroso Stroebe im Gespräch über Lotte de Beers Inszenierung, Deutungen des Stoffes und die Aktualität von Faust im 21. Jahrhundert.

München, Staatsoper, INTERVIEW MIT ANA EDROSO STROEBE, IOCO
Dramaturgin Ana Edroso Stroebe © Sandra Then

von Adelina Yefimenko

Am 8. Februar 2026 feierte auf der Bühne der Bayerischen Staatsoper in München die Oper „Faust“ von Charles Gounod Premiere. Geht es in dieser Inszenierung, die starke Aufmerksamkeit des Publikums auf sich gezogen hat (alle Vorstellungen waren im Voraus ausverkauft), um eine Aktualisierung dieses ewigen Stoffes? Wird sich diese Produktion im Repertoire behaupten? Lässt sie sich als kulturelles Ereignis der Saison bezeichnen? Diese und viele andere Fragen inspirierten die Musikjournalistin Adelina Yefimenko zu einem Interview mit der Dramaturgin der Bayerischen Staatsoper, Ana Edroso Stroebe. Für das Magazin IOCO-Kultur im Netz.

Adelina Yefimenko: Zu Beginn – eine persönliche Frage an Sie, liebe Frau Edroso Stroebe. Was war Ihre erste Reaktion, als Sie engagiert wurden, die Neuproduktion Faust zu begleiten? Eine Dramaturgin zu sein – was bedeutet für Sie diese Berufung? Und welche Herausforderungen waren für Sie neu in dieser Produktion?

Edroso Stroebe: Seit Oktober 2025 bin ich an der Bayerischen Staatsoper Dramaturgin. Da Faust die erste Produktion war, die ich als Hausdramaturgin betreut habe, ging mit meiner Zusage für das Engagement an der Bayerischen Staatsoper auch gleich die Zuteilung dieser Produktionsdramaturgie einher. Über beides habe ich mich sehr gefreut. Dramaturgin zu sein, heißt einerseits, die künstlerischen Ideen einer Inszenierung ans Publikum und innerhalb des Hauses zu vermitteln, andererseits zu beschreiben, wie sich die konzeptionellen Ideen szenisch erzählen. Außerdem gehört es dazu, das Programmbuch zu gestalten, Texte zu verfassen und die Matinee zu planen und zu moderieren sowie viele Einführungen zu halten, in denen neben einer Einordnung des Entstehungskontextes auch Anekdoten aus der gemeinsamen Arbeit neugierig auf die Inszenierung machen sollen. Von Gounods Faust-Oper gibt es verschiedene Fassungen. Zunächst galt es, einen Überblick über das Material zu bekommen, um die großen und kleinen Unterschiede nachzuvollziehen: Was hat sich wann verändert und warum? Herausfordernd war für mich bei dieser Produktion, dass ich die vielen neuen Kolleginnen und Kollegen und die Abläufe kennenlernen musste, die sich von Haus zu Haus teils leicht unterscheiden. Dank der netten und hilfsbereiten Kolleginnen und Kollegen ist dies glücklicherweise schnell gelungen.

J.Tetelman, O.Kulchynska © Geoffroy Schied

Adelina Yefimenko: Sie waren sehr eng mit der Regisseurin Lotte de Beer beschäftigt. Sie hat ein Konzept vorgelegt, das szenisch eher einer konventionelleren Richtung des Regietheaters verpflichtet ist (ohne Einsatz neuester Technologien, ohne Film-, Gaming- oder KI-Elemente). Unbestreitbar jedoch ist die Opernnarration der lyrischen Oper von Charles Gounod neu durchdacht. Welche Erfahrungen des Regiekonzeptes galten für Sie als wegweisendste: philosophische, politische, lyrische?

Edroso Stroebe: Während der Proben hat Lotte de Beer erzählt, dass sie bei der Beschäftigung mit Gounods Werk festgestellt hat, dass man seine Faust-Oper nicht inszenieren kann, ohne die anderen berühmten Faust-Bearbeitungen zu beachten. Und das ist, was sie tut: Sie nimmt in ihrer Inszenierung Bezug auf Goethes Faust, zu dem sie in verschiedenen Momenten kleine und große Fäden spinnt. Übergreifend rückt sie die romantische Oper Gounods wieder mehr Richtung Gelehrtendrama, indem sie die Frage nach der Definition eines guten Lebens stellt und sich auf Sokrates bezieht. Es gibt aber auch konkrete szenische Verweise wie beispielsweise den zu Gretchens Mutter. Diese stirbt im Drama versehentlich an einer Überdosis Schlafmittel, die ihr Gretchen in den Tee mischt, um sich mit Faust zu treffen. Die Mutter kommt in Gounods Oper nicht vor, aber in der Inszenierung widerfährt der Nachbarin Marthe, die eine Mutterrolle einnimmt, dasselbe Schicksal. Natürlich kommt Marguerite als heimlicher Hauptfigur eine Schlüsselrolle zu. Das Werk wurde in Deutschland auch lange Zeit unter dem Titel Margarete gespielt.

K.Ketelsen © Geoffroy Schied

Adelina Yefimenko: Die Bayerische Staatsoper hatte immer schon den Anspruch, ein offener medialer, gesellschaftlich aktiver Raum für Diskussionen zu sein. Ein Pakt mit dem Teufel ist aktuelles Thema und nicht nur in dieser Produktion der BSO präsent.

Die Oper von Charles Gounod, die Mitte des 19. Jahrhunderts entstand, bewahrt auch im 21. Jahrhundert ihre Brisanz. Der Faust unserer Zeit träumt wohl kaum noch von romantischer Liebe. Seine Gestalt verstand ich in der neuen Inszenierung als Symbol der Enttäuschung über die Anhäufung von Wissen, über moralische Werte und über die Gesellschaft. Welche Resonanz verbreitet der Faust im heutigen Menschen, der in einer Welt mit permanenten Krisen und Kriegen lebt?

Edroso Stroebe: Der alte Gelehrte Faust ist verzweifelt, weil er meint, nichts zu wissen, nichts mehr zu verstehen. So stellt er alles infrage. Als sich für ihn die Gelegenheit ergibt, einen Pakt mit dem Teufel zu schließen, entscheidet er sich aber nicht etwa dafür, den Zustand der Allwissenheit zu erreichen, sondern für die Jugend: Er will wieder jung sein, um seinen Trieben nachzugehen. Dieser Jugendwahn ist sehr heutig und – womöglich mag der folgende Aspekt in noch mehr Teilen des Publikums resonieren – seine Entscheidung rein eigennützig. Man kann die Figur Fausts nicht ohne die von Méphistophélès betrachten. Nicht ohne Grund lässt Lotte de Beer ihn aus dem Schatten Fausts auftreten – nicht etwa von außen, wie man erwarten würde. Méphistophélès steht in ihrer Inszenierung für die verlockendere Entscheidungsmöglichkeit, die zwar zulasten anderer geht, die egoistischerweise aber das größere Vergnügen, die direktere Befriedigung oder die eigene Rettung zur Folge hat.

J.Tetelman, K.Ketelsen © Geoffroy Schied

Adelina Yefimenko: Der Krieg ist auf der Bühne durch Hintergrundbilder und Chor präsent. Méphistophélès erscheint in Lotte de Beers Konzept als Verkörperung eines systemischen Bösen, als eine Kraft, die in allen sozialen und politischen Strukturen wirksam ist. Seine Präsenz an der Seite der Soldaten verstärkt das Gefühl, dass das Böse zum Alltag geworden ist, dass man sich an seine Existenz gewöhnt hat. Alle – außer Margarete. Vor welche ethischen Herausforderungen stellt uns heute die Marguerite?

Edroso Stroebe: So wie Méphistophélès metaphorisch für das Böse und damit unsere Versuchungen steht, steht im Gegensatz dazu das Übernehmen von Verantwortung in Lotte de Beers Konzept für das Gute. Marguerite wird ungewollt schwanger und tötet ihr Kind, woraufhin sie hingerichtet werden soll. Sie sticht in dem Werk als Figur heraus, weil sie sich am Ende gegen den vermeintlich leichteren Weg entscheidet – also gegen die Flucht aus dem Gefängnis – und stattdessen für ihr Verhalten einstehen will. Sie ist bereit, die Konsequenzen ihres Handelns zu tragen. Indem sie Verantwortung übernimmt, wird sie gerettet. Für die Figur der Marguerite und von Goethes Gretchen gibt es ein historisches Vorbild: die Frankfurter Magd Susanna Margaretha Brandt, die im Januar 1772 öffentlich hingerichtet wurde. Über ein Jahr zuvor war sie vermutlich vergewaltigt worden. Nach der Begegnung mit einem jungen Mann, der nur auf der Durchreise war, musste sie feststellen, dass sie ungewollt schwanger war. Im August 1771 brachte sie das Kind zur Welt und tötete es anschließend. Schon in dieser Geschichte lassen sich viele Herausforderungen finden, die wir so oder so ähnlich heute nur zu gut kennen.

Faust - Staatsoper München © Geoffroy Schied

Adelina Yefimenko: Psychologische Porträts der Opernfiguren auf der Bühne, besonders der Figuren des Volks – wer sind sie? Erschöpfte Menschen oder schon die Leichen, wie die Kostüme dies andeuten? Sind sie Träger des Schmerzes in der Geschichte oder bringen sie auch die Hoffnung? Es war höchst beeindruckend, als der Chor Margaretes abschließende Gebetsarie als kollektive Stimme unterstützte! Man glaubte in Lotte de Beers Inszenierung, dass die Macht Méphistophélès’ endet.

Edroso Stroebe: Das Volk bringt sowohl die Hoffnung als auch die Grausamkeit. Es steht für die Menschheit in all ihren Facetten, von den fürsorglichen bis zu den kriegerischen. Man könnte das Kostüm auch als hundert oder hunderte Jahre alte Kleidung verstehen, die das Volk, verstanden als zeitlose und überzeitliche Gruppe, trägt. Die Szene auf dem Volksfest, in der die Gemeinschaft es schafft, Méphistophélès zu vertreiben, zeigt, welche Kraft den Menschen innewohnt, wenn sie sich zusammenschließen. Am Ende der Oper befreien die Menschen Marguerite, indem sie die Streben ihres Gefängnisses lösen. Dieser Moment ist auch musikalisch überwältigend. Hier ist hörbar, wie religiös Charles Gounod war, der sich an einem früheren Punkt seines Lebens lange nicht entscheiden konnte, ob er Priester oder Komponist werden sollte. Das Ende ist auch darum so stark, weil hier alle gegen den Teufel zusammenhalten.

O.Kulchynska, D.Kaiser © Geoffroy Schied

Adelina Yefimenko: Auf der Bühne dominierte eine monumentale Metallkonstruktion, die Geometrie geschlossener Flächen. Das Bühnenbild wirkte durchdringend, kalt, unerbittlich. Wie die Spitze einer Klinge ist die Wand fest in den Boden gerammt, der wie eine ausgetrocknete, rissige Erdkugel gestaltet ist. Ist die Idee eine Antizipation der apokalyptischen Zukunft? Sollen wir alle Margarete folgen? Beten? Welche ungelösten offenen Fragen sollten das Publikum nach der Faust-Produktion begleiten?

Edroso Stroebe: Das sind genau die Fragen, die diese Inszenierung beim Publikum wecken möchte. Jede Zuschauerin und jeder Zuschauer kann eigene Antworten darauf finden. Eine der Stärken von Lotte de Beers Inszenierung liegt genau darin, dass sie viele mögliche Wege aufzeigt, die sich weiterverfolgen lassen.

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