München, Gärtnerplatztheater, THE OLD MAID AND THE THIEF – Gian Carlo Menotti, IOCO
Einsamkeit, Sehnsucht und gefährliche Projektionen: Menottis The Old Maid and the Thief am Gärtnerplatztheater entlarvt hinter komischer Oberfläche menschliche Abgründe. Eine feinfühlige, musikalisch dichte Inszenierung mit starkem Gesang und präzisem Zusammenspiel.
von Daniela Zimmermann
Einsamkeit Projektion und ein nasser Fremder
Einsamkeit ist das alles beherrschende Thema von Gian Carlo Menottis Einakter The Old Maid and the Thief, 1939 als Radiooper für das amerikanische Publikum komponiert. In nur rund einer Stunde und vierzehn kurzen, dicht aufeinander folgenden Szenen entfaltet sich eine ebenso amüsante wie traurige Geschichte über emotionale Leere, unerfüllte Sehnsucht und die gefährliche Macht von Projektionen.
Regisseur Alexander Kreuselberg stellt diese Einsamkeit der Frauen ins Zentrum seiner Inszenierung auf der Studiobühne des Gärtnerplatztheaters. Ihre Hoffnungen, Wünsche und Illusionen konzentrieren sich auf eine einzige Person, den fremden Wanderer oder Landstreicher Bob. Was als harmloser Akt der Nächstenliebe beginnt, wird zum emotionalen wie moralischen Abgrund und endet zwangsläufig in großer Enttäuschung.
Ein Goldfisch, als Sinnbild der Isolation. Das Bühnen- und Kostümbild von Rainer Sinell unterstützt dieses Sinnbild. Ein gemütliches, kleinbürgerliches Wohnzimmer mit Kamin, geschmackvoll arrangierten Wertsachen und einer Atmosphäre vermeintlicher Geborgenheit bildet den Hauptspielort. Die Kostüme der Damen, in der Zeit um 1940, entsprechen dem Geschehen historisch präzise. Zugleich setzt Rainer Sinell ein starkes Symbol: einen einzelnen Goldfisch im Aquarium – ein stilles Bild für das Eingeschlossensein, für Einsamkeit im geschützten Raum.
Neben dem Wohnzimmer öffnen zwei weitere Spielinseln die Handlung: Bobs Schlafzimmer und der Schnapsladen. Diese Räume strukturieren den Spielablauf rhythmisch und erlauben schnelle Perspektivwechsel. Dabei bleibt der intime Charakter der Studiobühne erhalten.
Im Zentrum steht Miss Todd, grandios gesungen und gespielt von Anna Agathonos, die dieser Rolle mit ihrer warmen, ausdrucksvollen Altstimme Tiefe und Würde verleiht. Miss Todd hofft auf einen späten zweiten Frühling, auf Liebe, die ihr das Leben bislang nicht geschenkt hat. Ihre Naivität wirkt dabei nie lächerlich, sondern schmerzlich menschlich.
An ihrer Seite lebt das Hausmädchen Laetizia, gesungen von Sophia Keiler. Laetizia ist nicht mehr ganz so jung, aber voller Sehnsucht und innerer Unruhe. In ihrer großen Arie – virtuos in besten Koloraturen gesungen – bringt sie ihren verzweifelten Wunsch nach Leben und Lieben zum Ausdruck. Laetizia sagt früh einen der bittersten Sätze des Abends: „Lieber von einem Mann ermordet werden, als keinen Mann zu haben.“ Ein Satz, der unter der komischen Oberfläche tief erschüttert.
Miss Pinkerton wird gesungen und gespielt von Frances Lucey. Sie ist Freundin, Klatschchronistin und moralische Instanz zugleich. Als Herausgeberin der Lokalzeitung kennt sie jeden Dorftratsch und verbreitet ihn genüsslich. Ihr Misstrauen gegenüber dem Fremden wächst früh und mit ihr, das des ganzen Dorfes.
Der Fremde selbst, Bob, verkörpert von Jeremy Boulton aus dem Opernstudio, ist stimmlich und darstellerisch hervorragend. Sein romantischer Stimmklang verleiht ihm eine anziehende Aura. In einer verregneten Nacht, klopft er durchnässt an die Türe von Miss Todd, trocknet sich am Kamin – muskulöser Oberkörper inklusive – und wird sofort zur erotischen Projektionsfläche der Damen. Selbst sein Name scheint plötzlich verführerisch. Bemerkenswert dabei, Bob bleibt passiv. Bob handelt kaum, während die Frauen die Handlung aktiv vorantreiben.
Aus der Angst, Bob zu verlieren, wird eine fatale Logik entwickelt. Als ein Sträfling aus dem Gefängnis ausbricht, erklären die Damen ihren unbescholtenen, harmlosen Landstreicher in ihrer Fantasie zu dem Kriminellen, der deshalb unbedingt bleiben muss. Um ihn zufrieden zu stellen, werden sie selbst kriminell, rauben Geld und sogar den Schnapsladen aus. Alles geschieht im Namen der Liebe.
Menottis Text ist dabei von entlarvender Ironie. Besonders schmerzhaft wirkt der Moment, in dem Miss Todd, den Mann ihrer Begierde naiv fragt, ob er sie nicht liebe, und die ehrliche Antwort „Nein“ erhält. All ihre Gesetzesbrüche, all ihre Opfer haben keine Liebe erzeugt.
Als Miss Todd schließlich zur Polizei gehen will, eskaliert die Situation. Laetizia handelt schnell. Sie plündert die Wohnung, kehrt die Rollen um und flieht mit Bob, auf der Suche nach Freiheit, ihren Idealen und einem neuen Leben. Ob ihre Hoffnungen sich erfüllen, bleibt offen. Sicher ist nur: Die arme Miss Todd bleibt allein zurück mit ihrem Goldfisch.
Musikalisch begleitet wird diese Oper durch das Orchester des Staatstheaters, unter der Leitung von Oleg Ptashnikov. Das verkleinerte Orchester kommentiert und pointiert das Bühnengeschehen aufmerksam. Zwischen romantischen Passagen und grotesken Zuspitzungen wechselnd, verbinden sich Anklänge an die Musik Puccinis und an frühere Filmmusik. Die Musik trägt die szenische Ironie ebenso wie die spürbare Melancholie.
Musikalisch und darstellerisch überzeugt der Abend auf hohem Niveau. Präzise wird das zentrale Thema von Einsamkeit und Begehren klar herausgestellt. Hinter der amüsanten Oberfläche, öffnet sich ein Abgrund menschlicher Sehnsucht nach Liebe, zeitlos und berührend und sogar aktuell.