München, Gärtnerplatztheater, FÜRST IGOR – Alexander Borodin, IOCO

Roland Schwab erzählt Borodins „Fürst Igor“ klug auf zwei Ebenen: Die Komponisten werden zu Bühnenfiguren, Krieg und Utopie spiegeln sich eindringlich. Musikalisch stark mit Matija Meić und Oksana Sekerina – ein bewegender, kluger Premierenabend am Gärtnerplatz.

München, Gärtnerplatztheater, FÜRST IGOR – Alexander Borodin, IOCO
Staatstheater am Gärtnerplatz © Christian POGO Zach

von Daniela Zimmermann

Mit einer ebenso charmanten wie brillanten und intelligenten Inszenierung gelingt Roland Schwab ein außergewöhnlicher Zugriff auf Alexander Borodins monumentale Oper Fürst Igor. Schwab entscheidet sich nicht für historischen Pathos, sondern für eine kluge zweite Erzählebene. Er bezieht die 3 Komponisten Alexander Borodin, Nikolai Rimski-Korsakov und Alexander Glasunow als handelnde Persönlichkeiten in das Bühnengeschehen ein, genauer in das Entstehen dieser Oper.

Borodin erscheint als zwischen Wissenschaft und Kunst zerrissener Chemieprofessor, der von seinen Freunden immer wieder gedrängt wird, endlich das große Igor-Lied zu vollenden. Er flüchtet sich in die Wissenschaft, kehrt aber doch stets zum Klavier zurück. Gemeinsam arbeiten die drei an der Vision des Werkes, greifen korrigierend, kommentierend, spielerisch ins Geschehen ein. Diese drei sehr unterschiedlichen Musiker auf der Bühne sind eine ebenso einfallsreiche wie berührende Idee. Sie lockern den ernsten, kriegerischen Charakter der Oper auf, ohne ihn zu verharmlosen, und schaffen eine zweite Erzählebene voller Geist und Ironie.

Tobias Kartmann (Alexander Glasunow), Vladimir Pavic (Nikolai Rimski-Korsakow), Dieter Fernengel (Alexander Borodin) © Markus Tordik

Nach dem Prolog springt die Aufführung direkt in den zweiten Akt. Historisch kam die Oper erst 1890 nach Borodins Tod zur Uraufführung. Ein Fragment, vollendet von seinen Freunden. Genau aus dieser Brüchigkeit macht Roland Schwab eine produktive Kraft.

Fürst Igor von Nowgorod-Sewersk sammelt sein Heer zu einem Feldzug gegen die Polowetzer, ein Unternehmen, das vom Imperialismus geprägt ist. Eine Sonnenfinsternis warnt ihn, doch Igor ignoriert jedes Zeichen. Auch die Warnungen seiner Frau Jaroslawna werden überhört.  Seine Kriegspläne sind unerschütterlich. Er vertraut sein Reich seinem Schwager Galitzky an und zieht gemeinsam mit seinem Sohn Wladimir in den Kampf. Die Niederlage folgt und Igor wird verwundet gefangen genommen.

Im Lager der Polowetzer erlebt man eine überraschende Umkehr der Perspektive. Khan Kontschak begegnet Igor nicht als Feind, sondern als Gastgeber. Er bietet ihm ein Bündnis an, doch Igor bleibt unerbittlich, fixiert auf Flucht und Sieg. Währenddessen verliebt sich Wladimir in Kontschaks Tochter Kontschakowna, eine Liebesgeschichte, die Hoffnung auf Versöhnung in sich trägt und von Khan Kontschak durchaus begrüßt wird.

Hier entfalten sich die berühmten Polowetzer Tänze, kein folkloristisches Schaustück, sondern der Entwurf einer utopischen Weltordnung. Ein Steppenvolk, das Frieden sucht, keinen Krieg kennt, paradiesische Verhältnisse, selbst für den Gefangenen. Diese Schönheit wird nicht ironisiert, sondern ernst genommen. Die drei Musiker auf der Bühne genießen und kommentieren diese Vision sichtbar mit, ein stilles Plädoyer für Kunst als Gegenentwurf zur Gewalt.

Tobias Kartmann (Alexander Glasunow), Matija Meić (Fürst Igor), Vladimir Pavic (Nikolai Rimski-Korsakow), Dieter Fernengel (Alexander Borodin), Ballett des Staatstheaters am Gärtnerplatz © Markus Tordik

Das Bühnenbild von Piero Vinciguerra zeigt einen großen fürstlichen Saal. Igors zu Hause. Ein monumentaler Kronleuchter manifestiert Macht und Glanz. Zu Beginn strömen seine kampfbereiten Soldaten durch weite Türöffnungen, am Ende liegt dieser Raum zerstört in Trümmern. Hier vollzieht sich der Untergang von Nowgorod-Sewersk.  Die Polowetzer haben aus Rache zurückgeschlagen. Ein großer, brennender Panzer an der Wand, zeigt die schreckliche Grausamkeit des Krieges, während die Steppe als Gegenraum die Weite für die Tänze bietet.

In Igors Abwesenheit herrscht sein Schwager Galitzky selbstherrlich, feiert Orgien und unterdrückt das Volk.  Jaroslawna bangt um ihren Mann. Igor gelingt die Flucht, er kehrt gebrochen zurück. Noch einmal will er in den Kampf ziehen, doch die Kräfte reichen nicht mehr. Er stirbt in den Armen seiner Frau. Ein neuer Krieg wäre ohnehin unmöglich gewesen. Alles ist zerstört. Ein traumatisiertes Volk bleibt zurück.

Musikalisch überzeugt der Abend auf ganzer Linie. Gesungen wird auf Russisch, was der Partitur Borodins ihre archaische Wucht und emotionale Tiefe belässt. In der Titelpartie gestaltet Matija Meić einen Fürst Igor von großer stimmlicher Autorität. Sein kraftvoll geführter Bassbariton verbindet heroische Präsenz mit innerer Zerrissenheit. Besonders in den ruhigen Momenten gewinnt er an Tiefe und Tragik. Meić verkörpert Igor als Getriebenen, dessen Starrsinn letztlich in die Katastrophe führt. Als selbstherrlicher Schwager Galitzky überzeugt Timos Sirlantzis mit schneidender vokaler Präsenz und darstellerischer Rücksichtslosigkeit. Er ist das moralische Gegenbild von Igor, machtgierig, hemmungslos und gefährlich. Oksana Sekerina als Jaroslawna ist das emotionale Zentrum dieser Oper. Mit leuchtendem, warmen Sopran ist sie einerseits die leidende Gattin Igors, andererseits zeigt sie auch eine starke, innerlich gefestigte Frau. Ihre Klagen sind von berührender Intensität. In der Schlussszene, inmitten von Krieg und Zerstörung, verleiht sie dem Ende eine menschliche Tiefe.

Gjergji Meshaj (Ballett), Dieter Fernengel (Alexander Borodin), Monika Jägerová (Kontschakowna), Ballett des Staatstheaters am Gärtnerplatz © Markus Tordik

Arthur Espiritur verleiht Wladimir mit seinem Tenor die jugendliche Wärme und lyrische Strahlkraft.  Seine Liebesszene mit Monika Jägerová, mit ihrem warmen, dunkleren Mezzo als Kontaschkowna, bildet einen bewussten Kontrast zur kriegerischen Handlung, zart, hoffnungsvoll für eine gemeinsame Zukunft. Jägerová überzeugt auch mit großer Bühnenpräsenz.

Als Khan Kontschak gibt Levente Páll der Figur Würde und Größe. Sein Spiel und sein Gesang verdeutlichen, dass hier kein Feind gezeigt wird, sondern ein Herrscher mit Vision von Frieden und Versöhnung. Eine Spiegelung des imperialistischen Denkens von Fürst Igor.

Eine tragende Rolle spielt der Chor des Staatstheaters am Gärtnerplatz samt Extrachor, unter der Leitung von Rubén Dubrovsky. Klangmäßig präzise und emotional überwältigend. Das Ballett des Hauses tanzte aufwendig choreografiert die Polowetzer Tänze.

Rubén Dubrovsky als Musikalischer Leiter des Orchesters des Staatstheaters spielte mit großer Klarheit, Spannkraft und Sinn für Borodins weitgespannte Bögen. Das Orchester trägt entscheidend zur Wirkung des Abends bei. Dubrovsky versteht es, die epische Wucht der Partitur ebenso herauszuarbeiten wie ihre lyrischen, stillen, verhaltenen Momente. Besonders bei den Polowetzer Szenen zeigt das Orchester Farbenreichtum und lässt rhythmische Energie aufblühen.

Gyula Rab (Eroschka), Timos Sirlantzis (Fürst Galitzky), Juho Stén (Skula), Chor und Statisterie des Staatstheaters am Gärtnerplatz

Die Kostüme von Renée Listerdal, schlagen bewusst Brücken zwischen den Zeiten. Historisch für die Hauptfiguren, schlicht für das Volk, am Ende inmitten von Trümmern, modern in winterlicher Kleidung, Anoraks. Ein starkes Bild für die Zeitlosigkeit, Zerstörung und Wiederholung.

Diese Inszenierung zeigt Fürst Igor als große Oper über Macht, Verblendung und verpasste Chancen. Zugleich ein leiser Appell für eine Utopie, die im Tanz sichtbar wird, aber im Krieg untergeht. Ein eindrucksvoller, erfolgreicher Premierenabend.

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