München, Gärtnerplatztheater, CARMEN – Georges Bizet, IOCO

Bizets „Carmen“ am Gärtnerplatztheater als packendes Drama um Freiheit und Femizid: Herbert Föttingers Inszenierung in der Franco-Ära überzeugt mit starken Stimmen, klarer Figurenzeichnung und emotionaler Wucht.

München, Gärtnerplatztheater, CARMEN – Georges Bizet, IOCO
Staatstheater am Gärtnerplatz © Christian POGO Zach

von Daniela Zimmermann

Carmen - Spielzeitpremiere am Gärtnerplatztheater

Carmen in frischem Glanz

Georges Bizet hat mit Carmen ein Meisterwerk geschaffen, gleichermaßen in musikalischer Raffinesse wie in schonungslos realistischen Zeichnungen seiner Figuren. Für die aktuelle Produktion am Staatstheater am Gärtnerplatz wurde von Susanne F. Wolf und Herbert Föttinger ein neuer zeitgenössischer deutscher Dialog erarbeitet, während auf Französisch gesungen wird. Das Libretto stammt von Henri Meilhac und Ludovic Halévy. Bei seiner Uraufführung am 3. März 1875 an der Opéra-Comique traf das Werk auf ein Publikum, das von der Realitätsnähe zunächst irritiert war. Erst allmählich setzte sich Carmen als Welterfolg durch und ist heute auf allen Bühnen der Welt zu Hause.

Regisseur Herbert Föttinger verlegt die Handlung in die 1940er Jahre, in die Ära Francisco Francos. Damit verzichtet er bewusst auf das übliche Spanien-Klischee und verdichtet das Werk auf seinen Kern: Selbstbestimmung des eigenen Lebens. Während dies zur Entstehungszeit noch ein Tabu war, ist es auch heute für viele Frauen ein unerfüllter Traum, und genau darin liegt die ungebrochene Aktualität von Carmen. Die Inszenierung konzentriert sich konsequent auf die Figuren, auf ihre Konflikte und auf ihre Lebensvorstellungen. Anstelle folkloristischer Effekte entstehen Räume für differenzierte Charakterzeichnungen und für die unvergängliche Schönheit von Georges Bizets Musik.

Anna-Katharina Tonauer (Carmen) und Flamencotänzerinnen © Markus Tordik

Das Bühnenbild von Walter Vogelweider zeigt Sevillas Tavernen im neoklassizistischen Stil, auch die Bogenfassaden wirken wie ein Spiegel der Franco-Ära. Die Kostüme von Alfred Mayerhofer spiegeln ebenfalls die diktatorische, faschistische Zeit wider. Soldaten in Beige und in Militärstiefeln, harte Männer, die durch Andalusien stiefeln. Und die Arbeiterinnen der Zigarettenfabrik in einfacher blauer Kleidung – darunter Carmen, selbstbewusst, erotisch verführerisch, jung und schön.

Die Oper spielt in Sevilla und erzählt die Geschichte der freiheitsliebenden Carmen.  Als sie nach einer Auseinandersetzung verhaftet werden soll, verführt sie den Soldaten Don José, und überredet ihn, ihr zur Flucht zu verhelfen. Damit beginnt sein persönlicher Absturz. Aus Pflichtbewusstsein wird Leidenschaft, aus Liebe Besessenheit.

Während Don José alles für Carmen aufgibt, seine Stellung, seine Zukunft und die Verbindung zu seiner Heimat und zu Micaëla, verliert Carmen zunehmend das Interesse an ihm. Sie schließt sich einer Schmugglerbande an und wendet sich schließlich dem gefeierten Torero Escamillo zu, der in sie verliebt ist. Don José, unfähig, Carmens Freiheit und ihre Entscheidung zu akzeptieren, steigert sich in eine krankhafte Eifersucht hinein. Trotz aller Warnungen bleibt Carmen konsequent in ihrem Wunsch nach Selbstbestimmung. Vor der Arena, in der Escamillo als Torero gefeiert wird, kommt es zur letzten Begegnung mit Don José, der Carmen auffordert, zu ihm zurückzukehren. Das lehnt sie strikt ab. In seiner Verzweiflung ersticht er sie. Carmen stirbt, weil sie sich selbst treu bleibt.

Ihr Tod wird deutlich als Femizid inszeniert. Sie muss sterben, weil Don José nicht ertragen kann, dass sie einen anderen liebt. Die Warnungen ihrer Freundinnen ignoriert sie, allein ihr Wille, selbst zu bestimmen, wen sie liebt, zählt.

Lucian Krasznec (Don José), Ana Maria Labin (Micaëla) © Markus Tordik

Carmen, dargestellt von Anna-Katarina Tonauer, ist die Verkörperung von Freiheit und Selbstbestimmung, verführerisch, selbstbewusst in Spiel und Stimme, unberechenbar und gleichzeitig klar in ihrer inneren Logik. Don José, gesungen von Lucian Krasznec, ist leidenschaftlich, innerlich zerrissen, seine Stimme kraftvoll und ausdrucksstark, während er zusehends an seiner eigenen Obsession zerbricht. Micaëla, Jennifer O’Loughlin, das Mädchen aus der Heimat, überzeugt mit reiner, klarer Stimme, innig berührend kämpft sie um ihren Don José, doch gegen Carmens Ausstrahlung ist sie chancenlos. Escamillo, Levente Pall, strahlt siegessicheres Charisma aus, und seine Liebe zu Carmen wirkt glaubwürdig und echt.

Auch die Schmugglerbande um Dancairo, eine zentrale Figur, Thomas McGowan, und Remendado, Daniel Domarecki, gewinnt in dieser Inszenierung an Profil. Sie verkörpern ein Gegenmodell zur starren militärischen und gesellschaftlichen Ordnung. Frei, ungebunden und doch von eigenen Regeln bestimmt. Mit großer Spielfreude, Flamenco tanzend und mit vokaler Präsenz prägen sie die lebendigen Ensembleszenen. Dagegen zeichnen Zuniga, Lukas Enoch Lemcke, und Morales, Jeremy Boulton, das militärische Umfeld mit klaren Konturen.

Sophie Rennert (Carmen), Timos Sirlantzis (Escamillo) © Markus Tordik

Unter der musikalischen Leitung von Michael Balke, entfaltet das Orchester des Hauses die ganze Kraft von Bizets Partitur. Jede Szene wird getragen von seiner Musik, von der zarten Entr’acte-Flöte bis zur kraftvollen Habanera, dem Blumenlied oder dem markanten, kraftvollen Torero-Marsch bis zum heroischen Toreador-Lied Escamillos.  

Der wunderbare Chor und Extrachor, Einstudierung Pietro Numico, überzeugen wie immer sowohl gesanglich als auch in ihrem Spiel. Das Lichtkonzept von Michael Heidinger setzt Figuren und Szenen wirkungsvoll in Szene. Hintergrundfiguren erscheinen als Schatten, erotisch oder bedrohlich, während die Hauptfiguren klar und scharf fokussiert sind. Licht und Schatten verstärken die Spannung, passend zu jedem Akt.

Insgesamt ist diese Premiere von Carmen ein durchweg emotional packender Abend. Die Musik, die Stimmen, die Figurenzeichnung und die dramaturgische Präzision verbinden sich zu einem modernen, zugleich klassischen Erlebnis. Eine Carmen, die ihre Unabhängigkeit lebt, und ein Abend, der noch lange nachhallt.

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