Kino-Film LA SCALA - Die Entstehung der Oper DIE MACHT DES SCHICKSALS - von Giuseppe Verdi, IOCO
Eine Kino-Dokumentation aus französischer Produktion von der Filmemacherin Anissa Bonnefont
Von Iris Flender
Heute steht ein filmischer Besuch in der Mailänder Scala an, leider kein echter Besuch vor Ort.
Die Scala in Mailand (richtig: Teatro alla Scala) wurde 1778 eingeweiht, der Bau wurde von Maria Theresia beauftragt. Ja, richtig gelesen, damals gehörte die Lombardei zu Österreich. 1953 eroberte die Callas die Scala und die Mailänder mit dem Dirigenten Leonard Bernstein.
Die Scala also heute, auch so ein Musentempel, wo die geneigte Opernfreundin gerne hin möchte. Es kann ja nicht immer nur Bayreuth sein.
Die bisherigen Erfahrungen der Opernfreundin mit der Scala?
- 2003 nicht wegen der Sanierung des Gebäudes
- 2020 nicht wegen Corona
- 2022 ebenfalls nicht wegen Corona.
Aber heute gibt es die Scala wenigstens im Kino. Und das lohnt sich tatsächlich, wie wir gleich erleben werden. Seit 1951 ist es Tradition, die Saisoneröffnung am 7.12. mit einer Premiere zu begehen. 2024 soll es die "Macht des Schicksals" von Verdi sein. Und die französische Filmemacherin Anissa Bonnefont begleitet das gesamte "Making of" dieser Premiere, wie es im Film heißt von Anfang an.

Der Film ist so aufgebaut, dass die Tage vor der Aufführung dramatisch heruntergezählt werden.
- Start ist am "Tag 90 vor der Premiere". Regisseur Leo Muscato leitet das Casting von Tänzern.
- Und so geht es weiter, Tag 90 ... 70 (Chorproben) ... 50 (Kulissenbau) ... 10 (Klavierproben).
- Dann wird es ganz spannend: ... 5 (letzte Details) ... 3 (Orchesterproben) ... 2 ( Generalprobe) ... 1 (letzte Vorbereitungen) ... und dann Premiere.
Die Kamera begleitet einfach alles. Es gibt keine Interviews, keine erklärende Stimme für alles. Der Zuschauer ist einfach mittendrin, ganz nah dabei:
- Beim Casting,
- bei der Chorprobe,
- der Gewandmeisterin und den Stoff-Arbeiten der Kostüm-Bildnerinnen,
- dem Kulissenbauen,
- den Gesangs- und Orchesterproben,
- der Souffleuse.
Auch an allen Orten des Gebäudes sind wir dabei, in den Werkstätten, dem Bühnenaufbauraum, den Proberäumen, der Kantine und lernen so auch das gesamte Gebäude kennen.

Der Regisseur Leo Uscato wird live bei der anspruchsvollen Arbeit gezeigt:
- Egal, was er mit wem bespricht oder probt: Wir sind im Film dabei.
- Wir sehen, wie der Regisseur seine Ideen und Vorstellungen immer wieder und überall präsentiert, wie er alle überzeugt. Wie es sich formt, das Stück.
- Wir verstehen, wie intensiv mit jedem Menschen für ein Gelingen des Werkes zusammengearbeitet werden muss und wie mit der Zeit ein Puzzle-Teil nach dem anderen entwickelt und zusammengepasst wird.
Das fesselt komplett. Und dadurch, dass der Film im OmU läuft, ist der Eindruck noch unmittelbarer.
Beeindruckend auch die hohe technische Perfektion der Bühne - und dazu der altehrwürdige wunderschöne Zuschauerraum mit seinen roten Samtsesseln und klassizistischen Logen.
Als ein besonderes Zückerchen sehen wir dann noch die Vorbereitungen direkt vor dem Premierentag: Der rote Teppich im Foyer wird neu ausgelegt, die roten Samtsessel werden abgesaugt, es wird gewischt und gewienert. Massen an frischen Blumen werden dekoriert. Sogar Spürhunde (!) durchschnüffeln - offenbar zum Schutz der erwarteten Vip´s - die Bühne und das gesamte Haus. Das Hauspersonal, das gerade alles mühsam frisch gereinigt hat, bemerkt zu den Hundeführern: "Passt bloß auf, dass der mir nicht an die Bäume pinkelt". Die Nervosität hinter der Bühne steigt, Altstar Placido Domingo schaut ganz kurz vorher rein und wünscht jedem freundschaftlich eine gute Premiere.

Und dann ist es soweit: Im Foyer trifft sich das "Who ist Who" der Reichen und Schönen der Opernwelt und der Mode. Die Premiere beginnt. Aber das ist noch nicht das ganze Festpublikum: Vor dem Opernhaus trifft sich das normale Opern-Volk bei der Live-Übertragung über eine große Leinwand in der Victor-Emanuel-Passage. Und sogar in einem Gefängnis wird die Aufführung live übertragen.
Der Taumel der Aufführung beginnt. Genau hier endet dann der Film. Die ganze Oper wird nicht gezeigt in diesem Film, die Entstehungsgeschichte war ja schon abendfüllend. Wenn der Vorhang am Ende des Films im Kino fällt, möchte man einfach nur Bravo rufen.
Tja, so schön es auch im Kino war. Vielleicht wird es dieses Jahr doch noch die Scala von innen und live. Bis dahin bleibt die Callas von der Platte und ein Glas Champagner beim Schreiben.