Interview: Magdalena Anna Hofmann im Gespräch

Zwei Opernrollen, zwei Extreme: Magdalena Anna Hofmann spricht über Marie in Bergs Wozzeck und Isolde in Wagners Tristan und Isolde. Ein Gespräch über emotionale Grenzerfahrungen, stimmliche Disziplin und die Kraft unterschiedlicher Regiekonzepte.

Interview: Magdalena Anna Hofmann im Gespräch
Magdalena Anna Hofmann (Isolde) © Lucie Jansch

Zwei Frauen, zwei musikalische Welten, zwei Extreme weiblicher Existenz: Magdalena Anna Hofmann verkörperte innerhalb kurzer Zeit zwei ikonische Frauenfiguren: Marie und Isolde. In Antwerpen Marie in „Wozzeck“ – eine Figur aus Fleisch und Blut, gefangen zwischen Armut, Begehren und Schuld. In Ljubljana stand sie als Isolde in „Tristan und Isolde“ auf der Bühne – eine Frau, die sich aus der Realität löst und in einer Vision absoluter Liebe vergeht.

Kaum zwei Opernrollen könnten unterschiedlicher sein: die expressionistische Zerrissenheit Alban Bergs Marie und die schier endlosen Spannungsbögen Richard Wagners Isolde; eine soziale Tragödie gegen ein metaphysisches Drama. Und doch verbindet beide Figuren ein radikaler emotionaler Anspruch an die Sängerin.

Im Gespräch erzählt Magdalena Anna Hofmann für IOCO-Autorin Adelina Yefimenko von der Zerbrechlichkeit der Marie, von der architektonischen Kraft der Isolde, von stimmlicher Disziplin und innerer Grenzerfahrung – und davon, wie Regiekonzepte ihre Darstellung prägen, formen und auch stark herausfordern.

Adelina Yefimenko: Liebe Magdalena Anna, ich habe mit großer Begeisterung beide Deiner Rollen in Antwerpen (Opera Ballet Vlaanderen) und Ljubljana (SNG Opera in balet Ljubljana) erlebt. Die beiden Frauenfiguren, die Du darstelltest, wenn man Marie und Isolde nebeneinanderstellt, scheint es fast, als würden sie aus zwei verschiedenen Universen stammen. Und Du stehst für mich als Interpretin im Mittelpunkt dieser beiden Welten. Was war für Dich das Wesentliche bei der Einstudierung dieser beiden Rollen? Beginnt Deine Rollenarbeit eher im musikalischen Detail oder im psychologischen Kern der Figuren?

Magdalena Anna Hofmann: Für mich beginnt die eigentliche Rollenarbeit zunächst mit der Musik. Sie ist ja gewissermaßen die Architektur, in der sich alles Weitere entfaltet. Und bei Berg und Wagner ist diese Architektur eben völlig unterschiedlich gebaut. Gleichzeitig entsteht automatisch das psychologische Profil der Figur und ich versuche zu verstehen, welche inneren Prozesse die Charaktere durchlaufen. Das passiert immer gleichzeitig mit der musikalischen Arbeit und ist ein nie enden wollender und spannender Weg. Die musikalische Sprache verrät ja bereits so viel über ihre seelische Welt!

Adelina Yefimenko: Deine Marie in Antwerpen wirkte sehr verletzlich, einerseits deshalb, weil Bergs Musik so wie ein blanker Nerv wirkt, andererseits dank der Regie Johan Simons. Marie wird vom Militärtambourmajor verführt, was die Beziehung zu Wozzeck dramatisch belastet und zu seiner wachsenden Eifersucht beiträgt. Diese affektive Zerrissenheit – zwischen Verlangen, Sehnsucht nach einem besseren Leben und Schuldgefühlen – macht sie zu einer sehr komplexen, ambivalenten Figur. Was war für Dich in dieser Rolle besonders herausfordernd?

Opera Ballet Vlaanderen, Antwerpen, Wozzeck: Magdalena Anna Hofmann (Marie) Robin Adams (Wozzeck) © Annemie Augustijns

Magdalena Anna Hofmann:  Marie ist ja keine H eldin im klassischen Sinn, sie ist eine Suchende und eine Frau, die unter enormem sozialem Druck lebt und immer wieder versucht, ihrem Elend zu entkommen. Auch sehe ich sie nicht als Opfer, denn auch in der Regie von Johan Simons haben wir versucht, sie als starke Frau zu zeichnen, die einen unglaublichen Lebenswillen hat und für ihre Bedürfnisse kämpft und bereit ist, dafür ihre Würde zu opfern. Die Gleichzeitigkeit ihrer Verletzlichkeit und Stärke wird von Berg schonungslos freigelegt. Das macht die Herausforderung aus – eine Balance zu finden, emotional und auch stimmlich.

Adelina Yefimenko:  Andererseits war Deine Isolde auf Robert Wilsons minimalistischer Bühne stark, dominant, selbstbewusst. In Antwerpen war der Zugriff sehr psychologisch konkret – in Ljubljana dagegen ist vieles reduziert, fast stilisiert … Wie beeinflusste die Bildsprache dieser beiden Inszenierungen Deine innere Haltung, Deine schauspielerische Initiative für die Rolle der Isolde

Magdalena Anna Hofmann: Das waren tatsächlich zwei Produktionen und Arbeitsweisen, wie sie unterschiedlicher nicht sein konnten. Während die Arbeit an den Figuren mit Simons immer ein Miteinander ist, immer ein Dialog, ein Suchen und Ergründen der Psychologie ist, dreht sich bei Wilson in erster Linie alles um die Form und die Lichtkompositionen. Er hatte ja eine sehr klare Vision, die ja schon Monate, bevor er mit uns Sängern hätte arbeiten können (er ist ja bedauerlicherweise im Juli 2025 verstorben), festgelegt wurde. Jede Bewegung, jede Geste, jede Lichtstimmung steht ja bereits vor dem eigentlichen Probenstart fest. Da bleibt kaum Raum für eigene Interpretation. Die größte Herausforderung für mich war dabei die sehr starre und einengende Körperhaltung, die aber auch den Reiz seiner Arbeit ausmacht. Zu Beginn konnte ich kaum singen, weil die Spannung, die man durch diese spezielle Körperhaltung entwickelt, sich sofort auf die Halsmuskulatur überträgt. Wir Sänger arbeiten ja mit unserem gesamten Körper, müssen innerlich aber immer weich und flexibel bleiben, und der Stimmapparat leidet mitunter sehr darunter. Vor allem, wenn es so umfangreiche und schwierige Partien wie Tristan und Isolde sind. Das war tatsächlich ein sehr mühseliger Prozess. Ich bedauere allerdings sehr, Robert Wilson nie kennengelernt zu haben. Ich bin sicher, dass mein Blick auf seine Arbeit ein anderer, versöhnender, gewesen wäre.

Adelina Yefimenko: Für mich, während Marie in der miserableren Realität gefangen ist, strebt Isolde nach einer Befreiung: Diese ganz gegensätzlichen Emotionen führen beide Frauen in Extreme. Diese beiden Frauen sind in gewisser Weise Grenzfiguren – Marie zwischen Schuld und Sehnsucht, Isolde zwischen Leben und Transzendenz. Gab es in diesen Extremen Momente, in denen Du Dich vor der emotionalen Wucht dieser Rollen schützen musstest?

Magdalena Anna Hofmann: Nein, eigentlich nicht. Marie ist da allerdings leichter nachzuvollziehen und liegt mir näher. Sie ist so viel ungefilterter als Isolde. Das Gebet am Schluss ist immer ein besonders emotionaler Moment, ihr innerer Kampf und wie der komponiert ist, haben etwas so Existenzielles und Bedingungsloses, dass es einem beim Singen fast den Hals zuschnürt … Bei Isolde sind es viele angeeignete Schichten des Stolzes, der Verletztheit, bevor sie sich endlich zeigt… Das sind schon zwei wirklich tolle Partien!

Adelina Yefimenko: Bergs Musiksprache in „Wozzeck“ ist hart, schonungslos, gerade im Monolog des dritten Akts. Der Sprechgesang mit abrupten Sprüngen hat sehr dramatischen Ausdruck. Wagner dagegen komponiert für Isolde lange, schwebende Spannungsbögen. Wie wird damit Deine stimmliche Strategie entwickelt? Beispielsweise: Wie verändert sich Deine Atem- und Stimmführung zwischen der fragmentierten, atonalen Musiksprache von Berg und den langen, getragenen Bögen bei Wagner?

Magdalena Anna Hofmann: Auch wenn die Tonsprache unterschiedlich ist und ich immer dem Stil gerecht werden möchte – am Ende ist es immer meine Stimme und meine Technik, die ich den jeweiligen Anforderungen anpasse und durchnavigiere. Ich sehe das jetzt mit meinem kommenden Rollendebüt als Elektra – ich kann diese „Mörderpartie“ ja nur mit meiner Stimme singen, auch wenn der Umgang mit der extremen Dramatik und der Wucht des Orchesters eine wahre Herausforderung sind. Da steckt irre viel Arbeit dahinter, aber es macht so viel Freude!

Adelina Yefimenko: Wie gehst Du mit der enormen Ausdauer um, die die Partie der Isolde verlangt – insbesondere im dritten Akt? Gab es spezifische Lösungen für körperliche oder stimmliche Schwierigkeiten?

Magdalena Anna Hofmann: Das mag jetzt vielleicht erstaunlich klingen, aber an diese Ausdauer hat sich mein Körper schon gewöhnt. Wenn ich mal warmgesungen bin, dann werde ich nicht so schnell müde. Vor dem dritten Akt singe ich mich meistens noch einmal kurz ein, allerdings mit nur wenigen, sehr funktionalen Übungen. In den meist 1,5 Stunden bis zum Auftritt im dritten Akt darf man nicht zu sehr abspannen. Die Muskeln dürfen nicht kalt werden – das ist bei uns genauso wie bei Spitzensportlern. Da finde ich kurze Partien, wie die der Marie z. B., viel anstrengender, weil es ein ständiges Stop-and-go ist, und wenn ich so richtig drin bin, ist es auch schon wieder vorbei…

Adelina Yefimenko: Was hat Dich in diesen beiden Produktionen am meisten berührt? Und was war die größte Überraschung?

Magdalena Anna Hofmann: Die Zusammenarbeit mit Johan Simons war schon wahnsinnig schön. Er holt jeden Sänger ab, wo er steht, ist humorvoll und immer auf der Suche nach Wahrheit. Da hat Ego keinen Platz, das findet man selten. Die größte Überraschung war tatsächlich für mich, dass ich trotz großer innerer und äußerer Widerstände die Inszenierung von Robert Wilson bewältigt und mich auch darin gefunden habe. Und fast wie ein Wunder, dass ich es geschafft habe, an zwei aufeinanderfolgenden Tagen die Partie der Isolde zu singen. Das erforderte viel Disziplin und ich bin wahnsinnig froh und dankbar um diese Erfahrung – aber eigentlich war es ein Wahnsinn!

Adelina Yefimenko: Marie ist eine Mutter in existenzieller Not. Isolde ist eine Frau, die sich in eine metaphysische Liebesvision steigert. In der Handlung sind Maries Bibelmonolog mit düsteren Vorahnungen und Isoldes Liebestod jeweils Schlüsselmomente. Welche Figur forderte Dich innerlich mehr?

Magdalena Anna Hofmann: Ich behaupte jetzt mal, dass wir uns in Marie besser hineinversetzen können. Die Zerrissenheit zwischen Pflichtbewusstsein und alles erleben wollender Lebenslust ist wohl leichter nachzuvollziehen als Isoldes Liebes-Todeswahn. 

SNG Opera in balet Ljubljana, Tristan und Isolde: Magdalena Anna Hofmann (Isolde), Daniel Frank (Tristan) © Lucie Jansch

Adelina Yefimenko: Ich glaube, dass die Herausforderung bei Wagner eher die Ausdauer – und bei Berg eher die Präzision ist, oder wie siehst Du das? Wie beeinflusste eine psychologisch-realistische Regie Deine Körpersprache auf der Bühne?

Magdalena Anna Hofmann: Bei Wagner muss man doch ebenso präzise sein! Es ist recht schwer, beide Komponisten diesbezüglich miteinander zu vergleichen. Eine realistische Regie erlaubt mir, mir eine Körperlichkeit zu suchen, die zwar vielleicht nicht meine eigene ist, aber meiner doch näher ist. Das ist ja das Tolle am Spielen – wie bewegt sich Marie, welche Haltung hat Isolde? Das liebe ich besonders an der szenischen Arbeit.

Adelina Yefimenko: Wo liegt für Dich die Grenze zwischen szenischer Disziplin und persönlicher künstlerischer Freiheit?

Magdalena Anna Hofmann: Es ist eine Balance und das Eine schließt das Andere nicht aus. Wir sollten ja nach szenischer Disziplin streben. Theater ist Absprache, man vereinbart in Proben etwas und versucht, sich daran zu halten. Innerhalb dessen findet die persönliche Freiheit statt. Ich bin ja auch jeden Tag ein wenig anders und fühle mich anders. Und daraus entstehen dann neue Nuancen und Farben, und das macht dann wirklich Spaß!

Adelina Yefimenko: Inwieweit war Deine Arbeit intuitiv oder bewusst mit Atem, Blickführung, Mikrogestik, um innere Zustände in beiden Rollen sichtbar zu machen?

Magdalena Anna Hofmann: Du meinst bei Isolde? Schwierig zu beantworten, weil ja durch Wilsons Vision alles bereits festgelegt war. Da passiert das Wesentliche dann wohl in der eigenen stimmlichen, musikalischen Gestaltung und mit präziser und lebendiger Blickführung. Am Ende habe ich es tatsächlich genossen, die Gestik, wie Wilson es wohl gewünscht hätte, auszuführen, und ich hatte auch das Gefühl, dass es aus mir kommt. Ab da konnte ich die Vorstellungen auch genießen…

Adelina Yefimenko: Gab es Ausblicke von Marie, die Du in Deine Isolde mitnehmen wolltest – oder umgekehrt? Und welche existenziellen Erfahrungen sind für Dich persönlich in diesen beiden Rollen essenziell? Mit anderen Worten: Was würdest Du nach einer Aufführung von diesen beiden Frauen mit nach Hause nehmen und was würdest Du bewusst auf der Bühne zurücklassen?

Magdalena Anna Hofmann: In jeder Rolle, übrigens sogar bei Elektra! finden sich Aspekte, die man von sich kennt. Nicht immer sind es die angenehmsten, aber ja, auch Facetten von Marie und Isolde trage ich in mir … Die Charaktere auf der Bühne zu lassen, ist nicht schwer. Man ist ja dann auch wie ein Kind, das nach dem Rollenspiel die Verkleidung zurücklässt. Ich empfinde es als großes Geschenk, in diese unterschiedlichen Rollen schlüpfen zu dürfen und dadurch mitunter auch mehr über mich selbst zu erfahren. Eine lebenslange Psychotherapie sozusagen!

Adelina Yefimenko: Vielen Dank, Magdalena Anna Hofmann, für das spannende Gespräch für IOCO-Kultur im Netz

Das Gespräch führte Adelina Yefimenko

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