Hamburg, Staatsoper, Monster's Paradise - O. Neuwirth, E. Jelinek, IOCO
04.02.2026
Schon auf dem Plakat für Monster's Paradise prangt ein steinzeitliches Ungetüm, das droht, das Weiße Haus zu zerstören. Sofort flackern Erinnerungen an die japanischen Godzilla Kultfilme der 70er-Jahre auf. In diesen Filmen zerstören Monster die Zivilisation. Als Ü50er habe ich sie an zahllosen Sonntagnachmittagen meiner Kindheit in abgewetzten Kinosesseln mit Fanta und Erdnüssen gebannt verfolgt.
„Monster's Paradise“ ist eine apokalyptische Groteske in fünf Bildern. Hier trägt Godzilla den Namen Gorgonzilla und verkörpert den Guten in einer zerstörten Welt. Die „Grand Guignol Opéra“ bietet keinen klassischen Opernabend mit ergreifender Musik oder intellektuell brillanter Handlung. Die Hauptfiguren sind die müden Vampiretten Vampi und Bampi. Sie sind zugleich Avatare der Komponistin Olga Neuwirth und der Autorin Elfriede Jelinek. Beide warnen schon im Prolog vor dem Weltuntergang. Dabei erinnern sie an die Nornen in Wagners Götterdämmerung. Die beiden brechen zu einer Reise auf, um das Monster Gorgonzilla zu finden. Er entstammt einer Kernkraftwerk-Katastrophe und ist ein radioaktives Seemonster. Gleichzeitig soll er Retter vor einer anderen Katastrophe sein. Diese Gefahr geht vom tyrannischen König-Präsidenten und seinen devoten Vasallen Mickey und Tuckey aus.
Die Vampiretten Vampi und Bampi wollen seine Herrschaft beenden und planen einen Mordanschlag.

Um unerkannt zu bleiben, verkleiden sie sich als Miss Piggy und Kermit aus der Muppet Show. Das Attentat scheitert. Der König wächst plötzlich monströs heran. Muppets vermehren sich chaotisch. Kermits töten Piggies. Zombies stürmen herein. Eine göttliche Frauenstimme warnt vergeblich. Schließlich rettet Gorgonzilla die Vampiretten aus dem Chaos und bringt sie auf seine utopische Insel. Er wehrt Angriffe der Feinde ab und zieht zum zerstörten Palast des Königs. Vampi und Bampi ziehen durch Kriege und Katastrophen. Sie werden Zeuginnen des finalen Kampfes zwischen Gorgonzilla und dem König-Präsidenten. Mit ihren Smartphones filmen sie das Geschehen. Gorgonzilla siegt und frisst den Präsidenten. Die Zerstörung hört jedoch nicht auf. Gorgonzilla scheitert daran, die Erde zu retten. Eine neue Menschheit wächst heran. Die Natur erholt sich kurz. Das Feuer bleibt. Er wirft die Krone ab und nimmt Vampi und Bampi mit in den Ozean.

Am Ende treiben die Vampiretten auf einem Floß. Ein Klavier spielt weiter und weiter, obwohl niemand mehr die Tasten berührt. Der Abend schließt mit dem Satz „Und wenn sie nicht gestorben sind, leben sie noch heute.“
Das Werk ist eine bittere Satire voller groteskem Humor. Es entlarvt die Absurdität des Populismus, des Patriarchats und der Klimakrise. Gleichzeitig zeigt es Parallelen zu den immer skurrileren Begegnungen im Alltag.

Olga Neuwirth und Elfriede Jelinek sind seit Langem künstlerische Weggefährtinnen. Ihre Zusammenarbeit begann Ende der 1980er-Jahre mit Mini-Opern wie Körperliche Veränderungen und Der Wald. Nach 23 Jahren Pause bei großen Musiktheaterprojekten präsentiert Hamburg nun ihr neues gemeinsames Werk.
Neuwirths „Grand Guignol Opéra“ verbindet Apokalypse-Satire, Monster-Movie-Hommage und feministischen Appell zu einem furiosen Mix. Sie verzichtet auf ein durchgehendes opernhaftes musikalisches Narrativ und begleitet stattdessen die Groteske. Anleihen an die RTL-Gong-Show fehlen nicht. Der König-Präsident lässt Elvis, Captain America, Artisten und andere Figuren auftreten. Per rotem Knopf und drei aufleuchtenden Lichtern schickt er sie in die Tiefe. Jelineks Sprache wirkt bewusst pervertiert und dekonstruktiv. Manche Passagen erinnern an Hans Sommers Rübezahl („Guter Junge, schrei nicht so, du verrätst noch dein Inkognito“). Besonders gelungen ist Gorgonzillas Satz „Kinder, ich gebe euch keinen Rat, ich bin doch kein Rathaus.“ Charlotte Rampling trägt in den Video-Sequenzen als The Goddess aber weise und tiefe Worte vor.
Neuwirths Klangwelt passt perfekt dazu. Dissonante musikalische Fetzen gemischt mit Zitaten aus Rock, Pop und Klassik untermalen die Handlung. Das explosive musikalische Kaleidoskop besticht an unterschiedlichen Stellen aus jazzigen Beats, sinnlichen Streichern, elektronischen Verzerrungen und unzähligen Geräuschen. Auch Gorgonzillas Schnaufen und Keuchen ruft die Trash-Filme der 70er-Jahre wach.

Tobias Kratzers Regie steigert die Absurdität bis zum Äußersten. Pinke Neon-Schriftzüge leuchten auf. Muppets agieren wild. Zombiehafte Raves bestimmen den Tanz. Der König-Präsident wird aufgeblasen und platzt beinahe. Er erscheint in Windeln und fährt Golfcart. Kratzers Motto „Moral im Theater wagen“ wird eingelöst. Das Ganze besitzt einen enormen Spaßfaktor, der das Publikum in die Sitze presst. Irrationalität siegt über Vernunft. Die Realität wird ad absurdum geführt. Der Mix aus Trash, Schattentheater und politischem Kommentar fesselt, erschüttert und wirkt lange nach.
Das letzte Bild gemahnt an ein Requiem. Schlusschor und die Videosequenzen auf dem Meer mit der untergehenden Elbphilharmonie dauern etwas zu lang. Elisabeth Leonskaja und Alexandra Stychkina spielen vom Band Schubert-Reminiszenzen und Grotesken ein. In dieser elegischen Stimmung endet das Werk
.

Titus Engel führt das Philharmonische Staatsorchester stringent und mit Elan. Christian Günther holt aus dem Chor der Hamburgischen Staatsoper und dem Kinderchor vollen Einsatz heraus.
Sarah Defrise als Vampi und Kristina Stanek als Bampi überzeugen mit vokaler Intensität und schauspielerischer Hingabe. Georg Nigl verschmilzt vollendet mit seiner koloraturenreichen überaus fordernden Rolle als König-Präsident. Anna Clementi gibt Gorgonzilla auch eine betörend menschliche Stimme.
Wer eine bissige Trump-Satire sucht, wird hier fündig. Skurriles, Groteskes, Wahnhaftes und Absurdes verschmelzen meisterhaft. Die Texte verbinden sich mit dadaistischen Klangwelten und klaren politischen Botschaften.
Eine sehenswerte Groteske mit drängender Aktualität und Repertoirepotenzial.
Ein monströser Trashabend, der auch Neulingen vergnüglich die Pforten der Oper öffnet.