Figueras (Spanien), Theater-Museum Dalí, IOCO

Figueras (Spanien), Theater-Museum Dalí, IOCO
Das Theater-Museum Dali © Fundació Gala-Salvador Dalí, Figueres

Heiter an  Dalís Grab

Im Theater-Museum Dalí lebt Salvador Dalís Geist

Von Hanns Butterhof

Figueres. Die bedeutendste Attraktion von Figueres (spanisch: Figueras), dem Hauptort des Bezirks Alt Empordà in der autonomen nordspanischen Region Katalonien, ist das Teatre-Museu Dalí. Mit diesem hat der aus ästhetischen und politischen Gründen stets umstrittene Maler, Grafiker und Bildhauer Salvador Dalí (1904 - 1989), der als einer der Hauptvertreter des Surrealismus gilt, seiner Geburtsstadt eines der am meisten besuchten Museen Spaniens hinterlassen, in dem er auch begraben ist. In diesem Museum ist Dalís Geist lebendig.

Das 1974 eröffnete, dreigeschossige  Museum hat sein Zentrum in dem 1939 im Spanischen Bürgerkrieg durch Soldaten des Franco-Heeres niedergebrannten Stadttheater von Figueres. Auf der Plaça Gala i Salvador Dalí, schon vor dem Museum, wird man durch vier Skulpturen wie durch aus dem Museum herauswachsende Tentakel förmlich in Dalís Denken und Vorlieben hineingezogen, altmeisterliche und innovative Kunst, Philosophie und Wissenschaft: Auf einem hohen Stapel von LKW-Reifen thront eine Skulptur des von Dalí hochgeschätzten akademischen Malers Louis Ernest Meissonier, daneben krönt auf einer Säule von 13 Fernsehgeräten ein Frauenkopf den Fernseh-Obelisken des innovativen Künstlers Wolf Vostell. Und direkt vor der Fassade des Museums steht ein Denkmal für den katalanischen Philosophen Francesc Pujols. Mit der Inschrift auf seinem Sockel könnte Dalí selbst gemeint sein: Das katalanische Denken treibt immer Knospen und überlebt in seinen begrabenen Träumen. Den Kopf des Denkmals bildet ein goldenes Ei, das sich in eine Hand schmiegt - Der Denker von Auguste Rodin lässt grüßen. Weiter an der Treppe zur tiefer liegenden Straße steht die sehr dalíeske, löchrige Skulptur Hommage an Newton, die an Stelle des Herzens den berühmten Apfel enthält, der dem Physiker auf den Kopf fiel, was ihn zur Entdeckung der Schwerkraft geführt haben soll.

Der Innenhof des Museums © Fundació Gala-Salvador Dalí, Figueres

Derart angeregt tritt man in den Innenhof des Museums, einen Garten unter freiem Himmel, wo sich früher das Parkett des Theaters ausbreitete. Hier wird der Besucher von Ideen Dalís und von ihm arrangierten Objekten nahezu überschüttet. Dominant ist der blauschwarze Cadillac, auf dessen Kühlerhaube eine riesige, orientalisch anmutende Göttinnen-Skulptur mit großen Brüsten steht, die Große Ester von Ernst Fuchs. An langen Ketten scheint sie ein Boot zu ziehen, das hinter dem Cadillac auf einer Säule aus Autoreifen steht und von zwei Krücken gestützt wird. Unter seinem Kiel wollen blaue Wassertropfen niederfallen, und die Spitze seines Mastes bildet ein Regenschirm, der sich durch Einwerfen einer Münze öffnet, während es im Innern des Cadillacs zu regnen beginnt.

Spätestens hier offenbart sich die Geistesart Dalís, auf allen möglichen Ebenen Ernst und Spiel zu verbinden, viele ernsthafte Assoziationen anzustoßen, ihnen aber sofort wieder ihre Schwere zu nehmen und sie durch einen sehr individuellen Kommentar zu konterkarieren. Man könnte Stunden des Staunens im Innenhof verweilen und viel entdecken wie die grotesken Ungeheuer und fantasievollen Figuren an den Wänden oder die vier Beete, die den Namen von Dalís Frau und Muse GALA formen.

Von dort geht es weiter ins Innere des Museums, auf die ehemalige Bühne des Theaters, die durch eine eindrucksvolle halbkugelförmige Kuppel ihr Licht empfängt. Es erhellt zunächst den großen Bühnenvorhang, der mit einem nackten Torso bemalt ist, der aus dem Meer vor einer felsigen Insel emporragt. Jedoch ist die Attraktion des Bühnenraums das 420 x 318 cm große Gemälde Die nackte Gala betrachtet das Meer von 1975,  das aus digitalisierten Fotos zusammengesetzt ist und auf den ersten Blick auch zeigt, was der Titel sagt. Wendet man sich aber nach rechts und steigt die Treppen zum Mae West-Saal hinauf und sieht von dort aus achtzehn Metern auf das Gemälde, so verwandelt es sich überraschend in ein Portrait Abraham Lincolns.

Der Mae West-Saal © Hanns Butterhof

Mit nur ein paar Schritten gelangt man nun in den spektakulären Mae West-Saal. Er ist die dreidimensionale Nachbildung des Bildes Gesicht der Mae West, das als Wohnung benützt werden kann, das Dalí in den Dreißiger Jahren geschaffen hatte. Schaut man durch eine übergroße blonde Perücke in den Saal, so  formt er sich zum Gesicht von Mae West, damals der Inbegriff der Femme fatale und Sex-Symbol mehrerer Männer-Generationen. Höchst profan dient ihre Nase mit ihren Vertiefungen für allerlei Kram als Tisch, ihr Mund als Sofa  und zwei gerahmte Bilder fungieren als ihre Augen. Und als wäre das noch nicht genug, befinden sich noch viele andere Objekte im Raum, deren Zusammenhang nicht unbedingt einleuchtet, die aber vom Übermaß der Einfälle und dem ungebremsten Ausdruckswillen Dalís anschaulich Zeugnis ablegen.

Unter diesem Gesichtspunkt kann man durch die vielen Gänge und Säle des Museums flanieren und wird immer wieder neben überraschend Niegesehenem auch auf vertraut Bekanntes stoßen. So findet sich auf dem Gang unmittelbar hinter dem Mae West-Saal die Retrospektive Frauenbüste von 1933, die Büste einer unbekleideten Frau mit einer Baguette auf dem Kopf und darauf noch eine Kleinplastik des Angelusläutens von Jean-François Millet. Sie steht in einer Vitrine, deren Rückwand mit so vielen bunten Fasanenfedern bestückt ist, dass damit die Büste unschwer mehrfach bekleidet werden könnte.

Zum Verweilen bietet sich auf der Seite des Mae West-Saals im 1. Stock der Windpalast an, ein Ensemble aus drei Räumen, die Dalí als seine Wohnung gestaltet hat. Den größten Raum nimmt Das Wohnzimmer ein, das von einem riesigen Deckengemälde wie in barocken katholischen Kirchen beherrscht wird. Man muss schon sehr genau hinschauen, um darauf den paradoxen Gedanken Dalís zu erkennen: Stellen die Deckengemälde der Kirchen fast zwingend eine Himmelfahrt dar, so stürzen hier die Figuren der Erde zu. Im Mittelpunkt, was eigentlich nicht extra betont werden muss, befindet sich Dalí selbst, und aus den nach unten geöffneten Schubladen seines Körpers regnen Goldstücke auf Figueres herab; treffender konnte der Künstler seine Bedeutung und die des Museums für Figueres kaum darstellen.

Das Schlafzimmer im Windpalast © Hanns Butterhof

Daran schließt sich das Schlafzimmer an, das durch die sich gegenüberstehenden Portraits von Gala auf der exakten Zeichnung Studie zu Galarina von 1943 und Dalís frühes Selbstportrait von etwa 1919 als deren Schlafzimmer gekennzeichnet ist. Hier kann man seine Gedanken schweifen lassen und über das Schlafen in dem von Tritonen gehaltenen Muschelbett neben einem vergoldeten Gorillaskelett mit dem Kopf der verzückten heiligen Theresa im Schambereich und unter einem Bild mit weichen Uhren nachsinnen.

Vorbei an einem großen Foto des jungen spanischen Königs Juan I, der immerhin Dalí 1982 zum Marqués de Dalí de Púbol erhoben hat, geht es ins Atelier, das verschiedenen Formen der Weiblichkeit gewidmet ist, darunter das Gemälde Sphärische Galatea von 1952, in dem sich das Gesicht Galas explosionsartig in viele blaue und fleischfarbene Kugeln auflöst.

Den zweiten Stock füllen Werke von Antoni Pixot; der katalanische Maler war ein langjähriger Freund Dalís und nach dessen Tod Direktor des Museums. Seine Bilder zeigen anthropomorphe Figuren aus mit Ölfarbe bemalten Steinen. Deren Ausdruckskraft wird durch das Material beschränkt und ist nicht jedermanns Sache. So begibt man sich weiter in den dritten Stock, wo sich der Saal der Meisterwerke befindet. Er enthält von Dalí gesammelte Bilder, von El Greco  über Meissonier bis zu Marcel Duchamps. Auch sich selber hat Dalí nicht vergessen und eigene Werke unter der Rubrik Meisterwerke versammelt, darunter das vertrackte Dalí von hinten Gala von hinten malend, die von sechs virtuellen, sich vorübergehend in sechs echten Spiegeln widerspiegelnden Hornhäuten verewigt wird von 1972 – 73.

Dann geht es wieder hinunter, über die Bühne in den Schatzsaal, einem wie eine Schmuckschatulle rot ausgeschlagenen Raum. Hier sind die Schätze konzentriert gesammelt, die Dalí für die wichtigsten und für ihn charakteristischsten hielt. Frontal läuft man auf den Brotkorb von 1945 zu. Es heißt, das hyperrealistisch gemalte Werk sei für Dalí so wichtig gewesen, dass es ihn auf allen seinen Reisen begleitet habe. Doch seine Hängung spricht für eine metaphorische Bedeutung. Es hängt zwischen zwei Bildern, die Gala zum Gegenstand haben, zwischen der Leda atomica von 1949, auf der sie unbekleidet in einem Raum der Schwerelosigkeit schwebt, und Gala von hinten, in einen unsichtbaren Spiegel blickend von 1960. Es liegt nahe, in dem Brotkorb eine Metapher für Gala zu sehen, die ihn seelisch und künstlerisch, auch auf Reisen, nährt. So atmet der ganze Schatzsaal Dalís tiefe Hingabe an Gala. Die drückt sich auch maltechnisch in der hyperrealistischen Galarina von 1945 aus, die Dalí sogar ausdrücklich zu dem Brotkorb in Beziehung gesetzt hat. Andere Bilder lassen sich als Zeugnisse von Einflüssen lesen, die Dalì auf dem Weg zu Gala aufgenommen hat. So weist sein Bild Soda-Siphon und Rumflasche von 1924 auf die Metaphysische Malerei eines Giorgio de Chirico oder Schlafende Frauen am Strand, im Sand liegende Gestalten von 1926 auf Pablo Picasso. Nimmt man noch die lokalen katalanischen Themen wie die ikonische Darstellung des Hafens der Stadt Cadaqués Port Alguer von etwa 1923 oder das autobiographische Gespenst des Sex-Appeals von 1934 dazu, so feiert der Schatzsaal das Werden und Sein einer nahezu mythischen Dalí-Gala-Einheit.

Nach dieser Feier führt der Weg ins Untergeschoss in den Saal der Fischmärkte. Hier sind vor allem Bilder Dalís im Stil anderer Künstler zu finden. Eine jugendliche Lächelnde Venus von etwa 2021 räkelt sich vor einem pointillistischen Hintergrund, ein Tanzendes Paar am Strand erinnert an Pablo Picasso, und schließlich nimmt die Satirische Komposition von 1923 direkt auf Henri Matisses Der Tanz von 1909 Bezug. Damit nimmt Dalí der kunstgeschichtlichen Bedeutsamkeit solcher Einflüsse ihr Gewicht und erklärt sie zum Spiel. Diese ironische Haltung macht auch vor ihm selbst nicht Halt und gipfelt in Weiches Selbstbildnis mit gebratenem Speck von 1941, in dem sich Dalí à là Dalí als schokoladenartig zerlaufende, nur von Krücken in Form gehaltene Masse porträtiert.

Dalís Weiches Selbstbildnis mit gebratenem Speck © Hanns Butterhof

Danach kann man heiter nebenan in der Krypta an Dalís Grab treten und ihm versichern, dass sein Geist hier im Museum so vielseitig und lebendig wirkt wie zu seinen Lebzeiten.

Wenn man nach einem Verweilen im Hof des Torre Galatea das Museum so voller Eindrücke verlässt, nimmt man sich vor, an einem anderen Tag noch einmal herzukommen und sich viel, viel Zeit für diesen vielseitigen, altmeisterlich malenden Künstler Salvador Dalí zu lassen.

 

 Das Museum ist von Januar bis Juli und von September bis Januar  Dienstag bis Sonntag von 9.30 oder 10.30 Uhr bis 18.00 Uhr geöffnet, Juli und August täglich von 9 bis 20 Uhr.

Der Eintritt beträgt regulär 18,50/29,50 €, ermäßigt 15,00 €.

Es empfiehlt sich, Karten im Internet zu buchen und das Zeitfenster zu wählen.

 

Im Museumsshop gibt es den sehr informativen Museumsführer Theater-Museum Dalí zum Preis von 15,00 €.

 

 

 

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