Essen, Aalto-Theater, DER FREISCHÜTZ- Carl Maria von Weber, IOCO

Essen, Aalto-Theater, DER FREISCHÜTZ- Carl Maria von Weber, IOCO
Aalto-Theater, Foto: grimmenstein-bernadette

Rituale einer kriegsbelastete Dorfgemeinschaft - und die dämonische Abgründe dahinter

Von Iris Flender und Uli Rehwald

Aalto-Theater, Der Freischütz, Foto: Martin Kaufhold

In dieser Saison steht als Wiederaufnahme des Freischütz auf dem Spielplan. Das traditionsreiche deutsche Kulturgut "Der Freischütz" ist ein eher janusköpfiges Wesen, das zwei unterschiedliche Geschichten erzählt:

  • Eine mitreißende Geschichte von dämonischen Mächten und verzauberten Freikugeln, begleitet von vorwärtsstürmender, hochdramatischer Musik. Getragen von einem hervorragenden Schurken, der nicht nicht einmal vor einem Teufelspakt zurückschreckt.
  • Eine einfache Geschichte mit eher schlichten Charakteren, wobei diese Geschichte knietief im romantischen deutschen Brauchtum steht und für die Ohren mit fast nur mit volksliedhafter Gestaltung daherkommt. Dieser Teil hätte auch fast eine Operette sein können.
Aalto-Theater, Der Freischütz, Foto: Martin Kaufhold

Diesen Zwiespalt verkraften auch andere beliebte Opern sehr gut, wie z.B. die Zauberflöte. In dieser nimmt niemand Anstoß daran, es gilt sogar als Zeichen der Genialität Mozarts. Bei dem Freischütz kommt allerdings dazu, dass die operettenhafte Brauchtumsgeschichte heute nicht mehr so recht zeitgemäß ist. Das gilt insbesondere für die folgenden Teile:

  • Die Darstellung des schlichten "einfach schönen" deutschem Brauchtums sowohl bei der Jägerei als auch bei den ausführlichen Hochzeitsritualen.
  • Das gute Wirken Gottes durch den heiligen Eremiten, gegen den am Ende all das Böse der Welt keine Chance hat. Und der Schurke seinen verdienten Lohn der Hölle erhält.
  • Die Frauenrolle der Agathe als willenlos-wehrlose Wettbewerbs-Trophäe zum Verheiratet-Werden.
Aalto-Theater, Der Freischütz, Foto: Martin Kaufhold

Trotz dieser Schwierigkeiten taucht der Freischütz häufig genug auf den Spielplänen deutscher Opernhäuser auf - das Publikum scheint ihn also zu lieben. Allerdings wird darüber gemunkelt, dass der Freischütz bei den Opern-Regisseuren nicht allzu beliebt ist, sie ihn lieber vermeiden als inszenieren wollen. Denn jeder Regisseur weiß, er muss wirklich bemüht sein, damit keine arthritisch-hüftsteife Deutschtümelei entsteht. Angesichts dieser Ausgangslage ist es spannend, welchen Weg die Regie von Tatjana Gürbaca begeht, damit dies nicht geschehen soll (die Inszenierung läuft bereits seit 2018).

Die Lösung der Regie sieht heute wie folgt aus:

  • Das mit Inbrunst gepflegte Brauchtum wird als Ritual einer abgeschlossenen Dorfgemeinschaft erzählt, die vom gerade überstandenen Krieg noch stark beschädigt ist. Und die ihren Halt in diesen gesellschaftsprägenden Ritualen sucht.
  • Aber im Untergrund lauern allgegenwärtig die dämonischen Abgründe hinter diesen Ritualen, die offenbar ganz logisch dazu gehören (wie die Wolfsschlucht). So sind der Krieg und seine Folgen als Hintergrund der Handlung bei aller Brauchtumsschilderung fast durchgängig gegenwärtig.

Ja, das kann man so erzählen. So entsteht Tiefe vor dem gebrochener Hintergrund der sonst allzu glatten Oberfläche. Glückwunsch zu dieser Lösung, Frau Gürbaca.

Aalto-Theater, Der Freischütz, Foto: Martin Kaufhold

Das Bühnenbild steht dunkel und abweisend in Schwarz da - sieben stilisierte Häuser-Silhouetten, vielleicht um einen Dorfplatz herum, mit einem Dorfteich, einem abgestorbenen Baum. Die Kostümierung der Dorfgemeinschaft ist zeitlich nicht festgelegt. Von breiten Kragen und Schärpen wie im 30-jährigen Krieg, über diverse Soldaten-Bekleidungsstücke bis hin zu Adidas-Trainingsjacken und queere Männer in Frauenkleidern findet sich alles Mögliche. Gemeinsam ist die dunkle Tristesse des gerade überstandenen Kriegs. Etwas farblicher kommen die Namen tragenden Figuren ins Bild, bleiben aber auch in Naturtönen um den Umstand des dörflich-ländlichen gelegenen Schauplatzes zu unterstreichen. Im 3. Akt gibt es dann eher gestellte Tableaus als eine gespielte Bühne, hinter einem Videolicht-Vorhang. Ist das der Schleier der Zeit? Oder Symbol für den Hintergrund, vor dem alles spielt?

Aalto-Theater, Der Freischütz, Foto: Martin Kaufhold

Natürlich muss wie immer auch die Leistung der Darsteller und Verantwortlichen beschrieben werden. Das soll heute mit der Frage geschehen: Wer war der Star des Abends, wer hat dem Publikum den vielleicht magischen Opernmoment geschenkt, der mit vollem Glanz intensiv in Erinnerung bleibt?

  • Die Rollen des Fürsten (Tobias Greenhalgh), des Erbförsters (Karel Martin Ludvik) und des Eremiten (Baurzhan Anderzhanov) sind naturgemäß zu klein und auch weniger dafür geeignet. Gleichwohl bleibt die Szene gut in Erinnerung, in der der Eremit verzweifelt seiner Bibel die Seiten herausreißt.
  • Natalia Labourdette in der Rolle des Ännchen kämpft mutig und erfolgreich mit großer Spielfreude gegen die eher braven Teile der Oper an.
  • Die Rolle der Agathe hat große und schwierige Arien, die der Sopran von Irina Simmes beeindruckend gut meistert. Freilich, sie muss heute eher Kummer und Leid darstellen. Das taugt leider nur selten zu einem Spitzenplatz
Aalto-Theater, Der Freischütz, Foto: Martin Kaufhold
  • Die Titelrolle des Max wurde von Weber schon so geschrieben, dass sie für einen Spitzenmoment in Frage kommt. Geschmeidig und kraftvoll kommt Alejandro Del Angel stimmlich sehr gut durch die Arien, seine aussichtslose Verzweiflung ist gut greifbar. Obwohl er sicher zu den Favoriten zählt, gelingt ihm heute leider dennoch nicht, einen dieser großen magischen Momente zu schaffen. Lag es an den etwas schwächeren Sprechpassagen?
  • Kommt die Regisseurin Tatjana Gürbaca in Betracht? Ja, sie hat es gut hingekriegt, neue kraftvolle Momente und Hintergründe in den Operetten-Teil aufzunehmen. Außerdem ist es ihr gelungen, die Wolfsschlucht-Szene, die normalerweise von allein gut läuft, sogar noch zusätzlich weiter zu verbessern, was selten ist. Sie ist mit ihren geniale Ideen dazu weit vorne:
    • Der Geisterchor der Wolfsschlucht wird mit dem Rücken zum Publikum auf die Bühne gestellt. Und jeder spielt dabei pantomimisch aber hoch-dramatisch seine persönliche Verzweiflungshölle.
    • Kaspar wühlt die Freikugeln mit blutigen Händen zu turmhoch gehetzten Klängen aus der Brust von Max heraus.
    • Und am Ende ist Samiel nur ein Kind mit Kinderstimme, was das Entsetzen tatsächlich noch weiter steigert.
Aalto-Theater, Der Freischütz, Foto: Martin Kaufhold
  • Andrea Sanguineti mit seinen Düsseldorfer Symphoniker kommt ebenfalls gut durch das Stück, auch mit mitreißenden, großen Steigerungen. Freilich gehört die Ouvertüre nicht zu den Glanzstücken der Opernwelt, die ganz vorne in der Publikumsgunst liegen. Dafür legt er aber die Grundlage für die eigentlichen Star des Abends.
  • Und hier ist sie, die magische Szene des Abends: Es ist ganz klar die Beschwörung des Samiel in der Wolfschlucht-Szene. Heiko Trinsinger in der Rolle des Kaspar steigert seine ohnehin beeindruckende Bühnenpräsenz als Bösewicht dabei mit etwas, was sonst fast nie lobend bei einem Sänger erwähnt wird: Mit seiner Sprechstimme, mit der er von 1 bis 7 herunterzählt, um die Freikugeln zu gewinnen. Eine kraftvoll, entschlossene Stimme, fast rauh-geschrien mit abgrundtiefer Alptraum-Dämonie, nicht zaudernd, die Hölle heraufzubeschwören. Die meisten Zuschauer werden an einer Gänsehaut nicht vorbeigekommen sein. Getragen von den hier großartigen Düsseldorfer Symphonikern und vor allem auch durch den Chor. Dafür hat Heiko Trinsinger ganz sicher den heutigen Preis für den magischen Opernmoment gewonnen. Natürlich hat er auch großartig gesungen, aber mit diesem Sprech-Moment hat er etwas Überragendes gezeigt.
Aalto-Theater, Der Freischütz, Foto: Martin Kaufhold
  • Allerdings ist er in seiner Spitzenposition stark bedrängt vom Chor , der unter der Leitung von Berhard Schneider schier Unglaubliches leistet. Und deshalb fast auf Platz 1 gelandet wäre.
    • Die Regie von Frau Gürbaca hat hier sehr viel vom Chor verlangt - und es bekommen. Charakter wie Verschrobenheit, Boshaftigkeit, Neid, Dekadenz, Wollust, Orgien und immer wieder das Teuflische werden intensiv gespielt. Die Geister der Wolfsschlucht werden in einem Maße entfesselt, dass es einem im Schauschauerraum spürbar gruselt. Was hier jeder einzelne Chorist in der Beschwörungs-Szene schauspielerisch leistet, gerade auch mit heftigsten Verrenkungen und atemberaubender Intensität, macht fast sprachlos. Wie ist es Berhard Schneider gelungen, so etwas einzustudieren?
    • Mit diesem beherzten Tun hat Chor heute eine neue Deutungs-Ebene aufgemacht, was hinter dem bürgerlichen Brauchtum an Abgründen verborgen ist: Ausgrenzung, Niedertracht, kollektives Quälen der Außenseiter, geheime Bösartigkeit.
    • Und natürlich brilliert dieser große, stimmgewaltige, bestens einstudierte Chor auch stimmlich und gibt so ein gutes Fundament für die ganze Oper ab.
Aalto-Theater, Der Freischütz, Foto: Martin Kaufhold

Das Publikum dankt mit anhaltendem Applaus und einigen verdienten Bravo-Rufen für den großen Opernabend. Die erfrischend anders inszenierte Oper ist wirklich zu empfehlen.

Aalto-Theater, Der Freischütz, Foto: Martin Kaufhold

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