Düsseldorf, Rheinoper, IL TRITTICO - Giacomo Puccini, IOCO
Abgründige Collage vom menschlichen Scheitern
Von Iris Flender und Uli Rehwald
1918 gelang es Puccini, drei kurze Einakter von jeweils ca. 1 Stunde zur Aufführung zu bringen. Diese drei Einakter sollten nach dem Willen Puccinis auch künftig gemeinsam aufgeführt werden und werden als das Triptychon bezeichnet. Tatsächlich werden aber alle drei Kurzopern zusammen gar nicht so häufig aufgeführt. In der Publikumsgunst hat sich am meisten Gianni Schicchi etablieren können. Die Rheinoper hat alle drei Opern hintereinander in der Inszenierung von Dietrich W. Hilsdorf 2003 auf die Bühne gebracht, allerdings in umgekehrter Reihenfolge. Diese Inszenierung hat sich seitdem auf dem Spielplan halten können.

In allen drei Kurzopern erleben wir das Scheitern von menschlichen Bemühungen in unterschiedlichen Formen:
- In Gianni Schicchi scheitert die Erbengemeinschaft, die sich anlässlich des Todes eines reichen Mannes eingefunden hat. Immerhin stirbt der reiche Erblasser nur an einem natürlichen Tod. Und das Scheitern zeigt hier auch die komödiantischen Anteile.
- In Schwester Angelica scheitert die Protagonistin am feindlichen klösterlichen Leben, außerdem wird sie auch ihren Sohn nie wiedersehen. Und wählt den Tod: Das Scheitern von Angelica bahnt sich verheerend den Weg nach Innen.
- In Der Mantel scheitert die Liebe zwischen Michele und Giorgetta und endet in tödlicher Gewalt. Das Scheitern aller drei Protagonisten bricht mörderisch in die Außenwelt durch.

Das Triptychon spielt in allen drei Kurzopern in unterschiedlichen Zeiten, Orten und Situationen. Trotz aller Unterschiedlichkeit schafft es die Bühnengestaltung, die drei Opern zusammenzuhalten. Hohe, schmucklose Betonwände, eine Tür, ein Fenster, ein Bett - jeweils ein wenig der Szenerie angepasst, aber im Grundsatz gleich. Das bringt Ruhe in den großen Wechsel der Szenerie, ein gelungenes Bühnenbild. Und Dank der Kostüme wirkt die puristische Raumgestaltung dennoch stimmig und nicht etwa nur karg. Die Gewandmeisterin erfreut uns heute mit Kostümen, die tatsächlich zu Zeit und Ort des Geschehens passen - ohne verfremdeten oder gebrochenen Hintergrund. Das ist wirklich auch mal schön.
Gianni Schicchi
Die Komödie im Florenz der Renaissance beginnt damit, dass sich die Erbengemeinschaft eines reichen Alten versammelt hat. In der Hoffnung auf eine große Erbschaft übertreffen sie sich gegenseitig darin, geheuchelte Krokodilstränen zu vergießen. Damit ist es allerdings schnell vorbei, als festgestellt wird, dass alle nichts vom Erbe erhalten sollen, sondern nur ein Kloster bedacht wird. Angesichts einer solchen "Ungeheuerlichkeit" haben sie dann keine Skrupel, den Lebenskünstler Gianni Schicchi herbeizurufen, der eine Intrige zur Testamentsfälschung ersinnen soll. Das macht Gianni Schicchi dann auch meisterhaft. Er legt sich in das Bett des Toten und vermacht die Erbschaft vor dem herbeigerufenen Notar dann sich selbst. Die betrügerischen Verwanden werden gekonnt selbst betrogen.

Schwester Angelica
Hier wird zunächst die Lebensgemeinschaft eines N0nnenklosters in der Barockzeit ausführlich dargestellt. Die adelige Angelica ist seit Jahren wegen eines unehelichen Kinds in diesem Kloster, in der sie eine ungeliebte Außenseiterin ist. Ihr größter Wunsch ist es, wenigstens ihren Sohn noch einmal im Leben zu sehen. Als die Fürstin aus ihrer adeligen Verwandtschaft überraschend erscheint, flammt die Hoffnung auf ein Wiedersehen jäh auf, wird aber abgrundtief enttäuscht - ihr Sohn ist schon gestorben. Verzweifelt nimmt Angelica Gift aus dem klösterlichen Kräutergarten, um der Welt zu entfliehen. Immerhin, im Tod hat sie noch eine tröstliche Vision.

Der Mantel
Der Mantel ist das schwärzeste Stück dieser Trilogie. Es handelt im Arbeiter- und Schiffermilieu um 1900 auf dem Schleppkahn von Michele. Mehr als trostlos wird der trübe, freudlose Tagesverlauf auf dem Schiff dargestellt - wie er sich ohne Sinn und Perspektive hinschleppt. Karl Marx hätte sicher seine Freude an dieser Schilderung des Arbeitermilieus gefunden. Und am Ende scheitern alle drei Hauptfiguren abgrundtief: Zwei der drei Protagonisten werden ermordet und der verbliebene Michele bleibt auch verzweifelt, betrogen und ohne Hoffnung zurück. In einem klassischen Dreiecksverhältnis bringt Michele erst seinen Widersacher Luigi und danach seine Frau Giorgetta um. Gott hat sich offenbar von dieser scheiternden Welt abgewendet.

Insgesamt kommt man auf 44 Rollen in den drei Opern. Traditionell werden daher in diesem Opern-Dreierpack viele Sänger mit zwei oder drei Rollen bedacht. Von den Hauptrollen ist das diesmal nur bei Alexey Zelenkov der Fall. Er singt sowohl den Gianni Schicchi als auch den Michele in Der Mantel. Dabei schafft er gut den Spagat zwischen dem tolldreistem komödiantischen Strippenzieher in Gianni Schicchi hin zu dem düster-bedrohlich verzweifelten Michele in Der Mantel. Größer könnte der Rollenunterschied kaum sein. Er zeigt beides in großer Brillanz, sein sonorer Bariton hätte wohl auch noch eine weitere Rolle kraftvoll vertragen.
Sonst sind nur die mittleren und kleinen Rollen stückübergreifend besetzt. Katarzyna Kunico schafft es sogar, mit drei Rollen in jeder der Kurz-Opern zu singen.
Die Sänger der anderen Hauptrollen mussten keine zweiten Rollen verkraften: Sylvia Hamvasi als Angelica, Ramona Zaharia als Fürstin, Celine Byrne als Giorgetta und Eduardo Aladrén als Luigi.
Hervorzuheben ist auch die geschlossenen Ensembleleistung aller Sänger in Gianni Schicchi. Fast alle haben nur kurze Einsätze und müssen vor allem darauf achten, das Tempo und die Spritzigkeit gemeinsam hoch zu halten.
Das Publikum spendete - am Ostermontag überraschend im leider nur halbvollem Haus - gleichwohl reichlich Applaus.