Duisburg, Deutsche Oper am Rhein, DIE WALKÜRE - Richard Wagner, IOCO

Duisburg, Deutsche Oper am Rhein, DIE WALKÜRE - Richard Wagner, IOCO
Duisburg, Rheinoper, Foto: IOCO

Die Rheinoper nimmt an ihrem Standort Duisburg in dieser Saison wieder Richard Wagners Walküre in das Programm auf. Die Inszenierung von Dietrich W. Hilsdorf stammt  aus dem Jahr 2018 und hat sich seitdem erfolgreich im Programm gehalten. Die Rheinoper hat es auf bisher insgesamt 4 Inszenierungen des vollständigen Ring-Zyklus in der Nachkriegszeit gebracht.

Die Inszenierung von Hilsdorf ist soweit bekannt: Er setzt auf keine ungewöhnlichen, sperrigen Regie-Konstrukte, er erzählt das Stück im Wesentlichen wie es ist, jedoch mit einem Schwerpunkt: Der Ring als Kapitalismus-Kritik. Wohl auch in der Zeit des frühen Kapitalismus – gemessen an den Kostümen (Renate Schmitzer).

Wer möchte, kann sich zur Vorbereitung seines Opernbesuchs ein sehenswertes Video auf der Homepage der Rheinoper ansehen (der Talk zum „Ring“ – Die Walküre), noch mit Axel Kober.  

Das Bühnenbild (Dieter Richter) bleibt heute in allen 3 Akten im Wesentlichen das Gleiche: Ein großer, langer Tisch mit einem roten Sofa und Stühlen, Getränke und Gläser, aus denen sich bedient wird, ein Herd mit Feuer und natürlich die Esche. Das reicht sowohl für Hundings Halle als auch für Walhall und den Walkürenfelsen. So einfach das vielleicht scheint, wirkt es doch ansprechend und unterstützt das Stück.

Rheinoper, Die Walküre, Foto: Mathias Jung

Die Walküre gilt als die beliebteste Oper des gesamten Rings, wahrscheinlich zu Recht. Und so wird das Duisburger Publikum - sicher mit großer Erwartungshaltung - darauf gespannt sein, wie die besonderen Juwelen dieser großen Oper heute gelingen werden. Auf dem Hinweg hätte es vielleicht kleinere Zweifel geben können. Traditionell werden vor den Wiederaufnahmen fast immer zu wenig Proben gemacht. Dazu kommt, dass die Besetzung 2 Rollendebuts (Siegmund, Sieglinde) aufweist, was eigentlich kein Nachteil sein muss. Aber als der Intendant auch noch kurz vor Beginn vor den Vorhang tritt, droht weiteres Ungemach: Er teilt mit, dass Allison Oakes (in der Rolle der Brünnhilde) heute leider indisponiert ist und am frühen Morgen gar nicht hätte singen können. Sie wolle es gleichwohl versuchen, ein kurzfristig engagiertes Double steht hinter der Bühne bereit, um notfalls direkt einzuspringen.

So eingestimmt beginnen wir die Reise mit der Frage, wie die bekannten Juwelen dieser Oper heute Abend gelingen werden.

Der rauschhafte 1. Akt

Viele Wagnerianer sind der Meinung, dass Wagner hier seinen dichtesten und mitreißendsten Akt geschrieben hat. Eine Stunde, die sich wie eine Zeitspanne von 5 Minuten anfühlt.

Rheinoper, Die Walküre, Foto: Mathias Jung

Die Oper nimmt rasch Fahrt auf, glänzend getragen von den Duisburger Symphonikern unter der Leitung von Vitali Alekseenok. Samuel Sakker (in der Rolle des Siegmund) hat eine angenehme, fast baritonale Färbung in der Mittellage. Aber auch seine Wälse-Rufe auf dem hohen G gelingen eindrucksvoll-mächtig und mit Metall in der Stimme. Und er ist auch geschmeidig-lyrisch genug für die „Winterstürme“. Signe Heiberg zeigt sich in der Rolle der Sieglinde als sehr ausdrucksstark und mit großer Präsenz, als sehr starkes Gegenüber. In der kleinen, aber sehr wirkungsvollen Rolle des Hunding, überzeugt Thorsten Grümbel mit bedrohlich- herrschsüchtig dunklem Bass. Und wie fast immer funktioniert der enorme Spannungsbogen der Handlung zusammen mit Wagners dramatischer Musik bestens. Wer einmal erfahren will, wie sich ein großer Liebesrausch anfühlt, sollte sich diesen Akt in Duisburg anhören. Und da sonst im 1. Akt kein Platz für Applaus ist, bricht dieser dann mit dem Schlussakkord fulminant los, sogar mit Bravorufen. Duisburg ist zufrieden mit dem 1. Juwel.

Die Walküren-Rufe

Etwas Bange wird Einigen im Publikum sein, dass der erste Einsatz der indisponierten Brünnhilde gleich außerordentlich fordernd beginnt. Kaum dass der Vorhang sich für den 2. Akt geöffnet hat, muss sie ohne Anlauf die enorm schwierigen Walküren-Rufe bringen, und zwar gleich bis zum hohen C. Und direkt danach auf das hohe H für 2 volle Takte zum Orchester im doppelten Forte. Und es gelingt ihrem jugendlich-dramatischen Sopran bestens: Strahlend, kräftig, voller Übermut. Und offenbar mühelos. Vitali Alekseenok scheint das Fortissimo des Orchesters nicht zurückgenommen zu haben – aber auch über dem Orchester im Fortissimo ist Allison Oakes noch gut zu hören. Direkt danach folgt die Wiederholung dieses schwierigen Parts in gleicher Qualität – von „indisponiert“ ist nichts zu hören. Man kann sich etwas zurücklehnen – sie könnte tatsächlich gut durchkommen heute Abend. Ihr erstes Juwel hat sie glänzend präsentiert.

Rheinoper, Die Walküre, Foto: Mathias Jung

Die Todverkündung

Nach dem glanzvollen 1. Akt in größten Gefühlsrausch-Höhen kommt der 2. Akt zunächst mal nur mit einer Fülle von Niedertracht (Anna Harvey garniert die Bosheit der Göttermutter Fricka mit viel Eleganz) und Verrat. Bis schließlich alles in schierer Aussichtslosigkeit mündet und Göttervater Wotan (James Rutherford) sich in die Abgründe seines Verzweiflungs-Monologs begeben muss. Das muss man erst mal aushalten. Doch danach, in der Mitte des 2. Aktes, dreht sich die Stimmung wieder: Man kann aufatmen, dass sich erneut etwas Mitgefühl einstellt in der Oper, nämlich bei der Todverkündung Brünnhildes; das Publikum darf aufatmen.

Die Herausforderung dieses Juwels ist, die fantastische Unwirklichkeit dieser Todverkündung auf die Bühne zu bringen. Und tatsächlich: Die Zeit scheint stehenzubleiben, Brünnhilde nähert sich in nicht enden wollender Zeitlupe Siegmund. Beide hauchen ihren Stimmen für diesen Moment eine fast zeitlos-unwirkliche Atmosphäre ein, von weit jenseits dieser Welt. Dabei trägt Brünnhilde einen schwarzen Schleier, den sie Siegmund über den Kopf legt. Ein wahrer Gänsehaut-Moment.

 

Der Walkürenritt und die 8 Walküren

Rheinoper, Die Walküre, Foto: Mathias Jung

Das Orchestervorspiel zum 3. Akt ist die vielleicht bekannteste Wagnermusik, auch für die Personen, die selten Klassik hören. Hilsdorf hat es so eingerichtet, dass wir zunächst – bevor die Musik beginnt - Geräusche eines landenden Hubschraubers hören. Und tatsächlich finden wir auch einen gestrandeten Hubschrauber auf der Bühne, sobald sich der Vorhang öffnet. Den Duisburger Philharmonikern gelingt ein atemloser, kraftvoll-entschlossener Walkürenritt, der durch die Szenenbilder noch enorm verstärkt wird: Gefallene Helden, mit Verwundungen auf den nackten Oberkörpern, schleppen sich vorsichtig durch ihre neue Welt Walhall, in der sie eben nach dem Heldentod angekommen sind. Wie Marionetten, willenlos gelenkt von den Walküren in blutroten Kleidern. Sicher auch ein Bild, das bleiben wird. Zusammen mit der Musik ergibt dies eine beispielhaft hohe Intensität - zum Atem anhalten.  

Wotans Abschied

Rheinoper, Die Walküre, Foto: Mathias Jung

Und natürlich schraubt sich die Oper am Ende wieder auf diese positiv gefärbten Gefühls-Höhen, die sie nach dem 1. Akt vorübergehend für die bösen Untiefen verlassen hat. Der bewährte James Rutherford kann auch heute in der Rolle des Wotans sehr überzeugen.  Nach seinem unheilvollen, fast geflüsterten Verzweiflungsmonolog im 2. Akt zeigt er bei Wotans Abschied nun, dass er auch das ganz große Besteck auspacken kann: Kraftvoll-heldisch und doch geschmeidig, auch darstellerisch sehr intensiv. Nicht ohne Grund hat er international an allen bedeutenden Häusern und bei den Bayreuther Festspielen gesungen.

Rheinoper, Die Walküre, Foto: Mathias Jung

Das Publikum dankt mit herzlichem Applaus und Bravo-Rufen. Und Allison Oakes hat durchgehalten- sie verneigt sich besonders tief und anhaltend.

Rheinoper, Die Walküre, Foto: Mathias Jung

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