Corby Welch, Interview, IOCO

Nach seinem gefeierten Paul in Die tote Stadt spricht Heldentenor Corby Welch über Ausbildung, Fachwechsel, Wagner, Rollenarbeit, Einspringen und Zukunftspläne. Ein offenes, kluges Künstlergespräch über Stimme, Bühne und Leidenschaft.

Corby Welch, Interview, IOCO
Corby Welch und Ingrid Freiberg mit dem Theaterkater im Staatstheater Mainz © Ingrid Freiberg

von Ingrid Freiberg

Ingrid Freiberg (IF): Herzlich willkommen, lieber Corby Welch! ich freue mich, dass Sie sich nach Ihrem überwältigenden Erfolg als Paul in Der Toten Stadt in der psychologisch feinfühligen Inszenierung von Angela Denoke, unter der Musikalischen Leitung von Gabriel Venzago, am Staatstheater Mainz die Zeit nehmen, mit ioco.de, einem der führenden Kultur-Multi-Autor-Blogs im deutschen und europäischen Sprachraum, zu sprechen.

Corby Welch (CW): Danke für das tolle Kompliment! Ich, wie viele von uns im Musiktheater, verfolge schon länger ioco.de und fühle mich durch dieses Interview geehrt.

IF: Ihr umjubeltes Rollendebüt 2023 als Paul an der Deutschen Oper am Rhein in Düsseldorf wurde von ioco.de begeistert aufgenommen: „Es gibt nur ganz wenige Sänger, die die mörderische Partie des Paul bewältigen können. Sie gilt als die schwierigste und anstrengendste Tenorrolle überhaupt. Corby Welch triumphiert mit ungewöhnlich großem Stimmumfang. Erstaunlich, was er auf einen Atem nehmen kann. Mit seiner warmen, biegsamen Stimme, einer ungebrochenen Intensität, dramatisch aufblühendem Ton von anrührender Seelentiefe und Klangschönheit, mit seiner technischen Brillanz ist er der Star des Abends. Er verfügt über scheinbar unerschöpfliche Reserven. Seine Rollenidentifikation und seine stimmliche Leistung lassen erschauern.“ Paul ist ja mittlerweile neben anderen großen Wagner-Helden zu Ihrer ureigenen Rolle geworden. Sie sind derzeit der aufregendste Interpret.

Erzählen Sie bitte zu Beginn unseres Gesprächs, wie Ihre Leidenschaft für die Musik entstanden ist. Wie sind Sie zur Bühne gekommen?

CW: Meine sängerische/musikalische Ausbildung begann vor meinem Grundstudium an der University of Minnesota. In den USA hatten wir ab der 1. Klasse einen Schulchor, dem ich mich mit großer Begeisterung anschloss. Zusätzlich habe ich mit sieben Jahren angefangen, klassische Gitarre zu lernen. Vergnügen am Gesang hatte ich immer, ob an Volksliedern, Blues oder Liedern aus den Sechzigern – von Bob Dylan, Joni Mitchell oder den Beatles. Meine Musiklehrerin an der Grundschule empfahl mir, bei einem Knabenchor vorzusingen. Bis zu meinem Stimmbruch war ich Mitglied im Metropolitan Boys Choir. Hier wurde ich zum ersten Mal mit deutschem Liedgut vertraut gemacht. Begeistert und geprägt haben mich Kompositionen von Johann Sebastian Bach. Mit 15 Jahren begann ich meinen Gesangsunterricht bei dem erfolgreichen Tenor Dr. David Henderson. Mit ihm studierte ich Schubert- und Schumann-Lieder, englische Art Songs und die sogenannten Arie Antiche. David empfahl mir, mein Studium bei seinem Lehrer, Lawrence Weller (Bariton) an der University of Minnesota weiterzuführen.

IF: Haben Sie sich zu irgendeiner Zeit einen anderen Beruf als den eines Sängers vorstellen können?

CW: Kurz vor meinem Highschool-Abschluss war ich eigentlich eher interessiert, ein internationaler Anwalt zu werden. Glücklicherweise war ich zu faul, dieses lange Studium auf mich zu nehmen, und entschied mich endgültig, Sänger zu werden (er lacht). Ich musste aber Geld verdienen und deshalb war es von Vorteil, mehrere Jahre bei meinem Vater als Dachdecker arbeiten zu können. Trotz der anstrengenden körperlichen Arbeit sang ich in verschiedenen Ensembles und als Solist in Oratorien von Bach, Mozart, Mendelssohn Bartholdy … in den USA ist es während des Studiums völlig normal, auf großen Bühnen aufzutreten. Meine ersten Partien waren Monostatos in der Zauberflöte (er lacht) und mit 22 Jahren Don José in Carmen. Im Opernchor der Minnesota Opera machte ich meine ersten professionellen Bühnenerfahrungen. Aufgrund meiner Mitwirkung im Chor der University of Minnesota School of Music und im Minnesota Chorale, einem sinfonischen Chor, kam es zum Vorsingen beim Oregon Bach Festival. Dort lernte ich den Dirigenten Helmuth Rilling kennen. Er half mir, nach Deutschland zu kommen, um eine Gesangsausbildung zu machen. Zeitgleich war ich unter seiner Leitung Mitglied und Solist der Gächinger Kantorei. Dafür bin ich ihm sehr, sehr dankbar. Es war keine leichte Entscheidung, meine Freunde und Familie zu verlassen, dennoch bin ich überglücklich, diesen Schritt gewagt zu haben. Ziemlich schnell landete ich an der Musikhochschule Mannheim, wo ich mich bei Rudolf Piernay fortbildete. Er war überaus streng und bestimmte, was in dieser Entwicklungsphase für mich förderlich war. Mit 23 Jahren begann ich, Lohengrin zu studieren, und war geschockt und traurig, als mir Piernay sagte, ich würde niemals Wagner singen; meine Mittellage wäre zu uninteressant. Damals hatte er recht, und ich bin froh, dass ich erst wesentlich später diese Richtung eingeschlagen habe. Studienbegleitend erhielt ich mehrere Solisten-Engagements: für Die Jahreszeiten von Joseph Haydn unter der Musikalischen Leitung von Helmuth Rilling in Spanien und mit namhaften Dirigenten für die 9. Sinfonie von Ludwig van Beethoven in Portugal und für In Terra Pax von Frank Martin an die Tonhalle Zürich. Wiederholt trat ich aber auch im Chor in großen Oratorien, wie Elias, Brahms Requiem u.v.m. auf. Ich bin davon überzeugt, dass diese anstrengenden Chorpartien und die Solis wie Evangelist in der Matthäus Passion von Johann Sebastian Bach mir geholfen haben, meine stimmliche Ausdauer zu trainieren.

IF: Wie startete Ihre Karriere als Opernsänger?

CW: Meine ersten solistischen Opernauftritte in Deutschland waren am Volkstheater Rostock mit Tamino und dem 1. Fremden in Vetter aus Dingsda von Eduard Künneke. Bald danach hatte ich mein Debüt an der Hamburgischen Staatsoper als Deserteur in We Come to the River von Hans Werner Henze unter der Musikalischen Leitung von Ingo Metzmacher. Debüts als Brighella in Ariadne auf Naxos in Essen und Lissabon schlossen sich an. 2003 entschloss ich mich, ein festes Engagement zu suchen, und hatte das Glück, als lyrischer Tenor an die Deutsche Oper am Rhein Düsseldorf/Duisburg verpflichtet zu werden. Meine ersten Partien waren Belmonte, Don Ottavio, Tamino und Wagner-Partien wie Froh in Das Rheingold, Steuermann in Der fliegende Holländer und Walther von der Vogelweide in Tannhäuser. Nach und nach kamen Tito in La Clemenza di Tito, Pinkerton in Madama Butterfly, Prinz in Rusalka hinzu, bis zu meinem ersten Erik in Der fliegenden Holländer am Staatstheater Braunschweig. In Düsseldorf folgte neben lyrischen Partien ebenfalls Erik. Für mich hieß das, in einer Woche als Belmonte und Erik auf der Bühne zu stehen. Ich glaube, dadurch gelang es mir, meine Stimme, meinen Ausdruck flexibel zu halten. Neben meinem ersten Siegmund 2011 in der Walküre am Deutschen Nationaltheater Weimar trat ich als Peter Quint in Turn of the Screw von Benjamin Britten und als Ferrando in Così fan tutte am Aalto-Theater in Essen auf. 2013 stand ich an der Deutschen Oper am Rhein Düsseldorf/Duisburg als Siegmund in der Inszenierung von Kurt Horres auf der Bühne, gefolgt vom Kaiser in Die Frau ohne Schatten in Düsseldorf, Lohengrin in Magdeburg, anschließend in Duisburg, Bacchus, Peter Grimes und in der Inszenierung des Ring des Nibelungen von Dietrich Hilsdorf als Siegmund und den beiden Siegfried in Siegfried und Der Götterdämmerung schlossen sich an. Es ist mehr als ungewöhnlich, den Fachwechsel vom lyrischen Tenor zum Heldentenor an einem Haus zu machen. Ausgezeichnet, dass mir die Deutsche Oper am Rhein Düsseldorf diese Möglichkeit einräumte.

IF: Waren die unterschiedlichen Ausbildungsschwerpunkte in den USA und in Deutschland für Ihre Karriere vorteilhaft?

CW: Ja, das waren sie! In den USA wurde Wert auf "Learning by doing"gelegt. Natürlich studierten wir Gesangstechnik und Musiktheorie, mindestens gleichbedeutend waren die Arbeit am Repertoire und mehrere Opernaufführungen pro Jahr. Unsere School of Music hatte ein eigenes Theater mit 1200 Sitzplätzen, wo während meines Studiums Die Zauberflöte, Falstaff und Carmen aufgeführt wurden. Die Studenten waren am Bühnenbild beteiligt und lernten den Theaterbetrieb auch in der Praxis kennen. An Hochschulen in Deutschland konzentriert man sich auf Gesangstechnik und Musiktheorie. Ehrlich gesagt, wird zu wenig Wert auf künstlerisches Handwerk und Emotionen gelegt. Für mich war es allerdings sinnvoll, mich bevorzugt auf die Gesangstechnik zu konzentrieren, da ich bereits praktische Erfahrungen in den USA sammeln konnte.

Corby Welch (Paul) und Nadja Stefanoff (Marietta) in "Die Tote Stadt", Staatstheater Mainz, © Ingrid Freiberg

IF: Welchen Stellenwert haben pädagogische Qualität, Geduld, Empathie und didaktische Fähigkeiten eines Gesanglehrers? 

CW: Entscheidend ist, einen Pädagogen mit hoher Flexibilität zum Lehrer zu haben. Ob er sympathisch ist, ist für mich nicht unbedingt maßgebend. Ich hatte verschiedene Lehrer … von jedem lernte ich etwas Neues. Schlussendlich stehe ich alleine auf der Bühne und muss wissen, was ich tue und wie ich reagieren muss, wenn die Stimme aus irgendwelchen Gründen nicht wie geprobt funktioniert.

IF: Nehmen Sie Schauspielunterricht?

CW:  Ich erhielt eine gründliche Schauspielausbildung in den USA. Am meisten lerne ich das Spielen in der Praxis, in der Zusammenarbeit mit guten bzw. schlechten Regisseuren und Kollegen. Gerne betrachte ich Menschen auf der Straße oder in der Bahn und setze das, was ich beobachtet habe, auf der Bühne um. Es hilft mir, dass wir in den USA gelernt haben, uns selbst zu inszenieren, den kürzeren Probezeiten geschuldet. Zum Vergleich: Der Zeitraum in Deutschland betrug anfangs bis zu 10 Wochen. Das hat sich zwischenzeitlich geändert.

IF: Wie machen Sie sich eine Rolle zu eigen? Wie erarbeiten Sie ein Rollendebüt? 

CW: Bei neuen Partien versuche ich zunächst, den Text und die Musik zu verstehen, bevor ich mir eine genaue Vorstellung über die Figur mache. Ich lese in Literaturquellen, in Romanen und Biografien u. Ä., treffe aber vorab keine Entscheidungen, damit ich offen für die Sicht eines Regisseurs bzw. eines Dirigenten bin. In über zehn verschiedenen Inszenierungen war ich Tannhäuser und finde es toll, immer wieder andere Sichtweisen kennenzulernen. Das hilft mir, schnell und flexibel zu reagieren.

IF: Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit wechselnden Korrepetitoren?

CW: Wenn es die Zeit erlaubt, ist es ausgesprochen hilfreich, Rollen mit guten Korrepetitoren zu erarbeiten. Besonders, wenn sie Sprache und Stil des Stückes beherrschen. Den Prinz in Rusalka erarbeitete ich mit einem tschechischen Coach (Dirigent, Pianist und Sänger). Das waren ideale Bedingungen, diese Partie zu erarbeiten. Bei Wagner und Strauss arbeite ich mit Korrepetitoren zusammen, die an großen Häusern engagiert sind, u.a. bei den Bayreuther Festspielen.

IF: Beeinflussen Kostüm und Bühnenbild Ihre Darstellung und Ihre gesangliche Leistung? 

CW: Ja, Bühnenbild und Ausstattung sind ausschlaggebend; sie können erheblichen Einfluss darauf nehmen, wie ich eine Figur gestalte. Das Bühnenbild kann ein akustischer Vorteil oder ein Hindernis sein. Ein Kostüm kann unterstützen oder Probleme machen. Ich baue darauf, ein Kostüm zu bekommen, in dem ich mich gut bewegen kann, das nicht zu eng um den Hals ist und nicht kaputtgeht (er lacht).

Kinderoper Tannhäuser © Bayreuther Festspiele/Enrico Nawrath

IF: Wie schwierig ist es für einen Fremdsprachler, sich Wagners Libretti zu nähern?

CW: Die Kunstsprache von Wagner ist etwas ganz Besonderes, und ich bin froh, dass ich mit sieben Jahren angefangen habe, Deutsch zu lernen. Sonst hätte ich sicherlich größere Probleme, mich mit seiner Poesie auseinanderzusetzen. Für Muttersprachler bleibt sein Text gleichermaßen eine Herausforderung.

IF: Wie sind optimale Probenvoraussetzungen und ein kreativer Probenverlauf zu erreichen?

CW: Optimale Probenvoraussetzungen gibt es nicht! Am besten ist es, wenn ich mich in einem ruhigen Vorablauf gut einarbeite, die Kollegen ihre Partien, die Dirigenten und die Regisseure das Stück kennen und ihren Job beherrschen. Bedauerlicherweise ist das nicht immer der Fall. Begegnungen mit hervorragend vorbereiteten Künstlern, wie mit der Regisseurin Angela Denoke und Nadja Stefanoff, sind demgegenüber inspirierend, steigern die eigene Leistung und sind eine große Bereicherung.

IF: Macht es Sinn, in Proben zu „markieren“?

CW: Ja, wenn man weiß, wie man richtig „markiert“. Es ist eine Kunst für sich und hängt vom Pensum ab. In der Regel ist es besser, auszusingen: Wenn die Partie neu ist, muss ich sie ja „in die Kehle“ kriegen.

IF: Sind kleinere Bühnen für ein Rollendebüt besser geeignet?

CW: Meine Rollendebüts waren abweichend: Es hängt davon ab, wie die Bedingungen und Akustik eines Hauses sind. In kleineren Häusern kann das Orchester genauso groß besetzt sein wie an großen, das heißt, es wird in der gleichen Lautstärke musiziert, nur mit weniger akustischem Spielraum. Das erfordert großes Einfühlungsvermögen. Fest steht, es kann vorteilhaft sein, einen neuen großen Part nicht zuerst in Bayreuth oder an der MET zu singen, denn bei seinem Rollendebüt steht der Heldentenor im Fokus. Der Druck ist beispielsweise an einem Theater wie dem in Regensburg geringer. Hier gab ich mein Rollendebüt als Tristan. Andere Rollendebüts feierte ich an großen Häusern im Rahmen laufender Produktionen.

IF: Wie halten Sie sich körperlich und mental fit? 

CW: Mein Job ist ziemlich stressig! Sich fit zu halten ist wahnsinnig wichtig, sowohl körperlich als auch psychisch. Oft schaffe ich es nicht, ausreichend zu schlafen, mich gesund zu ernähren, Sport zu treiben. Da muss ich irgendwie schauen, mir Zeit zu nehmen, zu meditieren, zu schlafen, ein ausgeglichenes Privatleben außerhalb des Bühnenalltags zu haben. Ich bin froh, eine starke, liebevolle und verständnisvolle Frau an meiner Seite zu haben, die mich begleitet und als ausgebildete Sängerin die Kompetenz besitzt, mich zu unterstützen, indem sie mir sachkundig organisatorische Angelegenheiten abnimmt. Vor Jahren änderten wir unser Essverhalten und unsere Lebenseinstellung. Wir wurden fitter und können besser mit Belastungen umgehen.

IF: Wie gehen Sie mit Premierenstress, Leistungsdruck und Lampenfieber um? 

CW: Ich kenne kaum Lampenfieber; vor jedem ersten Auftritt bekomme ich einen Adrenalinschub. An spielfreien Tagen – vor einer Premiere – denke ich intensiv über den Verlauf nach und bemühe mich hauptsächlich, den Kopf frei zu kriegen und mich auszuruhen. Das heißt, an diesen Tagen bin ich weniger aktiv, um am Vorstellungstag ausgeruht zu sein.

IF: Wie bewältigen Sie künstlerische bzw. menschliche Konflikte? 

CW: Ich glaube daran, dass alle ihr Bestes wollen, und habe, soweit es geht, Verständnis für meine Kollegen, egal ob Regisseur, Dirigent, Techniker, Sänger oder Orchestermusiker. Selbstverständlich gibt es Konflikte oder Situationen, die anzusprechen sind. Größtenteils kann ich die Probleme lösen. Vorrangig schütze ich mich, um mich optimal zu präsentieren. Das Publikum sollte davon nichts erfahren.

Karina Repova (Brigitta), Nadja Stefanoff (Marietta), Corby Welch (Paul) in "Die Tote Stadt", Staatstheater Mainz © Ingrid Freiberg

IF: Was bedeutet „Einspringen“ für Sie? 

CW: „Einspringen“ kann richtig Spaß machen! Voraussetzung ist, dass Zeit bleibt, ein Video von der Produktion anzuschauen, und der Regieassistent das Stück gut kennt und eventuelle Fragen klar und schnell beantworten kann. Wie ich erwähnte, kann ich Bewegungen und schauspielerische Aspekte von Inszenierungen ziemlich schnell lernen und in Text und Musik einbinden. Das hilft mir, flexibel zu reagieren – auch, wenn ich manchmal nur einmal durch das Video durchgehen kann, bevor die Vorstellung anfängt –, z.B. in Situationen, in denen ich wie an der Oper Frankfurt als Tannhäuser und zuletzt als Tristan am Theater Lübeck und am Meininger Staatstheater in kürzester Zeit einspringen musste. Und von einem Einspringer wird auch nicht erwartet, dass er alles perfekt umsetzt. Da er die Vorstellung rettet, haben alle für eventuelle Abweichungen Verständnis.

IF: Ist es leicht, sich in die Interpretation einer Inszenierung einzufinden?  

CW: Ja, insbesondere für Wagner-Partien ist es leicht, andere Sichtweisen zu finden und zu entwickeln. Faszinierend war es, Tannhäuser in der Kinderoper der Bayreuther Festspiele zu spielen. Neben hohem künstlerischem Anspruchgab es köstlichen Klamauk. Kinder, Jugendliche und Erwachsene im Publikum hatten erkennbar Freude. Kindgerecht wurden Subtexte der Vorgeschichte entwickelt und die Charaktere beleuchtet. Eine solche Aufbereitung führt das junge Publikum spielerisch an Wagner heran und verhindert meisterhaft deren Berührungsängste – künftige Wagner-Enthusiasten werden „geboren“!

IF: Bei Ihren Reisen sind Sie unterschiedlichen klimatischen Bedingungen und Zeitzonen ausgesetzt. Welchen Einfluss hat das auf Ihre Stimme?

CW: Das Reisen ist und bleibt das Anstrengendste in meinem Beruf. Die verschiedenen Klimazonen können zum Problem werden. Im vergangenen Juli habe ich in der Bayreuther Inszenierung von Roland Schwab aus dem Jahre 2022 Tristan am Shanghai Grand Theatre gesungen. Es war heiß, und die Klimaanlagen bei Proben und im Hotel waren immer zu kalt eingestellt. Obwohl ich nicht empfindlich bin, ist die Gefahr, sich zu erkälten, groß. Und wenn Lufttrockenheit herrscht, wie im Flugzeug oder auf der Bühne, besteht ein hohes Risiko, dass die Stimmbänder nicht feucht bleiben. Zur Abhilfe trinke ich Wasser und inhaliere, wenn notwendig, Salzwasser. Manche Sänger sind obendrein mit Reflux oder Allergien belastet. Ich bin bestrebt, mit allen Widrigkeiten entspannt umzugehen, nicht überängstlich zu sein und mich nicht zu verkopfen.

IF: Wie ist Ihr Tagesablauf am Vorstellungstag? Gibt es besondere Hausmittel bzw. Übungen oder Rituale? 

CW: Am Vorstellungstag stehe ich ganz normal auf, nehme ein großes Frühstück zu mir und trinke ganz normal meinen Kaffee. Ich gebe mir Mühe, etwas weniger zu sprechen, was mir selten gelingt (er lacht). Meine Stimme überprüfe ich lediglich, wenn ich mich nicht fit fühle. Bisweilen schlafe ich am Nachmittag. Und für gewöhnlich esse ich spätnachmittags, trinke ein paar Espressi und gehe dann ins Theater. Wenn nötig, mache ich leichte Stimmübungen. In der Regel singe ich mich nicht lange ein. Was ich singe, ist umfangreich genug, da ist es sinnvoll, die Stimme nicht überzustrapazieren (er lacht wieder).

IF: Wie ist Ihr Zugang zum zeitgenössischen Opernrepertoire?

CW: Ich habe des Öfteren in modernen Opern mitgewirkt. Meistens gefiel es mir. Einige dieser Partien sind unangenehm für die Stimme, wenn hoher Leistungsdruck, extreme Anforderungen und lange Auftrittszeiten die Stimmbänder überlasten, was zu Ausbrennen und Stimmproblemen führt. In einigen Uraufführungen konnte ich die Figur mitgestalten. Das war spannend, aufregend und bereichernd!

IF: Haben Sie Lieblingsrollen?

CW: Lieblingsrollen habe ich viele, und viele, die ich noch nicht gesungen habe! Partien wie Tristan, Tannhäuser, Lohengrin, Siegmund, Siegfried, Peter Grimes, Bacchus, Kaiser in Frau ohne Schatten, und natürlich Paul in der Toten Stadt finde ich nach wie vor reizvoll. Loge am Grand Théâtre de Genève machte mir richtig Spaß! Ich freue mich darauf, weitere „Charakter-Partien“ zu spielen, wie Mime, Herodes in Salome oder den Hauptmann in Wozzeck, und wünsche mir, noch viele Jahre „Helden“ vor mir zu haben: Apollo in Daphne, Rienzi, Florestan und Figuren von Zemlinsky, Schreker und Korngold. Wahnsinnig gerne würde ich mehr italienische Rollen singen: Otello, Canio, Andrea Chénier, Don Alvaro in Forza del Destino u.a.  Aber auch Janáček und französische Opern interessieren mich. Willkommen sind Le Cid von Massenet, Hermann in Pique Dame von Tschaikowsky oder Sergei in Lady Macbeth von Mzensk von Schostakowitsch! Ich liebe amerikanische und britische Opern … bin und bleibe neugierig, was als Nächstes kommt!

IF: Welche beruflichen Ziele haben Sie sich für die nächsten fünf Jahre gesetzt? 

CW: In den kommenden Jahren würde ich wahnsinnig gerne auf der Hauptbühne der Bayreuther Festspiele stehen und habe die große Hoffnung, wieder in den USA und auf bedeutenden Bühnen meine Partien singen zu dürfen. Fest eingeplant sind das 6. Sinfoniekonzert: Siegfried in der Historischen Stadthalle Wuppertal am 22. Februar 2026 und die Neuinszenierung der Toten Stadt (Premiere 21. März 2026) am Nationaltheater Weimar. Im April 2026 werde ich als Siegmund in einer Neuinszenierung der Walküre von Katharina Wagner, einem Projekt der Bayreuther Festspiele mit dem Shanghai Grand Theatre, auftreten. Darauf freue ich mich sehr. Danach folgt im Juni eine Wiederaufnahme von Wozzeck in der grandiosen Inszenierung von Stefan Herheim, unter der Musikalischen Leitung von Axel Kober, an meinem alten Stammhaus, der Deutschen Oper am Rhein. Spannende Projekte werden folgen! So viel will ich verraten: Es gibt ein Wiedersehen mit zwei meiner Wagner-Lieblingsrollen. Es bleibt auf jeden Fall spannend und lohnt die Mühe, den Veröffentlichungen auf meiner Website zu folgen!

IF: Danke für das anregende, intime Gespräch, in dem Sie mir Einblicke in Ihr facettenreiches Künstlerleben und in Ihr Privatleben gewährt haben. ioco.de wird Ihre Karriere weiterhin verfolgen und über Ihre Engagements unseren kulturinteressierten Lesern berichten. Den Genuss, Sie zu hören, sollte sich niemand entgehen lassen.

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Berlin, Staatsoper Unter den Linden, Ein deutsches Requiem op. 45 - J. Brahms, IOCO

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26. Januar 2026 „Selig sind, die da Leid tragen, denn sie sollen getröstet werden.“ Mit dem Deutschen Requiem gelingt Johannes Brahms (1833-1897) ein einzigartiges Werk, das den Komponisten schlagartig zu einem der berühmten, international anerkannten Komponisten seines Jahrhunderts macht. Der allgemein gefürchtete Wiener Kritiker Eduard Hanslick urteilt nach der Uraufführung:

By Bernd Runge