Berlin, Friedrichstadt-Palast, BLINDED BY DELIGHT – Schmidt/Hoppmann, IOCO

Im Friedrichstadt-Palast Berlin entfaltet Blinded by Delight eine schillernde Traumwelt zwischen Rausch und Zerbrechlichkeit. Große Bilder, herausragende Künstler, Gesang, Tanz und spektakuläre Akrobatik erzählen vom Mut zu träumen – und vom fragilen Glück.

Berlin, Friedrichstadt-Palast, BLINDED BY DELIGHT – Schmidt/Hoppmann, IOCO
Der Palast in Berlin | Foto: Bernd Brundert

von Daniela Zimmermann

Blinded by Delight, vom Mut zu Träumen.

Das ganz große Erlebnis im Friedrichstadt-Palast Berlin

Luci, deren Geschichte wir erleben, erwacht in einer Traumwelt - der Welt ihrer unerfüllten Wünsche. Zu schön, um wahr zu sein. Alles schwebt, alles glänzt und doch liegt von Anfang an eine leise Unruhe in der Luft. Verlustängste sind spürbar, als könne jeder Moment, alles, was sich gerade erst so formt, im nächsten Augenblick zerbrechen. Gerade darin liegt die Aussage von Blinded by Delight, das Glück wird nicht als sicherer Zustand gezeigt, sondern als etwas Fragiles, Gefährdetes, ein Rausch, der jederzeit verfliegen kann. Ein wesentlicher Erfolg von Blinded by Delight liegt in seiner Ästhetik. Dr. Bernd Schmid ist seit 2007 Intendant der Grand Shows. Sein Engagement für Vielfalt ist überall sichtbar. Konsequent öffnet er den Palast für internationale Einflüsse und große Namen.  So engagierte er unter anderem auch den berühmten Amerikaner Jeremy Scott für die aufregend schönen Kostüme dieser Produktion. Seine Kostüme sind ein wesentlicher Teil des Erfolges dieser Show. Sie wechseln von Bild zu Bild und setzen immer neue Akzente. Farbenfroh, poppig, glänzend, aufwendig, manchmal sogar überwältigend. Manche sind schlicht hinreißend, wie die Happy Hour- und die Kronleuchter-Kostüme, andere verzaubern durch ihren aufwendigen Swarovski-Kristallglanz.

BLINDED by DELIGHT | Foto: Markus Nass

Kreativdirektor ist Oliver Hoppmann. Von ihm stammen die Ideen zu den Shows. Er ist Autor und Regisseur zugleich. Er ist es, der die vielen Elemente zusammenhält. Die berühmte Internationalität des Palastes selbstist nicht nur Kulisse, sondern Teil des Konzepts. Künstler und Künstlerinnen aus unterschiedlichsten Ländern kommen hier zusammen: Tänzer, Tänzerinnen, Choreografen, Kostümbildner, das Akrobatenteam. Diese Vielfalt ist sichtbar, spürbar, sie prägt die Sprache der Bewegung, die Ästhetik, den Rhythmus des Abends. Zurück zu Luci (Denise Lucia Aquino) um die sich alles dreht, geblendet vom eigenen Begehren. Lucis Traum nimmt durch ihren Entertainer Gestalt an (Marc Chardon). In ihm bündeln sich Wünsche und ungelebte Hoffnungen, ausgedrückt in Gesang und Farben, so bunt wie möglich. So startet die Show, lebensfroh, voller Energie und Optimismus. Doch die Realität holt Luci ein. In Running – Hektik, Stress, Getriebenheit bestimmen plötzlich das Bild. Die Inszenierung arbeitet mit starken Bildern: Licht wird zum zentralen Motiv, nicht nur als ästhetisches Mittel, sondern als Sinnbild für Verführung und Täuschung. Geradezu atemberaubend, kreativ und spektakulär. Was hell strahlt, ist nicht zwangsläufig wahr. Die Choreografie, präzise und zugleich fließend, spiegelt Lucis inneren Zustand wider. Ein permanentes Schwanken zwischen Realität und Wunschdenken. Es ist die Akrobatikgruppe, die ihr den Weg weist: Lift Off!. Flieg so hoch du kannst. Die Körper lösen sich von der Schwerkraft, ein Freiraum öffnet sich und es gibt wieder Hoffnung. Und dann Happy Hour, ein Moment des Innehaltens, des Genusses. Das Leben ist wieder leicht und voller Freude. Ein besonders schönes Szenenbild. Die Abenddämmerung senkt sich auf die Bühne. Kerzenlichter flackern, begleitet von einer wunderschönen eleganten, zugleich schwerelosen Akrobatik (Viktoriia Dziuba). Sie trägt Luci sanft in den Abend. Es ist die Zeit der Verführung, der Nähe, des Begehrens. Das Traumpaar schwebt auf Wolke sieben und erlebt die ganze Fülle des Glücks. Aber alles kann sich schnell drehen, das zeigt uns die Supersonic Crew. Räder, Schwung, Bewegung in alle Richtungen, scheinbar mühelos. Ein Sinnbild für das Tempo des Lebens.

HAPPY HOUR | Foto: Markus Nass

Luci stellt sich der Dunkelheit, die dazu gehört. Immer wieder schleicht sich die Realität ein. Doch Luci begegnet ihr mutig und die Traumwelt erblüht neu. In körperbetonten Kostümen, ganz auf die einzelnen Personen zugeschnitten, entsteht eine ganz besonders intensive Szene. Luci spürt, dass der Traum sie vielleicht bald verlassen wird, und stellt die zentrale Frage des Abends: „Bist du eine wunderschöne Lüge – oder bleibst du bei mir?“ Hoch hinaus, davon träumen alle. Diese Sehnsucht wird erneut von erstklassiger Hochakrobatik getragen (Duo Rings), Luci gibt alles. Das Glück fühlt sich echt an. Der Traum scheint Wirklichkeit geworden zu sein. Der Traum wird von ihrem Entertainer (Marc Chardon) verkörpert, der Luci den ganzen Abend begleitet. Zwei weitere Sänger (Markus Fetter und Myrthes Monteiro) stehen ihr und dem Traum zur Seite, verstärken diesen inneren Dialog, machen ihn hör- und nahbar. Die Musik und die Showband sind ein tragendes Fundament dieser Produktion. Sie sind nicht nur Begleitung, sondern erzählen mit. Die Musik verkörpert Lucis Seelenverfassung, verstärkt ihre Sehnsucht, ihre Zweifel, ihr Glück. So entsteht ein enger Dialog zwischen Bühne und dem Orchester. Schnell, getrieben vom Rhythmus und Beat, lebendig, emotional, von großer musikalischer Qualität. Die Antwort findet Luci in einem spektakulären Moment. 32 funkelnde Sterne, die ikonische Kickline, die in keiner Revue fehlen darf. In diesem Bild erkennt Luci – ihre Sterne leuchten, auch dann, wenn sie sie gerade nicht sieht. Blinded by Delight ist eine Show über die Zerbrechlichkeit des Glücks und den Mut, dennoch zu träumen. Ein Abend voller Bilder, Energie und internationaler Strahlkraft und eine Erinnerung daran, dass Träume leuchten, selbst dann, wenn wir sie kurz aus den Augen verlieren. Ein Abend, dem man sich mit offenen Sinnen aussetzen sollte, man verlässt diesen Abend berauscht.

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