Auf ein Buch mit Timon Karl Kaleyta

Auf ein Buch mit Timon Karl Kaleyta
Timon Karl Kaleyta

Ist „Heilung“ heute noch möglich? Über ein fragiles Versprechen der Gegenwart

Schlaflosigkeit, innere Unruhe, emotionale Erschöpfung, ein diffuser Überdruss am eigenen Leben. All das sind die Symptome eines namenlosen Mannes in dem Buch „Heilung“ des Autors Timon Karl Kaleyta, der seinen Ich-Erzähler auf eine Reise schickt, die weniger durch Landschaften als durch innere Zustände führt. Auf Drängen seiner Frau landet er im abgeschiedenen Luxusresort San Vita in den Dolomiten. Dort erweist sich das Versprechen von Heilung und Glück sich rasch als Projektionsfläche für Selbstbeobachtung erweist und eine zugleich präzise wie spöttische Vermessung des zeitgenössischen Heilungsdiskurses. Alles spitzt sich auf die Frage zu, ob Heilung in einer Gegenwart, die sie permanent verspricht, überhaupt noch möglich ist.

Der Kunstgriff der Nicht-Benamung ist dabei entscheidend. Der Erzähler bleibt ohne Namen, ohne klar umrissene Biografie, ohne psychologische Tiefenschärfe im klassischen Sinn. Gerade dadurch wird er zur Projektionsfläche eines modernen Subjekts, dessen Krise weniger aus konkretem Mangel als aus Überfülle entsteht. Er ist materiell abgesichert, lebt in einer mehr oder weniger funktionierenden Beziehung, bewegt sich in stabilen sozialen und beruflichen Strukturen und weiß dennoch nicht, was mit ihm nicht stimmt. Diese Unfähigkeit, das eigene Unbehagen zu benennen und mit sich selbst in einen Dialog zu treten, bildet den eigentlichen Kern des Romans. Kaleytas Heilung liest sich so als Diagnose einer gesellschaftlichen Befindlichkeit, in der das Unheil ebenso diffus geworden ist wie die Hoffnung auf Genesung.

Heilung als Projekt und Problem

Der Roman oszilliert zwischen Erfahrung und Reflexion. Immer wieder verschiebt sich der Fokus von der erzählten Situation zur begrifflichen Untersuchung dessen, was hier unter Heilung verstanden werden soll, sodass deutlich wird, wie sehr der Begriff der Heilung aber auch der des empfundenen Unheils selbst erklärungsbedürftig geworden ist. Kaleyta entwirft kein individuelles Krankheitsbild, sondern das Panorama einer Gesellschaft, die sich dem Imperativ der (Selbst-)Optimierung verschrieben hat. Heilung erscheint als ein Projekt, das organisiert, gemanagt, ökonomisiert und perfektioniert werden muss. Retreats in paradiesischen Landschaften, medizinische Schönheitseingriffe, therapeutische Gespräche, Naturerfahrungen. All das dient weniger der Auseinandersetzung mit dem eigenen Leiden und dem Ich, als der möglichst reibungslosen Rückkehr in die Normalität.

Damit wird Heilung zu einer paradoxen Figur. Sie verspricht Befreiung, zielt aber auf Wiederherstellung von Funktionalität. Der Mensch soll geheilt werden, um erneut leistungsfähig zu sein. Kaleyta zeigt diese Logik mit leiser Ironie, aber großer Präzision. Mentale Gesundheit wird zum Produkt, Heilung zum Geschäftsmodell. In der Verwaltung des Mangels, um Michel Foucault zu paraphrasieren, zeigt sich eine subtile Form von Macht: Das Individuum bleibt Objekt medizinischer, ökonomischer und gesellschaftlicher Ansprüche, während sein inneres Erleben zunehmend marginalisiert wird. Das Resultat: lauter ‚individuelle‘ Individuen ohne Persönlichkeit, ohne Träume, ohne ein sinnhaftes Dasein. Ganz der Illusion von Kontrolle, Perfektion und Maximierung des Lebens ausgeliefert.

In dieser Perspektive ist „Heilung“ weniger ein Roman über Krankheit als über eine Überforderung durch Freiheit. Die Gesellschaft der Selbstverwirklichung produziert Subjekte, die alles dürfen, aber nichts mehr wollen. Der Erzähler leidet nicht an einem Zuviel an Verboten, sondern an einem Zuviel an Möglichkeiten, die er nicht ergreifen kann. Die entscheidende Frage lautet daher nicht: Was fehlt ihm? Sondern: Warum ist er unfähig, sich selbst ernsthaft zu befragen?

Die Last der Freiheit

Hier berührt Kaleytas Text einen philosophischen Nerv. In Anschluss an Augustinus und Heidegger beschreibt Hannah Arendt den modernen Menschen als ein Wesen, das sich selbst zur Frage geworden ist. Denn während Menschen zuvor als bloße Substanzen behandelt wurden, als seien sie lediglich Dinge in der Natur, lässt sich ein Transformationsprozess des Seinszustands nachzeichnen, dass die Frage des Seins zur eigentlichen Frage des Daseins macht. Während Augustinus noch fragt: Quid ergo sum, Deus meus? Qaue natura sum? (Was also bin ich mein Gott? Welcher Natur bin ich?) lautet die Antwort schlichtweg: Quaestio mihi faetus sum! Ich bin mir selbst zu einer Frage geworden! Laut Hannah Arendt ist diese Fähigkeit des Sich-selbst-in-Frage-Stellen die Quelle menschlicher Freiheit. Doch genau diese Freiheit scheint im Roman zur Last zu werden. Der Erzähler flieht vor Entscheidungen, vor Verantwortung, vor dem Risiko eines eigenen selbstbestimmten Lebens. Wann immer sich ihm die Möglichkeit eröffnet zu handeln, ergreift er die Flucht. Er lässt geschehen, er erduldet, er arrangiert sich. Statt aktiv zu leben, wird er von Ereignissen überrumpelt.

Heilung copyright Piper Verlag

Kaleyta zeichnet das Bild eines Menschen im Zustand des Überlebens. Wie Frédéric Lenoir formuliert, ist der Übergang vom Überleben zum Leben einer der schwierigsten Schritte überhaupt und es herrscht ein besonders schmaler Grat zwischen dem Zustand des Überlebens und des Lebens. Denn ein wirklich gelebtes Leben setzt voraus, sich als dessen Urheber und Schöpfer anzuerkennen. Dieser Zumutung weicht der Erzähler aus. Die Flucht vor dem Leben tarnt sich als Suche nach Heilung. Er befindet sich nur noch im Überlebenszustand. Aber die Frage, die wir uns stellen müssen, lautet: Bin ich auch lebendig?  Entsprechend hebt Kaleyta selbst im Gespräch hervor: „ich versuche, im Rahmen meiner Möglichkeiten, gegen die Selbstverblendung anzuschreiben, immer den Balken im eigenen Auge zur Darstellung zu bringen“. Er fordert uns auf, uns keine Illusionen zu machen: „Niemand ist frei von sich selbst“. So seine Überzeugung. 

So wird verständlich, warum im Roman immer neue Versuche der Genesung scheitern. Weder kosmetische Eingriffe noch Naturerfahrungen, weder Gartenarbeit noch eine Bärenjagd vermögen das innere Vakuum zu füllen. Die äußere Fassade lässt sich reparieren, die innere Leere bleibt. Selbst die vermeintliche Wiederherstellung von Männlichkeit, sei es durch körperliche Leistungsfähigkeit, sexuelle Potenz oder symbolische Gewalt, misslingt. Kaleyta verhandelt hier auch einen Geschlechterdiskurs: Was bedeutet es heute ein Mann zu sein, wenn traditionelle Rollenbilder brüchig geworden sind und neue Orientierungen fehlen?

Ironie als letzte Form der Wahrhaftigkeit

Auffällig ist der Ton, in dem Kaleyta all dies verhandelt. Trotz der Schwere der Themen bleibt der Text leicht, fast heiter. Man fühlt sich an Ingeborg Bachmanns Bild erinnert, mit beflügelter Leichtigkeit über Abgründe zu schweben. Diese Ironie ist kein Zynismus, sondern eine Form der Akzeptanz. Kaleyta verweigert sich dem Trost, ohne in Verachtung zu kippen. „Echte und vollendete Heilung“, so seine These im Gespräch und Roman, „bleibt ein fragiles, vielleicht unerreichbares Ideal, und ist in Realität kein wünschenswerter Zustand“.

Diese Haltung hat dem Roman Kritik eingebracht. Stimmen aus dem Literaturbetrieb warfen Kaleyta vor, aus der Ironie nicht heraustreten zu wollen, nichts wirklich ernst zu meinen. Doch gerade darin liegt die Stärke des Buches. In einer Gegenwart, die sich selbst ad absurdum geführt hat, scheint Ironie die letzte Möglichkeit, ohne moralisierend zu werden, ein Gesellschaftspanorama zu entwerfen. Die heilende Kraft ist somit im Humor zu suchen. Spannend ist es, sich zu fragen, weshalb Kaleyta kein Glaube geschenkt wird, dass er die geschriebenen Zeilen ernst meint. Der Autor selbst behauptet während des Gespräches, er schreibe vor allem gegen die eigene Selbstverlogenheit an. Zugleich legt er offen, wie sehr Wahrheit und Täuschung ineinander verschränkt sind. Max Frischs Beobachtung, dass die nackte Wahrheit oft die beste Tarnung sei, schwingt in diesem Roman mit. Der Leser ist gezwungen, sich selbst zu positionieren: Glaubt man dieser Wahrheit oder misstraut man ihr? Thomas Bernhards Satz, es komme letztlich nur auf den Wahrheitsgehalt der Lüge an, bietet hier einen treffenden Resonanzraum bei der Lektüre. Nicht wahr Herr Kaleyta?

Was Kaleyta in seinem Text freilegt, ist die Neigung des modernen Menschen, sich in einen Schleier der Täuschung zu hüllen, mehr noch in einen der Selbsttäuschung. Dass der Autor offen im Gespräch einräumt, schon immer gern gelogen und übertrieben zu haben, wirkt dabei weniger als Provokation denn als zeitdiagnostische Ehrlichkeit. In einer Gegenwart, in der, wie schon Hannah Arendt festhielt, Lügen oft einleuchtender erscheinen als die Wahrheit, weil der Lügner bereits weiß, was sein Publikum hören will, ist dieses Geständnis beinahe konsequent. So erklärt sich auch das Misstrauen, das Kaleyta im literarischen Betrieb entgegenschlägt. Wenn Kaleyta selbst davon spricht, Literatur müsse verständlich sein, dann meint er damit, dass sie sich nicht hinter Unverständlichkeiten verstecken dürfe. Im Gegenteil: Was an der Oberfläche leicht zugänglich erscheine, solle darunter einen Abgrund freilegen. Doch bei diesen Äußerungen legt sich ein Verdacht nahe: dass die Wahrheiten, die der Autor so freimütig über sich selbst und die Gesellschaft anbietet, genau jene sind, nach denen das Publikum verlangt. Sie unterhalten, sie beruhigen, sie versprechen Übersicht und ein mögliches Happy End. Was sich hier entfaltet, ist die Umkehrung des Bachmannschen Glaubenssatzes, die symptomatisch ist für unsere Zeit: Während Bachmann als Schriftstellerin der Nachkriegszeit der Überzeugung war, dass die Wahrheit dem Menschen zumutbar ist (!), leben wir in einer Zeit, in der die Wahrheit nicht nur als unzumutbar empfunden wird, sondern verdrängt und verfälscht wird. Und in diesem Sinne legt die Lektüre des Buches nahe, dass Wahrheit dem Menschen nur noch dann zumutbar ist, wenn sie ihm zugleich gefällt und ihn unterhält. An diesem Nachmittag betont Kaleyta, dass er gegen reine Unterhaltung in der Literatur ebenso wenig einzuwenden habe wie im wirklichen Leben. Jede Form von Heiterkeit, selbst die scheinbar sinnfreie, erscheine ihm letztlich heilsamer als jene Formen und Versprechen scheinbarer Heilung, die sich im Gewand der Selbstvergebung präsentieren. Es gehe ihm, sagt Kaleyta, ausdrücklich nicht darum, mit dem Finger auf andere zu zeigen. Die Kritik richte sich vielmehr gegen ihn selbst: gegen jene blinden Flecken, die er aufzuspüren und offenzulegen versuche. Darin, so Kaleyta, liege das Zentrum seiner Arbeit und seines Schaffens.

Heilung zwischen Diagnose und Hoffnung

Zwischen all den gescheiterten Heilungsversuchen entfaltet der Roman eine radikale These: Heilung sollte nicht als Ziel, sondern als Problem begriffen werden. Denn solange sie auf Funktionalität, Anpassung und Leistungsfähigkeit zielt, verfehlt sie den Menschen. Die Frage ist nicht, wie man möglichst schnell wieder funktioniert, sondern ob man bereit ist, die eigene Freiheit auszuhalten.

Stille und Einsamkeit erscheinen dabei als beinahe vergessene Voraussetzungen eines selbstbestimmten Lebens. In einer Welt permanenter Reizüberflutung ist kein Raum mehr für das Innehalten vorgesehen. Erst wenn alles zerbricht, wie bei Kaleytas Erzähler, wird dieser Raum notdürftig eröffnet, oft jedoch nur unter professioneller Anleitung und gegen Bezahlung. Heilung wird somit auch zur Klassenfrage.

So behauptet Heilung seine Gegenwärtigkeit nicht durch Lösungen, sondern durch Zuspitzung. Der Roman lässt seine Fragen offen. Vielleicht liegt gerade darin seine Ehrlichkeit. Denn wenn Wahrheit dem Menschen heute nur noch dann zumutbar ist, wenn sie unterhält, wie Kaleyta suggeriert, dann ist es bereits ein Akt des Widerstands, diese Wahrheit überhaupt zu formulieren.

Am Ende bleibt ein Unbehagen. Jeder Mensch, so hebt Kaleyta im Gespräch und Roman hervor, trage dieses in sich. Man müsse es beseitigen, um zu sich selbst zu finden. Diesen Umstand beschreibt der Autor in seinem Buch als die „Essenz des Erwachens“. Doch vielleicht besteht die eigentliche Aufgabe darin, dieses Unbehagen auszuhalten. Nicht um geheilt zu werden, sondern um endlich zu leben.

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