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KonzertKritikenSalzburger Festspiele

Salzburg, Kollegienkirche, SALZBURGER FESTSPIELE – Ouverture spirituelle, IOCO Kritik, 24.07.2022

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Marcel Bub
23. July 2022
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Kollegienkirche Salzburg © Karl Forster
Kollegienkirche Salzburg © Karl Forster

Salzburger Festspiele 2022 – Ouverture spirituelle – 20.07.2022

John Eliot Gardiner  – Monteverdi Choir – English Baroque Soloists

Musik von Klage und Hoffnung

von Marcel Bub

Voller konzentrierter Leichtigkeit und kunstvoller Präzision gestaltet John Eliot Gardiner, gemeinsam mit den von ihm gegründeten Ensembles, dem Monteverdi Choir und den English Baroque Soloists zwei Stunden höchster Spiritualität und großer Musik. Gardiner, einer der größten Dirigenten unserer Zeit, dirigiert an diesem Abend Künstlerinnen und Künstler höchsten Niveaus auf anspruchsvoll-zugewandte und ästhetisch klare Weise. Es ist das dritte Konzert des innovativen und hochkarätig besetzten Eröffnungsformats der Salzburger Festspiele, der Ouverture spirituelle. Den Auftakt gestalteten bereits einen Tag zuvor Teodor Currentzis und Sylvain Cambreling in zwei erstklassigen, ausdrucksstarken und vielschichtigen Aufführungen. An diesem Abend in der Kollegienkirche kommen Werke der Komponisten Giacomo Carissimi (1605-1674), Domenico Scarlatti (1685-1757) und Heinrich Schütz (1585-1672) zur Aufführung.

Mit Giacomo Carissimis bereits vor 1650 entstandenen Historia di Jephte wird die Entwicklung des barocken Oratoriums entscheidend geprägt. So wird im Programmheft des Abends insbesondere auf die „vorausweisende Art“ des Komponisten hingewiesen, im Schlusschor „etliche sehr kompakte dissonante Akkorde über mehrere Takte“ aneinanderzureihen, „um den Schmerz der Töchter Israels plastisch zu schildern“. Die Harmonik wird im Zuge dessen „als solche zum Ereignis“. Klage, Leid und Tod finden hier einen ästhetischen Ausdruck. Einmal mehr wird die Möglichkeit von Kunst und Musik deutlich, jene Leerstellen zu füllen, an denen Sprache an Grenzen zu stoßen scheint. Das Werk ist in Erzählteile, Soli und Chorabschnitte gegliedert, was eine ganz besondere Form der Aufführung ermöglicht. Dem exzellenten Chor und den herausragenden Solistinnen und Solisten gelingt dieses komplexe Zusammenspiel mit beeindruckender Präzision und engagierter Leichtigkeit. Besonders sei an dieser Stelle die Sopranistin Charlotte La Thrope genannt, die die Rolle der Filia im ersten Stück virtuos gestaltet und während der gesamten Aufführung auf berührende Weise überzeugt.

Salzburger Festspiele 2022 / Monteverdi Choir English Baroque Soloists John Eliot Gardiner Conductor © SF / Marco Borrelli
Salzburger Festspiele 2022 / Monteverdi Choir English Baroque Soloists John Eliot Gardiner Conductor © SF / Marco Borrelli

Es folgt das in zehn Abschnitte gegliederte Stabat Mater von Domenico Scarlatti, in welchem chorisch vom Leiden Marias unter dem Kreuz erzählt wird. Der Komponist vertont die 20 Strophen des aus dem 13. Jahrhundert stammenden Textes abschnittsweise „in einem oft streng kontrapunktisch organisierten Satz sowie nur vom Generalbass begleitet“, wie es im Programmheft heißt. In seiner Arbeit orientierte sich der Komponist deutlich am inhaltlichen Kern des Textes. Zudem liegt ein hoher Grad an Kreativität vor, da eine enorme „Vielfalt an prägnanten musikalisch-rhetorischen Figuren“ in der Durchführung der Strophen zu erkennen und „ein enger Bezug zum emotionalen Gehalt des Textes stets gegeben“ ist. Komponiert wurde das Werk zwischen 1714 und 1719 in Rom. Die Sängerinnen und Sänger gestalten dieses herausfordernde Werk und insbesondere die anspruchsvollen Koloraturen behutsam und dynamisch zugleich. Erscheint der Klang in dem einen Moment sanft und zerbrechlich, schwillt er bereits im nächsten orkanartig – doch nicht bedrohlich – zu einer Gesamtfigur an. Dem Tenor Jonathan Hanley gelingen dabei in seinen Solopartien Momente erstrahlender Klangschönheit, um dabei stets in dem aufmerksam sich herausbildenden Ensembleklang eingefügt zu bleiben. Mit seinem stets zugewandten Dirigat modelliert Gardiner dieses Ensemble aus kristallklarem Gesang und präzisem Instrumentenspiel zu einem komplexen Klanggebäude. Wie auch die Komposition findet dieses im letzten Abschnitt, dem Amen, einen virtuosen Höhepunkt.

Salzburger Festspiele 2022 / Monteverdi Choir, English Baroque Soloists, John Eliot Gardiner Conductor © SF / Marco Borrelli
Salzburger Festspiele 2022 / Monteverdi Choir, English Baroque Soloists, John Eliot Gardiner Conductor © SF / Marco Borrelli

Nach der Pause kommen die zwischen Dezember 1635 und Februar 1636 in Dresden entstandenen Musikalischen Exequien SWV 279-281 zur Aufführung. Heinrich Schütz gestaltet das Stück in die drei Teile (I.) Concert in Form einer teutschen Begräbnis-Missa, (II.) Motette „Herr, wenn ich nur dich habe“ und (III.) Canticum B. Simeonis „Herr, nun lässest du deinen Diener“ und schafft ein „barockes Gesamtkunstwerk“ als „musikalische Meditation über Leben und Tod sowie Raum und Zeit“, wie es im Programmheft formuliert ist. Spiritualität, Musik und Kunst sind hier auf fruchtbare Weise verbunden und ermöglichen den Ausdruck existentiellen Bezuges und klagender Reflexion. Das Erhebende des irdischen Gebets des Menschen, die Zuwendung zu etwas Höherem wird neben den Texten auch musikalisch wirksam. Den beiden Ensembles und dem Dirigenten gelingt es auch hier, Räume komplexen Klangs und musikalischer Schönheit zu schaffen, die jene, die sich darauf einlassen können, berührt und bewegt.

Mit den Auftaktdarbietungen der Ouverture spirituelle werden in diesen von Krise und Krieg geprägten Zeiten Fragen von Leiden und Tod, von Klagen und Trauern, von Hoffen und Handeln auf unterschiedlich treffende und berührend herausfordernde Weise zum Ausdruck gebracht.

Das Publikum verlässt den Innenraum der Salzburger Kollegienkirche, der an diesem Abend abermals den Rahmen für große Kunst und innige Spiritualität bieten konnte, nach einer Zugabe von Johann Christoph Bach (Es ist nun aus. Sterb-Aria) erfüllt in die nächtliche Festspielstadt. Abermals endet ein Tag der Salzburger Festspiele mit großem Applaus und einem begeistert berührtem Publikum.

Mitwirkende

  • John Eliot Gardiner (Dirigent)
  • Monteverdi Choir
  • English Baroque Soloists
  • Graham Neal (Jephte)
  • Charlotte La Thrope (Filia)
  • Rachel Allen, Sam Cobb, Emily Dickens, Emily Owen,
  • Alison Ponsford-Hill, Daisy Walford & Amy Wood (Sopran)
  • Rosie Clifford, Iris Korfker, Hamish McLaren & Tim Morgan (Alt)
  • Christopher Bowen, Jonathan Hanley & Gareth Treseder (Tenor)
  • Alex Ashworth, Jack Comerford, Robert Davies & Christopher Webb (Bass)
  • Kinga Gáborjáni (Viola da Gamba)
  • Miguel Pliego García (Kontrabass)
  • Elisa La Marca (Laute)
  • Gwyneth Wentink (Harfe)
  • James Johnstone (Orgel und Cembalo)

Programm:

  • Giacomo Carissimi:
  • Historia di Jephte
  • Oratorium
  • Domenico Scarlatti:
  • Stabat Mate
  • Heinrich Schütz:
  • Musikalische Exequien SWV 279-281

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