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Hamburg, Staatsoper Hamburg, Don Pasquale – Gaetano Donizetti, IOCO Kritik, 01.06.2022

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Michael Stange
01. June 2022
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Staatsoper Hamburg

Staatsoper Hamburg © Kurt Michael Westermann
Staatsoper Hamburg © Kurt Michael Westermann

DON PASQUALE – Gaetano Donizetti

– Regisseur und ein begnadetes Ensemble zünden ein Feuerwerk aus Komik und Leidenschaft –

von Michael Stange

Don Pasquale, ein Evergreen von Gaetano Donizetti, feierte Premiere an der Hamburgischen Staatsoper. Neben Werken wie L‘elisir damore und dem Drama Lucia di Lammermoor ist Don Pasquale seit mehr als hundert Jahren ein Dauerbrenner in deutschen Opernhäusern.

Donizetti entwarf mit dem Werk einen furiosen Ausläufer der Opera buffa. Im Mittelpunkt stehen, wie schon in
Gioacchino Rossinis Werken dieses Genres, die Rivalität zwischen Jung und Alt, Habsucht, die Suche nach Liebe und wie durch eine Intrige ein alter reicher Jumggeselle hereingelegt wird.

Musikalisch punktet die Oper durch Arien, quirlige Duette und Ensembles sowie seine farbenreiche Partitur. Donizetti treibt seinen Spaß fulminant mit Energie und Leichtigkeit voran. Humoristisch wird aus dem Vollen geschöpft und dieser rasch beschwingte Opernhit ist durchaus ein Vorläufer von Operette und Musical.

DON PASQUALE – Trailer- Staatsoper Hamburg
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Don Pasquale kommt auch in der Hamburger Neuinszenierung bunt, quitschvergnügt und überzeichnet daher. Regisseur David Bösch zündet ein Feuerwerk an mitreissenden Ideen und Bildern. Schon in der Ouvertüre erfährt der Besucher anhand auf den Safe Pasquales projezierter Zeitungstitelseiten, dass er Hamburger ist, gute Geschäfte macht, großzügig den lokalen Fußball-Zweitligisten „Hamburger Sportverein“ unterstützt, immens reich und obenauf ist. Ein Herzinfarkt bringt ihn aber zur Besinnung. Das Leben währt nicht ewig und er beschließt zu heiraten. Vorgeschlagen werden ihm eine gereifte Operndiva (Anna Netrebko) und eine durch eine lokale Fernsehnachtshow populäre Entertainerin (Ina Müller). Als Dritte erscheint eine dunkelhaarige Schönheit, für die Don Pasquale entbrennt.

Pasquale wohnt prächtig. Kern seines Hauses ist ein Tresor, der mit Dollarnoten gefüllt ist, so dass er, wie Dagobert Duck, im Gelde baden kann. Oben prangt auf einer mausoleumsgleichen Leiste sein Name. So stellt er seine Reichtümer zur Schau. Die beeindruckende Menge an Geld reicht ihm aber nicht. Eingedenk des Infarktes schwingt er sich aufs Trimmrad und kämpft gegen seine Pfunde an. Seine Arzt Malatesta im Look eines hippen Sternschanzen-Gastronoms in weißem Anzug schlägt ihm vor, seine im Kloster erzogene Schwester Sofronia zu heiraten.

In Wahrheit ist dies aber Norina, in die Pasqules Neffe Ernesto verliebt ist. Mit ihrem Eva Mendes-Look vedreht sie Don Pasquale schon auf dem Bild aber erst recht bei der ersten Begegnung den Kopf und er entflammt in Liebe.

Vorher will er noch seinen Hipster-Neffen Ernesto unter die Haube bringen. Als der sich weigert, eine alte reiche Frau zu heiraten, wird er von Pasquale hinausgeworfen. Malatesta unterbreitet Ernesto und Norina seinen Plan. Pasquale wird zum Schein mit der “heißen Braut” Norina alias Sofrina verheiratet. Den Fake-Notar bringt Malatesta gleich mit. Pasquale heiratet Norina. Zuvor hat sie allerdings in der Badewanne die List der Frauen besungen, so dass klar ist, dass Pasquale Ungemach droht. Den kapriziösen Charakter Sofrinas veranschaulicht ihr Kostümwechsel. Wie eine Larve entledigt sie sich des  Nonnengewandes, dieses wird durch ein Brautkleid ersetzt und die Maskerade endet im knappen weissen Minikleid. Gleich nach der Hochzeit schäkert Norina unter Pasquales Augen mit Ernesto, dann stellt sie neue Diener an, renoviert das Haus und verwandelt den Safe Pasquales in ein Bad und Ankleidezimmer. Der Kauf von Unmengen an Luxus- und Modeartikeln, das Verprassen des Vermögens und Norinas Ohrfeigen machene Pasquale wahnsinnig.

Staatsoper Hamburg / Don Pasquale hier Danielle de Niese als Norina © Brinkhoff-Moegenburg
Staatsoper Hamburg / Don Pasquale hier Danielle de Niese als Norina © Brinkhoff-Moegenburg

In seiner Not wendet er sich wieder an Malatesta. Beide Versuchen Sofronia und Ernesto beim Rendezvous zu erwischen. Pasquale schnappt sich sein Jagdgewehr und begibt sich mit Malatesta mit Nachtsichtgeräten ausgerüstet auf Detektivtour. Als sie das Paar stellen erklärt ihm Ernesto, er sei gar nicht in Sofronia verliebt, sondern wolle mit seiner Verlobten Norina wieder in das Haus einziehen. Als Sofronia sich entrüstet weigert, das Heim mit einer anderen Frau zu teilen, sieht Don Pasquale eine Möglichkeit, seine Frau loszuwerden und stimmt der Auflösung der zu. Zudem verspricht er Ernesto noch eine Menge Geld.

Da enthüllt ihm Malatesta Sofronias wahre Identität. Don Pasquale hält sein Verprechen, denn er sieht ein, dass ein Alter, auch wenn er noch so charmant und reich ist, von jungen Frauen selten tief empfundene Liebe erfährt.

Durch die modernen, hippen, stylishen und typgerechten Kostüme aber auch die mit der Musik korrepondierende Personenführung und die screwballkomödienhafte Aneinanderreihung von Gags gelang David Bösch ein Volltreffer. Werktreue und Theaterpassion machen die Aufführung zu einem Spaß mit Suchtfaktor. Bösch zeigt klar, dass die Oper nur tot ist, wenn Inszenierungen als bunte oder graue Bilderbögen ohne Hintersinn auf die Bühne gebracht werden. Bei einem solchem Theaterspaß ist von Ermüdung oder Langeweile keine Spur. Zu wünschen wäre, dass sich die Hamburgische Staatsoper nach dem Don Pasquale und der Manon traut, Bösch eines von Donizettis Königsdramen wie Anna Bolena anzuvertrauen. Damit wären ein weiterer Glanzpunkt des Repertoires und die Stärkung der überregionalen Strahlkraft des Hauses garantiert.

Staatsoper Hamburg / Don Pasquale hier Levy Sekgapane, Kartal Karagedik, Danielle de Niese, Ambrogio Maestri © Brinkhoff-Moegenburg
Staatsoper Hamburg / Don Pasquale hier Levy Sekgapane, Kartal Karagedik, Danielle de Niese, Ambrogio Maestri © Brinkhoff-Moegenburg

Matteo Beltram leitet die Aufführung mit immensem Feuer und lotete komische und dramatische Akzente aus. Seine Stärke war das hintergründige Ausspielen der melancholisch, dunklen Farben und der schmerzlich-süßen Töne des Werks. Seine Lesart veranschaulicht, dass die Orchestrierung mit ihren Wendungen und wechseklvollen Farben tief in der Tadition der Commedia dell’arte steht. Neben Kontrasten zwischen Komischem und Bewegenden reisst die Spielleidenschaft mit, die Beltram und das Philharmonische Staatsorchester Hamburg entwickeln. Die Italianità, die immense klangliche Farbpalette aber auch das präzise Orchesterspiel machten den Abend zum Ereignis.

Die Sängerriege ist fulminant: Ambrogio Maestri ist von der Erscheinung und Agilität ein Bonvivant, dem man den Pasquale unmittelbar abnimmt. Sein lyrisch dramatischer Bariton ist leicht, elegant aber auch durchschlagskräftig. Mit makelloser Gesangstechnik und kultivierter Phrasierungskunst gelingen ihm pastose Klangfarben bei wortdeutlicher Gesangslinie. Seine Rollenidentifikation und Spielfreude lassen die Figur Pasquales beglückend erstehen.

Kartal Karagedik ist ein glänzender fulminanter Malatesta. Mit ihm steht von der Stimme ein klassischer dramatischer timbrierter Bariton der Belcantotradition auf der Bühne. Seine in der Tiefe und Mittellage sonore Stimme geht krönen eine klangvoller Mittellage und mühelose leuchtende Höhen. Trotz der erzwungenen Corona-Pause ist er stimmlich und darstellerisch nochmal immens gereift, hat sich phänomenal entwickelt. Karagedik bot so einen gesanglich meisterlichen Intriganten, der faszinierte. Gesanglich und darstellerisch war er ungemein präsent und kostet die Rolle in allen Facetten aus. Ein grandioser Sänger, der sicher durch zahlreiche Erfolge auf sich aufmerksam machen wird.

Den Ernesto gibt Levy Sekgapane mit lyrischem klangschönen Tenor, immenser Beweglichkeit und unglaublich sicherer Höhe. Seine von der Farbe vielleicht etwas spröde anmutende Stimme überzeugt durch Emphase und große Geläufigkeit in den Koloraturen. Gestalterisch ist er brillant und liefert ein introvertiertes und aber zugleich leidenschaftliches Rollenportrait.

Staatsoper Hamburg / Don Pasquale hier Kartal Karagedik, Ambrogio Maestri, Danielle de Niese, Levy Sekgapane © Brinkhoff-Moegenburg
Staatsoper Hamburg / Don Pasquale hier Kartal Karagedik, Ambrogio Maestri, Danielle de Niese, Levy Sekgapane © Brinkhoff-Moegenburg

Danielle De Niese hat schon in der Jugend Show- und Fernsehauftritte absolviert. Mit ihrer fröhlichen, aber zugleich glamourösen und verführerischen Ausstrahlung ist sie für die Rolle der Norina prädestiniert. Mit der Arieneinlage in der Badewanne, den Kostümwechseln und kapriziösen Auftreten fesselte sie das Publikum und vom ersten Auftritt. Gesanglich bot sie eine warme wohlklingende Stimme, die mit ihrer Klangschönheit punktete aber sie schummelte sich ein wenig durch die Koloraturen.  Jóhann Kristinsson war ein verschlagener Notaro mit bestechendem Bariton und großem Elan bei der Vorspiegelung der Amtshandlungen.  Musikalisch mitreißend auch der Chor unter  Jóhann Kristinsson

Eine phantastisch glutvolle Aufführung. Durch die phantasiereiche und beschwingte Regie von David Bösch, das glänzend aufgelegte Orchester und das grandiose Ensemble eine großartige Aufführung. Für Musical-Freunde und Kinder dürfte sie gleichfalls ein Ereignis sein.

DON PASQUALE an der Staatsoper Hamburg; weitere Aufführungen 04., 09., 11., 14., 16.06.2022; 14.03., 16.03.; 19.03.2023

Nachzuerleben ist die Premiere in der Arte Mediathek.

—| IOCO Kritik Staatsoper Hamburg |—


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