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Bremen, Theater Bremen, Das schlaue Füchslein – Leos Janacek, IOCO Kritik, 30.09.2021

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Thomas Birkhahn
29. September 2021
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Theater Bremen

Theater Bremen / Theater am Goetheplatz © Jörg Landsberg
Theater Bremen / Theater am Goetheplatz © Jörg Landsberg

Das schlaue Füchslein  – Leos Janacek

Förster, Füchsin, Frosch – im  Kreislauf der Natur

 von Thomas Birkhahn

Leos Janaceks Das schlaue Füchslein ist vermutlich die einzige Oper, die auf einem Fortsetzungscomic basiert. Der Autor Rudolf Tesnohlìdek und der Zeichner Stanislav Lolek veröffentlichten im Jahr 1920 in einer Brünner Tageszeitung eine Fortsetzungsgeschichte über die Füchsin Bystrouschka (deutsch: Schlaukopf). Janacek machte aus den gut 50 Folgen der damals sehr populären Bildergeschichte ein Libretto mit episodenhaftem Charakter. Die fabelähnliche Geschichte handelt von der jungen Füchsin Schlaukopf, die im Wald vom Förster gefangen wird und bei ihm zuhause aufwächst. Nach ihrer Flucht zurück in den Wald verliebt sie sich in einen Fuchs. Die beiden heiraten und bekommen Kinder, bis schließlich Schlaukopf vom Wilderer Haraschta (sehr ausdrucksstark gesungen von Stephen Clark) erschossen wird. Darum herum erzählt Janacek von der Schönheit der Natur und von Menschen, die sich alle nach Liebe sehnen und unter Einsamkeit leiden.

Aber worum geht es eigentlich in dieser Oper? Was ist ihr tieferer Sinn? Dass es für Regisseurin Tatjana Gürbaca nicht um eine möglichst naturalistische Umsetzung der Handlung geht, wird schon mit dem Bühnenbild deutlich: Die Bühne wird ausgefüllt von einer kreisrunden, ganz in weiß gehaltenen Scheibe, die an eine Art Manege erinnert und stark zum Publikum hin geneigt ist. Auf dieser Scheibe spielt sich das Geschehen überwiegend ab. Die Protagonisten müssen sich also ständig auf schrägem Untergrund bewegen, was ihnen viel an Bewegungsfreiheit und damit Ausdrucksmöglichkeiten nimmt. Das eigentlich ausgelassene Herumtoben der jungen Füchse im dritten Akt wirkt sehr mühsam, trotz des sehr engagierten Kinder Auftritts der Kinder können diese sich nicht frei bewegen.

Gürbaca interessiert sich besonders für Schlaukopfs Verhältnis zu den anderen Protagonisten. Diese quasi menschgewordene Füchsin schert sich nicht um Spielregeln oder gesellschaftliche Konventionen. Sie ist absolut sorglos und geht am Ende sogar lachend in den Tod. Ihr Verhältnis zum Förster (stimmlich und darstellerisch sehr souverän) steht naturgemäß im Mittelpunkt der Oper und auch in dieser Regie. Die beiden Hauptakteure scheinen sich magisch anzuziehen. Wird Schlaukopf zunächst vom Förster mit Gewalt gefangen genommen, geht sie bei Gürbaca bald darauf freiwillig mit ihm mit und lässt sich gerne von ihm menschlich einkleiden. Für die Regie scheint es unerheblich zu sein, dass die Füchsin sich zwar einerseits zum Förster hingezogen fühlt, aber gleichzeitig auch von Freiheitsdrang erfüllt ist. Daher ist es dann auch nur folgerichtig, wenn Schlaukopf nach ihrer Befreiung am Ende des ersten Aktes entgegen der ursprünglichen Handlung nicht in den Wald flieht, sondern zunächst im Haus des Försters bleibt und diesen verführt. Das ist zwar konsequent, nimmt der Hauptfigur aber etwas von ihrer Tiefe, wie Janacek sie angelegt hat.

Theater Bremen / Das schlaue Füchslein hier Christoph Heinrich und Marysol Schalit als Fuechsin © Joerg Landsberg
Theater Bremen / Das schlaue Füchslein hier Christoph Heinrich und Marysol Schalit als Fuechsin © Joerg Landsberg

Der Förster ist von Janacek als einerseits traurige Figur konzipiert, andererseits aber auch mit gehörigem Aggressionspotenzial ausgestattet. Die Regie fokussiert sich aber nur auf ersteres: Wir sehen jemand, der sein Leben gelebt hat, vergangenen Zeiten nachtrauert und lieber länger im Wald bleibt anstatt zu seiner Frau nach hause zurück zu kehren. Er sehnt sich nach Liebe, die er aber weder bei seiner Frau, noch bei der Füchsin und auch nicht bei der von allen begehrten jungen Terynka findet. Die andere Seite seines Charakters, die Janacek ihm mitgegeben hat, sehen wir nicht: die gewaltsame Gefangennahme Schlaukopfs, seine wütenden Ausfälle gegen die aufmüpfige Füchsin, die sich nicht unterordnet, all das wirkt bei Gürbaca irgendwie „weichgespült“. Will der Förster (Christoph Heinrich) laut Libretto im zweiten Akt die entlaufene Füchsin erschießen, so richtet er bei Gürbaca die Waffe gegen sich selbst und muss am Freitod gehindert werden.

Gürbaca macht aus ihm darüber hinaus eine Art Kindskopf, der in der Wirtshausszene des zweiten Aktes den Schuldirektor mit Wasser nassspritzt. Dadurch verleiht sie ihm eine Jugendlichkeit und Unreife, die nicht so recht zur Figur passen will.

Im Haus des Försters gibt es keine Tiere, Dackel, Hahn und Hühner sind hier menschlich gekleidet (Kostüme: Silke Willrett). Warum das Federvieh ausgerechnet als eine Art Spielmannszug in Karnevalskostümen auftrat, erschloss sich nicht so recht.

Am besten gelingt an diesem Abend die große Liebesszene von Fuchs (sehr intensiv gespielt von Nadine Lehner) und Füchsin (Marysol Schalit) am Ende des zweiten Aktes. Hier zeigt eine großartige Personenregie die Entwicklung der beiden Liebenden vom ersten schüchternen Kennenlernen bis zur abschließenden Hochzeit. Das Zögern, das hin und her gerissen sein, das gänzlich neue Gefühl des verliebt seins – es wird alles wunderbar in Szene gesetzt.

Theater Bremen / Das schlaue Füchslein hier Marysol Schalit und Damenchor © Joerg Landsberg
Theater Bremen / Das schlaue Füchslein hier Marysol Schalit und Damenchor © Joerg Landsberg

Dirigent Marco Letonja wählte für diese Aufführung coronabedingt eine Fassung für Kammerorchester des Komponisten Jonathan Dove. Trotz des fehlenden satten Streicherklangs gelangen die vielen musikalischen Naturschilderungen dieser Musik sehr stimmungsvoll. Die filigrane, rhythmisch sehr differenzierte Musik der Insektenwelt kam gerade in dieser Fassung gut zur Geltung. Vom kleineren Orchester profitierten darüber hinaus auch die Sänger. Die Durchhörbarkeit war immer gegeben, ohne dass die Sänger forcieren mussten. Herausragend war an diesem Abend Marysol Schalit in der Titelpartie, die sowohl stimmlich als auch darstellerisch Schlaukopfs Freiheitsdrang und Respektlosigkeit glaubwürdig verkörperte. Aus einem insgesamt sehr guten Ensemble blieb darüber hinaus besonders Christian-Andreas Engelhardts Darstellung des Schuldirektors in Erinnerung. Er konnte vor allem stimmlich die Brüchigkeit dieser Figur überzeugend vermitteln.

Wenn am Ende der Oper der Förster wieder alleine im Wald ist, wiederholt sich die Anfangsszene: Er schläft im Wald ein und Frosch und Füchsin – jetzt aber die nächste Generation – machen sich wie zu Beginn der Oper wieder über seine Sachen her. Der Kreislauf der Natur geht weiter, es kann alles wieder von neuem beginnen.

Es war insgesamt ein Abend, der manch schöne Szene bereithielt, musikalisch wunderbar gelang, aber szenisch als Ganzes nicht recht zu überzeugen vermochte und den Zuschauer mit einer Reihe von Fragezeichen zurückließ.

—| IOCO Kritik Theater Bremen |—


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