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Münster, Theater Münster, Der Geldkomplex – Uraufführung, IOCO Kritik, 25.09.2021

Hanns Butterhof
25. September 2021
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Theater Münster © Rüdiger Wölk
Theater Münster © Rüdiger Wölk

Theater Münster

Der Geldkomplex Uraufführung

Groteskes Lamento um das fehlende Geld Richtungslose Münsteraner Uraufführung

von Hanns Butterhof

Franziska Gräfin zu Reventlow (1871 -1918 ) war eine der schillerndsten Figuren der Münchner Bohème, und immer in Geldnot. Ihr locker flockiger Briefroman Der Geldkomplex von 1916, der im Untertitel “meinen Gläubigern gewidmet” ist, kann durchaus als Versuch gelesen werden, Autobiographisches aus ökonomischer Not literarisch zu Geld zu machen.

Nach der witzig anarchistischen Fassung von Jürgen Kuttner und Suse Wächter im Münchner Marstall 2011 hat Felicia Zeller für das Theater Münster aus dem Briefroman Der Geldkomplex ein zweistündiges Schauspiel erarbeitet. Dessen Uraufführung fand jetzt in der Regie von Max Claessen im Kleinen Haus des Theater Münster als schwerblütige Groteske statt.

Die Bühne ist rundum aseptisch weiß ausgeschlagen (Bühne und Kostüme: Ilka Meier). Das ist passend dafür, dass ein Großteil der Szenen in einem Sanatorium spielt. Anfangs noch von Plastikbahnen verhüllte Gegenstände werden im Lauf des Geschehens – es als Handlung zu bezeichnen wäre unpassend – von Personen bei ihrem  Auftreten ohne zwingenden Bezug enthüllt. Sie erweisen sich als ein Turm von Fernsehgeräten, aus denen Gläubiger mahnen, als Gipsstatue von Adam Smith, dem Vordenker der liberalen Ökonomie, einem offenbar erfrorenen Bäumchen mit trauriger Europaflagge sowie als Treppen und Klamottenhaufen. Ihr symbolischer Gehalt gibt zu denken auf, ihre Funktion für das Bühnengeschehen ist aber unerheblich und wird durch ein neon-erleuchtetes Dollarzeichen über allem bündig zusammengefasst.

Im Zentrum des Geschehens steht Feli von Beinahe-Enden (Katharina Behrens in legerem braunen Hausanzug). Ihr Leben schildert sie als eine einzige wirtschaftliche Krise. Um ihr endlich zu entkommen, geht sie mit dem schwulen Adeligen Albert von Brundel-Bründingen (Christoph Rinke in zu knappem grüngelben Anzug und gefältelter, kükengelber Halskrause) eine Scheinehe ein. Denn nur, wenn er dem misstrauischen Erblasser eine standesgemäße Ehefrau präsentiert, lässt dieser ihm das millionenschwere Erbe auch zukommen. Die Hälfte davon verspricht Albert seiner Gattin Feli. Bis es soweit ist, weist sie ihr leicht übergriffiger Psychiater Dr. Flachmeier (Christian Bo Salle in existenzialistischem Schwarz mit Psychiater-Schnauzbart) in eine Klinik ein, um sie dem Zugriff der Gläubiger zu entziehen; seine Diagnose: „Geldkomplex“.

Theater Münster / Der  Geldkomplex hier vl.: Katharina Behrens, Joachim Foerster, Frank-Peter Dettmann, Marlene Goksch, Daniel Warland  © Oliver Berg
Theater Münster / Der Geldkomplex hier vl.: Katharina Behrens, Joachim Foerster, Frank-Peter Dettmann, Marlene Goksch, Daniel Warland © Oliver Berg

An dem leiden neben ihm – ist doch jede Diagnose eine Projektion – auch die weiteren Figuren, die Feli in der Klinik vorfindet. Die führt Prof. Dr. Knust (Ulrike Knobloch in schweinchenrosa Kunstleder-Kostüm) nicht als Heilstätte, sondern als gewinnorientiertes Unternehmen. Sie trägt ihre Augenklappe mal links, mal rechts und setzt als Therapie auf Moorbäder und regelmäßiges Essen. Die Geldgier des Privatdozenten Lukas (Wilhelm Schlotterer) wird durch die Aussicht beflügelt, an Felis Erbanteil zu kommen. Und immer wieder kreiert der zappelige Henry (Joachim Foerster, dem es auch im blauen Anzug nicht gelingt, seriös auszusehen), ein zum Scheitern verurteiltes Projekt nach dem anderen. Besonders originell ist ein Luftsack, in dem er nach Art der Schildbürger zwar kein Licht, aber Luft einfangen und auf den Markt werfen möchte.

Mit solcher visionären Tatkraft begeistert Henry eine Baulöwen-Witwe (Marlene Goksch modelhaft mit Baulöwinnen-Mähne in knappem, mit Dollarscheinen bedrucktem Kostüm) wie auch den reichen Russen Dimitrij Balailoff (Frank-Peter Dettmann mit Zylinder und schwarzer Abendgarderobe). Er fällt insofern aus dem Rahmen, als er kein Geld-, aber ein Alkoholproblem hat. Er investiert in Henrys australisches Kobaltminen-Projekt, was aber daran scheitert, dass der gottlose junge Rapper Gottfried (Daniel Wartland mit Basecap und dicker Halskette), der aus nicht näher bekannten Gründen in der Klinik weilt, statt die Mine zu betreiben zu den Naturschützern überläuft.

Am Ende geht auch Felis Erbschaftsprojekt daneben, aber erstaunlicher Weise gelingt es ihr, jetzt im eleganten Hosenanzug, mit ohne Geld in Monacos Spielbank aufzulaufen (Video: Andreas Klein). Ihre Gläubiger verweist sie an die Pleite-Bank, die ihr sowieso geschrumpftes Erbe mit in den Abgrund ihres Bankrotts gerissen hat. Feli ist jetzt selber Gläubigerin und wundersam vom Geldkomplex geheilt.

Um die wechselnden Figuren und Situationen in den einzelnen Szenen einzuführen und dann das Geschehen zu erklären, muss mehr geredet als gehandelt werden, möglichst an der Rampe und direkt ins Publikum. Dabei wäre noch mehr auf Sprechkultur zu achten, zumal die Überlagerung mit den elektronischen Klängen von Carl Waeber der Verständlichkeit nicht dienlich ist. Die absolut eindimensionalen Personen bewegen sich durchwegs wie in sehr alten Schwarzweiß-Stummfilmen manieriert ruckartig. Allen gemeinsam ist auch eine Sprechweise, die sich durch enervierend unvollständige Sätze und endlose Wiederholungsschleifen auszeichnet – vielleicht als Ausdruck allgemeiner Beziehungslosigkeit, vielleicht aber auch nur als ein schnoddriges Charakteristikum der “jungen weiblichen Literatur”. 

Theater Münster / Der  Geldkomplex hier  Feli in den Händen von Prof. Dr. Knust (Katharina Behrens und Ulrike Knobloch) © Oliver Berg
Theater Münster / Der Geldkomplex hier Feli in den Händen von Prof. Dr. Knust (Katharina Behrens und Ulrike Knobloch) © Oliver Berg

Mit ihren grotesken Überzeichnungen kämpft die Regie Max Claussens um den Unterhaltungswert der Reventlowschen Vorlage. Dem setzt die Autorin Felicia Zeller ein schwerblütiges Lamento darüber entgegen, wie wichtig Geld in der bürgerlichen Gesellschaft ist und war. Wirklich? möchte man fragen, und zu jedem von Felis „Da ist es wieder, das Geld, das nicht da ist“, möchte man seufzen: Da ist er wieder, der Esprit, an dem es der Münsteraner Fassung von Der Geldkomplex mangelt.

Nach zwei sehr langen, ohne Pause gespielten Stunden freundlicher, langer Beifall des Premierenpublikums für das aufopferungsvolle Ensemble, das Regieteam und die anwesende Autorin.

Der Geldkomplex – Theater Münster, die nächsten Termine: 23.9. ; 30.9., 8.10.;  29.10., jeweils 19.30 Uhr.

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