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München, Bayerische Staatsoper, Münchner Opernfestspiele – IDOMENEO, IOCO Kritik, 27. 07. 2021

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Redaktion
27. July 2021
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Bayerische Staatsoper München

Prinzregententheater München © Felix_Loechner
Prinzregententheater München © Felix_Loechner

Münchner Opernfestspiele 2021

IDOMENEO  –  Wolfgang Amadeus Mozart

Zerrissenheit und Pflichterfüllung weichen Liebe und Freiheit – Mozarts Idomeneo als Generationenkonflikt voller Leidenschaft und Ambivalenz

von Marcel Bub

Wolfgang A Mozart in Salzburg vor dem Festspielhaus © IOCO DZimmermann
Wolfgang A Mozart in Salzburg vor dem Festspielhaus © IOCO DZimmermann

Von Liebe, Freude und Erleichterung erfüllt gehen Idamante und Ilia Arm in Arm von der Bühne. Seinen erst kurz zuvor erhaltenen Königsumhang hatte Idamante dann bereits Ilia auf die Schultern gelegt. Vor dem neuen Herrscherpaar liegt eine Zukunft voller Ungewissheit. Ein neues Kreta ist im Entstehen, in welchem Freiheit und Vernunft an die Stelle von bedingungslosem Glauben und Unterwerfung getreten sind. Zurück lassen sie einen nachdenklichen Idomeneo, der noch nicht so recht zu wissen scheint, wohin mit sich in seiner Rolle eines alternden Mannes, der durch die Götter, durch Idamante, durch die eigene Einsicht seine Macht verloren hat. Auf jener Holzkiste, die zuvor noch als Schafott für den Sohn dienen sollte, sitzt er nun mit Dosenbier und Stulle, um sinnend auf seine und auf Kretas Geschichte zu schauen.

Premieren am 19. Juli 2021, 22. Juli – Prinzregententheater München

Idomeneo – 1781 in München uraufgeführt – Münchner Opernfestspiele 2021
Youtube Trailer Bayerische Staatsoper
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Wolfgang Amadeus Mozarts Oper Idomeneo zeigte die Bayerische Staatsoper in der Inszenierung von Antú Romero Nunes und dem Dirigat des für den erkranken Constantinos Carydis in der B-Premiere eingesprungenen Gabriel Venzago im Prinzregententheater München, nicht im Stammhaus, dem  Nationaltheater am  Max-Joseph-Platz. Eine vielschichtige, intelligente und psychologisch informierte Inszenierung, vier stimmlich ausgezeichnete Hauptrollen inmitten des eindrucksvollen Bühnenbildes von Phyllida Barlow, eine innovative Choreografie von Dustin Klein sowie Präzision und Klangfülle bei Chor, Orchester und Dirigat lassen auf einen umfangreichen, komplexen und virtuosen Theater- und Opernabend zurückschauen.

In der letzten Seria-Oper seiner Jugendzeit befasst sich Mozart in Anlehnung an Antoine Danchets Idoménée mit Idomeneo, König von Kreta. Als dieser auf der Rückkehr aus dem Trojanischen Krieg auf dem Meer durch einen heftigen Sturm in Lebensgefahr gerät, gelobt er, Neptun den Erstbesten zum Opfer darzubringen, auf den er an Land stoße, sollten der König und seine Besatzung überleben. Sicher an der Küste angekommen, ist es sein Sohn Idamante, der den für tot gehaltenen als Erstes trifft – Arie: Il padre adorato ritrovo / Den geliebten Vater finde ich wieder. Idomeneo, zerrissen zwischen Vaterliebe und Gottesfurcht, zögert und versucht, beraten von Arbace, Idamante zur Flucht zu bewegen. Dieser solle die Tochter Agamemnons Elettra (Elektra), welche Idamante als Gemahl leidenschaftlich begehrt, zurück nach Argos auf den Thron ihres Vaters bringen.

Bayerische Staatsoper / Idomeneo - hier: Matthew Polenzani als Idomeneo, Olga Kulchynska als Ilia © Wilfried Hoesl
Bayerische Staatsoper / Idomeneo – hier: Matthew Polenzani als Idomeneo, Olga Kulchynska als Ilia © Wilfried Hoesl

Die trojanische Kriegsgefangene Prinzessin Ilia, die mit Idamante in gegenseitiger, wenngleich noch nicht lebbarer Liebe verbunden ist, bittet indessen Idomeneo, ihr den liebevollen Vater zu ersetzen. Die Sorge Idomeneos, nun auch noch Ilia in Gefahr zu bringen, bestätigt sich durch das Aufkommen eines verheerenden Sturms, und ein Ungeheuer verbreitet Panik und Schrecken auf Kreta. Um Neptun zu besänftigen, bietet sich Idomeneo selbst zum Opfer an. Während Idamante den Kampf mit dem Ungeheuer aufnimmt, schwört Elettra Rache, und Idomeneo muss dem Volk eröffnen, wen er dem Gott opfern müsse. Idamante kehrt nach dem Sieg über das Ungeheuer zurück und ist, nun die Beweggründe des Vaters verstehend, bereit zu sterben. Der tödliche Stoß des Vaters wird von der liebenden Ilia unterbunden, die sich selbst als Opfer anbietet. An dieser Stelle ertönt schließlich die Stimme des Orakels und verkündet, dass dem Menschen Idomeneo vergeben sei, der Herrscher jedoch seine Macht an Idamante abzugeben habe, und dieser Ilia zur Gemahlin nehmen solle. Dieser Weisung folgend, dankt Idomeneo ab, und Idamante ist – neuer – umjubelter König von Kreta.

Sich dem unmissverständlichen Willen der Götter widersetzen, zu verzögern sind zentrale Axiome dieser Oper. Stetige Ambivalenz und Zerrissenheit zwischen Liebe und Pflicht, zwischen Glauben und Vernunft prägen die Dramatik von Handlung und Komposition. Dass schließlich die tiefe gegenseitige Liebe von Idamante und Ilia sich entfalten kann, und vernünftige Reflexion und Rationalität zu einer Form der Freiheit führen, zeigt deutlich, dass dieses Werk im Zeichen der Aufklärung steht. Damit einher geht eine Musik, die – wie so oft bei Mozart – selbst in den leidvollsten Szenen noch strahlend schön ist, eine Musik, die einen aufnimmt in einen Strom, einen jedoch auch stetig daran erinnert, dass es sich gerade um Theater handelt.

Bayerische Staatsoper / Idomeneo - hier: das Ensemble, Statisterie © Wilfried Hoesl
Bayerische Staatsoper / Idomeneo – hier: das Ensemble, Statisterie © Wilfried Hoesl

Diese Komplexität in der Darstellung und Virtuosität im Klang konnten an diesem Abend insbesondere die treffend besetzen Hauptrollen auf durchweg hohem Niveau vermitteln, was unteranderem im zweiten und dritten Akt zu begeistertem Szenenapplaus führte. Idomeneo wurde auf gleichzeitig machtvolle und zerbrechliche Weise von Matthew Polenzani (Tenor) gesungen. Emily D’Angelo bot einen leidenschaftlichen und auf allen Ebenen ehrlichen Idamante dar und brillierte, sich im Verlauf der Akte noch steigernd, mit einem eindringlichen und betonten Sopran. Ein Höhepunkt der Aufführung war zweifelsohne das Wechselspiel zwischen Idomeneo und Idamante kurz vor dem Vollzug der Opferung – Padre, mio caro padre (…) / Vater, mein teurer Vater (…); Oh figlio! oh caro figlio (…) / Mein Sohn, mein teurer Sohn (…). In der Bitte, dass sich Idomeneo Ilia nach Idamantes Tod als liebender Vater zuwenden möge, erreicht D’Angelo eine ganz eigene Ebene an Intensität und klanglicher Schönheit.

Ebenso hervorzuheben ist Olga Kulchynska, die von Beginn an die Rolle der Ilia in einem sanft strahlenden und kristallklar das Wabern des Theaternebels auf der Bühne und im Publikumsraum durchdringenden Sopran interpretiert. Hanna-Elisabeth Müller (Sopran) überzeugt als Elettra ebenfalls auf ganzer Linie. Dramatisch, intensiv und virtuos verkörpert sie in Schauspiel und Gesang den Hass, die Verzweiflung und die Traurigkeit Elettras. In der Szene des endgültigen Zusammenbruchs und Suizides, in welcher sich Müller mit Öl beschmierend zwischen den Wellenbrechern auf der Bühne windet, und in ihrer Arie – Ombra infelice! / Unglücklicher Schatten! – eine neue Sphäre klanglicher Intensität erreicht, kommt es abermals zu begeistertem Applaus und Bravorufen. Die leblose Elettra wird schließlich, nachdem sie sich mit dem Öl selbst ertränkt hat, an dem Holzpfosten des Bühnenbildes von der Bühne gezogen. Als Arbace trat Martin Mitterrutzner und als Oberpriester Poseidons Caspar Singh auf. Die Stimme des Orakels verkörperte Callum Thorpe. Auch diese drei Rollen waren gut besetzt und fügten sich in das insgesamt hohe künstlerische Niveau ein.

Bayerische Staatsoper / Idomeneo - hier : Matthew Polenzani als Idomeneo, Emily D´Angelo als Idamante © Wilfried Hoesl
Bayerische Staatsoper / Idomeneo – hier : Matthew Polenzani als Idomeneo, Emily D´Angelo als Idamante © Wilfried Hoesl

Neben dem hervorragenden Chor – die umfangreichen Chorpartien gehörten zweifelsohne zu Höhepunkten des Abends – bot das Bayerische Staatsorchester als renommiertes und routiniertes Opernorchester einen akzentuierten, intensiven und an manchen Stellen strahlenden Mozart. Gabriel Venzago leitete das Orchester sicher und die Musik wie eine Studie in all seiner Vielschichtigkeit dem Publikum ausbreitend.

Die Künstlerinnen und Künstler auf der Bühne und im Orchestergraben waren in ihrer Darstellung eingebettet in eine durch Inszenierung, Bühnenbild und Choreografie interessant anregende Erzählung. Abermals wurde an diesem Abend deutlich, wie viele Kunstformen sich in der Oper erfolgreich vereinen lassen.

Nunes inszeniert diesen tragischen und anspruchsvollen Stoff als einen scharfen Generationenkonflikt. Idomeneo sehe, wie in Idamante ein neuer Stern aufgehen, einer, der alle “Tricks” kenne und ihm somit zwangsläufig gefährlich werde. Zwar füge sich der König letztendlich, jedoch sei er noch immer zerrissen zwischen Gotteswille, Vaterliebe und dem eigenen Machtanspruch, wie der Regisseur im Vorfeld der Premiere ausführt. Diese Lesart Idomeneos als eines alternden Königs, dessen Macht schwindet und der sich zwar erst zögernd, dann aber doch bereitwillig dem realen oder imaginierten Willen der Götter hingibt, um seinen ersten Rivalen zu töten, wird auf treffsichere Weise der Vielschichtigkeit Mozarts Werk gerecht. Nunes ist nach seiner Zeit als Hausregisseur am Thalia Theater Hamburg, wo er das Publikum seit Jahren mit Interpretationen von Stücken wie Die Dreigroschenoper, Moby Dick und Orpheus begeistert – Die Odyssee – Eine Irrfahrt nach Homer wurde 2018 zum Berliner Theatertreffen eingeladen –, mittlerweile Teil der Theaterdirektion am Theater Basel. Zuletzt inszenierte er Giuseppe Verdis Les Vêpres siciliennes an der Bayerischen Staatsoper. Mit Idomeneo ist Antú  Romero Nunes abermals eine hochpolitische Neuinterpretation stetiger Fragen und Konflikte menschlichen Daseins sowie von Macht und Gesellschaft gelungen.

Bühnenbild und Choreografie ergänzen Musik, Stimmen und Inszenierung zu einer Art Gesamtkunstwerk. Die Künstlerin Phyllida Barlow gestaltete für diesen Idomeneo ein raues, vielseitiges und mystisches Bühnenbild, bestehen aus schroffen und kantigen Gebilden, die auf fast post-apokalyptische Weise eine Industrielandschaft an der Küste darstellen. Wellenbrecher, vieleckige Metallgebilde und ein auf Stelzen stehender massiver Felsen schaffen eine sich im Laufe des Abends dynamisch wandelnde Szenerie mit einem ganz besonderen und zu Musik und Inszenierung passenden Atmosphäre der Ambivalenz von Gewalt und Geborgenheit, Tod und Überleben sowie der Zerrissenheit des Menschen zwischen den Mächten der Natur und seiner selbst. Schließlich schuf Dustin Klein spannende und von den Tänzerinnen und Tänzern auf hohem Niveau dargebotene Choreografien zu Mozarts Komposition.

An diesem reichhaltigen Opernabend mit reichen Interpretationen von Musik, Handlung und Kontext – so wurden zudem kammermusikalische Passagen und Audioeinspielungen ergänzt – passierte viel inspirierendes  auf inhaltlicher und künstlerischer Ebene. Die Sängerinnen und Sänger sowie die Tänzerinnen und Tänzer erbrachten dabei große Leistungen – teilweise an Kletterseilen von der Decke hängend – wie auch die Musikerinnen und Musiker sowie die andere Involvierten. Das Publikum bedankte sich dafür mit großem, teils stehendem Applaus.

—| IOCO Kritik Bayerische Staatsoper München |—


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