Franz Schubert: The Symphonies – Chamber Orchestra of Europe – Harnoncourt, IOCO CD-Rezension, Februar 2021

Februar 22, 2021  
Veröffentlicht unter Hervorheben, IOCO - CD-Rezension

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ICA Classics CD - Franz Schubert: The Symphonies © ICA Classics

ICA Classics CD – Franz Schubert: The Symphonies © ICA Classics

Franz Schubert: The Symphonies

Chamber Orchestra of Europe – Nikolaus Harnoncourt

ICA Classics –  Catalogue No: ICAC 5160 – 4 CD´s

von Julian Führer

1988 – erster Schubert-Zyklus von Harnoncourt –  Jetzt auf CD 

Franz Schubert Wien © IOCO

Franz Schubert Wien © IOCO

Nikolaus Harnoncourt hat das symphonische Gesamtwerk von Franz Schubert (1797 – 1828)  mehrmals eingespielt – derzeit erhältlich sind Aufnahmen mit dem Concertgebouw Orchestra aus dem Jahr 1993 und mit den Berliner Philharmonikern aus den Jahren 2003-2006. Bislang nie auf CD veröffentlicht wurde hingegen eine Aufnahme mit dem Chamber Orchestra of Europe von 1988, die nicht nur eine frühere, sondern tatsächlich die erste öffentliche zyklische Auseinandersetzung des 2016 verstorbenen Dirigenten mit dem Komponisten dokumentiert. Die hier auf 4 CDs vorliegende Gesamtaufnahme entstand innerhalb von nur acht Tagen auf dem Styriarte-Festival in Graz und ist das Produkt von Konzerten vor Publikum, also keine Studioaufnahme.

Ziel der Konzerte von 1988 war es, eher das Neue an Schuberts Symphonik zu zeigen als die interpretatorische Tradition, die Schubert allzu oft neben Beethoven stellte und diesen durchaus mit gewissen Gründen revolutionärer, kompromissloser und insgesamt aufregender fand. Von Schubert ließ man oft nur die letzten beiden Symphonien überhaupt gelten, die „Unvollendete“ und die große C-Dur-Symphonie D 944. Schubert hatte nicht nur, was die Rezeption angeht, erhebliche Nachteile, nicht zuletzt starb er mit nur 31 Jahren und damit ziemlich genau ein Vierteljahrhundert jünger als sein Zeitgenosse Beethoven – wäre Beethoven so früh gestorben wie Schubert, hätten wir von ihm nur die erste Symphonie, 15 von 32 Klaviersonaten, 6 von 16 Streichquartetten und keine Oper. Schubert seinerseits begann früh mit dem Komponieren, eine Ouvertüre zum Lustspiel Der Teufel als Hydraulicus schrieb er beispielsweise mit etwa 15 Jahren. Doch große Publikumserfolge waren ihm erst in seinem Todesjahr 1828 vergönnt.

Für einen so bekannten Komponisten ist es erstaunlich, wie spät die Symphonien uraufgeführt wurden (eine einzige zu Lebzeiten Schuberts, die anderen zwischen 1828 und 1881), so dass auch das unser Musikverständnis so sehr prägende 19. Jahrhundert lange Zeit nur ein unvollständiges Bild von Schuberts symphonischem Schaffen hatte. Und selbst die Zählung ist nicht einheitlich: In manchen Werkkatalogen und auf manchen Platten- und CD-Titeln wird die h-Moll-Symphonie („Unvollendete“) als „achte“ Symphonie geführt – als siebte Symphonie wird dann entweder die große C-Dur-Symphonie gezählt (die man unter den Nummern 7, 8 und 9 findet), in anderen Katalogen steht die „Unvollendete“ unter 7, die große C-Dur-Symphonie unter 8 (so auch hier). Wenn man von neun Symphonien ausgeht, muss man von der Existenz einer heute verlorenen E-Dur-Symphonie von 1821 ausgehen, deren Partitur Schuberts Bruder Ferdinand an Felix Mendelssohn verschenkt haben soll und für die sich Skizzen erhalten haben (D 729). Die manchmal durch die Quellen spukende ‚Gasteiner Symphonie‘ ist identisch mit der großen C-Dur-Symphonie.

In der auf 84 Bände angelegten neuen Schubert-Ausgabe (https://schubert-ausgabe.de/) waren zum Zeitpunkt des Erscheinens nur die ersten drei Symphonien greifbar. Der Herausgeber der Vorgängerausgabe von 1884 war Johannes Brahms gewesen, der den Verlag noch davon abbringen wollte, diese Frühwerke zu drucken: Man solle sie abschreiben und so sichern, für Künstler zugänglich machen, aber einer Publikation seien sie nicht würdig.

Franz Schubert lebte in Wien © IOCO

Franz Schubert lebte in Wien © IOCO

Die Symphonien durchzieht vieles, was man auch aus anderen Werken Schuberts kennt. Eine Vorliebe für ‚schöne‘ Melodien, einen Volksliedton, Ländler, gepaart mit Schmerzlichem, was seiner Musik etwas Zerbrechliches verleiht. Schubert selbst formulierte es in seiner Erzählung Mein Traum von 1822 so: „Wollte ich Liebe singen, ward sie mir zum Schmerz. Und wollte ich wieder Schmerz nur singen, ward er mir zur Liebe. So zertheilte mich die Liebe und der Schmerz.“ Dieser Schmerz war seelisch, oft war er unglücklich verliebt, aber es kamen auch andere Gebrechen dazu, und so starb er an fortschreitender Syphilis, zu der unter Umständen noch eine Typhusinfektion gekommen war.

Die ersten sechs Symphonien entstanden innerhalb von nur sechs Jahren (1813-1818), Schubert war also zwischen 16 und 21 Jahre alt. 1812-1816(?) hatte Schubert Unterricht bei Antonio Salieri, der Christoph Willibald Gluck verehrte und Schubert immer wieder zum Komponieren von Opern animierte. Die erste Symphonie in D-Dur D 82 nun, im Herbst 1813 entstanden, ist erst 1881 öffentlich uraufgeführt worden. Der Orchesterapparat ist schmal (nur eine Flöte). Wie auch bei anderen Komponisten der Zeit ertönt zunächst eine langsame Einleitung, die in einen Allegrosatz mündet. Deutliche Betonungsmarkierungen (beispielsweise Takt 53-59: in jedem Takt bei jedem Instrument ein sforzato-Zeichen) lassen Kenntnisse von Beethovens Partituren durchscheinen (die auch sonst belegt sind). Das Stück wird hier ohne Wiederholung der Exposition gespielt. Die Instrumentierung ist bemerkenswert, vor der Reprise der Introduktion spielen über 20 Takte lang nur Holzblasinstrumente. Der zweite Satz, ein Andante im 6/8-Takt, klingt manchmal schon sehr nach Schubert, ebenso das schnelle Menuett und das daneben gemütlich wirkende Trio. Carl Maria von Weber komponierte ähnlich, doch hört es sich ganz anders an. Das abschließende Allegro vivace beginnt wie ein schneller Satz von Joseph Haydn, enthält aber auch Anklänge an Wolfgang Amadeus Mozart, beispielsweise in den Mittelstimmen (Bratschen, Celli, später auch Violine II), die an die g-Moll-Symphonie KV 550 denken lassen. Nikolaus Harnoncourt betont diese Figuren, die sonst leicht als Begleitung untergehen. Trompetenstöße und eine Trübung nach Moll sind in der damaligen Symphonik und speziell bei Franz Schubert nichts Ungewöhnliches. Die Symphonie umfasst 100 Partiturseiten – eine ganz erstaunliche Leistung für einen Sechzehnjährigen!

Franz Schuberts zweite Symphonie (B-Dur D 125) entstand 1814/1815, der Komponist war 17 Jahre alt. Öffentlich uraufgeführt wurde sie erst 1877. Der erste Satz beeindruckt durch seine Länge – nicht weniger als 614 Takte (mehr haben bei Beethoven nur die Kopfsätze der ‚Eroica‘ und der Neunten). Das musikalische Material wird oft rekapituliert; wahrscheinlich wird aus diesem Grund in dieser Einspielung die Exposition nicht wiederholt. Abermals gibt es eine langsame Introduktion, einen folgenden Allegrosatz, an zu betonenden Stellen eine Häufung von fz- und sf-Markierungen. Das folgende Andante lässt stellenweise an Beethovens Rondo für Klavier op. 51,1 denken und besteht aus fünf Variationen des Kopfthemas, die mehr und mehr Bewegung bringen. Das folgende Menuett ist schnell (Allegro vivace) mit scharfen Akzenten von Hörnern und Trompeten, alles andere als ein Tanzstück – das hätte auch Beethoven so komponieren können, nicht hingegen das Trio, das wieder ganz Schubert ist. Das Finale hat ebenfalls einige Merkmale, wie sie Beethoven anzuwenden pflegte, einen fast stampfenden Rhythmus, eine (Takt 364-372) mächtige Basslinie, aber auch eine Zuspitzung zu einer dissonanten Klangzusammenballung (Takt 510), wie sie Schubert auch in späteren Werken immer wieder komponierte. Ein wildes Stück Musik.

Die dritte Symphonie (D-Dur, D 200), 1815 mit achtzehn Jahren in nur neun Tagen komponiert, wurde 1881 uraufgeführt. Im Kopfsatz spielen Klarinette und Oboe eine bedeutende Rolle, und Nikolaus Harnoncourt wiederholt diesmal die Exposition. Die Klarinette ist auch im Mittelteil des folgenden Allegretto das führende Melodieinstrument. Die rhythmische Faktur des Satzes wird vom Chamber Orchestra of Europe so kunstvoll umgesetzt, dass es sich auf höchst exakte Weise so anhört, als wäre eine Dorfkapelle ein kleines Bisschen aus dem Takt geraten – ein typischer Schubert, der eine gewisse musikalische Gemütlichkeit aufkommen lässt, allerdings nur beim Zuhörer und sicher nicht beim Orchester. Menuett und Trio stehen in einem Schubert gut liegenden Volksliedton. Das abschließende Presto vivace verlangt ein irrwitziges Tempo, dem dieses Orchester selbstverständlich gewachsen ist. Und auch wenn einmal ein Ton abrutscht, fällt das überhaupt nicht ins Gewicht. Dass die Musiker aufs Ganze gehen, ist zu hören, und das ist auch, was Harnoncourt immer forderte.

Franz Schubert: The Symphonies – Chamber Orchestra of Europe – Nikolaus Harnoncourt  –  ICA Classics –  Catalogue No: ICAC 5160 – 4 CD´s

Der Beiname „Tragische“ für die vierte Symphonie in c-Moll D 417 von 1816 (Schubert ist immer noch erst 19 Jahre alt) stammt vom Komponisten selbst. Das Orchester ist mit vier Hörnern etwas breiter besetzt als in den bisherigen Werken. Uraufgeführt wurde die Symphonie 1849. Nach bewährtem Muster folgt der Allegroteil des ersten Satzes einer langsamen Einleitung. In diesem Satz fällt noch mehr als bislang Schuberts Neigung zu vielen, vielen Wiederholungen auf. Der Jubelschluss in C-Dur kommt etwas unvermittelt. Nach dem Andante lässt das Menuett aufhorchen mit betont rauen Streichern, bevor der Ton etwas lieblicher wird. Das Finale zeigt Schubert dann auf dem Entwicklungsweg hin zum großen Symphoniker. Bereits Robert Schumann vermisste die angesichts des Titels zu erwartende existenzielle Tragik, doch ist bemerkenswert, dass neben dieser Symphonie nur noch die „Unvollendete“ in einer Molltonart steht. „Leichter Sinn, leichtes Herz. Zu leichter Sinn birgt meistens ein zu schweres Herz.“ (Franz Schubert, Tagebuch, 8. September 1816)

ICA Classics CD - Franz Schubert: The Symphonies © ICA Classics

ICA Classics CD – Franz Schubert: The Symphonies © ICA Classics

Die fünfte Symphonie in B-Dur D 485 schrieb Schubert ebenfalls im Alter von 19 Jahren. Vermutlich hatte er einen Dilettantenverein im Sinn (das Wort „Dilettant“ bezeichnet zunächst einen „Liebhaber“ und ist positiv gemeint), und so wird in der Partitur auf Trompeten, Pauken und Klarinetten verzichtet. Die Partitur lässt an zahlreichen Stellen an Haydn und noch mehr an Mozart denken, erstmalig verzichtet Schubert auf eine langsame Einleitung zum Kopfsatz. Das Andante (wie bei Beethoven allerdings con moto bezeichnet) dauert mit fast zehn Minuten in etwa so lang wie Menuett und Finale zusammen.

Die erste Symphonie Schuberts, die das Publikum in einer öffentlichen Aufführung überhaupt zu hören bekam, ist die sechste Symphonie, die „kleine C-Dur-Symphonie“ D 589, die er mit 21 Jahren vollendete. Aufgeführt wurde sie im Dezember 1828, Schubert war da bereits seit einem Monat tot. Einiges ist hier neu im Vergleich zu den vorangegangenen Werken: Auf die hier wieder eingesetzte langsame Einleitung folgt ein Allegro, das im Laufe des Satzes (più moto) schon kurz vor Schluss noch wilder wird – eine neue Facette im Bild der Schubertschen Symphonik. Der zweite Satz beginnt volksliedhaft, doch mischen sich dann schnelle Figuren im Holz hinein, die an italienische Oper und ganz besonders an Rossini denken lassen, der zur Entstehungszeit dieser Sätze gerade seine ersten Erfolge in Wien feierte. Der dritte Satz ist nicht mehr als Menuett, sondern als Scherzo bezeichnet, doch wahrt Schubert die klassische Struktur, indem er den ersten Teil wiederholt, ein Trio folgen lässt und am Ende den ersten Teil ohne Wiederholungen da capo spielen lässt. Der Finalsatz ist nicht Allegro, sondern Allegro moderato überschrieben, und dieses moderato ist in der Interpretation von Nikolaus Harnoncourt auch deutlich zu hören. Volksliedhaftes, fast an eine Spieluhr erinnernd, wechselt mit neuen Anklängen an Rossini – vielleicht sollte man besser von einer ausgewachsenen Parodie sprechen. Erstaunlich ist dann, wie Schubert aus einer rossinihaften Passage heraus (ab Takt 130) eine dramatische Kulmination sucht (ab Takt 160), bevor er zum Ausgangsthema zurückkehrt. Einzelheiten der Instrumentierung, etwa die Parallelführung von Klarinette und Fagott, verweisen schon auf die große C-Dur-Symphonie, bevor das Stück in einem Jubelschluss endet.

Ist die „Unvollendete“ nun vollendet oder nicht? Sie ist es, meint Nikolaus Harnoncourt. Auch wenn man Entwürfe zu einem Scherzo gefunden hat, das nicht ausgeführt wurde, sei das Werk für Schubert doch in der Form, wie wir es heute kennen, so abgeschlossen gewesen; Schubert habe sich hier schon auf den Weg zu einer neuen Art Symphonik befunden und sich von der klassischen Form gelöst, wie er das auch in der ebenfalls 1822 entstandenen Wandererfantasie am Klavier getan habe. Die Partitur blieb lange unbekannt, 1865 erst sorgte Johann Herbeck, der sich auch um das Werk Anton Bruckners große Verdienste erworben hat, für die Uraufführung. Sechs Jahre lang hatte Schubert keine Symphonie vorangebracht, seit 1821 wuchs seine Bewunderung für Beethoven, bei dem er aber auch ‚Bizarres‘ entdeckte.

Die h-Moll-Symphonie, ob nun vollendet oder nicht, verlangt drei Posaunen. Eine von tiefen Streichern unisono vorgetragene langsame Einleitung mündet in ein Allegro moderato. Oboe und Klarinette wechseln sich mit einer klagenden Melodie ab, zu der düstere Hornstöße kommen. Ein zweites, ländlerartiges Motiv bringen dann die Celli. Die Wiederholung der Exposition ist bei Nikolaus Harnoncourt noch etwas zurückhaltender, das Ländlermotiv wirkt in den Violinen sehr zerbrechlich. Immer wieder kommt es zur Zusammenballung von Dissonanzen, hier noch durch die verstärkten Bläser zusätzlich aufgeladen, ein gänzlich anderer Schubert. Den Satz durchzieht gerade in dieser Interpretation eine besonders düstere, fahle, lastende Atmosphäre. Der Satz wird nach mehr als 15 Minuten abrupt und wie mit Gewalt zu Ende gebracht. Im Andante con moto setzen die Violinen äußerst zart im Pianissimo ein, während die Celli eine interessante Begleitfigur spielen (später übernimmt die Flöte den Violin- und das Fagott den Cellopart) – es ist kein einfacher Gesang, der hier angestimmt wird. Kurz scheint es, als würden Flöte und Oboe eine pastorale Stimmung aufkommen lassen, doch wird dies durch einen Fortissimo-Akkord des gesamten Orchesters unterbunden. Der Satz verklingt in zartem E-Dur, viel Schmerz und Dramatik steckt darin.

Berühmt ist Robert Schumanns begeisterte Kritik in der Neuen Zeitschrift für Musik, als er von der Uraufführung der 7./8./9. Symphonie (zur Zählung siehe oben) D 944 in C-Dur berichtete, die Felix Mendelssohn 1839 dirigierte. Schumann hatte die Partitur bei Schuberts Bruder Ferdinand entdeckt. In der Reihenfolge der Schubert-Symphonien ist dies die zweite, die die Öffentlichkeit überhaupt zu hören bekam. Je nachdem, wie das Tempo aufgefasst wird und ob alle notierten Wiederholungen auch gespielt werden (auf dieser CD wird die Exposition wiederholt), beträgt die Aufführungsdauer in etwa eine Stunde, Dimensionen, die im symphonischen Repertoire damals nur Beethovens neunte Symphonie erreichte. Die Einleitung (zwei Hörner unisono) wird in dieser Einspielung markant phrasiert (es wird mehrmals neu angesetzt). Als das Holz übernimmt, wird das Tempo von Nikolaus Harnoncourt gleich etwas angezogen, beim folgenden Streichersatz wird der Dialog von Celli und Bratschen hervorgehoben. Die Bläser ab Takt 29 werden dann im Tempo wieder etwas zurückgenommen. Im Allegro ma non troppo ab Takt 78 ist erstaunlich viel Piano zu hören, gerade in den Violinen – andere Dirigenten lassen es hier dröhnen. Die Triller der Oboen und Flöten werden auffallend weich ausgeführt. In der Durchführung machen sich um Takt 280 herum lange Töne von Hörnern und Posaunen bemerkbar, die sonst eher im Gesamtbild etwas untergehen, hier jedoch eigene Akzente setzen. Ab Takt 569 wird mit Più moto das Tempo beschleunigt; der Satzschluss erfolgt wie auch in anderen Symphonien etwas unvermittelt, erzwungen, ohne Ritardando (das andere Dirigenten hier manchmal setzen).

Das folgende Andante con moto des zweiten Satzes ist bei Harnoncourt durchaus kein Trauerkondukt, es wird wahrlich con moto gegeben. Ein marschartiges Liedthema (hier eben nicht als Marsch vorgetragen, sondern nur marschartig) wird wieder und wieder repetiert, wobei die Orchesterfarben aber durch Instrumentierung und rhythmische Begleitfiguren wechseln. In Takt 248 mündet diese sich letztlich im Kreis drehende Situation in einer musikalischen Katastrophe – das gesamte Orchester spielt auf fff einen dissonanten Akkord (verminderter Septakkkord), auf den zunächst einmal (Takt 250) nur Stille folgt. Danach ist mehr Fluss in der Musik. Nicht allein durch die Tonart a-Moll sind gewisse Parallelen zum Allegretto, dem zweiten Satz von Beethovens 7. Symphonie, erkennbar.

Im dritten Satz (Scherzo. Allegro vivace) wird energisch eine andere Stimmung hergestellt. Fast schwelgerisch jauchzen die Violinen, das Holz scheint freche Scherze zu treiben. Wie in der sechsten Symphonie enthält dieser Satz ein Trio, das als Ruhepol süßliche, aber durch zahlreiche Wendungen nach Moll auch leicht melancholische Klangfarben ausmalt. Das Finale (Allegro vivace) beginnt sofort auf Höchstgeschwindigkeit. Reichlich zehn Minuten dieser Musik erfordern 100 Partiturseiten, der Antrieb dafür erfolgt vor allem durch die sehr schnellen Achteltriolen der Streicher. Als es einmal bedrohlich scheint, wird einfach mit großem C-Dur-Akkord Schluss gemacht.

Schuberts Ruhm basierte zu Lebzeiten auf den Messen und den Liedern, weniger auf seinem Opernschaffen. Sein symphonisches Werk war zu Lebzeiten größtenteils unbekannt. Es zeigt Franz Schubert als einen Meister der Melodieführung und der im Notenbild wenig oder gar nicht modifizierenden Wiederholung. Bei der Interpretation ist das tückisch: eine zu flächige Wiedergabe lässt die repetitive Anlage möglicherweise langweilig erscheinen; es ist wohl ratsam, mit einer eher kleinen, gut durchhörbaren Formation zu spielen und genau auf Phrasierung und Stimmungswandel zu achten, wie es Nikolaus Harnoncourt hier insgesamt wohl tatsächlich besser als bei den späteren Gesamtaufnahmen gelungen ist. Manches klingt roh und rau, doch weckt dies bei heutigen Ohren vielleicht ein Gespür dafür, dass nicht nur Beethoven revolutionär war – auch Schubert brachte etliche Neuerungen in die Musik und war für damalige Orchestermusiker schwer zu spielen. Das Chamber Orchestra of Europe klingt ungemein frisch und bringt einen schlanken Orchesterklang. Nikolaus Harnoncourt feuert (manchmal hörbar) die Musiker an; immer wieder werden die Mittellagen der Streicher herausgearbeitet. Der Liveaufnahme sind kleinere Unebenheiten geschuldet, die aber nur zeigen, dass die Musik und ihr Dirigent hier für eine gelungene Umsetzung auch ein Risiko eingegangen sind. Eine Gesamtaufnahme, die beim konzentrierten Hören etliches an Neuem zu Franz Schuberts Symphonien beiträgt, auch wenn die Konzerte vor über 30 Jahren stattfanden. Sie ist uneingeschränkt zu empfehlen.

—| IOCO CD-Rezension |—


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