Osnabrück, Theater am Domhof, Tänze vom Ich in die Welt – „Open Windows IX“, IOCO Kritik, 03.02.3021

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Theater Osnabrück

Osnabrück / Theater am Domhof © Marius Maasewerd

Osnabrück / Theater am Domhof © Marius Maasewerd

Tänze vom Ich in der Welt 

 Mauro de Candias facettenreiche Tanzproduktion „Open Windows IX“

von Hanns Butterhof

Seit Mauro de Candia Tanzchef am Theater Osnabrück ist, hat er mit „Open Windows“ einen Raum für junge Mitglieder seines Ensembles geschaffen, in dem sie sich als Choreographen erproben können. Zu Beginn der coronabedingt als Video-Premiere gezeigten „Open Windows IX“ weist de Candia voller Hochachtung auf den Umfang ihrer Aufgabe hin: Alle Choreographen sind auch für Kostüme und Bühne verantwortlich.

Die drei Tänzerinnen und zwei Tänzer, die „Open Windows IX“ gestalten, stammen aus verschiedenen Ländern. Gabriella Lemma aus Italien, Ayaka Kamei aus Japan und Laura Martín Rey aus Spanien, Ohad Caspi aus Israel und Yi Yu aus China. Doch ihr Medium Körpersprache bietet beste Voraussetzungen, trotz aller biographischen Unterschiede und durch die Hygieneverordnung eingeschränkten Bewegungsvokabulars eine gemeinsame Ebene der Verständigung auch mit dem Publikum zu finden.

Ayaka Kamei geht in ihrem Prolog-Solo „Home“ auf die Suche nach einem neuen Anfang, nachdem eine Geschichte vorher schlecht ausgegangen ist. Dazu hält es sie auf dunkler Bühne nicht auf ihrem Stuhl, von dem sie wunderbar langsam herabfließt, so sehr sie sich ihm noch anzuschmiegen sucht. Erst als ein Lichtsturm ihren bloßen, ungemein beweglichen Körper erleuchtet, kommt sie in gleißendem Gegenlicht hoffnungsvoll zur Ruhe.

Tänze vom Ich in die Welt – Open Windows IX – Tanzabend
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Dann macht Laura Martín Rey in ihrem Duo „Ònimac“ sehr subtil ihre Ansicht von Beziehung deutlich. Obwohl sie und Rosa Wijsman sich nie berühren, sprechen gleiche Bewegungen, die Betonung der im Licht strahlenden Oberkörper und Arme und andere kleine Zeichen davon, dass Beziehung und Nähe mehr sind als Wege und Orte im Raum.

In einem sehr musikalisch choreographierten Terzett „In Spite of me“ stellt Gabriella Lemma mit drei Situationen das Verhältnis von Ich und Welt dar. Während sich in weißem Kleid Rosa Wijsman auf weiter Flur scheinbar ihrer Freiheit erfreut, aber nicht mit ihrem Körper und den Funktionen ihrer Gliedmaßen im Einklang ist, kämpft Lemma in einem sackigen Gewand, dessen Ärmel ihre Hände nicht freigeben, um ihr Entkommen aus einem verspannten Rahmen. Dagegen will Yi Yu seinen engen Kasten nicht verlassen. Er probiert nur kraftvoll allerlei Verhaltensweisen aus, die er außerhalb sicher brauchen könnte. Wenn er sich entschlösse, wie Lemma für seine Freiheit zu kämpfen, könnten wohl alle Zufriedenheit mit sich in der Welt gewinnen, wie der Schluss mit dem Tausch der Positionen optimistisch nahelegt.

Sehr filmisch trübt Ohad Caspi diesen Optimismus dann wieder ein. Sein Duo „Surrender to pleasure“ zeigt zu dräuendem Krachen abschmelzender Arktis-Gletscher Folgen des Klimawandels. Ayaka Kamei und Marine Sanchez Egasse nehmen in schnellen Film-Schnitten mit Entsetzen wahr, dass sich erfrischendes Duschwasser in zerstörerischen Starkregen und fruchtbarer Boden in Staub verwandeln.

Vielleicht ist Yi Yus Quartett „The colour of label“ ein versöhnlicher Kommentar zu Caspis Mahnung, wenn er darin eine Lanze für Kreativität im Umgang mit festen Erwartungen und Vorurteilen bricht. Wie Gabriella Lemma, Laura Martín Rey und Rosa Wijsman Stuhl, Hocker und Rollbrett von den ihnen zugeschriebenen Funktionen befreien, kann als Muster für Beziehungen aller Art angesehen werden. Danach gibt es immer Vor-Urteile, aber niemand ist gezwungen, sie passiv hinzunehmen und bei ihnen stehen zu bleiben.

Theater Osnabrück / Ballettchef Mauro de Candia und Dramaturgin Patricia Söckemann © Hanns Butterhof

Theater Osnabrück / Ballettchef Mauro de Candia und Dramaturgin Patricia Söckemann © Hanns Butterhof

In ihrem bedauerlich letzten „Open Windows“ Mauro de Candia und seine Dramaturgin Patricia Stöckemann verlassen zum Ende der Spielzeit das Theater Osnabrück – haben die fünf Choreographen bei aller Verschiedenheit ihrer Herkunft und ihrem tänzerischen Ausdruck mit dem Verhältnis von Ich und Welt facettenreich das Thema umkreist, das jedes Publikums bewegt.

Ab sofort steht die Aufzeichnung als Video on demand (mit Bezahl-Schranke) auf der website des Theaters www.theater-osnabrueck.de zur Verfügung.

—| IOCO Kritik Theater Osnabrück |—

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