Hamburg, Laeiszhalle, Internationales Mendelssohn Festival 2020, IOCO Kritik, 01.10.2020

Oktober 1, 2020  
Veröffentlicht unter Hervorheben, Konzert, Kritiken, Laeiszhalle Hamburg

Hamburg Laeiszhalle © IOCO

Hamburg Laeiszhalle © IOCO

Laeiszhalle Hamburg

Internationales Mendelssohn Festival  –  Hamburg

Fontenay Classics – Schubertiade – Mendelssohn Summer School : von Niklas Schmidt zusammen geführt

von Thomas Birkhahn

Felix Mendelssohn Bartholdy © IOCO

Felix Mendelssohn Bartholdy – Düsseldorf © IOCO

Wird die Kammermusik auch in Zukunft noch ein Publikum haben?   Wenn ein international renommiertes Ensemble wie das Auryn-Quartett in der Weltstadt Hamburg auftritt, dann muss die Frage erlaubt sein, warum so viele Plätze in der Hamburger Laeiszhalle unbesetzt bleiben, die trotz der Corona-Pandemie hätten verkauft werden können. Zumal mit Mendelssohns Streichquartett a-moll op.13 und Schuberts Streichquintett C-Dur, D 956, zwei äußerst populäre Werke aufgeführt werden. Zieht heutzutage nur noch das „Event“ mit üppig besetztem Orchester in einem schicken Ambiente wie der Elbphilharmonie ein großes Publikum an? Das wäre äußerst bedauerlich, denn was die Zuhörer an diesem Abend im Rahmen des Internationalen Mendelssohn Festivals geboten bekommen, ist Kammermusik auf höchstem Niveau.

Internationales Mendelssohn Festival – Hamburg – link 

Mendelssohns a-moll Quartett op.13 von 1827 ist sein erstes, im Alter von 18 Jahren komponiertes Streichquartett. Zwei Einflüsse werden in dem Werk deutlich: Die Beschäftigung mit dem über alles bewunderten Beethoven, der kurz zuvor verstorben war und Mendelssohns eigene Liedkomposition „Frage“, die der 18-jährige Komponist vermutlich für die von ihm damals verehrte Betty Pistor komponierte.
Mendelssohn zitiert in der langsamen Einleitung aus diesem Lied die Worte „Ist es wahr?“, und erst ganz am Schluss des Quartetts wird er musikalisch die Antwort auf diese Frage geben.

Laeiszhalle Hamburg / Hier das Auryn Quartett © Manfred Esser

Laeiszhalle Hamburg / Hier das Auryn Quartett © Manfred Esser

Das Auryn-Quartett vermittelt dem Zuhörer von Anfang an ein klares Bild der emotionalen Tiefe dieser Musik eines frühreifen Genies. Schon der warme, homogene Klang des Beginns macht deutlich, dass hier vier Musiker dieselbe Klangvorstellung haben und dieselbe Idee, wie sie diese Musik vermitteln wollen. Im furiosen Allegro vivace meinen wir die fiebrige Erregung des verliebten Komponisten zu hören. Die dramatischen Gefühlsausbrüche werden – wie vom Komponisten vorgeschrieben – teilweise im Piano vorgetragen. Das Auryn-Quartett hat genau verstanden, dass hier ein Mensch sein Gefühlsleben offen legt, der so aufgewühlt ist, dass er teilweise nur noch flüstern kann.
Im langsamen Satz verwandeln sich die vier Streichinstrumente dann in Singstimmen, die mit innigster Wärme das Liedhafte dieser Musik zu Gehör bringen. Hier spannt das Auryn-Quartett die melodischen Bögen mit einer zauberhaften Innigkeit, die ans Herz geht.

Das serenadenhafte Intermezzo ist dann sehr schlicht vorgetragen und die Musiker betonen auch hier mit einer wunderbaren Zartheit das Liedhafte dieser Musik.
Ein scharfer Kontrast dann im Presto des Schlusssatzes: Es beginnt – wieder nah an der Vokalmusik – mit einem Rezitativ. Der erste Geiger Matthias Lingenfelder spielt diese Passagen so eindringlich, dass man den feurigen Felix förmlich vor sich sieht, wie er der jungen Betty Pistor sein Herz ausschüttet. Das sich anschließende furiose Presto bleibt wunderbar zwiespältig. Ist es triumphal? Ist es flehend? Ist es schmerzhaft? Das Auryn-Quartett lässt den Hörer im Ungewissen. Jeder kann für sich selbst entscheiden, wie die Musik wirken soll. Am Schluss kehrt die „Frage“ wieder, doch diesmal zitiert Mendelssohn eine komplette Liedstrophe:

Ist es wahr?
Was ich fühle,
das begreift nur,
die es mitfühlt,
und die ewig treu mir bleibt.

Spätestens jetzt wird klar, dass das ganze Werk von Mendelssohns Liebe handelt, und der nachdenkliche Schluss lässt offen, ob diese Liebe Erfüllung findet.

Schuberts Streichquintett entstand 1828, zwei Monate vor seinem frühen Tod und nur gut ein Jahr später als Mendelssohns a-moll Quartett. Es gilt zu Recht als eines der größten Kunstwerke der abendländischen Musik. Die emotionalen Tiefen, durch die der erst 31-jährige Komponist seine Zuhörer gehen lässt, sind schlicht atemberaubend. Es erfordert enorme Anforderungen an die Musiker, diese Musik dem Publikum nahe zu bringen.

Niklas Schmidt, Organisator der International Mendelssohn Festival Hamburg © Niklas Schmidt

Niklas Schmidt, Organisator der International Mendelssohn Festival Hamburg © Niklas Schmidt

Der verhaltene C-Dur-Akkord, mit dem das gewaltige Werk beginnt, kommt beim Auryn-Quartett – verstärkt am 2. Cello von Festival-Organisator Niklas Schmidt – vibratolos wie aus dem Nichts. Für einen kurzen Moment scheint die Zeit stehen zu bleiben, bevor der Akkord sich eintrübt und eine emotionale Reise beginnt, die alle Facetten dieser einzigartigen Musik ausleuchtet.

Die fünf Musiker machen auf wunderbare Weise deutlich, dass hier kein Platz für Gefälliges oder Unterhaltendes ist. Wir hören auf engstem Raum wehmütiges Flehen und trotziges Aufbegehren. Wir hören, wie die Musik im zweiten Satz nicht mehr weiter weiß und fast zum Stillstand kommt und wir werden von den schwindelerregenden Dissonanzen des Scherzos durchgeschüttelt. Hier geht es um essentielle Dinge des Lebens, und die Tiefe und Ernsthaftigkeit, mit der dieses Ensemble musiziert, gehen zu Herzen.

Der emotionale Höhepunkkt des Abends sind die herzzerreissenden Schmerzen im Mittelteil des Adagios. Sie werden mit bestürzender Intensität dargeboten. Immer neue Dissonanzen türmen sich aufeinander, schauerliche Triller gehen durch Mark und Bein, bis man als Zuhörer schließlich fast erleichtert ist, als die Musik wieder in das ruhigere Fahrwasser des Beginns zurückkehrt. Auch hier zeigen die Musiker ihre ganze Klasse, in dem sie das Drama nicht nur durch Lautstärke darstellen, sondern durch die Intensität der Klangfarben.

Dass Schubert die Musik der Wiener Klassik hinter sich gelassen hat, wird besonders im Trio des Scherzos deutlich: Hier ist nichts mehr übrig von der Heiterkeit eines Trios von Haydn oder Mozart. Hier herrscht eine tiefe Ernsthaftigkeit, ein Nachdenken über das Leben selber. Und so, wie es das Ensemble an diesem Abend spielt, ist man für einen kurzen Moment im Zweifel, ob es nach dem Trio überhaupt noch weiter geht.

Auryn-Quartett – hier 2008 aus Salzburg mit Franz Schuberts Streichquartett a-Moll
youtube Trailer Aurin-Quartett
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Aber Schubert hat natürlich noch ein Finale geschrieben. Und was für eines! Ist das Hauptthema des Finales in Dur oder Moll? Ist diese Musik heiter oder wehmütig? Darauf gibt es wohl keine eindeutigen Antworten. Auch an diesem Abend nicht. Und das ist gut so. Das Auryn-Quartett und Niklas Schmidt lassen uns im wunderbar Ungewissen. Sie bringen Momente von schwebender Zartheit hervor, um dann wieder ins Tänzerische umzuschwenken. Und immer wieder gibt es Eintrübungen nach Moll, die so gar nicht zur Tonart C-Dur passen wollen. Bis wir schließlich beim Presto des Schlusses angekommen sind. Für die fünf Musiker ist dies kein triumphales Ende, es klingt eher wie eine panische Flucht Schuberts. Vor dem Leben? Vor sich selbst? Wir wissen es nicht, aber mit dem aggressiven Vorhalt vor dem abschließenden Schlusston machen die Musiker unmissverständlich klar, dass dies kein versöhnliches Ende ist. Hier ist jemand an einem Endpunkt angekommen, ob er nun geahnt haben mag, dass sein Leben zu Ende geht, oder nicht.

Es gibt nicht oft Standing Ovations am Ende eines Kammermusik-Konzerts. Aber in diesem Fall sind sie absolut gerechtfertigt. Und die Musiker sind klug genug, nach dieser Musik von Schubert keine Zugabe mehr zu spielen.

„Ist es wahr, dass man zwei Meisterwerke der Kammermusik auf diesem Niveau erleben darf?“, möchte man ehrfürchtig fragen. Nach diesem Abend lautet die frohe Antwort: „Ja, wir haben es erlebt!“

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