Frankfurt, Kammeroper im Palmengarten, Die verkehrte Braut von Gioachino Rossini, August 2019

August 7, 2019  
Veröffentlicht unter KammerOper, Oper, Premieren, Pressemeldung, Sydney

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Kammeroper Frankfurt

Kammeroper Frankfurt / Die verkehrte Braut © Martin Pudenz

Kammeroper Frankfurt / Die verkehrte Braut © Martin Pudenz

„Die verkehrte Braut“ von Gioachino Rossini,

unsere erfolgreiche Jubiläumspremiere „im vielleicht schönsten Opernsaal Frankfurts unter freiem Himmel, dem Palmengarten“ (hr2kultur) findet bei unserem Publikum großen Zuspruch, und auch der Wettergott hat es bisher gut mit uns gemeint.

Kammeroper Frankfurt / Die verkehrte Braut © Wolfgang Fuhrmannek

Kammeroper Frankfurt / Die verkehrte Braut © Wolfgang Fuhrmannek

„Eine gänzlich niederträchtige, plebejische Skurrilität“. Eine verbotene Oper des großen Rossini als Frankfurter Erstaufführung durch die Kammeroper

Der grade mal 19jährige und zukünftige und ewige Maestro aller denk-und hörbaren opera buffa-Klassen, aber damals noch eher unbekannte Giacomo Rossini erhielt 1811 den Auftrag für eine neue Oper. „50 Piaster“ sollten dabei für ihn herausspringen, ein überschaubarer Betrag, und das Sujet war politisch höchst unkorrekt. Ein neugeadelter Bauer will seine Tochter Ernestina, an den reichen, aber geistig bescheidenen jungen Stutzer Buralichio verheiraten. Doch Ernestina ist trotz einfacher Herkunft ein philosophierender weiblicher Bücherwurm: sie fühlt eine „innere Leere“ in sich, liebt aber im Zweifelsfall und vor die Wahl gestellt eher den armen Hauslehrer Ermano als Buralichio. Um ihren vom Vater anvisierten Ehemann abzuschrecken, wird das Gerücht gestreut, Ernestina sei in Wirklichkeit gar keine Frau. Sie sei ein Kastrat, der sich nur als Frau verkleidet habe, um dem Militärdienst zu entgehen. Eine fatale List: der düpierte Möchtegernbräutigam Buralicchio lässt Ernestina als vermeintlichen Kastraten und Wehrflüchtigen verhaften. Aber Ermano als Soldat verkleidet, befreit sie wieder, die Flüchtende stimmt mit Soldaten, um nicht entdeckt zu werden, sogar ein kriegerisches Lied an.  Am Ende werden die wahren Fronten, das Geschlecht und Sache scheinbar klargestellt und das Happy End lässt nicht lange auf sich warten.

Kammeroper Frankfurt / Die verkehrte Braut © Wolfgang Fuhrmannek

Kammeroper Frankfurt / Die verkehrte Braut © Wolfgang Fuhrmannek

Zu diesem respektlosen und ziemlich anzüglichem Libretto, das mit lässiger Geste und obszönen Wortspielen Geschlechterrollen, soziale Borniertheiten und allerlei pathetischen Libretti seiner Zeit durcheinanderschüttelt und zur Explosion bringt, schrieb der kecke, junge Rossini kurz nach 1800 eine schier unwiderstehlich Musik, randvoll von Buffoneskem und bestem Belcanto – eben zum fast ersten Mal: eine Musik wie von Rossini!

Aber nach drei Aufführungen war Schluss. Nachdem schon vor der Premiere die Direzzioni degli spectaculli, die Kontrollinstanz der Theater wegen der „Ruchlosigkeit des Librettos“ zahlreiche Änderungen und die „Entfernung anstößiger Wörter“ verlangt hatte, verbot der Polizeiminister von Mailand nach drei Aufführungen die Oper „für ganz Italien“ und ließ alle gedruckten Exemplare des Librettos einstampfen wegen Obszönität, Beleidigung der vermögenden Klassen, der ruhmreichen Armee und nicht zuletzt der bedauernswerten Kastraten. Oder wie kurz darauf von einem staatlichen Inspektor zähneknirschend formuliert wurde, wegen der „gänzlich niederträchtigen, plebejischen Skurillität“ der Oper.

Kammeroper Frankfurt / Die verkehrte Braut © Wolfgang Fuhrmannek

Kammeroper Frankfurt / Die verkehrte Braut © Wolfgang Fuhrmannek

Wen die Zusammenstellung von Kaserne und Kastration verwundert: Zu der Zeit war die übliche Kastration schöner Knabenstimmen als Relikt alter Zeiten per Todesstrafe verboten. Kastraten büßten ihren barocken Ruhm ein und fristeten ein ärmliches Leben, ein Schicksal, das vor der Öffentlichkeit verborgen bleiben sollte und von dem Rossini selbst ein Lied zu singen wusste.  Sein Onkel hatte in Kinderjahren die Kastration Rossinis der Mutter aufgrund seiner Singstimme empfohlen. Aber Rossinis Mutter lehnte damals dankend ab. Der unverschnittene Rossini verschnitt nach dem Verbot der Oper wie so oft ungerührt Teile der Musik für Cuvees seiner neuen Opern. Die „Die verkehrte Braut“ Rossinis aber wurde in der Schublade der Zensur verschüttet für immer-wenn auch nicht ganz. Denn 140 Jahre später, 1965 erblickte die Oper in Siena in einer Bearbeitung wieder das Licht der Bühne. In Deutschland gab es seitdem ganze drei spärliche, allerdings umjubelte Aufführungen:  in Bad Wildbad, Hamburg und Berlin (letztere konzertant).Eigentlich erstaunlich angesichts der wunderbaren Musik…. Aber vielleicht versteht man die Modernität und subversive Komik der Oper erst heute angesichts verwirrter und verwirrender Gendergrenzen, Geldgrenzen und Grenzen des Anstands und des guten Geschmacks.

Kammeroper Frankfurt / Die verkehrte Braut © Wolfgang Fuhrmannek

Kammeroper Frankfurt / Die verkehrte Braut © Wolfgang Fuhrmannek

Und wer könnte besser geeignet sein als die Grenzgängerisch erfahrene Frankfurter Kammeroper, um diese Rossinische Perle der Unkorrektheit zu vollem Glanz aufzupolieren, um sie neu musikalisch und szenisch erstrahlen zu lassen und dann beseeligt durch den Palmengarten zu rollen?

Niemand.


Kammeroper Frankfurt / Die verkehrte Braut © Wolfgang Fuhrmannek

Kammeroper Frankfurt / Die verkehrte Braut © Wolfgang Fuhrmannek

Sommer 2019
Kammeroper Frankfurt im Palmengarten

Gioachino Rossini
Die verkehrte Braut
L’equivoco stravagante
(Frankfurter Erstaufführung)
Dramma giocoso in zwei Akten

Libretto von Gaetano Gasbarri
Musik von Gioachino Rossini
In einer neuen deutschen Übersetzungen von Thomas Peter

Leitung: Stratievsky, Pudenz, Vilagrasa, Keller, Krauspe, Domaseva, Bresgen, Rothermel,
Villalobos, Senel

Mitwirkende: Kalnina, Fenbury, Peter, Simon, Führ, Aksionov u.a.
Chor und Orchester der Kammeroper Frankfurt
Premiere: Samstag 20. Juli 2019

weitere Aufführungen:
Mittwoch 24. Juli, Freitag 26. Juli, Samstag 27. Juli,
Mittwoch 31.Juli, Freitag 2. August, Samstag 3. August,
Mittwoch 7. August, Freitag 9. August, Samstag 10. August, 
Mittwoch 14. August, Freitag 16. August,
Samstag 17. August 2019 
jeweils 19.30 Uhr

Bei Regen findet die Aufführung konzertant statt.

Aufführungsort: 
Orchestermuschel/ Musikpavillon im Palmengarten
Eingang: Bockenheimer Landstraße / Palmengartenstraße 11
und Siesmayerstraße 61

Vorverkauf : Frankfurt Ticket Tel: 13 40 400,
und an der Abendkasse


Opera giocosa: Fünfundwanzig Jahre Kammeroper Frankfurt im Palmengarten

In Frankfurt ist in den letzten fünfundzwanzig Jahren etwas entstanden, das einzigartig ist in Europa: Ein sommerliches Opernfest inmitten einer Naturoase. Alte hohe Bäume umsäumen ein Opernhaus ohne Wände. 1994 bespielte die Kammeroper Frankfurt mit drei selten aufgeführten Werken berühmter Komponisten   – es waren Donizettis Viva la Mamma und Nachtglocke sowie Bizets Dr. Mirakel –  zum ersten Mal die Muschel im Palmengarten.

Ein Mirakel ist seitdem auch diese Open-Air-Opernreihe geworden. Mitunter singt eine echte Nachtigall mit Mozarts Königin der Nacht um die Wette oder der Blick der Zuschauer wendet sich bei einer Gewitterszene sorgenvoll gen Himmel. Zwanglos, im intimen Rahmen lässt sich hier Oper erleben, der Picknickkorb ersetzt das Abendhandtäschchen. Ein Abend im Palmengarten kann so für Menschen ohne Stadttheaterabbonement zur Einstiegsdroge in den Rausch der Opernwelt werden.

Was nicht heißt, dass bei der musikalischen Qualität Abstriche gemacht werden: Die Akustik im Freien ist ausgezeichnet. Viele junge Künstler haben sich im Palmengarten präsentiert, die jetzt an großen Häusern wie der Mailänder Scala, der Staatsoper Wien, der Oper Graz oder der Komischen Oper Berlin singen und spielen, was Regisseur und Kammeroperngründer Rainer Pudenz nicht ohne Stolz vermerkt. Natürlich sind auch Frankfurter Publikumslieblinge wie Ingrid El-Sigai immer wieder mit von der Partie. Das Repertoire der Kammeroper huldigt den noblen Namen der Opera Comique: Rossini, Donizetti, Offenbach, Mozart, Bizet und Verdi. Im Palmengarten traf in diesen Jahren die Italienerin aus Algier den Türken in Italien. Die lustigen Weiber von Windsor ließen sich aus dem Serail entführen, entgingen mit Müh und Not Ritter Blaubart, während der Figaro Hochzeit feierte …, na ja – cosi fan tutte.

So machen‘s alle? Von wegen, denn all das hörte und sah das Publikum opernuntypisch nicht nur im Freien, sondern auch in deutscher Sprache und mit zahlreichen Ober- und Untertönen, aber ohne hässliche Obertitel.

Denn im Palmengarten soll Oper direkt auf alle Sinne wirken, so wie das ursprünglich gedacht war. Dazu passen der sinnliche, dem Komischen zugeneigte, freche Inszenierungsstil. Dabei fühlen sich die Opernmacher immer konsequent dem Werk verpflichtet: Teil der berüchtigten sommerlichen „Eventkultur“ will und wird die Frankfurter Kammeroper nie werden. Des gewöhnlichen Stadttheaters allerdings auch nicht.

Schon der Entstehungsprozess verhindert, dass sich ein Stadttheatergefühl einstellt. Jeden Sommer kommt das Ensemble neu zusammen, auch wenn sich zahlreiche schon kennen. Geprobt wird dort, wo auch gespielt wird: unter freiem Himmel im Biotop des Palmengartens zwischen Teichen, Sträuchern, Blumen, Bäumen. Unter für die meisten Berufsmusiker äußerst ungewohnten Bedingungen wächst das Werk innerhalb von vielen Wochen heran, als wäre es selbst ein Stück Natur, bis es denn am Ende wie beim berühmtesten aller Frankfurter heißt: „Natur und Kunst, sie scheinen sich zu fliehen, und haben sich, eh‘ man es denkt, gefunden.“ Allerdings geht das selten so goetheanisch glatt über die Bühne. Jede Produktion der letzten 25 Jahre kannte kleine Dramen und komische Katastrophen. Das Opernleben auf dem engen Raum der Palmengartenbühne erzeugt Glück, Frustrationen, Kräche, Versöhnungen, Freundschaften und wunderbare Feindschaften. Und eine Gewittersaison im Juli kann jenseits der Gefühle und der Gesangeskunst für alle das Ergebnis verhageln. Diese Unwägbarkeit, dieses Abenteuer muss man lieben. Zumal die öffentlichen Mittel sich zwar verlässlich, aber vergleichsweise rinnsalhaft über die Kammeroper ergießen. Ohne den Förderverein, ohne die andauernde Hingabe Frankfurter Bürger, Frankfurter Stiftungen und die Liebe zahlloser Musiker und Sänger stände diese Privatoper schon lange im Regen.

So aber erblüht sie in ihrem fünfundzwanzigsten Sommer, ein wenig erwachsen geworden, aber hoffentlich noch nicht ganz, inmitten des Palmengartens als eine wahrhaft seltene Blüte: als opera giocosa, eine glückliche Oper.

Und da die Frankfurter Kammeroper seit jeher mit dem Opernpathos wenig am Hut hat, erfreut sich Frankfurt mit einer Frankfurter Erstaufführung, einer komischen Oper von Gioachino Rossini „Die verkehrte Braut“. Und das unter echten Sternen.

(Text: Bert Bresgen)

 

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