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Hauptsache Ich Lebe Noch – Eine Odyssee der Hoffnungen, IOCO Buchrezension, 24.05.2019

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Redaktion
25. May 2019
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Hauptsache Ich Lebe Noch © Apolline Ledoux
Hauptsache Ich Lebe Noch © Apolline Ledoux

Hauptsache Ich Lebe Noch  –   IOCO Buch Rezension

– Eine Odyssee der Hoffnungen –

von Hans-Günter Melchior

Apolline Ledoux bewegendes Buch “Hauptsache Ich Lebe Noch” über das tragische Schicksal ihres Sohnes Sven, der unverschuldet einen schweren Verkehrsunfall erlitt.  Hilft es, die Fäuste gegen den Himmel zu schütteln und – sofern man religiös ist – Gott anzuklagen? Schwerlich.

Im antiken griechischen Drama werden die Menschen schuldlos schuldig, ihr Schicksal ist die Folge ihrer Existenz als unvollkommene Wesen. Die Götter fragen nicht lange nach Schuld oder Schuldlosigkeit. Sie verteilen Glück und Unglück nach ihrer Willkür.

Anders der christliche Gott, jedenfalls nach allgemein-populärem Verständnis –; gemeint ist damit nicht etwa Kierkegaads amoralischer und bindungslos-unabhängiger Herrscher, der  hoch über den Wolken schwebt.

Hauptsache Ich Lebe Noch © Apolline Ledoux
Hauptsache Ich Lebe Noch © Apolline Ledoux

„Gott würfelt nicht“, hat Albert Einstein gesagt und den Kosmos gemeint. Was jedoch, bezogen auf das menschliche Leben, bedeutet, dass Gott immerhin abwägt, nicht nur im Reich der kosmischen Ordnung, sondern auch im kleinen Menschenalltag. Und dort Lob und Anerkennung nach Verdienst verteilt.

Hauptsache Ich Lebe Noch  –  Apolline Ledoux – €16.80
Roderer Verlag, Regensburg  –  ISBN 9783897839175

Wie aber behält man seinen Glauben, wenn das Schicksal scheinbar wahllos zuschlägt? Grundlos undungerecht nach den Kriterien rational-menschlichen Denkens? Wenn Gottes Faust, so es ihn, Gott, gibt, einen Unschuldigen gleichsam zertrümmert?

Die Autorin Apolline Ledoux hat offenbar ihren Glauben nicht verloren. Sie hofft auf einen Ausgleich in einem anderen Leben. Sie stand am Sarg ihres geliebten Sohnes und verlieh der Hoffnung auf ein Wiedersehen im Jenseits Ausdruck.

Ihr Sohn Sven war ein begabter Tänzer. Er stand, 25-jährig, am Anfang einer Karriere. Als er vor etwas mehr als 25 auf dem Beifahrersitz im Auto eines Freundes Platz nahm, wusste er nicht, dass dieser unter Alkoholeinfluss stand. Es kam zu einem schweren, offenbar alkoholbedingten Unfall. Während der Fahrer unverletzt blieb, erlitt Sven schwerste innere Verletzungen. Die Lungen wurden beiderseits gequetscht, erst relativ spät stellte sich heraus, dass die Wirbelsäule ab dem 3. Brustwirbel zertrümmert war.

Was folgte, war eine einzige Reise durch Krankenhäuser, Operationssäle, Therapien, hochfliegende und immer wieder enttäuschte Hoffnungen, Spezialbehandlungen, bald hier, bald dort.

Unterbrochen wurde dieser Leidensweg von Phasen einer den Umständen entsprechenden relativen „Normalität“. In diesen Phasen führte der Schwerverletzte ein überraschend aktives Leben, fuhr sogar Autorennen in seinem Porsche, lebte mit seiner Freundin zusammen und unternahm Urlaubsfahrten in den Süden Deutschlands. Sogar zu einem Urlaub in Teneriffa war er fähig. Ein Mensch voller Energie und Lebensmut: Hauptsache, ich lebe noch…

Aber er hatte immer Schmerzen. Und die Schmerzen bekämpften die Ärzte, bereits unmittelbar nach dem Unfall, als der Schwerverletzte drei Monate im künstlichen Koma lag, mit starken Betäubungsmitteln wie Dolantin, Morphium, kurz: mit hochdosierten Opiaten. Es ging wohl auch danach nicht anders.

Die Rettung und das lebenswerte Leben hatten ihren Preis. Sven wurde betäubungsmittelabhängig. Seine Persönlichkeit veränderte sich, er verlor den Kontakt zu seiner Umgebung. Langsam entglitt er sogar seiner Mutter, der Autorin, die ihm nicht von der Seite wich und sein Schicksal zu ihrem eigenen machte.

Weitere Operationen waren erforderlich. Ein Darmverschluss, ein Infektion mit Keimen, die die Amputation des rechten Armes erforderlich machte. Sven geriet langsam auf die abschüssige Bahn in einen Abgrund, aus dem es keine Rettung mehr gab. Er starb im Juni 2018 kurz vor seinem 50. Geburtstag.

Hauptsache Ich Lebe Noch © Apolline Ledoux
Hauptsache Ich Lebe Noch © Apolline Ledoux

Apolline Ledoux hat jede Phase des nahezu 25 Jahre dauernden Leidens ihres geliebten Sohnes miterlitten. Auch als sie infolge seiner Abhängigkeit von Opiaten den Kontakt zu ihm verloren hatte, blieb sie bei ihm. Sie war es, die ihn, der sie nicht mehr verstehen konnte, verstand. Was für eine schlimme Zeit. Die Blicklosigkeit der Begegnungen, die Mauer zwischen Mutter und Sohn.

Nach einer Zeit des Schmerzes und der Sprachlosigkeit hat die Mutter ihre Sprache wiedergefunden. Endlich konnte sie ausdrücken, was sie bewegte. So entstand dieser Bericht, ein Zeugnis höchster Intimität und der Mutterliebe – und ein Akt der Befreiung. Man hat beim Lesen den Eindruck, als lasse die Autorin Wort für Wort eine Wunde ausbluten. Bis diese sich einigermaßen schließt oder der Schmerz zumindest erträglich wird.

Der Text wechselt zwischen der Darstellung der Tatsachen und höchstpersönlicher, in Schreibmaschinenschrift gehaltener Zwiesprache zwischen Mutter und Sohn. Und an den meisten Stellen gibt er sich gleichsam völlig der Zwiesprache hin.

Fast scheut man sich ein wenig, in den inneren Kreis dieses Zwiegespräches als Leser einzudringen: als mache man sich einer Indiskretion schuldig. Je mehr man aber liest, um so inniger wird das Verständnis für den Jammer, der diese Zeilen wie mit einem schwarzen Schleier behängt.

Am Ende teilt man im Mitleiden den kleinen Trost, den sich die Autorin mit diesem Bericht verschaffte. Schreiben als Therapie.

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