Stuttgart, Staatsoper Stuttgart, Die Liebe zu den drei Orangen – Sergej Prokofjew, IOCO Kritik, 10.12.2018

Dezember 10, 2018  
Veröffentlicht unter Hervorheben, Kritiken, Oper, Staatsoper Stuttgart

Oper Stuttgart

Oper Stuttgart ©Matthias Baus

Oper Stuttgart ©Matthias Baus

Die Liebe zu den drei Orangen – Sergej Prokofjew

Lachen als Heilmittel – nicht nur für kranke Prinzen, sondern auch für Opernbesucher aller Altersklassen: Axel Ranisch verpixelt an der Staatsoper Stuttgart Prokofjews Die Liebe zu (den) drei Orangen zu einem veritablen und mitreißenden Computerspiel und spielt so mit dem Möglichen und dem Unmöglichen, den Grenzen und dem Grenzenlosen der Oper, des Theaters – ja des Lebens

Von Peter Schlang

Der menschliche Alltag und die daraus entstehende Lebenserfahrung lehren, dass es verschiedene Ursachen für die Freude und erst recht das daraus resultierende Lachen gibt. Die Schadenfreude wird dabei gemeinhin als die moralisch verwerflichste Form angesehen; bezüglich ihrer befreienden, positiven Wirkung auf die von ihr befallenen Menschen dürfte sie aber auf einer entsprechenden Skala wohl weit oben rangieren.

Die Liebe zu den drei Orangen  – Sergej Prokofjew
Youtube Trailer der Staatsoper Stuttgart
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Dies lässt sich nicht nur im menschlichen Alltag immer wieder unter Beweis stellen, sondern seit 1921 auch in Sergej Prokofjews skurriler Märchenoper Die Liebe zu den drei Orangen beobachten. In ihrem, vom Komponisten nach einer Vorlage des italienischen Komödiendichters Carlo Gozzi selbst erstellten Libretto findet ein an „Lachhemmung“ und in der Folge davon auch an vielerlei psychosomatischen Störungen leidender Prinz sein Lachen nicht durch allerlei gut geplante Späße des aus Carlo Goldonis Diener zweier Herren bekannten Spaßmachers Truffaldino wieder, sondern durch ein blödes Missgeschick, bei welchem die ihm und seinem königlichen Vater feindlich gesinnte Zauberin Fata Morgana stürzt. Darüber tief erzürnt, übt die Zauberin eine für ihren Berufsstand typische Form der Rache und „verurteilt“ den Prinzen dazu, sich in drei Orangen zu verlieben, was dem an seinen Vater gefesselten Sohn in Wahrheit aber dazu verhilft, sich von diesem zu befreien und (zu) sich selbst zu finden.

Nach allerlei Erschwernissen und Abenteuern, die nicht nur in der Natur der Sache liegen, sondern durch Fata Morgana verursacht und verschärft und durch deren Gegenspieler, den dem König und dem Prinzen nahestehenden Zauberer Celio, wiederum abgeschwächt werden, kann es endlich zur Hochzeit des glücklichen Prinzen mit Ninetta kommen. Diese war wie zwei andere Damen je einer der drei Orangen entschlüpft, blieb aber im Gegensatz zu ihren beiden Kolleginnen am Leben.

Unterlegt werden diese zwei Handlungsebenen – die Liebes- und Emanzipations-geschichte des ursprünglich depressiven Prinzen wird ja stark durch die genannten beiden Magier gesteuert – durch eine dritte, nämlich den Streit der Anhänger verschiedener Literaturformen. Sie befeuern die eh schon skurrile, verwirrende Handlung durch wahre Salven an literatur-, und insgesamt kunstkritischen Sottisen, welche den seinerzeitigen Richtungsstreit der italienischen Komödienfürsten Carlo Gozzi und Carlo Goldoni – beide hatten ihre große Zeit in den 60er Jahren des18. Jahrhunderts – und ihre sich dahinter verbergende Vorliebe für bestimmte literarische Formen und Mittel aufs Korn nehmen.

Staatsoper Stuttgart / Die Liebe zu drei Orangen - hier : Carola Wilson als Fata Morgana und Michael Ebbecke als Zauberer Celio © Matthias Baus

Staatsoper Stuttgart / Die Liebe zu drei Orangen – hier : Carola Wilson als Fata Morgana und Michael Ebbecke als Zauberer Celio © Matthias Baus

Die sich daraus ergebende und in der modernen Textfassung Werner Hintzes (Auf ihn bzw. sie geht auch der neue, leicht verkürzte Titel Die Liebe zu drei Orangen zurück.) noch zugespitzte, rasant-verwirrende Tragikomödie, die sich ohne Abstriche zu einem Musterbeispiel für das Spiel auf dem und mit dem Theater entpuppt, erlebte am 2. Dezember, also rechtzeitig zum Beginn der Adventszeit, in der Stuttgarter Staatsoper als dritte Neu-Inszenierung in der noch jungen Intendanz Viktor Schoners ihre Premiere.

Und Viktor Schoner und sein Dramaturgie-Team waren weitsichtig und mutig genug, zur opernreifen Umsetzung dieses alle Grenzen der Oper überschreitenden, phantasieschwangeren Stoffes ein ebenso mutiges, wildes, ja geradezu verrücktes Quintett zu engagieren. An dessen Spitze sorgt der junge, durch allerlei außergewöhnliche Arbeiten für Film und Fernsehen bestens für diese Aufgabe empfohlene Berliner Regisseur Axel Ranisch für eine wahre Flut an Bildern, Gags und Einfällen. Deren verrücktester, gleichzeitig aber auch genialster war sicher die Idee, die Oper im Jahr 2018 als Computerspiel der frühen neunziger Jahre, es trägt den reißerischen Titel „Orange Desert III“, auf die Bühne und auch an deren als riesige Projektionsfläche dienende Rückwand zu bringen. Dafür ist der Computer-Experte Till Nowak der geeignete Partner, denn ihm gelingt es nicht nur, die immerhin zweistündige Opernhandlung komplett computergerecht und widerspruchsfrei zu visualisieren und ohne jeden Bruch in die Form einer (ehemals) zeitgenössischen Computeradaption zu bringen, sondern dabei auch die erwähnten drei Handlungsebenen wie mit Geisterhand miteinander zu verweben. So durchkreuzen und vermischen sich Sphären des Phantastischen und des Realen, des Theaters und der alltäglichen Welt in einem Fort und sorgen für eine regelrechte Orgie an Aktionen und Reaktionen, welche die Möglichkeiten des Theaters und des Spiels an sich bis zum Letzten ausreizt, gleichzeitig aber auch alle Grenzen verwischt und die Sinne herrlich verwirrt.

Axel Ranisch nutzt diese Konfusionen und die weiteren, sich daraus ergebenen Möglichkeiten – oder befeuert er sie umgekehrt durch seine Ideen noch? – für seine Lust am Erzählen, am Spiel mit Überraschungen und an der Betonung des Märchenhaft-Illusionären und entzündet einen regelrechten Vulkan an grotesken Szenen, Komik und Illusionen, wie man ihn in dieser Dichte und Form auf der Bühne äußerst selten zu sehen bekommt. Denn um so etwas erleben zu können, muss man normalerweise ins (sehr gute) Kino gehen – oder eben am Computer spielen!

Wunderbare, kongeniale Erfüllungsgehilfinnen bei der Erschaffung seiner Phantasiewelt findet Axel Ranisch in seiner Bühnenbildnerin Saskia Wunsch, die nicht nur ein Bühnenbild aus drei Ebenen schafft, die sich ähnlich der Handlung ständig verschieben und vermischen, sondern dabei auch die Grenzen zwischen dem Bildschirm-Hintergrund und der Bühne verwischt, indem sie dieser und den darauf zu sehenden Aufbauten das gleiche verpixelte Ansehen verpasst wie dem auf dem übergroßen Computerbildschirm zu verfolgendem Geschehen und dessen dabei zu sehenden Figuren.

Staatsoper Stuttgart / Die Liebe zu drei Orangen - hier : Elmar Gilbertsson als Prinz und Daniel Kluge als Truffaldino © Matthias Baus

Staatsoper Stuttgart / Die Liebe zu drei Orangen – hier : Elmar Gilbertsson als Prinz und Daniel Kluge als Truffaldino © Matthias Baus

Eine ähnlich phantastische Anmutung geben Bettina Werner und Claudia Irro ihren phantasievollen, unsagbar bunten und auf ganz verschiedene Kunstepochen und
-richtungen anspielenden Kostümen, mit denen sie nicht nur die Protagonistinnen und Protagonisten, sondern auch den Chor der Staatsoper Stuttgart zu charaktervollen wie schrägen Mitspielern des auf der Bühne sich entfaltenden Panoptikums machen.

Auch musikalisch bewegt sich diese Stuttgarter Produktion auf allerhöchstem Niveau, auch wenn die Musik gegen Ende der Aufführung, wenn die dramatischen, technischen und schauspielerischen Effekte kulminieren, etwas unter die Räder zu geraten droht und nicht mehr mit dem Feuerwerk an Farben, Tricks, Gags und dem dadurch entstehenden Lärm mithalten kann. Das tut aber weder dem Gesamteindruck der Aufführung noch der musikalischen Leistung der einzelnen Sängerinnen und Sänger oder der beiden großen Kollektive des Abends einen Abbruch.

Von Letztgenannten liefert das unter der besonnenen wie wagemutigen Leitung des argentinischen Dirigenten Alejo Pérez stehende Staatsorchester die sichere Grundlage für eine absolut geschlossene musikalische Darbietung. Der Dirigent und seine Musikerinnen und Musiker arbeiten dabei die zahlreichen, in der Partitur Prokofjews verborgenen komischen Elemente genauso wirkungsvoll heraus wie die vielen musikalischen Anspielungen auf Komponisten und Stile unterschiedlichster Epochen. Dabei reizt Pérez die Skala an Klangfarben und Dynamik gekonnt und mit größtmöglichem Bezug zur Bühne aus, was die Sängerinnen und Sänger, auch dank der einfühlsamen Choreografie Katharina Erlenmaiers, wunderbar ausnutzen und die von ihnen geforderten ausgeprägten Bewegungen gekonnt auf die aus dem Graben kommende Musik abstimmen, ja geradezu aus ihr heraus entwickeln.

Dies gilt nicht nur für den wie immer famosen Staatsopernchor, innerhalb dessen dem an diesem Abend am vorderen rechten Bühnenrand agierenden Männerchor der Sonderlinge, eine Mischung aus Kunstrichtern und Regie-Assistenten, der größte Anteil an Handlung wie an stimmlicher Anforderung zukommt.

Libretto und Partitur dieser sich für alle Gruppen von Zuschauern und Zuhörern bestens eignenden Oper wollen es, dass neben dem Chor auf der Bühne ein zweites Gesangskollektiv zu erleben ist, das der Solistinnen und Solisten, die allesamt an diesem Abend ihr jeweiliges Rollendebüt feiern. Sie bilden, bis auf eine Gast-Ausnahme fest zum teilweise neu formierten Haus-Ensemble gehörend, bei dieser Premiere ein Protagonisten-Ensemble der absoluten Sonderklasse.

So überzeugt Goran Juric als König mit seinem geschmeidigen, profunden Bass und seiner stimmlichen wie darstellerischen Präsenz genauso wie der alle Gefühlsschwankungen von niedergeschlagen bis manisch gekonnt ausreizende Elmar Gilbertsson als sein Sohn, also der die Handlung verursachende Prinz. Dass beide Sänger durch die neue Intendanz an das Haus am Eckensee gekommen sind, darf als ähnlicher Glücksfall bezeichnet werden wie das Engagement der an vielen Opernhäuser der Welt auftretenden Mezzosopranistin Carole Wilson als Fata Morgana. Sie gibt dieser Rolle der Zauberin genau die Mischung aus Verschlagenheit, Dämonie und Verführungskraft, die man von einer solchen Figur gemeinhin erwarten darf und überzeugt mit ihrer großen stimmlicher Verwandlungsfähigkeit genauso wie durch ihre darstellerische Wucht.

Staatsoper Stuttgart / Die Liebe zu drei Orangen - hier : Daniel Kluge (Truffaldino), Matthew Anchel (Die Köchin), Elmar Gilbertsson als Prinz © Matthias Baus

Staatsoper Stuttgart / Die Liebe zu drei Orangen – hier : Daniel Kluge (Truffaldino), Matthew Anchel (Die Köchin), Elmar Gilbertsson als Prinz © Matthias Baus

Als ihr Gegenüber Celio besticht der in seinem Äußeren an einen Star-Wars-Krieger erinnernde Michael Ebbecke mit baritonalem Glanz und einem für einen Zauberer fast zu würdigen Auftreten, während der famose, sich von Rolle zu Rolle zu einem Charakterdarsteller höchster Güte entwickelnde Daniel Kluge (ein ehemaliger Aurelius Sängerknabe aus Calw) als Prinzenkumpel Truffaldino ohne Abstriche zu begeistern vermag.

Die weiteren Sängerinnen Stine Marie Fischer als Prinzessin Clarice, Aytaj Shikhalizade als Linetta, Fiorella Hincapié als Smeraldina resp. Nicoletta, Esther Dierkes als Ninetta und Sänger Shigeo Ishino als Premierminister Leander, Johannes Kammler als Pantalone, Matthew Anchel als Farfarello und Köchin, Christopher Sokolowski als Zeremonienmeister und das Kinderchor-Mitglied Ben Knotz als Serjoscha nur zu erwähnen, heißt nicht, ihre Leistung und ihren Beitrag zu diesem Opernerlebnis der Extraklasse kleinzureden.

Und so zollte das begeisterte Premierenpublikum auch ihnen wie allen ausführlicher gewürdigten Mitwirkenden begeisterten Beifall, ja, das ausverkaufte Stuttgarter Opernhaus erlebte einen Jubelsturm, wie man ihn auch beim so begeisterungs-fähigen Stuttgarter Publikum äußerst selten erlebt.

Und wenn man seinen Blick kurz von den auf der Bühne feiernden und gefeierten Künstlerinnen und Künstlern abwandte und zur Intendanten-Loge im ersten Rang schweifen ließ, konnte man dort einen zufrieden lächelnden Victor Schoner sehen, der mit dieser Produktion einen weiteren herausragenden Erfolg seiner noch jungen Intendanz verbuchen darf.

Die Liebe zu den drei Orangen an der Staatsoper Stuttgart; weitere Vorstellungen 14., 17. und 19. Dezember 2018, 04. und 11. Januar sowie am 09., 14. und 22. April 2019

—| IOCO Kritik Oper Stuttgart |—

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