Münster, Theater Münster, Heldenangst – Friederike Engel, IOCO Kritik, 22.06.2018

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Theater Münster

Theater Münster © Rüdiger Wölk

Theater Münster © Rüdiger Wölk

HELDENANGST –  100 Jahre Ende des Ersten Weltkriegs

– Mitleid mit dem Frontschwein –

Von Hanns Butterhof

Vor 100 Jahren endete der Erste Weltkrieg. Das Theater Münster erinnert mit der Dramatisierung des 1930 erschienenen Romans La Peur von Gabriel Chevallier an dieses Datum. In der Fassung von Friederike Engel schildert das Stück unter dem Titel Heldenangst die Kriegs-Erlebnisse des französischen Soldaten Jean Dartemont, einem armen Frontschwein.

Passend für das düstere Antikriegsstück ist die kleinste Bühne des Theaters Münster, das U2, kulissenlos schwarz gehalten (Ausstattung: Frank Behnke und Sophia Debus). Eine kleine, ebenfalls schwarze Brüstung trennt sie vom Zuschauerraum ab. Dramaturgisch sinnvoll hat Regisseur Frank Behnke das, was im Roman der Ich-Erzähler mitteilt, auf zwei Schauspieler verteilt und so lebendige Dialoge ermöglicht. Die Zweiteilung wiederholt er, weniger sinnvoll, auch sprachlich, indem er den einen Jean Dartemont (Charles Morillon) Französisch, den anderen (Joachim Foerster) Deutsch sprechen lässt.

 Theater Münster / Heldenangst - Vor 100 Jahren endete der  erste Weltkrieg hier Jean Dartemont Joachim Foerster und Charles Morillon üben für die Front © Oliver Berg

Theater Münster / Heldenangst – Vor 100 Jahren endete der erste Weltkrieg hier Jean Dartemont Joachim Foerster und Charles Morillon üben für die Front © Oliver Berg

Charles Morillon und Joachim Foerster erzählen große Teile des Geschehens, nehmen dabei verschiedene Rollen ein, etwa die eines menschenverachtenden Generals, die eines verprügelten Kriegsgegners oder die des Vaters Dartemont, wobei sie aus der Erzählung in die Darstellung ihrer Erlebnisse hinübergleiten.

Foerster zeigt die eher teutonisch expressive, Morillon die charmant versonnene, leicht melancholische Seite Dartemonts. Dartemont-Foerster begrüßt den Kriegsbeginn begeistert als Startschuss zum großen Abenteuer, Dartmont-Morillon ist da zurückhaltender.

Noch geht es lustig zu, etwa wenn beide Helden bei der Musterung ihre Angst überwinden müssen, sich nackt auszuziehen; dabei hätte der patriotische Militär-Arzt sie auch ohne näheres Hinsehen kriegstauglich geschrieben. Und da mehr Rekruten an die Front geworfen werden, als es schon Uniformen für sie gibt, laufen die frisch Eingezogenen in wilden Zivil-Kombinationen herum, einer von ihnen mangels Stahlhelms mit Melone, die er zur Begrüßung von Vorgesetzten und Erheiterung der Kameraden lüftet.

Doch an der Front wird es rasch ernst. Aus einem Haufen Kleider, der für die Schützengräben und ihren Dreck steht, wühlen sie entsetzt den ersten Toten heraus, unzählige folgen, und mit ihnen kommt die Angst, die zum alles beherrschenden Gefühl der Soldaten wird.

 Theater Münster / Heldenangst - Theater Münster / Heldenangst - Vor 100 Jahren endete der  erste Weltkrieg  hier Jean Dartemont Joachim Foerster und Charles Morillon haben Angst © Oliver Berg

Theater Münster / Heldenangst – Theater Münster / Heldenangst – Vor 100 Jahren endete der erste Weltkrieg hier Jean Dartemont Joachim Foerster und Charles Morillon haben Angst © Oliver Berg

Dazu kommt die Erkenntnis, dass den im Hinterland Gebliebenen die grauenvollen Erfahrungen des Verheizens einer ganzen Generation im mörderischen Stellungskrieg nicht zu vermitteln sind. So will Vater Dartemont einen Helden als Sohn; Alkohol und zwanghaft männliches Gelächter auf allen Seiten kleistern die Kluft der Verständnislosigkeit nur notdürftig zu. Aber an der Front wird die Angst vor Verstümmelung und Tod so unaushaltbar, dass sich Dartemont lieber freiwillig für ein Himmelfahrts-Kommando meldet, als sie weiter zu ertragen. Dabei überwindet er die Heldenangst und überlebt zur eigenen Überraschung den Krieg.

Das schreckliche Leiden und die Angst der Frontsoldaten bringen Joachim Foerster und Charles Morillon beeindruckend drastisch zum Ausdruck. Damit erzeugen sie wohl Mitleid mit Jean Dartemont, aber auch sie können dem Publikum die Erfahrungen eines armen Frontschweins so wenig vermitteln wie Dartemont seinem in der Etappe gebliebenen Vater.

Der Schlussbeifall nach eineinhalb Stunden galt dem intensiven Spiel der beiden Darsteller, mit denen man sich unkostenfrei auf der richtigen, der friedliebenden Seite fühlen durfte. Heldenangst am Theater Münster rennt offene Türen ein und ist eher eine Veranstaltung der Erinnerungskultur, als dass damit aktuell vor einem leichtfertigen Umgang mit unserem seit mehr als siebzig Jahren währenden Frieden gewarnt würde.

Heldenangst am Theater Münster; weitere Termine:  22.6.; 1.7.; 3.7.2018

 

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