Hagen, Theater Hagen, Im weißen Rössl – Erik Charell und .. , IOCO Kritik, 27.11.2010

Dezember 1, 2010  
Veröffentlicht unter Kritiken, Theater Hagen

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Theater Hagen

Theater Hagen bei Nacht © Stefan Kuehle

Theater Hagen bei Nacht © Stefan Kuehle

Im weißen Rössl – eine hinreißende Musical Comedy

Musik Ralph Benatzky, Robert Stolz, Eduard Künneke

von Viktor Jarosch

 Das Theater Hagen zaubert mit ihrer Premiere  Im weißen Rössl  (27.11.2010) Leben in dunkle, kalte Winternächte.  Das  Cover des Hagener Programmheftes spricht dabei  brav von einem Singspiel, der Text schon treffender von einer Revue-Operette. Diese Produktion am Theater Hagen stellt eine wohl gelungene Musical Comedy dar.

Das Weiße Rössl besitzt eine markante Enstehungsgeschichte: Erik Charell, ehemals auch Pantomimentänzer, produzierte im pulsierenden Berlin der zwanziger Jahren populäre Tanzrevuen für das Große Schauspielhaus, dem heutigen Friedrichstadt-Palast.  Bekannte Komponisten,  Ralph Benatzky, Irving Berlin lieferten dazu die passenden Melodien.  Das Genre Tanz-Revue  kam damals in die Jahre; der umtriebige Erik Charell verwob es mit der ebenfalls darbenden Operette, mischte beides radikal auf, daß ein gänzlich neues  Genre entstand: Die  Revue-Operette.

Im weißen Rössl -Ralph Benatzky, Erik Charell und
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In eine solch fetzige Revue-Operette färbte Charell das dahinplätschernde Schauspiel  Im weißen Rössl von Oskar Blumenthal  um: Charell heuert als „Haupt-Komponisten“  Ralph Benatzky an.  Der mußte sich zu seinem Leidwesen damit abfinden, daß auch Robert Gilbert (Was kann der Sigismund dafür), Eduard Künnecke, Robert Stolz (Mein Liebeslied muß ein Walzer sein)  und andere an dem Charell-Stück  komponierten.  Mit  „Starallüren und den Größenwahn, das Nur-sich-selber-gelten-Lassen“  beschrieb Ralph Benatzky sein angestrengtes Verhältnis zu Chef  Charell. Der sehr erfolgreichen Uraufführung  des Weißen Rössl am 8. November 1930 (mit dabei Paul Hörbiger, das Schauspielhaus war in einen riesigen Gasthaus umgebaut) folgten zahllose ausverkaufte Vorstellungen in Berlin.  Ab 1933  stehen Erik Charell´s Produktionen leider auch für alles, was die Nazis als entartet beschreiben.  Der Jude aus Breslau, geboren als Erich Karl Löwenberg, flüchtet 1935 in die USA. Seinen deutlich jüngeren Geliebten nimmt er mit.  Und reussiert dort erneut, so auch am Broadway mit seinem White Horse Inn (Im weißen Rössl).  So weit die Geschichte.

Thilo Borowczak  schaffte am Theater Hagen eine facettenreich moderne Inszenierung mit liebevoller Unbeschwertheit. Er weitet die Finesse des Stückes, formt sie aus.  Die Inszenierung produziert bleibende Spannung  in filigraner Gestik, mit wechselnden Bühnenbildern,  mit der Musik spielenden Tänzen, aus fröhlicher Choreographie. Nicht die Handlung treibt, denn die gibt fast nichts her.  Thilo Borowcaks Inszenierung am Theater Hagen folgt  konsequent den Maximen Erik Charells: Tanz und Bewegung, lebendige Choreographie, liebevolle Provokation, Parodie, keine Wiederholungen.  So entstand  mit diesem Weißen Rössl eine weitgehend mitreißende Inszenierung,  keine sentimentale Heimatschnulze.  Schon der Beginn:  Bühnenarbeiter schimpfen lauthals hinter dem noch geschlossenem Vorhang  über ein verlorenes Mikro….. Dann das erste Bild:  Das Gasthaus Im weißes Rössl als überdimensierte, freizügig naiv bemalte Puppe, Matroschka-ähnlich, die Rösslwirtin andeutend. Mit anzüglichen Ausformungen, welche späteren Gasthausbesuchern als Balkonzimmer dienen. Von Anbeginn ungetrübtes schmunzeln.  Martina Feldmann´s  zahllos originellen Kostüme, Ricardo Viviani´s  Musik und Handlung dynamisch differenzierende Choreographie;  der Revuecharakter gut platziert, kein Polterabend:  Eine Stubenmädel-Revue, modisch in schwarzweißem Outfit mit Designer-Staubwedeln tanzend.  Die ganze Welt ist himmelblau bei schwebenden Weihnachtsbäumen.  Der 2. Akt anfänglich in tiefrotes  Moulin Rouge – Ambiente getaucht , Gewitter – Projektionen, Kugelfische, Schuhplattler und viel mehr …  Choreographie, Bühnenbild, Kostüme und Regie  in passender Inszenierungs-Einheit, kein ungefährer Haudraufklamauk. Auch Berhard Steiner am Pult besaß ein feines Händchen. Er führte Solisten, das Ballett, sein Orchester und die großen Chöre farbig in gutem Einvernehmen, von weltbekannten Gassenhauern über zündende Chorszenen zu frecher Komik. Die Walzer könnten nicht geschmeidiger sein: Eine Wucht.  Dazu ein starkes Ensemble: Werner Hahn als  Zahlkellner Leopold  nutzte die Angebote seiner zentralen Partie mit geöltem Wiener Akzent wie  Stefanie Smits als Josepha Vogelhuber, beide schauspielerisch stark und stimmlich präsent. Guido Fuchs als permanent berlinernder Fabrikant Wilhelm Giesecke und Tanja Schun als keifige Tochter Ottilie spielten mit karikierendem Verve.  Jeffery Krueger als Dr. Siedler und Stefanie Köhm als Klärchen glänzten mit apart timbrierten Stimmen. Aber auch Sigismund Sülzheimer (Richard van Gemert) und Postmadl Kathi (Verena Grammel) besitzen originelle Bühnenpräsenz ohne im Slapstick zu ersticken.

Das Publikum bedankte sich für diese aufwendige und gelungene Im weißen Rössl Produktion mit anhaltendem Beifall.  Wir waren verblüfft festzustellen,  zu welch hohen künstlerischen und inszenatorischen Leistungen kleinere Theater, heute  das Theater Hagen, fähig sind.

IOCO / Viktor Jarosch / 27.11.2010

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