Wien, Theater an der Wien, Pastorale – Wiener Philharmoniker – Thielemann, IOCO Kritik, 11.04.2010

April 19, 2010  
Veröffentlicht unter Konzert, Kritiken, Theater an der Wien


Kritik

Theater an der Wien

Theater an der Wien © IOCO

Theater an der Wien © IOCO

Beethoven wieder am Ort der Uraufführung

Die Pastorale mit Christian Thieleeann

Von  AT 

Unglaublich, aber bis 1831 hatte Wien keinen öffentlichen Konzertsaal.  Im 18. Jahrhundert und noch zu Beethovens Lebzeiten fanden Konzertveranstaltungen – so genannte Akademien – in den Palais des Adels, in den Sälen von Hotels und Restaurants, im Universitätssaal und in Theatern statt. Theater waren besonders beliebt, da sie in der Regel die größte Menge von zahlenden Plätzen anboten. Die „Akademien“ fanden jedoch nur zu zwei Jahreszeiten statt: in der Fastenzeit und in der Hohen Adventszeit, d.h. in den acht Tagen vor Weihnachten. Die Hoftheater sahen darin eine willkommene Ergänzung zu ihrem normalen Spielbetrieb, denn die Vermietung an Fremdveranstalter brachte zusätzliche Einnahmen.

Beethoven mußte auf seine eigene Akademie, die er bereits in der Fastenzeit hatte abhalten wollen,  bis zur Adventszeit 1808 warten. Für den 22.Dezember 1808 bekam er jedoch die ersehnte Bewilligung. Die dann  folgende Aufführung geriet zu einem der spektakulärsten Beethoven-Konzert  der Musikgeschichte.  Das Programm  selbst für die damalige Zeit gigantisch.  Zuerst die sechste Symphonie op. 68 (Uraufführung), dann Szene und Arie „Ah perfido! op. 65, das Gloria aus der Messe in C-Dur, op. 86, das vierte Klavierkonzert, die fünfte Symphonie op. 67 (Uraufführung), das Sanctus und Benedictus aus der Messe in C-Dur, eine freie Fantasie für Klavier und schließlich die Uraufführung der Chorfantasie op. 80.  Beethoven dirigierte und spielte selbst Klavier.

Das Konzert dauerte vier Stunden und endete in einer Katastrophe: Die Symphonien waren unbekannt,  zu lang und schwer zu verstehen. Beethoven hatte sich zuvor mit dem Orchester zerstritten und dabei die Musiker beleidigt. Sie waren daher nicht besonders gut auf ihn zu sprechen. Es gab nur wenige Proben, die folgende Aufführung  in der Durchführung zwangsläufig mangelhaft. Zu allem Unglück war es im Theater  noch bitter kalt. Auch finanziell war der Abend ein Desaster:  Wegen einer populäreren Parallelveranstaltung (einem Konzert zugunsten des Witwen- und Waisenfonds der Tonkünstler-Sozietät)  war Beethovens Konzert nur zur Hälfte besetzt.

L Ludwig van Beethoven Denkmal in Bonn © IOCO

Ludwig van Beethoven Denkmal in Bonn © IOCO

Wie ganz anders gestaltete sich die Sonntagsmatinee am 11. April 2010 im plüschigen Theater an der Wien! Das musikaffine Wiener Publikum stürmte das Konzert am Vormittag, um einen seiner Lieblingsdirigenten,  den in die Schlag(seite) zeilen geratenen  Christian Thielemann,  zu erleben.  In München in Ungnade gefallen, in Dresden mit Fabio Luisi über Kreuz, an der Semperoper ab 2012 neuer Chefdirigent (nicht GMD)  setzte der deutsche Dirigent  mit dieser Aufführung seinen Beethovenzyklus in Wien fort und  bot mit einem großen Orchester im kleinen Haus eine fulminante Leistung.  Ausladender Stuck und Samtvorhänge des Theater an der Wien bieten  eine erbarmungslos trockene, jede Facette offenlegende  Akustik.

Thielemann, sehr vertraut mit den Wiener Philharmonikern, besitzt bessere Arbeitsbedingungen  als seinerzeit Beethoven. Zudem stimmt heute die „Chemie“,  die künstlerische Partnerschaft.  Und so lauschte das Publikum, gebannt, erwartend:   In der Symphonie Nr. 6 in F-Dur (Pastorale)  konnten die Bläser ihren fröhlichen Reigen am Bach genießen, den Kuckuck flöten hören, und das anschließende Stelldichein der Landleute als Überraschungspaket erleben.   Beethoven liebte die Natur. In der  Pastorale  schildert er die Empfindungen des Menschen in der Natur mit musikalischen Mitteln. „Kein Mensch kann das Land so lieben wie ich“,  schwärmte er.  „Wie froh bin ich, einmal in Gebüschen, Wäldern, unter Bäumen, Kräutern und Felsen wandeln zu können. Mein unglückseliges Gehör plagt mich hier nicht. Ist es doch, als ob jeder Baum zu mir spräche.“  Und so komponierte er eine filigrane Palette tiefster Musikalität.  Welche Thielemann und sein Orchester in  präziser Ausformung  ausmusizierte. Töne schwebten artikuliert  in freier Einfachheit und doch  die „lebendige Natur“ vermittelnd.

Ludwig van Beethoven Wien © IOCO

Ludwig van Beethoven Wien © IOCO

Die folgende  5. Symphonie in c-moll (Schicksalssymphonie), deren Anfangsmotiv zu  Beethovens akustischer Visitenkarte wurde, gehört heute zu den meistgespielten, -analysierten, -aufgezeichneten Werken der Klassik. Der zentrale, außermusikalische Gedanke – der Weg durch die Dunkelheit zum Licht – „per aspera ad astra“ gelang in der Interpretation durch die Philharmoniker hervorragend.  Goethe  soll nach dem Hören der Symphonie beeindruckt gesagt haben: „Das ist sehr groß, ganz toll, man möchte fürchten, das Haus fiele ein.“ Friedrich Engels schrieb an seine  Schwester nach einem Konzert der „Fünften“: „Das ist gestern abend eine Symphonie gewesen! So was hast Du in Deinem Leben noch nicht gehört…Diese verzweiflungsvolle Zerrissenheit, diese elegische Wehmut, diese weiche Liebesklage und dieser gewaltige, jugendliche Posaunenjubel der Freiheit!“  Beethoven hat an dieser Symphonie relativ lange geschrieben. Begonnen hat er mit ihr im Jahre 1803, kurz nach der Fertigstellung der kaum minder berühmten dritten Symphonie, der „Eroica“. Bis 1808 komponierte er an der „Fünften“, parallel dazu an einer ganzen Reihe anderer großer Werke.  Das große Markenzeichen der c-moll Symphonie ist ihr unüberhörbar appellativer Charakter. Nie zuvor in der Musikgeschichte wurde der Zuhörer derart direkt in das Geschehen der Musik  einbezogen und angesprochen. Thielemann und seine großartig disponierten Wiener Philharmoniker gestalteten „ihre“ Pastorale  hinreißend und authentisch:  Zarte wie harte Motive (Murmeln des Baches, Gewitter )  im piano  oder rau  gestaltend, steigerten sie  sich  furios  mitreißend  zur letztlich  vollendeten Harmonie.

Das Beethoven – Konzert im Theater an der Wien  begeisterte. Es  geriet zu dem, was erhofft  wurde: Musiker wie  Dirigent wurden vom  Publikum mit Standing ovations  gefeiert. Die „Chemie“ und Kompetenz  von Thielemann und Wiener Philharmonikern ließen  Beethovens  Werke  hell erstrahlen.

IOCO / AT / 14.04.2010

Ihre Meinung ist uns wichtig

Schreiben Sie uns, was Sie darüber denken!
Bitte vorher die Datenschutzerklärung lesen : Datenschutzerklärung


Ich habe die Datenschutzerklaerung gelesen und stimme ihr zu.

Datenschutzerklaerung

Diese Webseite benutzt Google Analytics. Die User IPs werden anonymisiert. Wenn Sie dies trotzdem unterbinden möchten klicken Sie bitte hier : Click here to opt-out. - Datenschutzerklärung