Frankfurt, Oper Frankfurt, Ernst Krenek – Drei Opern, IOCO Kritik, 19.05.2017

Mai 19, 2017 by  
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Oper Frankfurt

Oper Frankfurt inmitten des Finanzzentrums © IOCO

Oper Frankfurt inmitten des Finanzzentrums © IOCO

Die drei Opern von Ernst Krenek an der Oper Frankfurt
„Von Diktatoren und Blondinen“

Von Ljerka Oreskovic Herrmann

Die drei Opern – Der Diktator, Schwergewicht oder Die Ehre der Nation und Das Geheime Königreich – wurden 1928 unter der Leitung von Joseph Rosenstock in Wiesbaden uraufgeführt, an der Oper Frankfurt dagegen wurde dieses Triptychon zum ersten Mal gezeigt. Die ursprüngliche Abfolge der Stücke hat David Hermann, der Regisseur der Frankfurter Inszenierung, geändert: das mittlere Stück setzte er an den Schluss, was dem Ganzen ein emotionales und versöhnliches Ende gibt. Bei Krenek, der auch das Libretto verfasste, geht die Machtmaschinerie unaufhaltsam weiter.

Oper Frankfurt / Der Diktator Sara Jakubiak als Maria - Davide Daminani als Diktator © Barbara Aumueller

Oper Frankfurt / Der Diktator Sara Jakubiak als Maria – Davide Daminani als Diktator © Barbara Aumueller

Der Diktator

Das Bühnenbild erinnert an die Entstehungszeit des Stückes, die Epoche des Art Déco, auch die Kostüme deuten in diese Richtung: Ein nobles Grandhotel am Genfer See, in dem, so Ernst Krenek, „eine blutige Episode aus dem Privatleben eines dem Duce-Typus nachgebildeten Charakters“ geschildert wird. Der Diktator – ein grandioser Davide Damiani – wartet auf den Abgesandten eines kleineren Landes, um diesem den Krieg zu erklären. Charlotte, die blonde und agile Diktatorengattin, wird von Eifersucht geplagt und versucht ihren Mann vom geplanten Kriegsgang und seinen amourösen Abenteuern abzuhalten. Es wird schiefgehen, denn es gibt noch andere Hotelgäste, wie den Offizier und seine Frau Maria. Dieser vom Giftgas erblindete Offizier erzählt Maria von den Schrecknissen des Krieges. Erschüttert schwört sie, sich dafür am Diktator zu rächen. Sie sucht ihn auf, und es folgt ein verbaler Kampf, in dem Maria dem „Charme“ des Diktators fast erliegt, als Charlotte, die die Szene heimlich beobachtet hat, schießt. Sie trifft jedoch nicht ihren Mann, sondern Maria. Der dazu gekommene blinde Offizier wird auf seine Frage: „Maria, hast Du’s getan?“, keine Antwort mehr erhalten.
Vincent Wolfsteiner verleiht der Figur des blinden Offiziers eine vokale Präsenz, die die Versehrtheit an Leib und Leben unterstreicht. Sara Jakubiak, als seine Frau Maria, ist vokal und darstellerisch sehr überzeugend – ihr Schrecken über die Kriegsschilderungen ihres Mannes ist echt. Echt ist auch die emotionale Achterbahn von Charlotte, einer künstlich blondierten und aufgeputzten Frau, der am Ende nur noch die (unsinnige) Verzweiflungstat bleibt. Juanita Lascarros ausgezeichnete Darbietung stellt ihre Figur nie bloß, sondern verleiht der tragischen Rolle eine gewisse Würde.

Oper Frankfurt / Schwergewicht oder.. v.l.n.r. Davide Damiani Der Diktator - Barbara Zechmeister als Evelyne -Michael Porter als Gaston - Simon Bailey als Adam Ochsenschwan - Statisterie © Barbara Aumueller

Oper Frankfurt / Schwergewicht oder.. v.l.n.r. Davide Damiani Der Diktator – Barbara Zechmeister als Evelyne -Michael Porter als Gaston – Simon Bailey als Adam Ochsenschwan – Statisterie © Barbara Aumueller

Schwergewicht oder die Ehre der Nation

Das kürzeste Stück ist eine burleske Operette, alte Filmpossen erweckend, in der es um „Schwergewichte“ der anderen Art geht. Wieder ist eine blonde Frau im Spiel, Erotik und Macht sind auch hier die beiden Pole, was als Spiel im Spiel präsentiert wird. Nur diesmal ist es ein Mann, der Meisterboxer Adam Ochsenschwanz, den die Eifersucht umtreibt. Seinem Drama wohnt der Diktator nebst Entourage als Publikum etwas weiter unten auf der Bühne sitzend bei. Ochsenschwanz weiß um die Untreue seiner blonden, schrill gekleideten und frivolen Frau, die immer wieder mit dem Tanzmeister Gaston zugange ist. Noch jubelt der Diktator über diese Farce, doch als er entdeckt wird, versucht ihn die Truppe auf ihre kleine Bühne zu holen. Anna Maria Himmelhuber, die Tochter von Professor Himmelhuber, der den Boxer mit einer Ehrendoktorwürde auszeichnen will, soll als Lockvogel dienen, um ihn zur Rechenschaft zu ziehen – es gelingt, er wird in einem Austronautenmobile zur Strecke gebracht, nicht ohne zuvor vom Regierungsrat die Auszeichnung „Ehre der Nation“ erhalten zu haben. Am Ende kracht es gewaltig, denn Adam Ochsenschwanz hat tatsächlich Sprengstoff in der Hand.
Simon Bailey ist in jeder Hinsicht ein wundervoller Ochsenschwanz, und weiß in Barbara Zechmeister als blonde, tanzerprobte Gattin Evelyne eine ebenso mitreißende Partnerin an seiner Seite. Michael Porter ist ein geschmeidiger Gaston, Ludwig Mittelhammer ein herrlich unbeholfener Professor Himmelhuber, Nina Tarandek die naiv-verführerische Anna Maria Himmelhuber und Michael McCown überzeugt als Journalist bzw. Regierungsrat.

Oper Frankfurt / Das geheime Koenigreich © Barbara Aumueller

Oper Frankfurt / Das geheime Koenigreich © Barbara Aumueller

Das geheime Königreich

Mit einer lyrischen Märchenoper en miniature endet der Abend: Ein Zauberwald wird uns dargeboten, in dem die Protagonisten herumirren, um am Ende doch zu einem hoffnungsvollen Schluss zu gelangen. Bis es soweit ist, gibt es ein auf zwei Stockwerke geteiltes, reichlich ramponiertes Haus – hat Ochsenschwanz’ Sprengstoff das Dach weggesprengt? – zu sehen, und den tiefen Fall eines Monarchen – nur ein anderes Wort für „Diktator“. Wie es sich gehört, taucht auch ein Narr auf, der nur in diesem Stück eine Rolle hat, aber wie eine Art Conférencier zuvor die vorhergehenden Spielorte ansagte. Der König verliert seinen Kronreif an ihn, weil er sein Rätsel nicht lösen kann, die „blonde“ Königin giert danach, verliebt sich aber in den gefangenen Rebellenführer, der ebenfalls von diesem Reif träumt. Nun soll dem Narren ebendieser mit Hilfe der drei Damen – die drei Zauberflöten-Damen „winken“ freundlich über die Jahrhunderte – mit vergiften Wein verführt werden, doch dieser wirkt nicht. Erst beim Kartenspiel verliert er die Krone an die Königin, die daraufhin den gefangenen Rebell freilässt; prompt stürmen die anderen das Gebäude, dem König gelingt im Narrenkleid die Flucht in den Zauberwald. Auch der Rebell gelangt dorthin, doch bei dem Versuch, der Königin den Kronreif abzunehmen, verwandelt sie sich – sie trägt ja ein grünes Ritterkostüm – in einen Baum. Die Rebellen erkennen den König nicht und lassen ihn leben, dieser findet endlich seine Erfüllung in der Natur, die nun sein Reich wird. Und weil es ein Märchen ist, endet es mit der wohlmeinenden Aufforderung des Narren: „Auf Wiedersehen!“
Davide Damiani – wie schon im ersten Stück hervorragend – ist der König, Ambur Braid gibt eine herrlich gierige Königin, Sebastian Geyer ist ein grandioser Narr, Peter Marsh singt mit schöner Höhe den schwankenden Rebell, Alison King, Julia Dawson und Judita Nagyová (die drei singenden Damen) sind einfach umwerfend. Michael McCown und Dogus Güney als Revolutionäre sowie Michael Porter als Wächter komplettieren das wunderbare Sängerensemble.

Die musikalische Leitung lag bei Lothar Zagrosek in sicheren Händen, der mit dem Orchester die unterschiedlichen Klangfarben und Kontraste der Stücke hervorragend herausarbeitete. Für das Bühnenbild zeichnete Jo Schramm, für die Kostüme Katharina Tasch und für das Licht Olaf Winter verantwortlich. Für den (nicht sichtbaren) Chor im Geheimen Königreich war Markus Ehmann zuständig.

David Hermanns Inszenierung setzt auf die grotesken, aberwitzigen und auch zwischenmenschlichen Momente, weniger auf den „politischen“ Kontext in der Zwischenkriegszeit des 20. Jahrhunderts. Die Verschränkung der drei Stücke – in dem das Personal weitergereicht und damit auch die scheinbar ewige Verbindung von männlicher Macht und weiblicher Verführungskunst durchdekliniert wird – profitiert davon, dass alle Sänger und Sängerinnen beeindruckend sanges- und spielfreudig sind. Sie beglaubigen nachdrücklich, die unglückselige Verquickung von Macht und Eros. Und nach neunzig Jahren hat Kreneks Triptychon nichts von seiner – politischen – Aktualität eingebüßt. Großer, einhelliger Applaus für alle Beteiligten.

Die drei Opern von Ernst Krenek, letzte Vorstellung der Spielzeit 2016/17  am 21. Mai 2017

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Frankfurt, Oper Frankfurt, WA DER FLIEGENDE HOLLÄNDER, 20.05.2017

Mai 19, 2017 by  
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Oper Frankfurt

Oper Frankfurt / DER FLIEGENDE HOLLÄNDER - Erika Sunnegårdh (Senta) sowie Chor und Extrachor der Oper Frankfurt © Barbara Aumüller

Oper Frankfurt / DER FLIEGENDE HOLLÄNDER – Erika Sunnegårdh (Senta) sowie Chor und Extrachor der Oper Frankfurt © Barbara Aumüller

DER FLIEGENDE HOLLÄNDER von Richard Wagner

Wiederaufnahme Samstag, 20. Mai 2017, um 19.30 Uhr,  Weitere Vorstellungen: 25. (15.30 Uhr; mit kostenloser Betreuung von Kindern zwischen 3 und 9 Jahren), 28. Mai, 3., 5. (18.00 Uhr), 10. Juni 2017, Falls nicht anders angegeben, Beginn 19.30 Uhr

Oper Frankfurt / DER FLIEGENDE HOLLÄNDER - Michael Porter (Steuermann) sowie Chor und Extrachor der Oper Frankfurt © Barbara Aumüller

Oper Frankfurt / DER FLIEGENDE HOLLÄNDER – Michael Porter (Steuermann) sowie Chor und Extrachor der Oper Frankfurt © Barbara Aumüller

Der fliegende Holländer von Richard Wagner (1813-1883) feierte am 29. November 2015 in der Inszenierung von David Bösch Premiere an der Oper Frankfurt. Die unorthodoxe Sicht des Regisseurs auf das populäre Werk bescherte der Oper Frankfurt eine ausverkaufte Aufführungsserie, und auch die Presse zeigte sich überzeugt: „Regisseur David Bösch legt eindringliche Porträts von gequälten Seelen an. Zugegeben ungewöhnlich für jene, die mit der Erwartung ans traditionelle Holländer-Schiff gekommen waren, aber genau deshalb so überzeugend“ (Main-Echo Aschaffenburg). Der Kritiker des Wiesbadener Kuriers schrieb: „Diese Gang von Untoten macht schon beim ersten Auftritt Laune. Mit dicken Harleys rollen die Rocker auf die Bühne, bleiche Gestalten, komplett mit schwarzer Lederweste, dampfender Kippe und schlechten Manieren. Auf dem Rücken das Logo ihres Klubs: »The Flying Dutchman«. Angst und Schrecken werden sie verbreiten in der Dorfbevölkerung, keine Frage.“

Zum Inhalt: Ein Sturm zwingt den Seefahrer Daland kurz vor Erreichen des heimatlichen Hafens vor Anker zu gehen. Der fliegende Holländer erscheint und beklagt sein Schicksal, denn sollte es ihm nicht gelingen, eine Frau zu finden, die ihm auf ewig die Treue hält, wird er für immer verdammt sein. Er bittet Daland um die Hand seiner Tochter. Entgegen aller Warnungen stimmt Senta der Hochzeit zu und bringt dem Holländer im Tod die ersehnte Erlösung.

Oper Frankfurt / DER FLIEGENDE HOLLÄNDER - Iain Paterson (Der Holländer) und Statisterie der Oper Frankfurt © Barbara Aumüller

Oper Frankfurt / DER FLIEGENDE HOLLÄNDER – Iain Paterson (Der Holländer) und Statisterie der Oper Frankfurt © Barbara Aumüller

Die musikalische Leitung der Produktion aus der Spielzeit 2015/16 liegt erstmals bei GMD Sebastian Weigle, der damit nach seinem umjubelten Gastspiel mit Beethovens Fidelio und Strauss? Der Rosenkavalier an der renommierten New Yorker Metropolitan Opera wieder in heimatlichen Gefilden segelt. Sein Hausdebüt als Holländer gibt der schottische Bassbariton Iain Paterson, der seit 2015 regelmäßig bei den Bayreuther Festspielen gastiert. Dort wird er auch 2017 erneut als Kurwenal in Tristan und Isolde sowie als Wotan in Der Ring des Nibelungen vertreten sein. Weitere Gastengagements führten ihn in der jüngsten Vergangenheit an die Staatsopern von Stuttgart, Berlin und Wien. Den Holländer verkörperte er 2016 auch an der Opera Vlaanderen in Antwerpen. Mit der schwedischen Sopranistin Erika Sunnegårdh kehrt die Senta der Premierenserie nach Frankfurt zurück. In dieser Partie wechselt sie sich am 28. Mai 2017 mit der Norwegerin Elisabeth Teige ab, die damit zuvor u.a. an den Opernhäusern von Oslo und Tallinn gastierte. Aus dem Ensemble stammen die neubesetzten Künstler Maria Pantiukhova (Mary) und AJ Glueckert (Alternativbesetzung des Erik am 28. Mai 2017). Während die russische Mezzosopranistin – als ehemaliges Mitglied des Opernstudios und seit 2016/17 im Frankfurter Ensemble beheimatet – u.a. als Bizets Carmen für Begeisterung sorgte, überzeugte der seit der Saison 2016/17 im Ensemble der Oper Frankfurt engagierte amerikanische Tenor jüngst als Lyonel in Flotows Martha und als Raffaele in Verdis Stiffelio. Mit der Produktion bereits vertraut sind die Ensemblemitglieder Vincent Wolfsteiner (Erik), Andreas Bauer (Daland), Michael Porter (Steuermann).

Musikalische Leitung: Sebastian Weigle, Regie: David Bösch, Szenische Leitung der Wiederaufnahme: Corinna Tetzel, Bühnenbild: Patrick Bannwart, Kostüme: Meentje Nielsen, Licht: Olaf Winter, Chor und Extrachor: Tilman Michael, Video: Bibi Abel, Dramaturgie: Zsolt Horpácsy,

Besetzung: Der Holländer: Iain Paterson, Senta: Erika Sunnegårdh / Elisabeth Teige (28. Mai 2017), Erik: Vincent Wolfsteiner / AJ Glueckert (28. Mai 2017)
Daland: Andreas Bauer, Mary: Maria Pantiukhova, Steuermann: Michael Porter, Chor, Extrachor und Statisterie der Oper Frankfurt; Frankfurter Opern- und Museumsorchester.  PMOFFM

Wiederaufnahme Samstag, 20. Mai 2017, um 19.30 Uhr,  Weitere Vorstellungen: 25. (15.30 Uhr; mit kostenloser Betreuung von Kindern zwischen 3 und 9 Jahren), 28. Mai, 3., 5. (18.00 Uhr), 10. Juni 2017, Falls nicht anders angegeben, Beginn 19.30 Uhr

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Frankfurt, Oper Frankfurt, Rigoletto von Giuseppe Verdi, IOCO Kritik, 31.03.2017

April 1, 2017 by  
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Oper Frankfurt inmitten des Finanzzentrums © IOCO

Oper Frankfurt inmitten des Finanzzentrums © IOCO

„Diese Gesellschaft ist erdrückend“
Rigoletto von Giuseppe Verdi in Frankfurt

Von Ljerka Oreskovic Herrmann

Mauern scheinen im Augenblick überall Konjunktur zu haben. Ein monumentales Bühnenbild, das unmissverständlich zu verstehen gibt: Klein ist der Mensch! Es erdrückt das Individuum, aber nicht die Bauten – eine Kathedrale oder einen eher düsteren Renaissancepalast assoziierend – verweisen den Einzelnen in die Schranken, sondern eine erbarmungslose Gesellschaft. Sie ist die größere und unüberwindliche Mauer, und insofern ist dieser Bau auf der Bühne zwar imposant, aber in der Aussage zu kurz gegriffen, lässt sie im wahrsten Sinne des Wortes allen Akteuren wenig Spielraum. Die wahre Mauer jedoch bildet die Masse gegen die der Einzelne nicht ankommen, nur erdrückt werden kann. Rigoletto gehört nicht dazu, allein der (angedeutete) Buckel ist es nicht, der ihn zum Außenseiter stempelt. Er wirkt wie ein Relikt aus einer anderen Zeit, ein wahrhafter Narr mit Renaissancekragen, langem Mantel und roter Lederhose, den niemand ernst zu nehmen scheint und der doch über genügend Macht verfügt, um Schaden anzurichten – und diesen „Spielraum“ nutzt er weidlich aus.

Hendrik Müllers Regie konzentriert sich ganz auf die Beziehung von Vater und Tochter, die angesichts dieser düsteren Gesellschaft keine echte Chance haben wird. Rigoletto – ein beindruckender Quinn Kelsey – ist kein liebender Vater, er kann mit dieser jungen Frau im Grunde nichts anfangen, lässt sie im Glaskasten mit Giovanna, ihre Aufpasserin, der Welt zugewandt blicken, aber doch nicht diese Welt betreten. Dieser weiße zum Zuschauerraum mit Glastüren versehene Kasten schwebt hinunter, ohne dass Gilda heraus kann. Eine heruntergelassene Treppe ist die einzige Verbindung – von Rigoletto genutzt. Ein gelungenes Bild, suggeriert Offenheit, doch der klaustrophobische Raum erzählt eine andere Realität. Über ihrem Bett hängen Kreuze in verschiedener Ausführung, sie trägt fast an Novizinnen erinnernd ein langes (rot mit weißen Kragen und Manschetten) Kleid, während Giovanna (Nina Tarandek) gouvernantenhaft in einem schwarz-weißen Kleid streng dreinblickend an einem Stickbild arbeitet. Rigoletto und Gilda sehen sich nicht an, sie berühren sich nicht und doch brauchen sie einander. Gilda ist auf der Identitätssuche, Rigoletto will genau das verhindern, dennoch ein bisschen Gefühlswärme verspüren. Beides misslingt, zumal Gilda ihrem Glaskasten entfliehen und das Leben kennen lernen möchte. Der Herzog erscheint ihr als Heilsbringer, für ihn ist es wie immer nur Spielerei.

Oper Frankfurt / Quinn Kelsey als Rigoletto © Monika Rittershaus

Oper Frankfurt / Quinn Kelsey als Rigoletto © Monika Rittershaus

Fast nebenbei singt der gelangweilte Herzog (Mario Chang) die berühmte Arie La donna è mobile, und selten zuvor war Verdis „Gassenhauer“ so klar und schnörkellos zu hören – das bitter-gallige gern mitgeträllerte Trinklied liefert in diesem Dirigat und der Inszenierung den angemessenen Kommentar für das, was in dieser Gesellschaft schief läuft. Es ist ein zynisch-männlicher Blick, den Verdi musikalisch meisterhaft verpackt präsentiert. Die Masse – eine einheitliche Rocker-Truppe aus jungen Männern vom Herrenchor lustvoll zelebriert – beherrscht die Szenerie, frönt der eigenen Lustbefriedigung ohne Rücksicht auf Verluste. Frauen sind Konsumware, die schnell wieder abgelegt werden.

Oper Frankfurt / Rigoletto - Nina Tarandek Giovanna, Brenda Rae Gilda vorne v.l.n.r. Iurii Samoilov (Marullo), Mikolaj Trabka Ceprano, Michael McCown Borsa, Quinn Kelsey Rigoletto, Ensemble © Monika Rittershaus

Oper Frankfurt / Rigoletto – Nina Tarandek Giovanna, Brenda Rae Gilda vorne v.l.n.r. Iurii Samoilov (Marullo), Mikolaj Trabka Ceprano, Michael McCown Borsa, Quinn Kelsey Rigoletto, Ensemble © Monika Rittershaus

In dieser Welt hat auch Gilda, von Brenda Rae exzellent verkörpert, keine Zukunft. Ihr Kleid hat sie abgestreift, aber verstrickt in den Machenschaften ihres Vaters sucht sie vergeblich nach einem Ausweg. Gilda sühnt die Schuld des Vaters, so wie es die Tochter des Grafen von Monterone getan hat – schmerzlich wird dies Rigoletto am Ende bewusst. Und nicht weil Monterones Fluch seine Wirkung entfaltet, sondern weil er endlich imstande ist, seine Tochter angesichts des Todes anzunehmen. Allerdings schaut er sie dabei wieder nicht an – eine bittere Erkenntnis in dieser Inszenierung, die den Schmerz umso spürbarer werden lässt und ein schön-schauriges Bild am Ende beschwört: Gilda, langsam wie ein Geist nach hinten entschwindend, Rigoletto verzweifelt das Leichentuch haltend, wird sich um diesen erbarmungswürdigen Vater auch im Jenseits kümmern, auf Erden hat er erneut versagt. Sie ist von dieser Gesellschaft als Einzige erlöst und befreit. Ja, diese Gesellschaft, so ein Besucher, ist tatsächlich erdrückend, für den Einzelnen gibt es keinen (Spiel)Raum – im Gegenteil.

Oper Frankfurt / Rigoletto - Mario Chang als Herzog © Monika Rittershaus

Oper Frankfurt / Rigoletto – Mario Chang als Herzog © Monika Rittershaus

Carlo Montanaros Dirigat ist von jeglichem Humtata und falscher Rührseligkeit befreit, was wohltuend ist. Verdis bittere Darstellung von Macht und Individuum findet bei ihm und dem Frankfurter Opern- und Museumsorchester einen hervorragenden Anwalt. Auch der Herrenchor – unter der Leitung von Markus Ehmann – unterstreicht diesen Aspekt musikalisch wie auch darstellerisch gut. Katharina Weissenborn zeichnet für die Kostüme, Rifail Ajdarpasic für das Bühnenbild verantwortlich.

Weitere Mitwirkende: Önay Köse (Sparafucile), Ewa Plonka (Maddalena), Magnús Baldvinsson (Graf von Monterone), Jurii Samoilov (Marullo), Michael McCown (Borsa), Mikolaj Trabka (Graf von Ceprano) und Julia Dawson (Gräfin von Ceprano).
Begeisterter Applaus.

Rigoletto – Oper Frankfurt, weitere Vorstellungen: 2.4.2017, 7.4.2017, 13.4.2017, 16.4.2017, 22.4.2017, 28.4.2017, 1.5.2017, 11.5.2017

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Frankfurt, Oper Frankfurt, WA THE RAKE’S PROGRESS, 31.03.2017

März 31, 2017 by  
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Oper Frankfurt

Oper Frankfurt / THE RAKE'S PROGRESS © Barbara Aumueller

Oper Frankfurt / THE RAKE’S PROGRESS © Barbara Aumueller

THE RAKE’S PROGRESS von Igor Strawinsky

Text von W. H. Auden und Chester Simon Kallman

Wiederaufnahme: Freitag, 31. März 2017 19.30 Uhr,  Weitere Vorstellungen: 6., 9., 15., 21. April 2017

The Rake’s Progress von Igor Strawinsky (1882-1971), inspiriert durch den im 18. Jahrhundert entstandenen achtteiligen Kupferstich-Zyklus von William Hogarth, gilt als Abschluss der neoklassizistischen Schaffensphase des Komponisten. Konzipiert als Nummernoper im Stil der alten Meister präsentiert sich die Inszenierung von Axel Weidauer aus der Spielzeit 2011/12 als „äußerst vergnüglicher, kurzweiliger, angenehmer Abend“ (Bild Frankfurt).  Nun ist die Produktion hier letztmalig zu erleben.

Oper Frankfurt / THE RAKE'S PROGRESS © Barbara Aumueller

Oper Frankfurt / THE RAKE’S PROGRESS © Barbara Aumueller

Zum Inhalt: Tom Rakewell schlägt das Angebot seines zukünftigen Schwiegervaters Trulove aus, ihm eine sichere Stellung zu beschaffen und damit die baldige Hochzeit mit seiner Tochter Anne zu ermöglichen. Begleitet von dem mysteriösen Nick Shadow, der sich ihm als Diener anbietet, lockt Tom die Aussicht auf Geld und Freiheit in die Großstadt London. Dort gibt er sich hemmungslos allen sich bietenden Genüssen hin, findet jedoch keine Erfüllung. Durch dubiose Geschäfte verliert er sein ganzes Geld, seine restliche Habe wird versteigert. Da fordert Shadow seinen Lohn für die erwiesenen Dienste: Toms Seele…

Oper Frankfurt / THE RAKE'S PROGRESS © Barbara Aumueller

Oper Frankfurt / THE RAKE’S PROGRESS © Barbara Aumueller

Die musikalische Leitung der Wiederaufnahme liegt mit Tito Ceccherini bei einem Dirigenten, der bekannt ist für seine Interpretationen der Werke des frühen 20. Jahrhunderts. Darüber hinaus gilt er als Spezialist für das zeitgenössische Repertoire; so dirigierte er u.a. 2011 die Uraufführung von Salvatore Sciarrinos Superflumina am Nationaltheater Mannheim. Nun gibt er in Frankfurt sein Hausdebüt. Die Sängerbesetzung stammt ausschließlich aus dem Ensemble, wobei Alfred Reiter (Trulove), Barbara Zechmeister (Mother Goose) und Peter Marsh (Sellem) bereits in der Premierenserie mit von der Partie waren. Neu in Frankfurt ist seit 2016/17 der amerikanische Tenor Theo Lebow (Tom Rakewell), der hier zuvor bereits als Tamino in Mozarts Die Zauberflöte sowie als Massimo in Glucks Ezio auf sich aufmerksam machte. Die amerikanische Sopranistin Elizabeth Reiter (Anne Trulove) wurde 2014/15 aus dem Opernstudio in das Ensemble übernommen. Zu ihren jüngsten Auftritten an der Oper Frankfurt gehört u.a. die Partie des Ascagne in Berlioz‘ Les Troyens (Die Trojaner). Auch der koreanische Bass Kihwan Sim (Nick Shadow) war vor seinem Eintritt ins Ensemble 2012/13 Mitglied des Studios. Im Opernhaus hat er zuletzt als Escamillo in Bizets Carmen auf sich aufmerksam gemacht. Im Laufe der Saison 2016/17 folgten Auftritte u.a. als Silva in zwei konzertanten Aufführungen von Verdis Ernani. Seit 2009/10 ist die Oper Frankfurt das Stammhaus der Mezzosopranistin Tanja Ariane Baumgartner. Hier sang sie zuletzt Cassandre in den Trojanern. Zudem gastierte sie u.a. als Fricka in Wagners Das Rheingold in Chicago sowie als Ortrud in Lohengrin an der Hamburgischen Staatsoper. Der Brite Barnaby Rea (Keeper of the madhouse) stieß 2016/17 zum Frankfurter Ensemble, wo er als Lord Tristan in Flotows Martha sein komisches Talent beweisen konnte. PMOFFM

 
Musikalische Leitung: Tito Ceccherini, Inszenierung: Axel Weidauer, Szenische Leitung der Wiederaufnahme: Alan Barnes, Bühnenbild: Moritz Nitsche, Kostüme: Berit Mohr,, Licht: Joachim Klein, Chor: Tilman Michael, Dramaturgie: Agnes Eggers

Mit: Trulove: Alfred Reiter, Anne Trulove: Elizabeth Reiter, Tom Rakewell: Theo Lebow, Nick Shadow: Kihwan Sim, Mother Goose: Barbara Zechmeister, Baba the Turk: Tanja Ariane Baumgartner, Sellem: Peter Marsh, Keeper of the madhouse: Barnaby Rea,  Chor und Statisterie der Oper Frankfurt; Frankfurter Opern- und Museumsorchester

The Rake´s Progress an der Oper Frankfurt: Wiederaufnahme: Freitag, 31. März 2017 19.30 Uhr,  Weitere Vorstellungen: 6., 9., 15., 21. April 2017

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