Hamburg, Brenda Roberts – Rollenimpressionen, IOCO Portrait, 17.01.2018

Januar 16, 2018 by  
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Brenda Roberts © Brenda Roberts

Brenda Roberts © Brenda Roberts

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BRENDA ROBERTS  –  ROLLENIMPRESSIONEN

Von Rolf Brunckhorst

2017 erschien erstmals der Mitschnitt der als verloren geglaubten Bayreuther Siegfried Aufführung aus 1974; mit der damals so jungen Brenda Roberts als Brünnhilde: Seit Erscheinen dieses Siegfried-Mitschnitts ist Brenda Roberts wieder ins Gespräch gekommen. Zeit also, sich an ihre großen Auftritte zu erinnern. Begonnen hat ihre Karriere am Staatstheater Saarbrücken, weitere Stationen waren die Opernhäuser Bielefeld und Nürnberg, bis GMD Horst Stein sie dann an die Hamburgische Staatsoper engagierte. Brenda Roberts war im Jahre 1978 meine erste Elektra überhaupt. Vorher hatte ich mich bei Freunden informiert, welche der Elektra-Sängerinnen die derzeit Beste sei. Bei dem Namen Brenda Roberts vermutete jemand, sie sei doch viel zu jung, das könne doch gar nicht gehen. Also suchte ich mir eine andere Elektra-Vorstellung aus. Am Abend erwartete mich im Hamburger Opernhaus ein roter Zettel, der mich darüber informierte, daß statt der angesetzten Elektra nun Brenda Roberts die Titelpartie übernehmen werde. Nun denn …. Nach der allseits bekannten Mägde-Szene begann der große Monolog. Ich hörte eine fast lyrische, aber metallische und wuchtig ausladende Sopranstimme, die in der Höhe prächtig aufging. Dazu nahm das intensive Spiel von vornherein für diese Sängerdarstellerin ein. Brenda Roberts führte ihre Stimme unangefochten durch alle Szenen und stellte sowohl Aggression, Hohn und Spott für Klytämnestra dar, zeigte sich aber fast kindlich zutraulich ihrem Bühnenbruder Orest gegenüber. Bis zum Schlußjubel war von einer Überanstrengung der Stimme nichts zu hören, und es gab allenthalben Bravos für diese Leistung. Am Bühnenausgang zeigte sich Brenda Roberts unkompliziert und aufgeschlossen und erzählte, daß sie zur Zeit eine Serie Salome-Vorstellungen am Staatstheater Braunschweig sänge. Zum abgesprochenen Vorstellungstermin fand ich mich im Braunschweiger Opernhaus ein.

Brenda Roberts als Elektra in Mannheim hier Schlussapplaus © Brenda Roberts

Brenda Roberts als Elektra in Mannheim hier Schlussapplaus © Brenda Roberts

Diese Salome wird mir für alle Zeiten unvergeßlich bleiben. Diese Salome spielt in einem Schlachthaus, die weißen Kacheln waren blutüberströmt, und die läppischen Kostüme waren das Tüpfelchen auf dem „i“. Einige Abonnenten verließen vorzeitig das Haus, und auch mein Nebenmann wurde während des Judenquintetts unruhig und wäre am liebsten gegangen, wenn nicht Brenda Roberts‘ bisherige Leistung einen fulminanten Schlußgesang versprach. Höhepunkt des ersten Teils war zweifellos die Szene mit Jochanaan, in der sich Brenda Roberts geradezu in eine Hysterie hineinsteigerte, wenn sie beharrlich verlangte, den Mund des Jochanaan zu küssen. Während des nachfolgenden Zwischenspiels zog sie alle Blicke auf sich, da man an ihrer Körpersprache erkennen konnte, daß großes Unheil geschehen werde. Daß der Tanz in dieser Atmosphäre von vornherein verschenkt sein würde, war klar, denn in diesem Schlachthaus konnte keinerlei erotische Stimmung aufkommen. Der Schlußgesang hatte es dann wirklich in sich: mit immer schärferer Tongebung verlieh Salome ihrer Forderung nach dem Kopf des Jochanaan hörbaren Nachdruck, und verfiel wieder in die bereits erwähnte Hysterie, der man nur mit der Erfüllung ihres Wunsches Einhalt gebieten konnte. Während der Schlußszene entwickelte Brenda Roberts‘ Salome sich angesichts des Toten wieder in das kleine unschuldige Mädchen zurück, das sie vielleicht liebend gern geblieben wäre. Aber wenn der Mond die dunkle Szenerie nur knapp erhellt, gewinnen Salomes innere Dämonen wieder Gewalt über sie und sie bejubelt das Geschehene. Diese fulminante Darstellung stand im Einklang mit einer vorzüglichen stimmlichen Leistung, die verstehen läßt, daß Brenda Roberts zu den gefragtesten Salome-Sängerinnen ihrer Zeit zählte.

Drei Strauss-Generationen hier vl Viorica Ursuleac, Astrid Varnay, Brenda Roberts © Brenda Roberts

Drei Strauss-Generationen hier vl Viorica Ursuleac, Astrid Varnay, Brenda Roberts © Brenda Roberts

Nur wenige Wochen später: zweimal Ortrud (Lohengrin) in – ihrer – Hamburger Inszenierung. Während des ersten Aktes, in dem die Ortrud nahezu eine Stunde lang nichts zu singen hat, ist sie aber trotzdem von Beginn an präsent, sie beratschlagt sich mit ihrem Mann, umkreist immer wieder die handelnden Personen, und vermittelt auf diese Weise den Eindruck einer fanatischen, einer getriebenen Frau. Im zweiten Akt wird klar, was diese Ortrud antreibt: es ist das Klammern an die alte Religion, die alten Götter, die für Ortrud noch nichts an Kraft und Glanz verloren haben. Geradezu unheimlich schleudert Brenda Roberts in der Szene mit Telramund das Wort „Gott“ heraus, nachdem totale Stille herrscht, die keinem Gelächter oder ähnlichem geopfert wird. Brenda Roberts steigert sich in dieser Szene hin zu phänomenalen „Entweihten Göttern“, bei denen sie auch durch ihre Körpersprache ausdrückt, daß mit dieser Vertreterin der alten Götter noch zu rechnen sein muß. Vor dem Münster kommt es dann zum Showdown zwischen Ortrud und Elsa, wenn Ortrud ihr weißes Gewand ablegt und ganz in schwarz, der Farbe ihrer Rache, vor dem Volk steht. Und auch die Schlußszene zeigt, daß Ortrud zumindest in einer Hinsicht triumphieren wird, Lohengrin muß seine Ehefrau zurücklassen, und Ortrud giftet ihm ein höhnisches „Fahr‘ heim Du stolzer Helde“ nach. Sie hat zweifelsohne noch viel vor an diesem Hof. Brenda Roberts‘ Ortrud: ein Rollenbild aus einem Guß.

Brenda Roberts‘ Isolde-Debüt ist angesagt, und so treffen sich einige auswärtige Opernfreunde an diesem Sonntag am Staatstheater Mainz. Zwei wichtige Pfeiler einer Tristan-Premiere, nämlich die Inszenierung und die Besetzung des Titelhelden, lagen wie ein Schatten auf dieser Premiere. Das Bühnenbild litt unter erkennbaren Sparzwängen, und so war der Versuch, Arnold Böcklins Toteninsel zum Bühnenbild umzugestalten, sichtbar gescheitert. Zudem paßte in diese marode Kulisse Herbert Becker wie das Tüpfelchen aufs „i“. Ich hatte ihn vor vielen Jahren als Siegfried erlebt, und mein erster Gedanke war, er sieht aus wie der klassische Oberförster. Mit seinen roten Bäckchen und seiner properen Figur paßte er nun gar nicht in den weißen Dandy-Anzug, dessen Jacke er sich entledigte, um sie Brenda Roberts als Sitzunterlage für das Duett anzubieten. Auch stimmlich konnte ich mit seiner Art zu singen nie richtig glücklich werden, zu eigenwillig erscheinen einige Phrasen, zu auffällig wurden an dramaturgisch vertretbaren Plätzen Kräfte gespart. Und zum Schluß noch eines: die ganzen Blumensträuße und Bravo-Rufe für Brenda Roberts waren NICHT von ihr bestellt worden, sondern eine Überraschung für die Sängerin anläßlich ihres Rollendebüts. Auf der Haben-Seite des Abends blieb noch ein kreuzbraver Kurwenal und eine etwas vorsichtige, aber stimmschön agierende Brangäne. Doch das Ereignis des Abends war zweifellos Brenda Roberts als Isolde, die gleich am Premierentag von dieser Rolle Besitz ergriff. Vom ersten „Wer wagt es zu Höhnen“ bis hin zu „Unbewußt, höchste Lust“ zeigt die Stimme alle Facetten, die ihr zur Verfügung stehen und die für diese Rolle auch benötigt werden. Besonders gut gelingt ihr der höhnische, mitunter sogar sarkastische Dialog mit Tristan, herrlich auch, wie eiskalt sie Kurwenal abserviert: „Nicht sollt ich mich bereiten …“. Nach einem prachtvoll gesungenen Finale wurden wir in die erste Pause entlassen. Da das Mainzer Opernhaus darauf bestanden hatte, ausgerechnet an diesem Premierenabend ihr neues Computerkartensystem auszuprobieren, waren viele Leute verspätet oder gar nicht in den ersten Akt gekommen. Der Ärger darüber war fast lauter als die klassischen Pausengespräche über die Musik. Nachdem für den zweiten Akt nun auch alle, die Karten vorbestellt hatten, hinein durften, gab es gleich einen Höhepunkt zu bestaunen: Brenda Roberts schleuderte souverän und wuchtig ihr „Frau Minne sprach, es werde Nacht“ an Brangänes Adresse, so daß alle in Merket-auf-Stellung saßen. Damit begann das lange Duett, von mir als Solo mit Begleitung empfunden. Brenda Roberts sang wunderschön, empfindsam und differenziert, mit topsicherer Tongebung und nie nachlassendem lyrischem Fluß. Wunderbar, wie sie sich nach dem verhaltenen Beginn von „So starben wir“ zu der finalen Passage „Der Liebe nur zu leben“ steigert. Bleibt noch der dritte Akt, für mich eine Stunde  Warten auf Brenda Roberts‘ Auftritt, ein Warten, für das ich mit Isoldes letzten Monologen belohnt wurde. Am Ende „Mild und leise, wie er lächelt“, zärtlich verhalten beginnend, sich prächtig zu einem leuchtenden „Welt-Atem“ erhebend, um im sauber getragenen Piano der „Höchsten Lust“ zu vollenden. Obwohl dieses Rollendebüt schon so viel Definitives aufgezeigt hatte, hat Brenda Roberts für die nächsten Vorstellungen weiter an der Partie gearbeitet und hat immer neue Nuancen herausstellen können (NB: „Ich habe vier der fünf Vorstellungen gesehen).

Samstagmorgen … ein bißchen ausschlafen … das Telefon läutet: „Hier Brenda Roberts, ich gebe heute Abend in Oldenburg mein Kundry-Debüt, ohne Orchesterprobe, nur mit Klavierprobe und kurzer szenischer Einweisung.“ Am Abend klang s aber alles andere als ungeübt. Das Oldenburger Opernhaus hatte eine Besetzung zusammengestellt, die miteinander sang und sich auch Orchester und Chor verlassen konnte. Nachdem Brenda Roberts schon im ersten Akt einige Male hat aufhorchen lassen („Deine Mutter ist TOT“ und „Sind die Tiere hier nicht heilig“), entwickelte sich im zweiten Akt eine spannende Auseinandersetzung zwischen Klingsor und Kundry, bei der sich Kundry sichtbar bemühte, nicht den neuen Anweisungen ihres Bühnenbeherrschers Klingsor folgen zu müssen. Die großen, geradezu expressiven Schreie zeigten auch im Publikum ihre Wirkung, zwei Damen hinter mir waren ganz verblüfft darüber, daß an diesem Abend solch ein ausdrucksstarkes Stück geboten wurde. Dann folgten die 20 Minuten, auf die jedes Parsifal-Publikum lauert: die ausgeweitete Szene zwischen Kundry und Parsifal. Brenda Roberts beginnt ganz schlank auf Linie und bringt den ersten Teil von „Ich sah das Kind an seiner Mutter Brust“ inspiriert, intonationssicher und wortverständlich über die Runden. Noch einmal steigert sie ihr heißblütiges Spiel, wenn sie Christus am Kreuz verlacht. Dann folgt Kundrys finaler Ausbruch, bei dem man merkt, daß sie noch nicht an ihre Grenzen gegangen ist. Der dritte Akt bietet der Kundry nicht mehr als das stöhnende Geräusch und die beiden „dienen“-Rufe. Trotzdem war Brenda Roberts in ihrer Gestaltung durchweg intensiv, und ihre Reaktion auf ihre Mitspieler war von einem tiefen Rollenverständnis geprägt.

Wenn dieser Bericht einen störungslosen Ablauf protokolliert hat, so ist dieses vor allem Brenda Roberts zu verdanken, die sich die heikle Kundry-Partie an diesem Abend ganz zu eigen gemacht hat. Dieses ist nur ein weiteres Beispiel für die Professionalität von Brenda Roberts, mit der sie hier wie auch an verschiedenen anderen Opernhäusern in aller Kürze eine Vorstellung gerettet hat. Das führt uns zwanglos zum nächsten Bericht. Wir sind wieder in Hamburg, es gibt Die Frau ohne Schatten, und die Retterin der Aufführung an diesem Abendheißt Brenda Roberts. Die alte Kurt-Horres-Inszenierung war ein Repertoire-Glanzstück und wurde in der Regel auf Weltklasse-Niveau besetzt. Das war auch an diesem Abend nicht anders, da die fünf Hauptpersonenalle auf Augenhöhe miteinander agieren konnten. Brenda Roberts ist für die Besetzung der Färbersfrau ein Glücksfall. Auf den ersten Blick wirkt sie jung und verletztlich, ist aber in ihrer Ehe zutiefst frustriert, und zwei nach unten gezogene Mundwinkel zeugen von steter Unzufriedenheit. Das ist genau die Färbersfrau, die sich die Amme und die Kaiserin gewünscht haben. Die Färbersfrau scheint ihnen auch auf den Leim zu gehen, wenn sie z.B. Juwelen geschenkt bekommt und scheinbar ganz hilflos fragt, „dies in mein Haar?“, und doch schon sehr genau weiß, daß diese Sachen bald ihr gehören werden. Daß die junge Frau im ersten Akt aber noch nicht alle moralischen Maßstäbe über Bord geworfen hat, erkennt man an ihren Ängsten, wenn sie glaubt, die Stimmen der ungeborenen Kinder zu hören. Auch im zweiten Akt bleibt sie hinter den „Erwartungen“ der Amme zurück. Sie will sich nicht mit dem nackten Jüngling, vom Markt in ihre Stube gezaubert, einlassen, und so kommt es zu keiner Minute zu dem Ehebruch, den die Färberin später ihrem Mann fälschlich gesteht. Diese im wahrsten Sinne des Wortes hochdramatische Handlung fordert auch einen beinharten hochdramatischen Sopran. Mit Brenda Roberts steht ein Färbersfrau auf der Bühne, die den von Richard Strauss entfachten Klangwogen stets noch etwas entgegenzusetzen hat. Großer Jubel am Ende des zweiten Aktes. Der dritte Akt bietet die vielleicht schönste Musik, die Richard Strauss jemals komponiert hat. Ganz aufgehen kann man in dem Auftaktsduett, in dem Barak und seine Frau langsam wieder zueinander finden. Färbersfrauen, die sich am Ende des zweiten Aktes verschrien haben, haben natürlich ihre Probleme mit dem lyrischen Fluß des Duetts, aber dies bereitete Benda Roberts keinerlei Probleme und sie sang sieghaft ihren nächsten Höhenanforderungen entgegen. Wenn dann im Finale die beiden Paare endlich wieder zueinander gefunden haben, bietet das abschließende Quartett den Protagonisten noch einmal die Gelegenheit, ihre Stimmstärken in die Waage zu werfen. Ein mehrfaches hohes „C“ beendete dann eine Vorstellung auf allerhöchstem Niveau. Das Publikum liebte seine Färberin und feierte die Aufführung ausgelassen.

Brenda Roberts als Färberin in Frau ohne Schatten an der MET © Brenda Roberts

Brenda Roberts als Färberin in Frau ohne Schatten an der MET © Brenda Roberts

Als letztes habe ich die Sommerfestspiele in Bad Hersfeld ausgesucht: Zwei Sommer lang Fidelio mit Brenda Roberts in der Titelrolle. Die Stiftsruine bildet einen idealen Platz für die Darstellung dramatischen Geschehens. Es war wahrlich beeindruckend, wie nach der Rückkehr der Gefangenen in ihre Kerkerauch das natürliche Tageslicht sich für diese Nacht zurückzog. Die Festspielintendanz hatte ein hoch motiviertes Team an die zum Teil recht schwierigen Partien herangeführt, und man konnte in den Tagen bis zur Premiere sehen, wie die Aufführung reifte. Bei der Premiere zeigten sich alle in Bombenform. Brenda Roberts‘ kräftige Stimme fand sich in der ungewohnten Akustik schnell zurecht und sie konnte ihre Leistung im ersten Akt mit einem grandiosen „Abscheulicher, wo eilst du hin“ krönen. Es war eine Freude, wie die Koloraturen aufeinander perlten, bis Brenda Roberts dann im Finale der Arie zeigte, daß sie eine echte Hochdramatische ist. Mit dem nötigen Metall in der Stimme ging es weiter zum jubelnden „Noch heute, noch heute“. Pausenlos ging es in den zweiten Akt, wo sich Brenda Roberts kämpferisch zeigte, um ihrem Bühnengatten unter Einsatz ihres eigenen Lebens die Freiheit zu ermöglichen. Das Duett nach der befreienden Nachricht des Ministers verdient ein Extra-Lob. Insgesamt eine würdige Aufführung für diesen eindrucksvollen Festspielort. Brenda Roberts erhielt übrigens den „Kulturpreis der Stadt Bad Hersfeld“ für ihre Leistung.

Der zeitliche Rahmen des geschilderten verteilt sich auf ca. 10 Jahre, die nicht ganz so typischen Roberts-Partien (Turandot, Lady Billows, Tosca, Ariadne) verdienen vielleicht einen Folgebericht. Vielen Dank an Brenda Roberts für ihre Mithilfe.

Wien, Theater an der Wien, Raimund Theater, Ronacher, Stefan Herheim, IOCO Aktuell, 06.01.2018

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Theater an der Wien

Theater an der Wien / Linke Wienzeile © IOCO

Theater an der Wien / Linke Wienzeile © IOCO

Theater an der Wien – Raimund Theater – Ronacher

Weltruf Wiens als Musikstadt soll langfristig gesichert werden

Die Vereinigten Bühnen Wien (VBW), welche das Theater an der Wien, das Raimund Theater und das Ronacher lenkt, haben langfristig zentrale Personalentscheidungen getroffen. Ein innovatives Bespielungskonzept des Opernhauses und Kontinuität der national wie international erfolgreichen Musicalsparte soll den Ruf Wiens als Musikstadt langfristig sichern.

Drei geschichtsträchtige Häuser,  das Theater an der Wien, das Raimund Theater und das Ronacher, mit einem gemeinsamen Konzept: dass Musiktheater ein bereicherndes Erlebnis darstellen muss. Bereichernd für das Publikum, mit seinen ganz besonderen Erwartungen. Bereichernd für das regionale und überregionale Wirtschaftsleben. Und bereichernd für die kulturelle Identität Wiens und ihre Botschaft nach außen. Die gefeierten Produktionen haben speziell in den letzten Jahren eine Strahlkraft erreicht, die über die Grenzen Österreichs hinausgeht. Dazu braucht es neben großartigen Stoffen und genialen Künstlern vor allem Ideenreichtum und Mut zur Spezialisierung.

Das THEATER AN DER WIEN war noch bis 2005 ganz dem Musical gewidmet. Mit dem Mozartjahr 2006 wurde es wieder seiner ursprünglichen Bestimmung als Opernhaus rückgeführt. Als Stagione-Opernhaus des 21. Jahrhunderts gibt das THEATER AN DER WIEN die Richtung für ein außergewöhnliches Programm vor: Ein Konzept aus Opern vom Barock bis zur Moderne, das im europäischen Raum richtungsweisend ist. Parallel dazu bieten das ehrwürdige RAIMUND THEATER und das 2008 nach einer umfassenden Funktionssanierung wiedereröffnete RONACHER den glamourösen Rahmen für den Publikumsmagneten Musical.

  Stefan Herheim – Theater an der Wien / Christian Struppeck –  Musical

Theater an der Wien / Stefan Herheim © Karl Forster

Theater an der Wien / Stefan Herheim © Karl Forster

Der norwegische Opernregisseur Stefan Herheim wird ab der Saison 2022/23 die Intendanz des Theater an der Wien übernehmen. Intendant Roland Geyer wird das Stagione-Opernhaus bis zum Zeitpunkt der Übergabe weiterführen. VBW-Musicalintendant Christian Struppeck wird für weitere fünf Jahre ab der Saison 2020/21 verlängert.

Zukünftige künstlerische Leitung steht für Erneuerung und Kontinuität

„Die zukünftige künstlerische Leitung der VBW steht für Erneuerung und Kontinuität. Ich freue mich, dass mit Stefan Herheim einer der erfolgreichsten Opernregisseure der Welt für das Theater an der Wien gewonnen werden konnte. Er ist ein von der Oper Besessener, einer der das Gesamtkunstwerk Oper entfalten kann. Das erfahrene Wiener Opernpublikum hat niemand geringeren verdient, als einen Menschen, der sich Ort und Genre vollkommen verpflichtet. Wie kein anderer schafft Herheim die heikle Gratwanderung zwischen der Erfüllung musikalischer Ansprüche auf höchstem Niveau und der Öffnung der Gattung für neue Generationen“, freut sich Wiens Kulturstadtrat. „Besonders freut es mich auch, dass Roland Geyer, der für den heutigen Erfolg des Theater an der Wien verantwortlich ist, für zwei weitere Jahre als Intendant zur Verfügung steht, ehe Herheim übernimmt. Musiktheater in Wien genießt national wie auch international höchste Reputation. Mit Christian Struppeck schreiben wir die Erfolgsgeschichte Musicalstadt Wien weiter und freuen uns, einen empathischen Kenner der Branche für weitere fünf Jahre im Raimund Theater und dem Ronacher halten zu können. Ihm ist eines der erfolgreichsten Jahre in der Geschichte des Musicals zu verdanken“, sagt Andreas Mailath-Pokorny. Wiens Wirtschaftsstadträtin Renate Brauner, die auch für die Wien Holding verantwortlich ist, freut sich ganz besonders, dass „mit der Bestellung von Stefan Herheim und der Verlängerung von Christian Struppeck zwei erstklassige Intendanten zur Verfügung stehen, die für unsere Häuser sowohl die herausragende künstlerische Qualität wie auch die wirtschaftliche Stabilität sichern. Ich bin überzeugt, dass beide Intendanten dazu beitragen werden, den Weltruf Wiens als Musikstadt zu untermauern“, so Brauner.

Theater an der Wien / Der spektakuläre Zuschauerraum © Peter M. Mayr

Theater an der Wien / Der spektakuläre Zuschauerraum © Peter M. Mayr

Stefan Herheim: Weltweit gefragter Opernregisseur übernimmt Opernintendanz

Mit Stefan Herheim übernimmt ab der Saison 2022/23 einer der weltweit gefragtesten Opernregisseure unserer Zeit das Theater an der Wien. Der aus Oslo stammende, ursprünglich ausgebildete Cellist, inszeniert regelmäßig an Europas größten Opernhäusern. Sein Repertoire spannt sich von der barocken Oper bis hin zum zeitgenössischen Musiktheater.   Stefan Herheim zu seiner Bestellung: „Oper ist mein Leben. Das Theater an der Wien bietet eine einmalige Werkstätte zur Entfaltung des Gesamtkunstwerkes Musiktheater. Mit großer Freude nehme ich mir die Verantwortung zu Herzen, um an diesem geschichtsträchtigen und zugleich jüngstem Wiener Opernhaus zu wirken. Es wird mein zukünftiger Lebensmittelpunkt. Es gilt, die Sinnsuche fortzusetzen, die Publikum und Künstlern jene Heimat bietet, aus der alte Welten neu betrachtet sowie neue Welten offen und mit allen Sinnen zu erkunden sind. In einer sich immer schneller und wilder drehenden Welt kommt der künstlerischen Heimat in lokaler, sozialer und kultureller Dimension eine besondere Bedeutung zu.“

Weltruf Wiens als Musikstadt soll langfristig gesichert werden

Herheim weiter: „Das unter Roland Geyer etablierte internationale Renommee des Hauses bietet wunderbare Voraussetzungen, um dieses Theater als Kulturbrücke zwischen Wien und der Welt, zwischen Kunstideal und Realitätswachen, zwischen unterschiedlichsten Menschen zu spannen. Die Bühnenbretter des Theater an der Wien gehören zu den fruchtbarsten kulturellen Äckern Europas, auf dem sich die prächtigsten Früchte ernten lassen. Der Samen dafür ist ein Grundvertrauen in die künstlerische Integrität. Oper ist mein Leben“, so der designierte Opernintendant Stefan Herheim.

Auch Roland Geyer, der amtierende Intendant der Opernsparte der VBW, gratuliert Stefan Herheim zur Bestellung: „Ich kenne und schätze Stefan Herheim schon seit Jahren und freue mich sehr, dass ich – bis Stefan Herheim die Geschicke des Hauses übernimmt – weiterhin das Profil des Theater an der Wien schärfen und das Opernhaus weiterführen kann. Mein Dank gilt der Stadt Wien und Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny für ihr Vertrauen in das Theater an der Wien und ich gratuliere zu der Entscheidung, einen renommierten, leidenschaftlichen Theatermann wie Stefan Herheim die Erfolgsgeschichte des Theater an der Wien weiterschreiben zu lassen.“

Das Theater an der Wien hat sich unter der Ära von Roland Geyer mit dem Fokus auf die Barockoper sowie die Oper des 20./21. Jahrhunderts als international führendes Stagione-Haus etabliert, wurde mehrfach im Ranking der International Opera Awards gewürdigt sowie im Jahr 2016 mit einem Opera Award für die weltbeste Neuproduktion des Jahres (Peter Grimes) in London ausgezeichnet. Auch die Wiener Kammeroper, die seit der Spielzeit 2012/13 vom Theater an der Wien bespielt wird, ist unter  Geyers Intendanz mit der Gründung eines jungen Sängerensembles, das alle zwei Jahre neu ausgewählt wird, in der Wiener Opernlandschaft erfolgreich positioniert.

Theater an der Wien / Christian Struppeck © VBW Johannes Ifkovits

Theater an der Wien / Christian Struppeck © VBW Johannes Ifkovits

Christian Struppeck: Internationaler Musicalprofi als Musicalintendant verlängert

Die Intendanz der beiden Musicalhäuser der VBW – Raimund Theater und Ronacher – bleibt weiterhin unter der Führung von Christian Struppeck. Aktuell konnten die VBW durch die Programmierung von Struppeck bei ihrem Saisonstart mit der Weltpremiere von I Am From Austria und der Wiederaufnahme von Tanz der Vampire anlässlich des 20-jährigen Jubiläums einen noch nie da gewesenen Rekord-Ticketverkauf verzeichnen. I Am From Austria wird aufgrund dieses großen Erfolges um eine Saison verlängert. Struppeck führt die Musicalsparte der VBW seit 2012. Er setzte in seiner Programmierung auf einen erfolgreichen Mix aus internationalen Welthits wie Mary Poppins, Evita oder Mamma Mia! und selbst kreierten Eigenproduktionen. Musicals wie I Am From Austria, Der Besuch der alten Dame, Don Camillo und Peppone oder Schikaneder wurden von ihm eigens für die VBW entwickelt. Auch international hat Christian Struppeck viele Produktionen wie Der Besuch der alten Dame, Tanz der Vampire, Elisabeth oder Rebecca erfolgreich lizensiert und erstmals mit Elisabeth ein VBW-Musical nach China gebracht, gefolgt von der Neuinszenierung von Mozart! aus dem Raimund Theater, die auch gerade erfolgreich in Belgien Premiere feierte. Im Rahmen seiner Arbeit holte Struppeck internationale erstklassige Top-Kreative nach Wien. Unter seiner bisherigen Intendanz entstanden insgesamt mehr Eigenproduktionen als früher in einem vergleichbaren Zeitraum. „Dass ich weiterhin die Intendanz von Raimund Theater und Ronacher übernehmen darf, erfüllt mich mit großer Freude. Ich möchte für unser Publikum und unsere Stadt weiterhin international bekannte Musicalhits nach Wien holen sowie eigens für Wien entwickelte Originalproduktionen präsentieren. Ich danke der Stadt Wien für ihr Vertrauen und freue mich sehr, die VBW-Musicalsparte durch meine Arbeit und mein Wirken weiter erfolgreich in die Zukunft zu führen“, so Musicalintendant Christian Struppeck.

Schlagkräftiges Führungsteam für die Zukunft der Vereinigten Bühnen Wien

„Wir haben mit größter Sorgfalt und in ausführlichen Gesprächen mit den zahlreichen, sehr hochkarätigen Kandidatinnen und Kandidaten und gemeinsam mit unseren Eigentümervertretern und der Stadt Wien die beste Wahl für die Besetzung der Intendanzen der VBW Opern- und Musicalsparte getroffen. Im Musical setzen wir mit der Verlängerung von Intendant Christian Struppeck auf Kontinuität, um den Erfolgskurs mit einem Programmierungsmix aus internationalen Musicalhits und unseren erstklassigen Eigenproduktionen in Wien sowie in der weltweiten Vermarktung weiter zu verfolgen. In der Sparte Oper hat Roland Geyer ein beeindruckendes Fundament geschaffen und dem Theater an der Wien als Opernhaus zu Weltruhm verholfen. In Stefan Herheim haben wir einen innovativen Theatermacher gefunden, der der einzigartigen Positionierung des Hauses an der Wien gerecht wird“, so VBW-Geschäftsführer Franz Patay.

„Mit der Bestellung von Stefan Herheim, der Verlängerung von Christian Struppeck und mit Franz Patay als Geschäftsführer der VBW haben wir nun ein starkes und schlagkräftiges Team für die erfolgreiche Zukunft der VBW gebildet. Gemeinsam werden wir den national und international höchst erfolgreichen Weg der VBW fortsetzen, auch mit ganz besonderem Fokus auf die internationale Vermarktung in beiden Sparten“, so Wien Holding-Geschäftsführer Peter Hanke. PMVBW

Wuppertal, Wuppertaler Sinfoniker, Neujahrskonzert – Von Babelsberg bis Beverly Hills, IOCO Kritik, 05.01.2018

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Wuppertaler Bühnen

 

Historische Stadthalle Wuppertal © Lars Langemeier

Historische Stadthalle Wuppertal © Lars Langemeier

 Neujahrskonzert 2018 –  Julia Jones + Wuppertaler Sinfoniker

 Von Babelsberg bis Beverly Hills

Von Viktor Jarosch

Die  Historische Stadthalle, zur Blütezeit Wuppertal-Elberfeld in 1900 erbaut, ist  eine wenig bekannte doch spektakuläre Rarität: Im Stil der Neorenaissance italienischer Prägung, mit großer Orgel, Orchesternische von 190m²  und 1.550 Plätzen vermittelt es seinen Besuchern besonderes: Optisches wie akustisches Wohlempfinden. Als Konzerthaus setzt es kulturelle Maßstäbe in ganz Europa. Am 1. Januar führte es seine Besucher mit frivoler wie schmissiger Musik in das neue Jahr 2018.

Von Babelsberg bis Beverly Hills

Sinfonieorchester Wuppertal / GMD Julia Jones © Dirk Sengetta

Sinfonieorchester Wuppertal / GMD Julia Jones © Dirk Sengetta

Oberbürgermeister Andreas Mucke stellte in der ausverkauften Stadthalle zunächst Nähe her, zwischen der Verwaltung und Bürgern Wuppertals, indem er die Besucher launisch wohlgemut auf 2018 einstimmte. Doch dann übernahmen zwei Frauen, Wuppertals Generalmusikdirektorin Julia Jones und Starsopranistin Angela Denoke, das Zepter. Sie stellten gemeinsam das Programm Von Babelsberg bis Beverly Hills vor und gestalteten mit dem Sinfonieorchester Wuppertal ein starkes Neujahrskonzert 2018. Sie schufen vor den ersten Ton einen optisch wohltuenden Gegensatz zum berühmten morgendlichen Neujahrskonzert im Wiener Musikverein: Dort, zum Wiener Neujahrskonzert hat nie eine Frau dirigiert; auch gab es im 140-Mann-Orchester der Wiener Philharmoniker bis 1997 keine Frau, nicht eine! Die schrägste, etwas unernste Begründung damals:Frauen können die Geige nicht so lang halten wie Männer“. Inzwischen verlieren sich einige wenige Frauen unter den Wiener Philharmonikern.

Dies Bild aus Wien im Hinterkopf fühlten wir uns mit dem Sinfonieorchester Wuppertal in der Historischen Stadthalle umso wohler. Julia Jones und das Sinfonieorchester Wuppertal begannen mit schmissigen Tönen aus George Gershwins Musical Girl Crazy, einem Medley, der die Besucher schmissig auf Musik der 30er Jahre und 2018 einstimmte.

Sinfonieorchester Wuppertal © Dirk Sengotta

Sinfonieorchester Wuppertal © Dirk Sengotta

Angela Denoke, Star dieses Neujahrskonzertes, ist etablierter Superstar der klassischen Musik. Doch sie kennt sich auch mit Schlagern gut aus: Vor 40 Jahren tingelte sie mit der Kapelle ihres Vater durch die Gasthöfe Stades, machte Tanzmusik. Heute kann sich Denoke große Partien, Salome, Sieglinde, Kundry, Elsa und andere aussuchen; singt auf den großen Opernbühnen der Welt: Scala, Wiener Staatsoper, Salzburger Festspiele, Covent Garden in London, Chicago. Unser besonderes Kompliment gilt so Julia Jones, der es gelang Angela Denoke für das spannende Neujahrskonzert nach Wuppertal zu holen.

Sinfonieorchester Wuppertal hier mit Julia Jones und Angela Denoke © IOCO

Sinfonieorchester Wuppertal hier mit Julia Jones und Angela Denoke © IOCO

From Babelsberg to Beverly Hills, das von Angela Denoke und Pianist wie Arrangeur Tal Balshai entwickelte Programm enthält zumeist burleske Schlager- und Revuemusik, aufreizend sanft feminin lasziv, meist von Berliner Komponisten der 1930er Jahre, von Tal Balshai für das Wuppertaler große Orchester arrangiert. Angela Denoke, „Diese Lieder waren mir immer im Ohr…. In London oft als Zugabe… Seither entwickle ich mit Tal (Balshai) immer wieder neue Programme zu diesem Thema“, war „Hauptdarsteller“ des Abends: Wie sie in ihren Opern darstellerisch präsent sein muss, war in den Liedern immer spürbar, das Denoke sie schauspielerisch erfüllen wollte. In elegantem Abendkleid anregend mitnehmend, nutzte sie einzelne Orchestermusiker liebenswert als Darstellungsobjekt („Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“, „Sprechen die Männer von Treue, lächle ich immer vor mich hin“  und „Ich weiß nicht, zu wem ich gehöre“ von Friedrich Hollaender oder „Warum soll eine Frau kein Verhältnis haben“ und „Jede Frau hat irgendeine Sehnsucht“ von Oscar Strauss) verleiteten zum Schmunzeln und zum Lachen. So auch die Lieder von Werner Richard Heymann, Heut gefall‘ ich mir.und wenn man mir das ansieht… kann ich nichts dafür…“, „Irgendwo auf der Welt…“, früher von Hildegard Knef nun von Angela Denoke leidenschaftlich gesungen. Mit dem wehmütigen  Lied von Robert Stolz „Frag nicht, warum ich gehe,…“, schloss Angela Denoke offiziell das Neujahrskonzert 2018 in der Historischen Stadthalle Wuppertal.

Wuppertal / Die Historische Stadthalle hier die Wuppertaler Sinfoniker und Angela Denoke © IOCO

Wuppertal / Die Historische Stadthalle hier die Wuppertaler Sinfoniker, Julia Jones und Angela Denoke © IOCO

Die Begeisterung des Publikums für Von Babelsberg bis Beverly Hills, für die Wuppertaler Sinfoniker, für  Angela Denoke, für Julia Roberts führte zu drei wunderbaren Zugaben und blendender Stimmung auf dem Nachhauseweg!

 

Lübeck, Theater Lübeck, Musical-Star Gitte Haenning im Gespräch, IOCO Aktuell, 30.12.2017

Dezember 30, 2017 by  
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Theater Lübeck

Theater Lübeck © Olaf Malzahn

Theater Lübeck © Olaf Malzahn

 Gitte Haenning  „JAZZ IST MEINE GROSSE AFFINITÄT“

Gitte Haenning ist Norma Desmond, Hauptdarstellerin, in Sunset Boulevard, dem Musical von Andrew Lloyd Webber. Rolf Brunckhorst (RB) sprach mit dem populären Musical-Star im Theater Lübeck

Gleich zu Beginn spricht Gitte über das Theater, zitiert Brecht und Schiller, die das Theater als Lehranstalt verstanden. „Wenn man es im Theater schafft, dann schafft man es auch besser im Leben. Shakespeare hat gesagt: „The world is a stage and the stage is the world“. Das Theater kann allerdings auch böse, unangenehm, psychopathisch und pervers sein. Ich gehe gern ins Theater, bin aber kein Fan von modernem Regietheater, wobei ich hier in Deutschland gutes Regietheater erleben kann. Manchmal fliege ich nach Kopenhagen, um zu sehen, wie dort der Stand ist;  z.B. habe ich dort vor vier Jahren einen Hamlet gesehen, der sehr gelobt wurde, aber ich fand es schlecht, es gab darin gute Protagonisten, aber der Hamlet war schlecht und die Mutter war auch schlecht. Ich versuche, den Stand in Deutschland und Dänemark zu vergleichen, deshalb sah ich mir in Kopenhagen auch den Woyzeck an, ein Freund spielte mit und war sehr unzufrieden mit dem Regisseur, der schlecht gelaunt und noch im Jet-lag war, von unten ins Mikrofon rülpste und nicht bereit war, mit den Schauspielern über das Regiekonzept zu diskutieren, er war der Ansicht, ‘die Schauspieler haben das zu tun was ich sage‘. Und das ist eben die harte Seite des Berufs. Das Theater kann eine Heilanstalt sein, aber auch eine Irrenanstalt, es zeigt das Leben.“

Sunset Boulevard am Theater Lübeck – Mit Gitte Haenning

Gitte führt eine Mitarbeiterin im Theater an, die erzählte, jeden Abend ins Theater gehen zu müssen, ohne das Theater nicht leben zu können. Rolf Brunckhorst führte ein weiteres Beispiel für die soziale Verantwortung des Theaters an: Viele Opernfans, die vor Jahren noch an der Theaterkasse stundenlang Schlange standen, um Premierenkarten zu bekommen, sind nun frustriert, weil es die meisten Karten nun online zu kaufen gilt, und online kann man keine Menschen treffen. Nach einleitenden Gedanken kam das Gespräch auf die aktuelle Internet-Kultur. Gitte steht dieser ganzen Internet-Kultur skeptisch gegenüber, sie nutzt z.B. Facebook nicht selbst, das machen andere für sie, aber sie ist dennoch erstaunt über die Möglichkeiten, die das Internet bietet.

Nun wenden wir uns dem eigentlichen Anlaß unseres Gespräches zu, ihrer Rolle der Norma Desmond. „Ich habe sofort Nein gesagt, als das Angebot kam. Ich habe Schwierigkeiten, deutsche Texte zu lernen und sagte ihnen, sie seien nicht gut bedient mit mir. In meinen eigenen Konzerten habe ich Textbücher, und hier in Lübeck sagten sie, sie würden mir Monitore aufstellen, und das haben sie dann auch gemacht. Ich dachte, okay, let’s give it a try, denn das Theater ist ja eine Lehranstalt, und ich trage ein großes Drama in mir, ähnlich wie meine Schwester, und auch meine Mutter wäre eine großartige Schauspielerin gewesen, aber sie hat sich geopfert für die Familie. Mein Vater fühlte sich berufen, Liedermacher zu werden, er war eigentlich Silberschmied. Ich selbst wurde in die Musikbranche fast hineingezwungen, daher habe ich eine etwas ambivalente Auffassung vom Showbusiness. Ich bin eigentlich eher introvertiert, scheu, und ich muß längeren Zulauf haben, ich bin nicht jemand, der sich hinstellt und sofort sagt: „Yes“. Aber Lübeck hatte mich angesprochen, sie wollten unbedingt mich“. Rolf Brunckhorst erinnert sich, wie sehr er sich gefreut hatte, als er von dieser Besetzung erfuhr: Sunset Boulevard und dann noch mit Gitte !

 Gitte Haenning im Gespraech mit Rolf Brunckhorst © Patrik Klein

Gitte Haenning im Gespraech mit Rolf Brunckhorst © Patrik Klein

Gitte zu Sunset Boulevard: Es ist ein gelungenes Webber-Musical, ich bin eigentlich kein Fan von Webber, aber ich mag Jesus Christ Superstar, Cats und eben auch dieses. Ich hatte Tell me on a Sunday gemacht und dafür sogar einen Preis bekommen, danach mochte ich es auch, aber am Anfang fand ich es nicht so toll. Ich mag Stephen Sondheim lieber, z.B. Gypsy oder Sunday in the Park with George. Sondheim schreibt Musik und Libretto, beides, und es ist rund für mich. Hier bei Lloyd-Webber ist es selten rund, furchtbar eckig, nicht sehr jazzy, aber ab und zu gibt es ein paar jazzige Einlagen, z.B. bei Betty Schafers kleinem Solo im 1. Akt“. RB ergänzt, daß wohl die gesamte Filmmusik durch den Jazz geprägt sei, worauf Gitte erwidert: „Ohne Jazz geht gar nichts, Jazz ist meine große Affinität. Ich hatte so viele Jazz-Erlebnisse als Teenager in Kopenhagen mit großen Jazz-Musikern. Bei seinem eigenen Musikgeschmack muß man seinem Herzen oder seinem Bauch folgen.“ Aber zurück zu Lloyd-Webber: „ Wie gesagt hatte ich einen Preis bekommen für „Bleib noch bis zum Sonntag“, und er wollte, daß ich dieses Stück überall in Europa mache, z.B. auch in Amsterdam und in Skandinavien. Ich hatte Lloyd-Webber in meiner Fernsehshow und er machte wieder einen Anlauf, mich für dieses Projekt zu gewinnen, aber ich hatte den Eindruck, daß er das Musical noch gar nicht fertig geschrieben hatte. Jedenfalls hatte er für seinen Bruder im ersten Akt ein langes Cello-Solo komponiert und ich hatte keine Lust, so lange auf meinen Auftritt zu warten, und am Ende sollte ich noch ein Duett mit seinem Bruder singen. Ich hatte keine Lust und habe dann Angelika Milster dafür empfohlen (sie lacht), die übrigens auch die Norma Desmond singt, in Gera.“

Auf die Frage nach Zukunftsplänen antwortet Gitte:  „Ich bin mit meiner Band ausgebucht, aber ich habe die Vision von einem Musical sowohl für Kinder als auch für Erwachsene, meine Freunde Rolf Kühn und Katrin Briegel schreiben es und es wäre eine tolle Rolle für mich.“ RB  schlägt als weitere mögliche Rolle für Gitte die Schankwirtin in Le Misérables vor: „Nein, das mag ich nicht, das ist mir zu sentimental. Mein Schwager ist auch ganz begeistert von Les Misérables, aber er ist ein alter Kommunist gewesen und er hat diese romantischen Träume von arm und reich. Nein, für mich wäre das nichts, aber ich kenne andere süße Schauspielerinnen, die in dieser Rolle Erfolg haben würden“.

Theater Lübeck / Sunset Boulevard - hier Schlussapplaus mit Gitte Haenning © Patrik Klein

Theater Lübeck / Sunset Boulevard – hier Schlussapplaus mit Gitte Haenning © Patrik Klein

Auf die Frage, ob es möglicherweise ein weiteres Angebot aus Lübeck gäbe, antwortet Gitte: „Nein, darüber habe ich auch noch nicht nachgedacht, und anderes ist mir im Moment wichtiger, und ich denke auch, wichtig ist es, daß „Sunset Boulevard“ hier weiterhin ein Erfolg ist mit sehr viel Qualität. Das Ensemble hier ist wunderbar und ich habe mich sofort wohl gefühlt mit diesen Kollegen, mit Steffen Kubach habe ich mich von Beginn an gut verstanden, und er ist bezaubernd  in seiner Rolle. Rasmus Borkowski und ich haben sehr viel Spaß, er ist ein wunderbar authentischer Darsteller mit so viel Wärme. Und er will vor allem kein typisches Musical-Produkt sein, er nimmt die Schauspielerei sehr ernst.“ R.B.  unterbricht und sagt: „Das habe ich gemerkt, als er zu Norma sagt: Ich wollte Dir nie weh tun.“ Gitte fährt fort: „Ja, wir haben bei den Proben oft zu ihm gesagt, Du mußt etwas böser werden. Er sieht so liebend aus mit so viel Tiefe“. „Es ist ein Abgrund für ihn, einerseits so fies zu sein, aber doch nicht allzu fies.“ Gitte: „Genau das ist es, das macht er gut, das kriegt er alles hin, und es freut mich sehr, daß Sie das sagen. – Ich werde hier getragen vom Chor, der Chor zeigt  viel Herzenswärme, auch die Arbeiter auf den Bühne geben alles für mich, das ist ein gutes Gefühl für mich und das gibt mir Kraft“.

Das Gespräch wendet sich anderen Rollen zu: Gitte berichtet von ihrer Papagena in Mozarts „Zauberflöte“ in Berlin, die für sie transponiert worden ist, obwohl es nach Aussage der anderen Solisten gar nicht nötig war. Und dann noch von Offenbach Orpheus in der Unterwelt, in der sie die Rolle der Juno mit René Kollo in Trier sang.

„Ich bin ohnehin kein großer Opernfan, ich habe Wagner-mäßig viel von Harry Kupfer in Berlin  gesehen, aber da meiste fand ich furchtbar und ich habe sehr gelitten. Als Dänin wollte ich wissen, wie es ist mit der deutschen Kultur, und wann immer ich Zeit hatte, bin ich in die Oper gegangen. So habe ich in Hamburg „Tristan und Isolde“ gesehen und habe auch wieder sehr gelitten. Ein anderes Mal sah ich „Tristan und Isolde“ in einer Inszenierung von Götz Friedrich und das war toll, das Bühnenbild war nur blauer Himmel und ein Berg, es war eine wunderbare Atmosphäre, da kommt die eigene Phantasie ins Spiel.  Aber René Kollo, den habe ich gemocht, er war hervorragend als Wagner-Sänger, er liebt Wagner, aber ich verstehe einfach nicht, wie man Wagner lieben kann (sie lacht). Meine Eltern hatten damals versucht, mich an die Oper heranzuführen, aber es hat nicht geklappt, ich dafür viel zu unruhig, ich war immer mehr für Jazz.“

An dieser Stelle unterbricht uns die Kantinenwirtin, und weist auf die fortgeschrittene Uhrzeit hin. Wir fügen uns, beenden das Interview. Vielen Dank, Gitte, für dieses intensive Gespräch.

Das Gespräch fürhte Rolf Brunckhorst

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