Dortmund, Theater Dortmund, Premiere MATTHÄUS-PASSION – St. Reinoldi Kirche , 30.03.2017

März 28, 2017 by  
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Theater Dortmund

Opernhaus Dortmund © Theater Dortmund

Opernhaus Dortmund © Theater Dortmund

„Die Seele tanzt“

MATTHÄUS-PASSION von Johann Sebastian Bach

In der St. Reinoldi Kirche – Dortmund

Am Donnerstag, 30. März 2017, findet um 19.30 Uhr die Premiere von Johann Sebastian Bachs MATTHÄUS-PASSION in der St. Reinoldi Kirche Dortmund statt. Die Besonderheit der Kooperation des Ballett Dortmund mit dem Dortmunder Bachchor besteht darin, dass Bachs Musik hier um das theatrale Element des Tanzes ergänzt wird. Die eigens erarbeitete Choreographie von Ballettdirektor Xin Peng Wang nimmt sich in besonderer Weise der Arien und rahmenden Chöre an. Hatte. Interpretiert man, wie der Dortmunder Ballettdirektor, Bachs Musik jedoch als einen Tanz der Seelen, wird die Kraft der Musik durch den darstellerischen Ausdruck kongenial verstärkt und das, da Bach sich doch Zeit seines Lebens vom Theater ferngehalten hatte. Die musikalische Leitung hat Reinoldi-Kantor Klaus Eldert Müller.

Johann Sebastian Bach Denkmal © Hartmut Gallee

Johann Sebastian Bach Denkmal © Hartmut Gallee

Johann Sebastian Bach führte die von ihm komponierte Matthäus-Passion zum ersten Mal im Nachmittagsgottesdienst am Karfreitag 1729 in der Leipziger Thomaskirche auf. Als textliche Grundlage dienten Bach die Kapitel 26 und 27 des Matthäusevangeliums in der Übersetzung Martin Luthers. Der Librettist C. F. Henrici, genannt Picander, ergänzte die Bibelverse durch kommentierende und betrachtende Rezitative, Arien und Chöre. An entscheidenden Stellen hat Bach selbst Strophen aus bekannten Passionschorälen eingefügt. Musikalisch hebt sich die MATTHÄUS-PASSION vor allem durch die konsequent durchgeführte Doppelchörigkeit von allen anderen Werken dieser Gattung ab. Die eigens erarbeitete Choreographie von Ballettdirektor Xin Peng Wang nimmt sich in besonderer Weise der Arien und rahmenden Chöre an.

„Bach“, gesteht Dortmunds Ballettdirektor Xin Peng Wang, „beschäftigte mich bereits sehr lange. Es ist nicht so einfach, mit dieser Musik umzugehen. Sie lässt sich nicht einfach in Choreographie übertragen. Man muss zuerst ihr Wesen erkennen. Bach hat im Unterschied zu seinen Zeitgenossen nicht explizit für den damals ausschließlich höfischen Tanzbedarf geschrieben. Selbst wenn er in seinen Suiten Sätze mit tänzerischen Bezeichnungen versieht, so ist das lediglich eine formale Angelegenheit. Aber Bach hat Musik für den Tanz der Seelen geschrieben.“

In der MATTHÄUS-PASSION zeigt Bach den Menschen Jesus Christus, dessen Ansichten auf Widerstand bei den Machthabern stoßen. Bach lässt Christus´ Angst miterleben, die Hoffnungslosigkeit, den Schmerz, auch das Gefühl von Verlassenheit in der Stunde des Todes. Er beleuchtet Jesus aber nicht nur von innen heraus, er wirft aus verschiedenen Perspektiven Blicke auf ihn. Er lässt Anteilnahme an seinem Schicksal bekunden, aber auch blankes Unverständnis, Hass und Verachtung gegen ihn laut werden. Er gibt den Anhängern wie den Gegnern eine Stimme. Es gibt nahezu schizophrene Passagen, in denen der Chor zugleich für und wider Jesus spricht. Die Menschheit ist zerrissen. Sie spürt, dass der Weg, den Jesus einschlägt, der richtige ist, aber sie zögert, den ersten Schritt zu tun. PMThDo

Infos und Karten unter 0231/55 57 91 11 oder www.dortmunder-bachchor.de

 

Linz, Landestheater Linz, Ballettpremiere DAS, WAS BLEIBT, 01.04.2017

März 28, 2017 by  
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Landestheater Linz

Landestheater Linz / Neues Musiktheater Volksgarten © Sigrid Rauchdobler

Landestheater Linz / Neues Musiktheater Volksgarten © Sigrid Rauchdobler

„DAS, WAS BLEIBT“

TANZTHEATER VON CHRISTINA COMTESSE
Musik-Collage

Premiere Samstag, 1. April 2017, 20.00 Uhr, weitere Vorstellungen: 4., 8., 13., 21., 25. April; 1., 28., 31. Mai 2017


Zum Stück:   In dem grenzenlosen Schwarz nistet das Nichts. Das Nichts scheint endlos und weit, und doch gibt es eine Tür. Kein Wort, nur die unregelmäßigen Atemzüge der anderen, gepresst und hastig, erzählen von dem zwanghaften Leid, das sie hierher gebracht hat, und von der Sehnsucht, das unsichtbare Gefängnis der Dunkelheit verlassen zu wollen. Irgendwo unter ihnen: ein Halbwesen, das sich Lilith nennt und mit dem Versprechen der Erlösung die größte Qual unter die Untoten bringt. Raum um Raum eröffnet sie den Leidenden, die von der Lust getrieben, von der Gier verdorben und durch Völlerei im Plastikmeer nach Luft schnappend wie seelenlose Körper im Wind umhertreiben. Krähengleich sitzt Lilith im Geäst des Giftbaums und gebärt Kinder der Wut, die sich jeglicher Kontrolle entziehen und den Rest der verbleibenden Menschlichkeit tief im Inneren begraben. Erst das Flüstern der Selbstmörder zerstreut ihre Hilflosigkeit in die Weite. Ihr Sehnen lässt sie zu Partikeln religiöser Zellen zusammenwachsen. Der Hass –  die Zerstörung der vermeintlich verbotenen Liebe – zeigt auf, dass sich auch verschiedenartige Wege wie zwei Parallelen in der Unendlichkeit schneiden. Die Überlegenheit der Macht zieht blitzend-scharfe Grenzen. Hart erkämpft liegen jedoch die Toten und Zurückgebliebenen in einem Feld voll der roten Mohnblumen, die Lilith aus der blutigen Erde wachsen lässt. „We are the Dead. Short days ago we lived, felt dawn, saw sunset glow, loved and were loved. “ Aus dem Grauen der Nacht entsteht die Schönheit des Morgens. Die Blumen sind das Erinnern und das Hoffen und mahnen trotzdem an die Vergangenheit, die sich nicht vergessen lassen will. Betrogen um die Identität ihres Daseins wird den Untoten nun alles genommen. Die Mohnblüten, Hüter der Erinnerungen, verwandeln sich in leere Wörter, die alles versprechen und doch nichts sagen. Den größten Betrug verübt allerdings Lilith selber, als sie den Untoten den Weg nach einem Draußen aufzeigt. Aber die Tür bleibt verschlossen, es gibt keinen Anfang und kein Ende, im ewigen Kreislauf der Gleichförmigkeit offenbart sich der wahre Verrat und die ewige Verdammnis. – Eine Besinnung auf das, was bleibt, wenn alles verloren ist.

Choreografie und Inszenierung  Christina Comtesse, Bühne und Kostüme  Corina Krisztian, Dramaturgie   Ira Goldbecher

Lilith  Kayla May Corbin, In wechselnden Rollen   Pavel Povrazník, Ohad Caspi, Shang-Jen Yuan, Yu-Teng Huang, Valerio Iurato, Julian Ricardo Yopasá Samacá, Hodei, Iriarte Kaperotxipi, Jonatan Salgado Romero, Chen-Lun Wang, Lara Bonnel Almonem, Tura Gómez Coll, Nuria Gimenez Villarroya, Andressa Miyazato, Chiung-Yao Chiu, Rutsuki Kanazawa, Gyeongjin Lee, Rie Akiyama


BIOGRAFIEN

CHRISTINA COMTESSE CHOREOGRAFIE & INSZENIERUNG Christina Comtesse absolvierte nach einem Chemiestudium an der University of Exeter in ihrer Heimat Großbritannien ihre Tanzausbildung an der London School of Contemporary Dance, The Place. Sie tanzte in London mit 181 Dance und The Dance Band und unterrichtete Modern am Middlesex Polytechnic und The Place. Nach ihrem Erstengagement in Deutschland am Theater Osnabrück arbeitete sie elf Jahre als Tänzerin mit Johann Kresnik am Bremer Tanztheater und an der Volksbühne Berlin zusammen. Sie kreierte Choreografien für die Volksbühne und die Schaubühne Berlin sowie die Theater in Konstanz, Krefeld/Mönchengladbach, Graz und Luzern.

Von 2004 bis 2006 war sie als Trainingsleiterin und choreografische Assistentin der Tanztheaterdirektorin Verena Weiss am Theater Luzern engagiert. Von 2006 bis 2014 arbeitete Christina Comtesse als Ballettmeisterin, choreografische Assistentin und Stellvertreterin von Tanztheaterdirektorin Mei Hong Lin am Tanztheater des Staatstheaters Darmstadt. Hier entstanden ihre Tanzproduktionen Immer wieder Weihnachten,  Der Dritte Sinn, Jesus Christ Super Star, 7 Tage und zusätzlich Choreografien für Schauspiel und Opernproduktionen. Darüber hinaus zeigte sie sich für die Einstudierung von Ulrike Meinhof und Sylvia Plath von Johann Kresnik und Bernarda von Mei Hong Lin verantwortlich.

2015 choreografierte sie Lohengrin für das Theater Bern, arbeitete als choreografische Assistentin an der Volksbühne Berlin bei der Produktion Die 120 Tage von Sodom mit Johann Kresnik und Ismael Ivo sowie am Stadttheater Gießen bei der Inszenierung Spieluhr. Als Gast war sie u. a. am Landestheater Linz, dem Theater Heidelberg und der Dance Company Nanine Linning. Ab August 2016 ist sie als Choreografin und als Stellvertreterin der Tanzdirektorin Mei Hong Lin am Landestheater Linz engagiert. In der aktuellen Spielzeit choreografiert sie Im Weißen Rössl, Don Giovanni und Das, was bleibt und verantwortet die choreografische Mitarbeit in der Eröffnungsproduktion Die kleine Meerjungfrau. Darüber hinaus studierte sie die Neuinszenierung Die Brautschminkerin ein.

CORINA KRISZTIAN BÜHNE & KOSTÜME Corina Krisztian arbeitete mehrere Jahre als Direktionsassistentin bei einer italienischen Modefirma: Kollektionsvorbereitung, Marketing, Vertrieb, Messebetreuung und -organisation. Innenarchitektur Studium an der FH Darmstadt. Eintritt seit 2000 als Produktionsassistentin für Schauspiel danach  für Oper und Tanz am Staatstheater Darmstadt. Schwerpunkt: Organisation und Betreuung zwischen den technischen Abteilungen, Werkstätten, Bühnen und Kunst. Darüber hinaus freie Produktionen am Staatstheater Darmstadt für Oper, Schauspiel und Tanz. Zusammenarbeit mit den Choreografen Christina Comtesse, Bettina Geyer, Sigrid T. Hooft, Mei Hong Lin, Alfonso Romero, Friedrich Meyer-Oertel, Iris Stromberger.

Weitere Produktionen für Oper, Tanz und Schauspiel: Palacio de la ´Opera und Teatro Colon / Coruna, Teatro Arriaga und Palacio Euskalduna / Bilbao, Orangerie und Stadtkirche/ Darmstadt, Da Capo Variete / Darmstadt, Teatro Manzoni / Mailand, Landestheater Linz, Daehangno Arts Theater / Seoul. PMLThLi

 

Wiesbaden, Hessisches Staatstheater, BALLETT-PREMIERE SOMMERNACHTSTRAUM, 19.02.2017

Hessisches Staatstheater Wiesbaden

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin KaufholdHessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

BALLETT-PREMIERE SOMMERNACHTSTRAUM

Ballett von Tim Plegge, Nach A Midsummer Night’s Dream von William Shakespeare
Musik von Felix Mendelssohn Bartholdy & Anderen

Premiere Sommernachstraum 19. Februar 19.30 Uhr, weitere Termine 25.2.207, 2.3.2017, 3.6.2017, 7.6.2017, 25.6.2017, 1.7.2017

Staatstheater Wiesbaden / Sommernachtstraum © Oliver Rossi

Staatstheater Wiesbaden / Sommernachtstraum © Oliver Rossi

Ballettdirektor Tim Plegge wendet sich wieder einem Klassiker zu: Sein Sommernachtstraum zur Musik von Felix Mendelssohn Bartholdy ist fesselnd und unterhaltsam, anarchisch und bezaubernd.

»Ich hatte ’nen Traum – ’s geht über Menschenwitz, zu sagen, was es für ein Traum war.« Ein Sommernachtstraum, IV, 1

Felix Mendelssohn Bartholdy  © IOCO

Felix Mendelssohn Bartholdy © IOCO

Der Sommernachtstraum folgt den Verwirrungen der Liebe und taucht ein in die Tiefen der Träume. Die Liebe überfällt die Menschen gerade so wie das Unglück, Entrinnen ist ausgeschlossen: Hermia liebt Lysander. Demetrius liebt Hermia. Helena liebt Demetrius. Ihr Vater verlangt, dass Hermia Demetrius heiratet, deshalb flieht sie mit Lysander. Demetrius folgt dem Liebespaar, Helena folgt Demetrius. In einer rauschhaften Nacht verlieren sie sich und finden einander. Vertrautes gerät aus den Fugen. Ungeahntes scheint möglich. Bei Tagesanbruch ist nichts mehr, wie es war. Doch die Traumbilder bleiben im Bewusstsein verhakt. Die Erinnerungen beflügeln.

Musikalische Leitung Benjamin Schneider Choreografie Tim Plegge Bühne Frank Philipp Schlößmann Kostüme Judith Adam Dramaturgie Brigitte Knöß, Mit dem Ensemble des Hessischen Staatsballetts, Es spielt das Hessische Staatsorchester Wiesbaden. PMHSttWi

Premiere Sommernachstraum 19. Februar 19.30 Uhr, weitere Termine 25.2.207, 2.3.2017, 3.6.2017, 7.6.2017, 25.6.2017, 1.7.2017

Stuttgart, Stuttgarter Ballett, Verführung! Bolero, Dark Glow, Faun, Le Spectre, IOCO Kritik, 9.2.2017

Februar 10, 2017 by  
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Stuttgarter Ballett

Stuttgart Opernhaus © A.T. Schaefer

Stuttgart Opernhaus © A.T. Schaefer

„Von der Lust des Begehrens und der Qual der Verführten“
 Verführung! – Stuttgarter Ballett mit grandioser Produktion 

Von Peter Schlang

Das Thema Verführung! ist so alt wie die Menschheit und damit stets präsent, sei es im gelebten und erlebten Alltag oder in den Darstellungen unterschiedlicher Kunstformen, in denen es diese Seite menschlichen Handelns zu vielfacher, wenn auch teilweise zweifelhafter Berühmtheit gebracht hat. Und so überrascht es nicht weiter, dass das Stuttgarter Ballett am 3. Februar einen Abend mit vier Werken herausgebracht hat, die sich dieser alten und bewährten Form menschlicher Kommunikation über das Medium des Tanzes annähern.

Stuttgarter Ballett / Bolero © Carlos Quezada

Stuttgarter Ballett / Bolero © Carlos Quezada

Dabei setzen die Leitung des Hauses und seine Dramaturgie mit Maurice Béjarts Bolero von 1961 bzw. 1984 auf den Ballett-Klassiker zu diesem Thema schlechthin und damit auch einen nach wie vor grandiosen Schlusspunkt eines Abends, der mit einer beachtenswerten Uraufführung der zum Haus gehörenden Choreographin Katarzyna Kozielska begonnen hatte. Im Mittelteil buhlten mit den Stuttgarter Erstaufführungen von Sidi Larbi Cherkaouis Faun und Marco Goeckes Le Spectre de la Rose zwei in jeder Hinsicht extrem unterschiedliche Versionen des Themas um Aufmerksamkeit und Zustimmung des Premierenpublikums.

Katarzyna Kozielskas Dark Glow, das man mit „Dunkles Glühen“ übersetzen kann, stellt nicht nur im Wortsinn die eher dunklen Aspekte der Verführung in den Vordergrund, sondern gerät vor dem Hintergrund aktueller politischer Entwicklungen in vielen Ländern der Welt über weite Strecken zu einer beklemmenden Parabel über die Verführungsgewalt der Politik wie der (modernen) Medien. Die im Jahr 2012 zur bemerkenswertesten Nachwuchs-Choreographin gekürte Polin, die als Halbsolistin auch aktives Mitglied der Stuttgarter Compagnie ist, setzt in ihrer dritten Arbeit für das Stuttgarter Ballett – ihrer ersten für die große Bühne des Stuttgarter Opernhauses – dabei auf eine moderne, aber stets elegante Bewegungssprache, die durchaus klassisch fundiert ist und so beispielsweise auch häufig auf den Spitzentanz zurückgreift.

Stuttgarter Ballett / Dark Glow © Stuttgarter Ballett

Stuttgarter Ballett / Dark Glow © Stuttgarter Ballett

In einem schwarzen Bühnenraum, dessen beklemmende Wirkung durch eine düstere Lichtregie verstärkt wird, bewegen sich bis zu vier Paare, eine einzelne Tänzerin und ein aus zehn Tänzerinnen bestehendes Kollektiv zur Musik des 1975 geborenen, in England lebenden Gabriel Prokofiev, einem Enkel des berühmten russischen Komponisten Sergej Prokofiev. Dieses Auftragswerk des Stuttgarter Balletts, das in enger Abstimmung mit der Choreografin als „work in progress“ entstanden ist, liefert eine packende und stimmige musikalische Kulisse für die tänzerische Erzählung, in deren Fokus die bösartige, zerstörerische Form der Verführung und ihre möglichen Folgen für eine Gruppe stehen. Als optisches Verführungssymbol fungiert dabei ein Lichtstrahl, der Individuen in seinen Bann zieht, aber seine Versprechungen von Hoffnung, Glück und lockenden Perspektiven nicht einhalten kann.

Prokofievs Musik, die von klassischen Zitaten über Jazz-Elemente bis zu modernen Anleihen viele Aspekte berührt und unterschiedlichste Techniken einsetzt und auch die Grenzüberschreitung zur elektronischen Musik nicht scheut, zeichnet aus dem Orchestergraben zutreffend und packend die gleiche dynamische, in die Katastrophe führende Entwicklung nach, wie sie die Protagonisten auf der Bühne durchleben.
Großen Anteil an diesem fulminanten Auftakt hatten neben der kongenialen Leistung von Choreografin und Komponist und der stets packenden, äußerst präzisen wie präsenten Realisation der Partitur durch das Staatsorchester Stuttgart unter der bewährten, aber nie routiniert klingenden Leitung seines erfahrenen Ballett-Kapellmeisters James Tuggle die raffinierten Kostüme von Thomas Lempertz, die auf ihre Weise die Macht und Folgen der Verführung demonstrieren, wenn sie gegen Ende ihren in den pastellfarbenen Blusen verborgenen dunklen Kern zeigen.
Vor allem aber galt den Solo-Tänzern Elisa Badenes, Constantine Allen, Alicia Amatriain, Agnes Su, Fernanda De Souza Lopes, Elena Bushuyeva, Adhonay Soares da Silva, Matteo Miccini und Fabio Adorisio der begeisterte Beifall des Premierenpublikums, der natürlich auch die schon erwähnten Tänzerinnen des Corps de Ballett mit einschloss.

 Stuttgarter Ballett / Faun © Stuttgarter Ballett

Stuttgarter Ballett / Faun © Stuttgarter Ballett

Im Mittelteil des Abends folgten mit Sidi Larbi Cherkaouis Faun eine Stuttgarter und mit Marco Goeckes Le Spectre de la Rose gar eine deutsche Erstaufführung. Der belgisch-marokkanische Choreograph Sidi Larbi Cherkaoui, der bereits 2015 für das Stuttgarter Ballett Strawinskys Feuervogel eingerichtet hatte, beruft sich in Faun, seiner Adaption von Vaslav Nijinskys Skandal-Erfolg L’après-midi d’un faune, nicht nur direkt auf Stephane Mallarmés Gedicht, sondern setzt auch zu großen Teilen auf Claude Debussys 1882 uraufgeführtes impressionistisches Werk Prélude à l’après-midi d’un faune. Dessen schwebenden, oszillierenden Klängen stellt er Musik des 1964 in England geborenen Nitin Sawhney zur Seite, die mit ihrem indisch-orientalischen Duktus dem Geschehen gleichsam eine zweite Ebene unterlegt und immer dann einsetzt, wenn der weibliche Teil des „Faun-Duos“ auftritt bzw. die Initiative ergreift. Dies wirkt durchweg schlüssig und erhellend, merkt man doch auch der Tanzsprache dieses Ausnahme-Choreographen den Einfluss unterschiedlicher Kulturen und Stilrichtungen an.

In seinem Faun lässt er eine Tänzerin und einen Tänzer, in Stuttgart sind dies die fabelhafte erste Solistin Hyo-Jung Kang und der ihr absolut ebenbürtige Solist Pablo von Sternenfels, alle Register der tänzerischen Verführungskunst ziehen, wobei die Ausdrucksmittel nicht selten fließend in jene des Bodenturnens und sogar der Akrobatik übergehen. Unterstützt durch die sensible Lichtregie Adam Carrées entstehen Körper-Konstellationen, die dem Zuschauer suggerieren, auf der Bühne bewege sich ein einziges Wesen, wobei die Anzahl und vor allem die Positionen einzelner Körperteile häufig im Unklaren bleiben bzw. sich so schnell verändern, dass dem Betrachter genauso schwindelig wird, wie er es für die beiden Tänzer fürchtet. Dazu besteht aber absolut kein Grund, denn die Bewegungen Kangs und Sternenfels‘ sind so organisch fließend und trotz ihres gelegentlich hohen Tempos von einer Reinheit und kreatürlichen Schönheit, dass man die im ersten Teil des Abend dargestellte zerstörerische Kraft der Verführung längst vergessen hat und nur noch gebannt dem hohen Reiz dieser Verführungslust folgt.

 Grabstätte des Tanzdenkmals V Nijinsky in Paris © IOCO

Grabstätte des Tanzdenkmals V Nijinsky in Paris © IOCO

Dieses hohe Niveau kann Marco Goeckes Le spectre de la Rose, ebenfalls eine Verneigung vor dem Tanzdenkmal Nijinski und den „Balets Russes“ und 2009 zu deren 100. Geburtstag in Monte Carlo uraufgeführt, leider nicht durchgehend halten.  Zu einseitig und ideenarm ist seine Körpersprache, die sich überwiegend in stark überzeichneten, abgehackten Bewegungen der Hände und des Kopfes erschöpft und deren Wirkung nach wenigen Minuten verblasst. Auch wenn bzw. gerade weil man den modernen Stil dieses jungen Stuttgarter Haus-Choreographen kennt und von anderen, deutlich besseren Arbeiten schätzt, kommt an diesem Abend schnell ein Gefühl der Ermüdung und der Langeweile auf, und man lässt seinen Blick unweigerlich von den ständig flatternden Händen hinunter zu den Beinen und Füßen der Tänzerinnen gleiten, wo sich einem aber ebenfalls trotz einiger netter Einfälle keine wirkliche Abwechslung und Anregung bietet.

An den fabelhaften Agnes Su und Adam Russell-Jones und ihren nicht minder jederzeit präsenten sechs Kollegen liegt die begrenzte Wirkung dieses Balletts auf keinen Fall, denn sie setzen die Vorgaben des Ballett-Rebellen Goecke kompromisslos und mit großer Hingabe um. Auch ist die vom Choreographen selbst und Michaela Springer gestaltete Bühne ein durchaus anregender Ort für den Traum des Mädchens von der Rose, die sich hier in unzähligen auf den Bühnenboden regnenden und an den Beinen und Armen des Solotänzers befestigten Blütenblättern multipliziert. Und schließlich tragen auch die Lichtregie Udo Haberlands und die musikalische Umsetzung von Carl Maria von Webers berühmter Aufforderung zum Tanz, der als zweites Stück Webers Der Beherrscher der Geister zur Seite gestellt wurde, durch das Stuttgarter Staatsorchester dazu bei, dass dann doch auch dieser dritte Teil des neuen Stuttgarter Ballettabends sein das durch dessen Titel verheißene Versprechen einhalten kann.

Stuttgarter Ballett / Le Spectre de la Rose © Stuttgarter Ballett

Stuttgarter Ballett / Le Spectre de la Rose © Stuttgarter Ballett

Dass dies ohne jeden Abstrich für das letzte, nach der zweiten Pause zu sehende Stück gilt, den seit Juli 1984 zum Repertoire des Stuttgarter Balletts gehörenden Bolero, bedurfte keines Beweises mehr. Drei Generationen „Stuttgarter Tänzerinnen und Tänzer“ begeisterten schon viele Tausende von Ballettfreunden und überzeugten diese von der noch immer ungeheuren Spannung, Faszination, und eben auch Verführungskraft, die Maurice Béjarts 1961 beim Balet du XXe Siècle in Brüssel uraufgeführte geniale Choreografie ausstrahlt. Es ist immer wieder erstaunlich, wie originell, modern, verführerisch und mitreißend dieses Meisterwerk des französischen Großmeisters der Ballettkunst damals schon war und noch immer ist. Friedemann Vogels Interpretation fügt sich hier ohne Bruch und Makel in die beachtliche Reihe seiner Vorgängerinnen und Vorgänger ein, wobei sich beim Betrachter durchaus die Frage einstellen kann, ob der Protagonist, der Ravels Musikvorlage, diese in Musik gegossene Ektase, dieses zwanzigminütige atemberaubende Crescendo, so hinreißend auf den roten Tisch bringt, nun Verführer oder selbst Verführter ist.

Am Ende des 150minütigen Programms gab es langanhaltenden Applaus, ja großen Jubel vom Premierenpublikum, unter das sich viel Prominenz aus Politik, Wirtschaft und Kultur gemischt hatte. Er galt einem Ballettabend, der von höchster künstlerischer und ästhetischer Qualität ist und ein eindrucksvolles Zeugnis von der Verführungskraft des Tanzes, der Musik, ja der Kunst im Allgemeinen ablegt – und der auch eine unwiderstehliche Verführung zum Zuschauen darstellt.    Von Peter Schlang

Verführung! – Stuttgarter Ballett: Weitere Aufführungen am 11., 14., 23., 27. und 28. Februar sowie am 4. und am 7. März 2017

 

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