Hamburg, George Gagnidze im Gespräch mit IOCO, IOCO Aktuell, 07.10.2017

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Staatsoper Hamburg

Staatsoper Hamburg © Kurt Michael Westermann

Staatsoper Hamburg © Kurt Michael Westermann

Große Sänger – Staatsoper Hamburg

 IOCO spricht mit Bariton George Gagnidze

Patrik Klein,  IOCO Korrespondent im Hamburg, unterhielt sich am 5. Oktober 2017 mit dem georgischen Star-Bariton George Gagnidze über kommende Auftritte an der Staatsoper Hamburg, derzeit dort laufende Proben und seine künstlerische Karriere von Tiflis bis New York.

Patrik Klein und Georg Gagnidze © Patrik Klein

Patrik Klein und Georg Gagnidze © Patrik Klein

IOCO: Lieber Herr Gagnidze, nach dem Jago (Otello) und Simon Boccanegra vor einiger Zeit unter der Intendanz und dem Dirigat von Simone Young sind Sie wieder an der Hamburgischen Staatsoper für den Alfio (Cavalleria Rusticana) und den Tonio/Taddeo (I Pagliacci). Wie geht es Ihnen in Hamburg und was schätzen Sie an der Hansestadt an der Elbe besonders?

GG: Ich habe die beiden Rollen Jago und Simone Boccanegra (2 mal als Einspringer für Placido Domingo und einige fest geplante Vorstellungen) unter Frau Young sehr genossen, weil Verdi für mich etwas ganz Besonderes ist und ich das empfinde, wie jeden Abend zu malen; ja wie ein Maler, der seine vielen Farben benutzt um alles Wichtige zum Ausdruck zu bringen. Hier in Hamburg fühle ich mich sehr willkommen geheißen. Die Hamburger sind typisch Norddeutsch, sie sind offen und hier am Haus herrscht ein gutes, freundliches Arbeitsklima. Durch mein erstes Engagement in Osnabrück bin ich die Mentalität schon etwas gewohnt. An einem kleinen Haus wie Osnabrück oder einer großen Oper wie in Hamburg muss man immer alles geben, was man hat. Ich liebe auch die besondere Reaktion des Publikums hier, welches vielleicht ein wenig verhaltener ist, aber umso herzlicher dann am Schluss. Gestern Abend nach Cavalleria und I Pagliacci war ein riesiger, ungewöhnlicher Jubel beim Publikum. Das war toll.

IOCO:  Sie stecken mitten in der Aufführungsserie für die Wiederaufnahme der beiden Einakter von Mascagni und Leoncavallo in einer eher klassischen Inszenierung von  Giancarlo del Monaco aus dem Jahr 1988. Und sie singen an der Seite von sehr bekannten Kolleginnen und Kollegen in einem eingespielten hauseigenen Ensemble. Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit?

GG: Das ist wunderbar. Wir haben ein großartiges, internationales Team mit tollen Sängerinnen und Sängern auch aus dem Ensemble des Hauses und einen wunderbaren jungen Dirigenten aus Halle. Herr Caballé war bei allen Proben von Anfang an dabei. Wir haben fast drei Wochen vor der ersten Aufführung zusammen geprobt, weil auch das Stück aus dem Jahr 1988 schon lange nicht mehr hier gespielt worden ist. Die Inszenierung von Giancarlo del Monaco, der für mich einer der besten Regisseure ist, gefällt mir sehr gut. Mit Giancarlo habe ich bereits viel zusammengearbeitet, u.a. in Paris bei Francesca da Rimini von R. Zandonai. Hier in Hamburg spielen die Stücke in Sizilien, was meiner Meinung nach sehr gut zu der Musik passt. Klassisch, aber sehr interessant gemacht.

Georg Gagnidze © Dario Acosta

Georg Gagnidze © Dario Acosta

IOCO: Herr Gagnidze, Sie stammen aus Georgien. Aus diesem Land kommen nach meinem Wissen viele bekannte Sängerinnen und Sänger. Anita Rachvelishvili, Nino Machaidze, Iano Tamar, Paata Burchulaadze, um nur einige von ihnen zu nennen. Ähnlich wie im rumänischen Cluj-Napora, aus dem die meisten berühmten rumänischen Sänger kommen, frage ich mich, wie das kommt und was der Grund hierfür ist. Hat das Thema Musik in der Kultur vielleicht einen ganz besonderen Stellenwert?

GG: Georgien hat eine sehr große Tradition bei der Folkloremusik seit vielen, vielen Jahren. Ein Lied ist ganz besonders bekannt und befindet sich auf den „Goldenen Schallplatten“, die seit 1977 an Bord der interstellaren Raumsonden Voyager 1 und 2 im Weltall unterwegs sind. Es handelt sich hier um Chormusik mit dem Namen Tschakrulo. Das ist etwas ganz Besonderes, das unser Land Georgien charakterisiert. Es gibt in Georgien weniger die Tradition für Opernmusik, eher die Tradition für Volksmusik. Es gibt auch eine Reihe von bekannten Musikern, wie Pianisten und Geiger, die aus Georgien stammend Weltkarriere gemacht haben. Das Opernhaus in Tiflis existiert seit etwa 1851. Von da an hat sich auch die klassische Gesangskultur in meinem Heimatland entwickelt. 1894 debutierte dort sogar der russische, weltbekannte Bass Fjodor Iwanowitsch Schaljapin. Sein Lehrer war kein geringerer als der Tenor Dmitri Usatov,  der zu dieser Zeit in Tiflis wirkte.

IOCO: Wie war das bei Ihnen? Wie haben Sie entschieden, Sänger zu werden?

GG: Bei mir war das zu Beginn ganz ungewöhnlich. Ich habe als Ingenieur und Autobauer begonnen, bevor ich zur Musik kam. Wir haben immer zu Hause in der Familie und ich besonders mit meiner Schwester gesungen, die heute in Kanada lebt und bei einer Bank beschäftigt ist. Sie ist auch heute noch eine Hobbysängerin. Bei mir passierte es in der Studentenzeit, als wir zusammen an einem Tisch saßen und auch ein wenig die 8000 Jahre alte Weintradition des Landes genossen. Da wurde im Spaß Volksmusik gesungen. Ein in Tiflis bekannter Musikprofessor hatte das gehört und empfahl mir meine Stimme ausbilden zu lassen. Ich war damals 17 Jahre alt, ein wenig überrascht und habe schließlich Privatunterricht genommen. Mein Vater war nicht gerade begeistert, weil er meinte, ich solle einen ordentlichen Beruf lernen. Damals habe ich oft die Stimme von Pavarotti gehört und war so in seinen Bann gezogen, dass ich mich nicht davon abbringen ließ.

IOCO: Wie sind die Karriereaussichten in einem so traditionellen kulturellen Land wie Georgien?

GG: Die Möglichkeiten als Opernsänger in Georgien sind ganz gut, aber wenn man eine Stimme von internationaler Qualität bekommt, dann nimmt man natürlich gerne die Möglichkeiten wahr, in Europa oder Übersee an die großen und berühmten Opernhäuser zu kommen und dort zu spielen und zu singen. Bei mir lief das über einige Wettbewerbe, an denen ich teilgenommen habe und die mir die Möglichkeiten eröffnet haben, ins Ausland zu gehen. Ich habe einige Preise gewonnen bei Wettbewerben von Leyla Gencer, Elena Obraztsova oder José Carreras, die mir die internationale Karriere eröffnet haben. Carreras war ganz besonders fasziniert von meinem Rigoletto, bei dem er mir guten technischen Gesang, Ausdruck und überzeugende Kraft attestiert hatte.

IOCO: Als Sie sich entschieden haben, für Ihre musikalische Karriere Ihr Land zu verlassen, wie ging es weiter? Welche Stationen haben Sie absolviert?

GG: 1996 begann meine Karriere an der Oper in Tiflis, wo ich u.a. den Germont (La

Metropolitan Opera New York © IOCO

Metropolitan Opera New York © IOCO

Traviata) gesungen habe. Mein erstes Engagement in Deutschland war von 2003 bis 2005 in Osnabrück im Ensemble. Dort durfte ich ohne die deutsche Sprache sprechen zu können den Jochanaan in Salome singen, was für mich nicht ganz einfach war. Dabei hat mich Michael Schulz als Operndirektor von Weimar gehört und mit an die dortige Oper genommen, wo ich von 2005 bis 2011 fest engagiert war. Dort in Weimar habe ich viele Rollen verkörpert, ganz besonders oft den Scarpia und den Rigoletto. Im Jahr 2012 habe ich dann einen wichtigen Wettbewerb „Voci-Verdiane“ in Parma gewonnen, der mir die weiteren internationalen Häuser eröffnet hat. Der Dirigent Lorin Maazel und der Direktor von der New Yorker MET Peter Gelb  haben meine Karriere dann weiter gefördert und ich durfte 2009 als Rigoletto in der alten Inszenierung von Otto Schenk an der Met debutieren. Dort habe ich fast 100 Vorstellungen gesungen, den Rigoletto, auch in der neuen Inszenierung von Michael Mayer.

IOCO: Sänger zu sein in einem unbekannten, fremden Land mit neuen kulturellen Randbedingungen, einer fremden Sprache und vielleicht anderen Gepflogenheiten an den Häusern. Wie ist es Ihnen dabei ergangen?

GG: Ich habe immer in meinem Leben bisher das Glück gehabt, gute Freunde und hilfreiche Menschen getroffen zu haben, die mir bei vielen Schwierigkeiten geholfen haben. Einige Fans haben sich zu wahren Freunden entwickelt und mich unterstützt, wo immer sie konnten.

IOCO: Sie stehen nun in der „ersten Reihe“ der Baritone der Welt und haben große Engagements an den berühmtesten Häusern des Globus. Wie kommt man damit klar?

GG: Das ist eine sehr große Herausforderung und verlangt sehr viel Disziplin, um mit dem großen Zeit- und Erfolgsdruck klarzukommen. Schauen Sie, gestern hatte ich eine Vorstellung Cavalleria und I Pagliacci. Momentan bereite ich mich auf meine neue Rolle als Barnaba in La Gioconda vor. Direkt nach unserem Gespräch habe ich dazu eine Klavierprobe mit meinem Repetitor. Das geht nur mit einer guten Organisation. Eigentlich bin ich immer in Gedanken bei meiner Arbeit.

IOCO: Hier in Hamburg haben Sie es mit einer recht konventionellen Produktion zu tun. Wahrscheinlich kommen Sie aber auch mit Vertretern des modernen Regietheaters zusammen. Kollegen von Ihnen lehnen manchmal eine Zusammenarbeit unter bestimmten Voraussetzungen ab. Was denken Sie über Inszenierungen des modernen Regietheaters?

GG: Das ist sehr unterschiedlich, denn es gibt auch viele sehr gute Produktionen mit moderner Ausrichtung. Die Tosca (Scarpia) von Luc Bondy in New York war eine solche Produktion, die den bösen Charakter der Hauptfigur in einen nachvollziehbaren und packenden Thriller integrierten. Auch David McVicar ist ein von mir geschätzter Regisseur, mit dem ich auch I Pagliacci  2015 in New York gemacht habe, der spannende moderne Inszenierungen erarbeitet.

IOCO:  Welche Rolle verkörpern Sie am allerliebsten?

GG: Meine Lieblingsrollen sind der Rigoletto und Scarpia. Mir gefällt aber auch der Jochanaan und, ja Sie werden es nicht glauben, ich habe bereits den Holländer gesungen. Zukünftig möchte ich das Singen von Wagnerpartien noch ausbauen. Aber dafür muss ich noch hart arbeiten am Text und dem Ausdruck. Es wird noch eine Weile dauern. Aber ich habe mit 47 Jahren hier noch einige Möglichkeiten. Ein Bariton kann ja gut und gerne bis 60 Jahre oder mehr gut singen. Bei einem Tenor ist das schon eher seltener der Fall.

IOCO: Wie bereiten Sie sich auf eine neue Rolle vor?

GG: Zunächst lerne ich gar keine Noten, sondern die Literatur und das historische Umfeld. Bei La Gioconda ist der Text von Boito und spielt in Venedig. Da braucht es viel Hintergrundwissen. Barnaba als Spion für die Inquisition ist auch ein sehr böser Charakter, den man vorher genau studieren muss. Die Rolle ist stimmlich und charakterlich sehr sehr schwer. Danach lerne ich den Text und die Musik für mich alleine, bevor ich den Feinschliff mit meinem Repetitor Alessandro Amoretti ansetze. Er ist für mich der beste und ein guter Freund und Begleiter.

IOCO: Wie sehen Ihre zukünftigen Engagements aus? Was sind Ihre Pläne für die Zukunft?

GG: Da wird es einiges geben: Nach den Vorstellungen in Hamburg werde ich Pagliacci an der MET singen, Amonasro in Aida in Madrid und an der Mailänder Scala, und an der Deutschen Oper Berlin gebe ich im Sommer mein Rollendebüt als Barnaba in La Gioconda. Ein weiteres Rollendebüt in einer späteren Spielzeit wird der Michele in Tabarro an der MET sein. Für die zukünftigen Ideen in meinem Kopf könnten die Partien Holländer, Wotan, Gunther, Alberich und Hagen entstehen. Ich denke, man muss Wagner ähnlich wie Mozart singen, mit etwas Italianita und  legato; aber man muss es können und es ist extrem viel Energie dazu nötig. Tokyo hat mich für die vier Bösewichte in Hoffmanns Erzählungen eingeladen, aber dazu hatte ich leider keine Zeit mehr.

IOCO: Was machen Sie, wenn Sie nicht singen am liebsten?

GG: Mein Ausgleich sind meine Frau und meine beiden Kinder, die mich auch begleiten, wenn sie Zeit haben. Ich versuche so oft wie möglich in Tiflis zu Hause zu sein. Das klappt für etwa 2 bis 3 Monate im Jahr. Ansonsten liebe ich es, in meiner Freizeit zu angeln und auf die Jagd zu gehen.

Patrik Klein: Herr Gagnidze, ich danke Ihnen ganz herzlich für das Gespräch.

Georg Gagnidze © Dario Acosta

Georg Gagnidze © Dario Acosta

GEORGE GAGNIDZE – BIOGRAFIE

Seit seinem sensationellen Debüt als Rigoletto an der New Yorker Metropolitan Opera im Jahre 2009 zählt der georgische Bariton George Gagnidze zu den führenden Sängern seines Fachs.

In der Spielzeit 2017/18 ist der Sänger in Cavalleria rusticana und Pagliacci an der Hamburgischen Staatsoper und der Oper von Rom, Pagliacci an der Metropolitan Opera, Aida an der Mailänder Scala und am Teatro Real Madrid sowie in seinem Rollendebüt als Barnaba in La Gioconda an der Deutschen Oper Berlin zu erleben. 2016/17 debütierte der Künster als Carlo Gérard in Andrea Chénier an der San Francisco Opera, wo er auch als Amonasro in Aida zu hören war; kehrte an die Metropolitan Opera New York als Amonasro sowie an die Deutsche Oper Berlin als Carlo Gérard und Scarpia in Tosca zurück. In der Arena von Verona war er in einer Neuproduktion von Nabucco zu erleben und bei den BBC Proms gab er sein Debüt als Šakovlity in Hovanšcina.

Zu den größten Erfolgen des Sängers zählen Auftritte in Rigoletto, Tosca, Macbeth, Cavalleria rusticana, Pagliacci, Aida und Hovanšcina an der Metropolitan Opera; Nabucco und Tosca an der Wiener Staatsoper; Rigoletto, Tosca, La traviata und Aida an der Mailänder Scala, Tosca und Aida an der Opéra National Paris, Simon Boccanegra am Teatro Real Madrid; Rigoletto beim Festival of Aix-en-Provence und an der Deutschen Oper Berlin; Cavalleria rusticana und Pagliacci am Gran Teatro del Liceu Barcelona; Pagliacci an der Los Angeles Opera; La traviata in der Arena von Verona; Otello und Simon Boccanegra an der Hamburgischen Staatsoper und als Falstaff am New National Theatre Tokyo.

In Tiflis geboren und am Staatlichen Konservatorium seiner Heimatstadt ausgebildet, debütierte er 1996 im Paliashvili-Opernhaus als Renato in Giuseppe Verdis Un ballo in maschera. Als Preisträger des Leyla-Gencer-Wettbewerbs und des Elena-Obraztsova-Wettbewerbs trat er 2005 beim Concorso Voci Verdiane an. Die Jury unter dem Vorsitz von José Carreras und Katia Ricciarelli überreichte ihm den ersten Preis für seine überragende Gesangsinterpretation.

Von Deutschland aus startete George Gagnidze seine internationale Karriere, die ihn innerhalb kürzester Zeit an viele wichtige Opernhäuser der Welt führte. Im Laufe seiner Karriere arbeitete George Gagnidze mit vielen namhaften Dirigenten und Regisseuren zusammen, so z.B. mit James Levine, Lorin Maazel, Zubin Mehta, Fabio Luisi, James Conlon, Plácido Domingo, Mikko Franck, Jesús López-Cobos, Nicola Luisotti, Daniel Oren, Gianandrea Noseda, Kirill Petrenko, Yuri Temirkanov; Luc Bondy, Liliana Cavani, Robert Carsen, Peter Stein, Giancarlo Del Monaco, Henning Brockhaus und Robert Sturua.

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