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# Wuppertal, Oper Wuppertal, Surrogate Cities / Götterdämmerung, IOCO Kritik, 19.09.2017
- URL: https://www.ioco.de/wuppertal-oper-wuppertal-surrogate-cities-goetterdaemmerung-ioco-kritik-19-09-2017/
- Published: 2017-09-22T07:00:08.000Z
- Updated: 2023-09-06T12:41:11.000Z
- Author: Viktor Jarosch
- Tags: Oper & Operette, Konzert & Liederabend, Kritiken, richard wagner, Wagner, Wuppertal

![wuppertal_oper_ logo](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2016/08/wuppertal_oper_-logo.jpg)

[Wuppertaler Bühnen](http://www.wuppertaler-buehnen.de/?ref=ioco.de)

![Opernhaus Wuppertal © Andreas Fischer](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2013/02/opernhaus-wuppertal-c-andreas-fischer.jpg "Opernhaus Wuppertal © Andreas Fischer")

Opernhaus Wuppertal © Andreas Fischer

# *Surrogate Cities / Götterdämmerung von Heiner Goebbels*

 **Ruppig - Glattes Stadtleben: Goebbels, Wagner, Gospel** 

Von **Viktor Jarosch**

**Die Oper Wuppertal** zeigt mit***Surrogate Cities / Götterdämmerung*** innovatives Musiktheater: Es verwebt in dem Stück glattes wie kantiges Alltagsleben einer Stadt mit der Sagenwelt **Richard Wagners,** um in groovigem Gospel spektakulär zu enden. Stampfende, stoßende Musik von **Heiner Goebbels** öffnet den Abend, wechselt zu **Richard Wagners *Götterdämmerung*** um sich in den lyrisch dramatischen ***Horatian Songs***von **Heiner Goebbels** überraschend mit packender Synthese aufzulösen.

**"*Surrogate Cities*** *hat den ambivalenten Charakter städtischen Lebens zum Thema; neben anregenden Themen auch das, was eine Großstadt mit seinen Widersprüchen nicht bieten kann. Es geht mir … darum, mit der glatten, abweisenden Oberflächlichkeit ... auch an tiefere Schichten von Stadtgeschichte zu kommen“,* so **Heiner Goebbels** wenig konkret über sein Werk, welches er mit Dramaturgen, Bühnenbildnern, Lichtgestaltern, Sounddesignern umsetzt. **Heiner Goebbels** (\*1952), Regisseur, Komponist und Professor für Angewandte Theaterwissenschaft, komponierte, produzierte ***Surrogate Cities*** 1994, zur 1200 – Jahrfeier Frankfurts. Inzwischen ist ***Surrogate Cities*** ist inzwischen ein herausragendes Werk postdramatischer Musik. 2014, zum Ende von **Goebbels** Amtszeit als **Leiter der** **Ruhrtriennale**, fand in Duisburg eine choreographisch-szenische Neuproduktion von ***Surrogate Cities Ruhr*** statt. Im Mai 2017 war ***Surrogate Cities*** bei den **KunstFestSpielen** Herrenhausen zu erleben.

Für die **Oper Wuppertal** verbindet der amerikanische Regisseur **Jay Scheib** das Werk von ***Heiner Goebbels*** mit Musik, Themen und Personen aus dem 3\. Akt von **Richard Wagners *Götterdämmerung.*** Eine Verbindung, die **Goebbels** überraschend differenziert sieht: *„Mich interessiert an *Wagner* eher seine Musik und weniger die Narrationen“.* **Jay Scheib** dazu: „*Städte geraten außer Kontrolle, werden kurzsichtig … *Surrogate Cities* verbinde ich mit einem Zustand der Ortslosigkeit ... öffnet eine Welt der Spekulation ohne Halt ... ist, wie *Götterdämmerung,* eine Fundgrube für Unterschiede, unangenehme Wahrheiten, Einsamkeit und der Innovation.*“

![Oper Wuppertal / Surrogate Cites - Götterdämmerung - Blick auf Orchester, Bühne und Leinwände © Jens Grossmann](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2017/09/081_goetterdaemmerung-jens-grossmannneu.jpg "Oper Wuppertal / Surrogate Cites - Götterdämmerung - Blick auf Orchester, Bühne und Leinwände © Jens Grossmann")

Oper Wuppertal / Surrogate Cites - Götterdämmerung - Blick auf Orchester, Bühne und Leinwände © Jens Grossmann

Die schwer greifbare Einführung zu ***Surrogate Cities*** mag den Besucher noch verunsichern. Faszination, Spannung greift jedoch mit dem Betreten des Zuschauerraumes, mit dem ersten Blick auf die Bühne (**Kathrin Wittig**). Die Bühne, der Orchestergraben ist hoch gefahren, ist in drei Segmente geteilt: Das große, 80–köpfige Orchester ist geteilt: Vorne die Streicher und zwei Harfen; die Bläser und Schlagwerker im hinteren Teil der Bühne. In der Bühnenmitte, die beiden Orchesterteile trennend, ein fünf Meter breiter Streifen. Hier findet die Handlung statt: Links ein langer, festlich gedeckter Tisch, darunter eine Hochzeitstorte. Offensichtlich hatte eine Hochzeit, ein Fest stattgefunden. Rechts daneben eine kleine Kammer mit Sitzecke, Waschbecken, Dusche, Mikrowelle. Ein kleiner Monitor in der Kammer zeigt während der 2,5 stündige Aufführung in Endlosschleife einen fliegenden Raben. Zwei 10 x 4 Meter große Leinwände über und neben der Bühne kündigen Live-Video-Techniken an. Eine Frau (**Hannah Usemann**) bewegt sich während der Vorstellung mit großer Kamera auf der Bühne; filmt die Handlung und überträgt sie auf die großen Bildschirme. So pendelt, jagt der Blick des Besucher immer gebannt von Orchester oder Bühne oder Projektionen auf den Leinwänden. Unverstellt von gewohnten Ritualen (Dramaturgie **Jana Beckmann**).

![Oper Wuppertal / Surrogate Cites - Die Festgesellschaft - Gutrune Jenna Siladie © Jens Grossmann](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2017/09/007_goetterdaemmerung-foto-jens-grossmann-neu.jpg "Oper Wuppertal / Surrogate Cites - Die Festgesellschaft - Gutrune Jenna Siladie © Jens Grossmann")

Oper Wuppertal / Surrogate Cites - Die Festgesellschaft - Gutrune Jenna Siladie © Jens Grossmann

Die gut sichtbaren Musiker wirken modern, sympathisch, werden Teil der Inszenierung, Teil der Festgesellschaft: Männer in gepflegten weißen Dinner-Jackets mit Fliege, Frauen in hellen Abendkleider. Sie beginnen den ***Surrogate Cities*** Abend mit stampfender Musik von **Heiner Goebbels.** Dann die Handlung: Ein Mann in Helm und verschmutzter Motorradkleidung betritt, frustriert, wütend wirkend die Bühne, geht in die kleine Kammer, sein Apartment. Er zieht Helm, Kluft und Kleidung aus, duscht sich, zieht sich wieder an. Dann wäscht er Hemd und Hose, steckt diese in einen Plastikbeutel: setzt vor seiner Kammer Blumen ein, findet dort in einem Schlammhäufchen ein Ring (erster, zarter Bezug zu **Wagner**), sucht in seinen Schallplatten, legt **Rheingold** auf. Das Orchester springt kurz von **Goebbels** Stakkati zum **Reingold**\-Motiv. Eine Stimme: *„Wer in einer Stadt lebt, sollte nichts für selbstverständlich nehmen.*“ Als um seine Existenz kämpfender Städter wird in so Wuppertal in dunkler Kleidung als ***Hagen*** (**Lucia Lucas**) wahrnehmbar; er nimmt einen Speer von der Wand.. In den benachbarten Festraum „schwebt“ nun in elegantem Abendkleid eine sichtbar von Albträumen geplagt wirkende junge „Lady“, in den benachbarten Festraum. Sie betrachtet ein Schwert welches an der Wand hängt. Dazu die Stimme: *„Sie ist gerannt! Warum? Wenn du rennst, siehst du aus wie....!“* Festgäste, Choristen in weißen Anzügen. Trommelwirbel, vielschichtige Klangbilder **Heiner Goebbels** wie Projektionen machen Frust, seelische Zerrissenheit sichtbar. Die Live-Kamera überträgt Mimik, Sandhäufchen, Frust oder Akteure; wirft alles vergrößert auf die riesigen Leinwände. Städtischer Alltagsfrust wird in lebendiger Dramatik sichtbar.

![Oper Wupptertal / Surrogate Cities - Götterdämmerun - Der sterbende Siegfried Ronald Samm © Jens Grossmann](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2017/09/124_goetterdaemmerung-foto-jens-grossmannneu.jpg "Oper Wupptertal / Surrogate Cities - Götterdämmerun - Der sterbende Siegfried Ronald Samm © Jens Grossmann")

Oper Wupptertal / Surrogate Cities - Götterdämmerun - Der sterbende Siegfried Ronald Samm © Jens Grossmann

Doch nun wird die Sagenwelt **Wagners** deutlich: Die ***Rheintöchter*** **(*Woglinde* Ralitsa Ralinova, *Wellgunde* Liliana de Sousa, *Floßhilde* Arina Lucas**) erscheinen als verarmte Stadtbewohner. Mit abgebrochenen Zähnen und in billig wirkender Goldlametta-Kleidung, Zigarette in der Hand, suchen sie den Festraum offensichtlich nach Mitnehmbarem ab, lyrisch verzweifelt singend: „*Rheingold! Klares Gold! Wie hell du uns einstens strahlest, hehrer Stern der Tiefe!“* Endgültig mitreißend wird **Wagners *Götterdämmerung*** als ***Siegfried* (Ronald Samm, Foto**) in der Festgesellschaft von ****Surrogate Cities** ankommt. ***Siegfried*** begegnet den ***Rheintöchtern*** (***Wellgunde*** „*Ein goldner Ring ragt dir am Finger..*“) mit heldisch starkem Tenor und prächtiger Präsenz packend und durchgehend sicher: „*Denn giert ihr nach dem Ring, euch Nickern geb ich ihn nie!“*

***Götterdämmerung*,** die Komposition Wagners und ein starkes Ensemble bestimmen nun musikalisch. **Johannes Prell** führt das **Sinfonieorchester Wuppertal** in nicht erwartete Sinnlichkeit, gibt ihm und dem Ensemble Raum für Gestaltung und Dramatik. ***Hagen*** **(** **Lucia Luca** **s)** mit mächtigem Bariton lebt in seiner Partie: *„So singe, Held!“;* ***Siegfried*** reißt mit, sorgt für Staunen: „*Mime hieß ein mürrischer Zwerg, in des Neides Zwang zog er mich auf..“.* Das junge Ensemble und Orchester machen ***Surrogate Cities*** zu einem in dieser Kraft unerwarteten Stimmfest, alle Partien sind blendend besetzt: **Annemarie Kremer** als ***Brünnhilde*** mit leuchtendem Sopran, **Jenna Siladie** als ***Gutrune*** in wunderbarer Lyrik und **Sebastian Campione** als ***Gunther,*** wenn er mit viel Präsenz auf der Riesenleinwand und gut sitzender Stimme wenigstens etwas Mitgefühl für den sterbenden ***Siegfried*** ausdrückt. ***Siegfried*** stirbt ermordet unübersehbar auf dem Festtisch. Doch die Festgesellschaft feiert, mit Champagner, in weißen Smoking. Die Live-Kamera zeigt dazu statisch eine umgefallene Kaffeetasse auf der riesigen Leinwand. Die Feiernden interessiert Sterben und Kämpfen nicht; gelangweilt schlendern sie am toten **Siegfried** vorbei nach draußen. Pause.

![Oper Wuppertal / Surrogate Cities - Götterdämmerung - Siegfried und Hagen © Jens Grossmann](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2017/09/113_goetterdaemmerungneu.jpg "Oper Wuppertal / Surrogate Cities - Götterdämmerung - Siegfried und Hagen © Jens Grossmann")

Oper Wuppertal / Surrogate Cities - Götterdämmerung - Siegfried und Hagen © Jens Grossmann

***Surrogate Cities / Götterdämmerung*** verläuft auch weiterhin faszinierend wie überraschend: Die ***Rheintöchter*** töten Wagner-treu ***Hagen,*** entreißen ihm den Ring, die letzten zarten Töne der ***Götterdämmerung*** erklingen. Die Bühne leert sich, auf der Leinwand die Musiker in ihren weißen Gewändern. Stille, Ende? Das Publikum möchte klatschen, doch, Musik von **Heiner Goebbels** erklingt wieder. Die amerikanische Soul- und Gospelsängerin **Elisabeth King** erscheint und singt in coolem Outfit und mächtigem, unter die Haut gehendem Timbre (man glaubt **Mahalia Jackson** zu hören) die von **Heiner Goebbels** komponierte Parabel aus der römisch antiken Welt, die ***Three Horatian Songs.*** **Surrogate Cities** schließt in dieser Parabel einen Kreis der zeigt, auch in einem Leben voller Oberflächlichkeit und Unrecht bestehen die universalen ethischen Grundsätze der Menschheit. Auch wenn man sie nicht immer sieht oder umsetzt.

***Surrogate Cities / Götterdämmerung***ist eine ungewöhnliche Produktion der **Oper Wuppertal.** Mut und Können beweist Intendant **Berthold Schneider,** ein solch komplexes, schwer umsetzbares Stück auf den Spielplan seines Hauses zu setzen. Nicht nur **IOCO** war begeistert über das von **Jay Scheib** umgesetzte Werk. Auch das Publikum feierte ***Surrogate Cities / Götterdämmerung,*** Inszenierung, Ensemble und Orchester ausgiebig und lautstark.

**Surrogate Cities / Götterdämmerung** an der **Oper Wuppertal:** Weitere Vorstellungen 1.10.2017, 14.10.2017