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# Wolfsburg, Scharoun Theater Wolfsburg, Staatsorchester Braunschweig - Istanbul, IOCO Kritik, 18.02.2020
- URL: https://www.ioco.de/wolfsburg-scharoun-theater-wolfsburg-staatsorchester-braunschweig-istanbul-ioco-kritik-18-02-2020/
- Published: 2020-02-18T09:00:57.000Z
- Updated: 2023-09-06T13:01:37.000Z
- Author: Redaktion
- Tags: Oper & Operette, Konzert & Liederabend, Beethoven, Philharmonie, Fidelio, Pressemeldungen & Nachrichten, Kritiken, Wolfsburg

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[Theater Wolfsburg](http://theater.wolfsburg.de/?ref=ioco.de)

![Scharoun Theater Wolfsburg © Stadt Wolfsburg / Lars Landmann](https://ioco-wordpress-production-assets.s3.eu-central-1.amazonaws.com/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2017/11/Scharoun-Theater-Wolfsburg-au%C3%9Fen-c-Stadt-Wolfsburg-Lars-LandmannNEUNEU.jpg)

Scharoun Theater Wolfsburg © Stadt Wolfsburg / Lars Landmann

#   **Staatsorchester Braunschweig - Christopher Lichtenstein**

## **\- eine Reise in den Orient - Istanbul Sinfonie von Fazil Say -**

von **Christian Biskup**

Das **Scharoun-Theater Wolfsburg** ist eines der bedeutendsten Tourneetheater im deutschen Raum. Künstler wie **Nigel Kennedy, Andris Nelsons, Thomas Hampson** oder **Joan Diego Florez** standen schon auf der Bühne des von **Hans Scharoun** entworfenen Theaterbaus der Volkswagenstadt. In der Konzertreihe war nun das **Staatsorchester Braunschweig** mit dem *"exotisch"* klingenden Programmtitel ****Istanbul** mit Werken von **Joseph Haydn** und **Fazil Say** zu Gast.

**Exotismus** hat in der Musik schon eine lange Geschichte. Der Begriff des Exotismus bzw. des Exotischen wird erstmals in **François Rabelais´** *Quart livre des faictz et dictz heroiques du noble Pantagruel* verwendet. Mit **exotique** wird dabei alles nicht-europäische bezeichnet. **M. P. G. de Chabanons** verwendet den Begriff Ende des 18\. Jahrhunderts erstmals in einem musikalischen Kontext, jedoch nicht, um auf fremdländische Elemente der eigenen Kunstmusik hinzuweisen, sondern um die „fremde“ Musikproduktion der eigenen gegenüber abzuwerten.

Als Beginn des intendierten musikalischen ***Exotismus*** wird allgemein **Jean Baptist Lullys** und **Molieres Ballett *Le Bourgeois gentilhomme*** (1670) bezeichnet. Entscheidende Hinweise erhielten die Komponisten der Zeit von Orientalisten, die durch authentische Berichte neben alltäglichen Erfahrungen auch Informationen über Instrumente sowie erste Reiseberichte mit orientalischen Melodiebeispielen nach Europa brachten. Anders als Bühnenwerke muss die reine Instrumentalmusik durch ihren musikalischen Gehalt, seien es Instrumente oder Melodien, exotische Atmosphäre vermitteln. In diesem Zusammenhang erwies sich im 18\. Jahrhundert die türkische Musik, die als Janitscharenmusik im europäischen Rahmen in der militärischen Musik Verbreitung fand, als besonders inspirierend, so in **Mozarts *Entführung aus dem Serail.***

![Staatsorchester Braunschweig © Bettina Stoess](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2020/02/csm_orchesterburgplatz18_c_bettina_stoess-neu2.jpg)

Staatsorchester Braunschweig © Bettina Stoess

Was sich u.a. bei **Giacomo Meyerbeer** als „*Couleur local“* in der französischen Musik niederschlug führte später durch die französische Weltausstellung 1889 mit genuin exotischer Musik auch bei **Debussy, Ravel** anderen Impressionisten zu Werken mit exotischen Bezügen.

Nach dem 1\. Weltkrieg und der folgenden Internationalisierung von Musik, aber auch durch das Ideal einer Weltmusik galt der Exotismus als veraltet, was Komponisten wie **Ludolf Nielsen** oder **Kurt Atterberg** dennoch nicht davon abhielt, abendfüllende Bühnenwerke auf Sujets aus Fernost zu vertonen. Heute findet an ihn am ehesten in der Filmmusik.

***Kein *Exotismus*,*** sondern ein eigenständiges Statement türkischer Musik und Kultur ist hingegen **Fazil Says** großangelegte **Istanbul**\-Sinfonie. Das 2010 aufgeführte, eher an eine sinfonische Dichtung erinnernde Werk versucht einen Bogen von den Anfängen der Stadt bis zum heutigen Leben in all seinen Facetten zu spannen – und dies mit den Mitteln der türkischen Musik, instrumental wie melodisch traditionell verankert. **Fazil Say** über das Werk: **„Istanbul* kann man nicht erzählen mit Clustern, Atonalität und Zwölftontechnik. Istanbul muss man zum Teil romantisch oder nostalgisch erzählen. Es kommt nichts Avantgardistisches vor, aber dennoch Neues, denke ich, um diesem Brückenbau von Ost nach West gerecht zu werden*.“

Der erste Satz *„Nostalgie“* beginnt mit Meeresrauschen. Klänge der Endkantenflöte **Ney** (virtuos gespielt von **Valentina Ballanova**) mischen sich mit dem Streicherteppich und lassen den Orient direkt klanglich hörbar werden. Furios führt **Say** das Orchester zu den Erinnerungen an die Stadteroberung durch die Osmanen 1453\. Im zweite Satz „*Der Orden*“ führt der bekennende Atheist **Say** die negativen Aspekte des Islams vor. Monoton stechend rhythmische Floskeln hämmern auf den Hörer ein, bis im dritten Satz „*Die blaue Moschee“* ein Gegenbild gezeichnet wird. Wunderbar lichte lyrische Motive gipfeln in einem prächtigen Höhepunkt, das Wahrzeichen der Stadt darstellend. Als quasi Scherzo fungiert der vierte Satz *„Hübsch gekleidete junge Mädchen auf dem Schiff zu den Prinzeninseln*“. Leichte, tanzende Motive, Walzersequenzen und die wirbelnde Rhythmen der **Darbuka** (gespielt von **Sebastian Flaig**) lassen die Vorfreude und Feierstimmung der jungen Damen erahnen. Einzelne Tubaeinwürfe erklingen als Schiffshorn bevor der fünfte Satz *„Über die reisenden auf dem Weg vom Bahnhof Haydarpasa nach Anatolien“* mit ratterndem Percussion-Ostinato eine Zugfahrt beschreibt. Ein langes, äußerst virtuoses **Kanun-Solo** (gespielt von **Hesen Kanjo**) leitet in den Höhepunkt ein – die *„Orientalische Nacht“*. Wild, furios, mitreißend zeichnet Say eine ausladende Festnacht, die mit mächtigen Paukenschlägen in das Finale münden, welches die nostalgische Anfangsstimmung wieder aufnimmt und mit Wellenrauschen die Reise in den Orient beendet.

![Dirigent Christopher Lichtenstein © Björn Hickmann](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2020/02/csm_christopher_lichtenstein_19_20_c_bjoern_hickmann_stage_picture_ec71d81135.jpg)

Dirigent Christopher Lichtenstein © Björn Hickmann

**Say** bedient sich im dem bemerkenswerten Werk der modernen Palette westlicher Orchesterkultur und zeigt sich als fabelhafter Orchestrierer. Tonarten, Rhythmik, Instrumentation lassen die westliche Tradition mit der des Ostens reizvoll verschmelzen. Mit sichtlicher Spielfreude nahm sich das Staatsorchester unter der versierten Leitung des ersten Kapellmeisters **Christopher Lichtenstein** des Werkes an. Die zahlreichen Taktwechsel und rhythmisch ungewöhnlichen Strukturen meisterte das Orchester mit Bravour, lyrische Momente kostete Lichtenstein genussvoll aus. Das **Wolfsburger Theater** landete mit dem Werk im Programm einen Volltreffer beim Publikum. Standing Ovations, Bravo-Rufe und viel Beifall.

Nach dieser musikalisch breit gefächerten Farbpalette gingen die Eindrücke der Sinfonie *Nr. 96 D-Dur* von **Joseph Haydn**, die vor der Pause gespielt wurde, doch etwas verloren – was jedoch nicht an der Aufführungsqualität lag. Die erste von **Haydns** Londoner Sinfonien trägt den Beinamen „*The Miracle“*, der wie so oft in der Musikgeschichte nicht vom Komponisten selbst stammt. Die Begebenheit: Bei der Uraufführung der Sinfonie fiel wohl der Kronleuchter in den Hannover Square Rooms herunter. Weil jedoch das Publikum zum Komponisten huldigend an die Bühne strömte, kam niemand zu Schaden und der Beiname wurde geboren. Ob Legende oder nicht – die Sinfonie hält einige Überraschungen parat, so der harmonisch Moll-Ausbruch in der Schlussgruppe des ersten Satzes, das walzerartige Oboensolo im Menuett oder das Perpetuum mobile im Finale – *Papa *Haydn** weiß, wie er die Spannung aufrecht halten kann und zeigt dabei seinen überlieferten Humor. Duftig leicht, die Soli auskostend, stets den großen Bogen im Blick, gestaltet Lichtenstein die Sinfonie geistvoll und spritzig – viel Beifall!

\---| IOCO Kritik Scharoun Theater Wolfsburg |---