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# Wiesbaden, Hessisches Staatstheater, My Fair Lady  -  Frederick Loewe, IOCO Kritik, 30.10.2018
- URL: https://www.ioco.de/wiesbaden-hessisches-staatstheater-my-fair-lady-frederick-loewe-ioco-kritik-30-10-2018/
- Published: 2018-10-31T09:00:16.000Z
- Updated: 2023-09-06T12:49:53.000Z
- Author: Ingrid Freiberg
- Tags: Oper & Operette, Aktuelles aus der Theaterwelt, Kritiken, Puccini, Boheme, giacomo puccini, Wiesbaden

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[Hessisches Staatstheater Wiesbaden](http://www.staatstheater-wiesbaden.de/?ref=ioco.de)

![Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2013/02/theater117ckaufhold.jpg)

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

 ***My Fair Lady*  – Musical von Frederick Loewe** 

***\- Uwe Eric Laufenberg ist Higgins - Mira Benser ist Eliza Doolittle -***

von **Ingrid Freiberg**

***My Fair Lady*** ist die Urmutter, das Schmuckstück aller Musicals – ein Dauerbrenner voller Evergreens, den fast jeder mindestens einmal gesehen hat. Es soll eines der meistgespielten Stücke aller Zeiten sein. Insbesondere im deutschsprachigen Raum bedeutete sein Erfolg den Durchbruch dieser Musikgattung. Die Songs wurden zu Ohrwürmern und sind unverwechselbare musikalische Charakterporträts der Figuren. Der Sprachwitz des Stückes hat an szenischer Schwungkraft und pointiertem Humor wenig eingebüßt.

****Nobelpreisträger erhält Oscar** 

Für den Dramatiker und Nobelpreisträger **George Bernard Shaw** war ***Professor Henry*** ***Higgins*** ein Zyniker und Frauenfeind. Das 1913 mit großem Erfolg in London uraufgeführte Stück verursachte allerdings einen Skandal, weil ***Eliza*** exzessive Schimpfwörter benutzte. Für die Verfilmung ***Pygmalion – Der Roman eines Blumenmädchens*** mit **Leslie Howard** und **Wendy Hiller** in den Hauptrollen wurde **Shaw** als Drehbuchautor mit dem ***Oscar*** ausgezeichnet.

![Hessisches Staatstheater Wiesbaden / May fair Lady - hier : Uwe Eric Laufenberg als Henry Higgins und Mira Benser als Eliza Doolittle © Monika Forster](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2018/10/18627_9125_myfairlady_forster__218laufenbergneu_2.jpg)

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / May fair Lady - hier : Uwe Eric Laufenberg als Henry Higgins und Mira Benser als Eliza Doolittle © Monika Forster

Doch hat die erst nach seinem Tod entstandene Musical-Version ***My Fair Lady*** von **Frederick Loewe** und **Alan Jay Lerner**, mit gesellschaftssatirischem Grundton und menschlicheren Zügen, hat den Stoff weltberühmt gemacht. Grundlage ist ein alter Mythos: Ein Mann schafft sich ein weibliches Idealbild nach seinen Vorstellungen... Die Uraufführung von ***My Fair Lady*** fand 1956 in einer Produktion von **Herman Levin** unter der Regie von **Moss Hart** in New York statt und brachte es auf insgesamt 2.717 Vorstellungen in den ersten sechs Jahren. Die unvergessene deutschsprachige Erstaufführung fand 1961 im ***Theater des Westens*** in Berlin statt.

***Vorzüglich gelungene Regiearbeit***

Die 30er Jahre-Inszenierung von **Beka Savic** lässt das England der literarischen Vorlage aufleben und wählt für das Londoner Cockney den bewährten Berliner Dialekt. Das lässt das breitgefächerte Großstadtmilieu mit Proletariat, Mittel- und Oberschicht aufleben. Tänzer als Straßenartisten und Gaukler verstärken die Emotionen und bilden einen bezaubernden Farbtupfer.

Während ***Professor Higgins*** seine Logier-Schülerin ***Eliza*** stundenlang mit Vokal-Konsonant-Übungen und Grammatik-Drill quält, ist ***Oberst Pickering*** Ruhepol und vollendeter Gentleman im Dauer-Tornado. Die Rinnstein-Göre ***Eliza*** reift zu einem zauberhaften Geschöpf, zu einer Dame mit korrekter Ausdrucksweise und Selbstvertrauen. Erst als sie sich enttäuscht und tränenüberströmt entschließt, ihren selbstverliebten Lehrer zu verlassen, erkennt dieser seine Zuneigung zu ihr und versucht, sie zurückzugewinnen. Das Zauberwesen kommt zurück, nicht ganz nachvollziehbar, und erhört den eitlen Schnösel.

Wenn ***Eliza*** in Ascot der feinen Gesellschaft erzählt, dass ihre Tante abgemurkst worden sei, und sie einem lahmen Gaul Pfeffer in’nen Arsch streuen will, flieht die blasierte Hautevolee schockiert über Bühne und Zuschauerraum dem Ausgang entgegen... Die gelungene Regiearbeit lässt der Musik Raum und trägt liebevoll die DarstellerInnen.

![Hessisches Staatstheater Wiesbaden / May fair Lady - hier : Uwe Eric Laufenberg als Henry Higgins, rechts, Mira Benser als Eliza Doolittle und Margit Schulte-Tigges als Mrs. Higgins © Monika Forster](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2018/10/18676_9126_myfairlady_forster__188__kopieneu_2.jpg)

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / May fair Lady - hier : Uwe Eric Laufenberg als Henry Higgins, rechts, Mira Benser als Eliza Doolittle und Margit Schulte-Tigges als Mrs. Higgins © Monika Forster

***Finessenreiches Bühnenbild mit genre-genauen Kostümen***

Die Bühnenbilder von **Bettina Neuhaus** greifen mit allen Finessen der Bühnenkunst fugenlos ineinander – prachtvoll die Variationen der sich schnell wandelnden Bühne. Statisten in Livree verändern völlig unaufgeregt die Szenerie. Wie selbstverständlich werden sie in die Handlung mit einbezogen. Gelungene Farbvariationen, ein romantischer Sternenhimmel, Häuser, die nach oben entschwinden, Bibliothekswände, die nach unten zu schweben scheinen, die Kneipe ***Mad Rabbit*** – mit einem hessisch babbelnden Wirt **Thomas Braun** und ein wunderschön ausgeleuchtetes Straßenbild ergänzen kongenial die Inszenierung. Selbst das Kino am Blumenmarkt wechselt im Verlauf des Abends sein Programm: von ***Secret Agent*** zu ***Pygmalion Cinema*** bis hin zu ***Gone With The Wind***. Besonders eindrucksvoll gelungen sind das Pferderennen in Ascot und der Diplomatenball im Buckingham Palace mit schwungvollen Tanzeinlagen des Chores, die durch die fast scherenschnittartig gestalteten Videos von **Gerard Naziri** zu ***The Embassy Waltz*** eindrucksvoll ergänzt und von der Choreografin **Myriam Lifka** bezaubernd arrangiert werden.

Die genre-genauen herrlichen Kostüme von **Claudia Jenatsch** \- schmutzstarrende Lumpen der Unterschicht und farbenfrohe bis üppige Garderobe der Upper Class - beleben das klassische Bühnenbild. Zusammen mit den außergewöhnlichen Hutkreationen für die Damen in Ascot sind sie auch eine hervorragende Referenz der Theater-Werkstätten.

Musikalisch hält **Christoph Stiller** die Fäden zusammen. Mit dynamischer, dabei äußerst differenzierter Klangsprache, gleicht er Fallhöhen aus. Das **Hessische Staatsorchester Wiesbaden** pariert das vorzüglich. Die Schauspieler-Sänger werden mit viel Einfühlungsvermögen bisweilen nur von einer Geige begleitet. Dabei kommt auch das Hochpulsige der Partitur nicht zu kurz. Souverän und mit Schmiss gelingt ihm eine sehr persönliche Interpretation.

Der Intendant des ***Hessischen Staatstheaters Wiesbaden*** **Uwe Eric Laufenberg** schenkt sich die Rolle des kauzigen ***Professor Henry Higgins***. Dem Schauspieler-Sänger gelingt es nicht immer, dessen vielschichtigen Charakter herauszuschälen. Seiner Interpretation fehlt es an der arroganten, britischen Blasiertheit der englischen Oberschicht. Stattdessen gibt er den Choleriker. Nicht zu überzeugen wissen seine sprachlichen und gesanglichen Unverfrorenheiten, beispielsweise in ***Sie ist so entzückend ordinär, so schauerlich schmutzig...***. Besser gelingen ***Kann eine Frau nicht sein wie ein Mann, kann eine Frau nicht sein wie ich?*** und ***Ich bin gewöhnt an ihr Gesicht...*** Wenn sich seine sprachlastige Weltanschauung süffisant über ***Oberst Pickering***, ***Eliza*** oder seine ***Bediensteten*** ergießt, gewinnt seine Figur mehr an Kontur. Fast liebenswert sind sein Versprecher ***Lohengrün*** und der ***Hilfeschrei*** nach seiner Mutter...

![Hessisches Staatstheater Wiesbaden / May fair Lady - hier : Michael Birnbaum als Alfred P. Doolittle, Jochen Elbert, John Holyoke © Monika Forster](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2018/10/18674_9126_myfairlady_forster__176__kopieneu_2.jpg)

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / May fair Lady - hier : Michael Birnbaum als Alfred P. Doolittle, Jochen Elbert, John Holyoke © Monika Forster

Die junge aparte Schauspielerin **Mira Benser** als ***Eliza Doolittle*** entwickelt sich zu einer selbstbewussten Frau, die ***Higgins*** schließlich den Marsch bläst. Eine linguistisch schier unlösbare Aufgabe und nicht leicht auf einer deutschen Bühne darzustellen. Als Zuschauer hat man immer noch **Audrey Hepburn** und **Karin Hübner** im Ohr. Sie kämpft sich mutig durch den Berliner Slang und interpretiert die Evergreens von **Frederick Loewe** auf ihre ganz eigene Weise. Darstellerisch überzeugt sie. Es bleibt dennoch zwiespältig, die Rolle einer Schauspielerin anzuvertrauen. Gesanglich kann **Mira Benser** nur in den leisen Partien, in denen sie ihre zarte empfindsame Seele offenbart, gewinnen, in hohen Lagen vermag sie nicht sauber zu intonieren.

Der singspielende **Michael Birnbaum** als ***Alfred P. Doolittle*** ist eine grundsympathische Rampensau, aufgedreht und übervoll mit Energie. Als arbeitsscheuer trinkfreudiger Vater von ***Eliza*** begeistert er sinnlich Gin-trinkend mit elastischen Hüften - ansteckend zum Mitsingen vorgetragen: ***Mit ’nem kleenen Stückchen Glück...*** und ***Bringt mich pünktlich zum Altar...*** Hier springt der musikalische Funke über!

**Uwe Kraus** als ***Oberst Pickering*** ist der distinguiert altmodische Kollege und Freund ***Higgins***. Köstlich eloquent sind seine Bemerkungen über den Charakter von Beziehungen zwischen Mann und Frau und die moralischen Verpflichtungen eines Vaters. Von Anfang an behandelt er ***Eliza*** als liebenswertes Geschöpf, ist sogar ein wenig verliebt in sie. Der tüchtigen Hausdame ***Mrs. Pearce*** macht er den Hof und spricht sie ab und zu – recht verräterisch – mit ***Eleanor*** an, was an seiner vorgegebenen Diskretion ein wenig zweifeln lässt.

Der smarte strahlende **Björn Breckheimer** singt ***Freddy Eynsford-Hill***. Jugendfrisch, verzaubert von der jungen Frau mit dem unkonventionellen Auftreten, mit Schwüren voller Schmelz schreibt er täglich Liebesbriefe, schickt Blumen und wartet auf der Straße vor dem Haus in der Hoffnung, seine Angebetete zu treffen: ***In der Straße, mein Schatz, wo du lebst*...** (Dabei bewährt sich der Einsatz eines Mikroports mit natürlichem Klang, der in diesem großen Opernhaus auch für die schwierigen Gesangspartien der Hauptprotagonisten ratsam wäre. Hier ist etwas Luft nach oben...)

Die zarte **Margit Schulte-Tigges** ist eine resolute ***Mrs. Higgins***, unkonventionell und aufgeschlossen. Mit ausgleichender Diplomatie repräsentiert sie während der ***Ascot Gavotte***. Ihren Sohn hält sie für einen Stoffel und unterstützt mit Augenzwinkern ***Elizas*** Bestrebungen zur Eigenständigkeit. Contenance in allen Lebenslagen bewahrt **Petra Weiteroth** als ***Mrs. Pearce***. Liebevoll-streng umsorgt sie ***Eliza***, managt bravourös den Junggesellen-Haushalt und steht der Dienerschaft vor. Ab und zu versüßt ihr das heimliche Techtelmechtel mit ***Oberst Pickering*** diese turbulente Aufgabe. **Klaus Krückemeyer** spielt den Phonetik-Detektiv ***Zoltan Karpathy*** als öligen windigen Meisterschüler von ***Higgins*** und versucht vergeblich, die Herkunft von ***Eliza*** herauszufinden. Zur Erbauung aller lautet – im Hinblick auf ihre gewählte Aussprache - seine Diagnose, sie sei eine ungarische Prinzessin.

**Chor und Chorsolisten** des ***Hessischen Staatstheaters Wiesbaden*** trägt es nie aus der Kurve, obwohl ihnen eine Menge abverlangt wird. Von **Albert Horne** gesangs- und spielfreudig einstudiert entsteht temporeiche Unterhaltung. Als Proletenvölkchen, das ausgelassen Blumenmarkt und Straßen bevölkert, als Mitglieder der Gesellschaft beim Pferderennen und als Popcorn-naschende, Wettschein-schwenkende Kleinbürger sowie in ***Higgins*** Haus - ***The Servant’s Chorus*** \-spielen sie sich in die Herzen des Publikums.

*Das Premierenpublikum feiert die Ensembleleistung mit herzlichem Applaus*

**My fair Lady** am **Hessischen Staatstheater Wiesbaden**: die weiteren Termine 2.11.; 11.11.; 16.11.; 17.11.; 24.11.; 30.11.; 5.12.; 7.12.; 9.12.2018 und mehr

\---| IOCO Kritik Hessisches Staatstheater Wiesbaden |---