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# Wiesbaden, Hessisches Staatstheater, Il Trovatore – Giuseppe Verdi, IOCO Kritik , 02.10.2021
- URL: https://www.ioco.de/wiesbaden-hessisches-staatstheater-il-trovatore-giuseppe-verdi-ioco-kritik-02-10-2021/
- Published: 2021-10-02T06:00:28.000Z
- Updated: 2023-09-06T13:07:56.000Z
- Author: Ingrid Freiberg
- Tags: Oper & Operette, Kritiken, Wiesbaden

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[Hessisches Staatstheater Wiesbaden](http://www.staatstheater-wiesbaden.de/?ref=ioco.de)

![Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2013/02/theater117ckaufhold.jpg)

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

# ***Il Trovatore – Giuseppe Verdi***

**\- Plakative Effekte - Grelle Tableaus - Wirkungsvolle Dramatik -** 

von ***Ingrid Freiberg***

Was **Verdi** an Emotion und Herzblut in seine Kunst steckt, macht seine Musik so wunderbar… leidenschaftlich dahinstürmende, rhythmisch mitreißende Musik voll grandioser musikdramatischer Gesten und plakativer Wucht. ***Il Trovatore*** seine als *„dramma lirico“* bezeichnete Oper in vier Teilen, verzaubert das Opernpublikum von Beginn an. Das Libretto von **Salvadore Cammarano**, vollendet von **Leone Emanuele Bardare**, basiert auf dem Schauspiel ***El Trovador*** von **Antonio García Gutiérrez** (1836). Die Uraufführung war am 19\. Januar 1853 im ***Teatro Apollo*** in Rom. **Verdi** hat das vordergründige theatralische Moment gereizt, mit wirkungsvollen dramatischen Ereignissen. Es dominieren plakative Effekte, grelle Tableaus, die sich auch als ***varietà*** umschreiben lassen.

***Eine verworrene Geschichte in poetischen Bildern***

Das Wiesbadener Publikum musste Corona-bedingt lange auf die Premiere von ***Il Trovatore*** warten und wird mit einer intelligenten psychologisch informierten Inszenierung von **Philipp M. Krenn** belohnt. Sich der Musik zugewandt, erzählt er die verworrene Geschichte in poetischen Bildern. Er versucht gar nicht erst Liebe, Verwirrung, Erbfolgestreit, Duell, Eifersucht, Rache und Kerker realistisch auf die Bühne zu bringen.

**Il Trovatore - Giuseppe Verdi** youtube Hessisches Staatstheater Wiesbaden **\[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet \]**

Der Zugang zur Geschichte ist schwierig: ***Hauptmann Ferrando*** erzählt aufrüttelnd (sehr überzeugend **Young Doo Park**) den müden Wachsoldaten von einem mysteriösen Ereignis: Die Brüder ***Luna*** und ***Manrico*** wurden als Kinder getrennt. Der Jüngere sei Opfer von Zauberkünsten einer Zigeunerin geworden, die zum Tod auf dem Scheiterhaufen verurteilt wurde. Ihre Tochter ***Azucena*** entführte das Kind und verbrannte es. Dennoch war der alte Graf davon überzeugt, dass sein Sohn noch lebt. Bald erkennen die ahnungslosen Brüder, dass sie nicht nur Rivalen in ihrer Liebe zu ***Leonora*** sind, sondern auch politische Feinde. Ein Duell der beiden ist nicht zu verhindern. ***Manrico*** besiegt den ***Grafen***, wird im Gegenzug aber schwer verwundet. ***Azucena***, die ***Manrico*** nach seinem Duell gesundpflegt, wird vom grausamen Feuertod ihrer Mutter verfolgt. Sie gesteht ***Manrico***, dass sie versehentlich den leiblichen Sohn dem Feuer übergeben habe. Nach der Nachricht vom angeblichen Tod des Geliebten auf dem Schlachtfeld, will sich ***Leonora*** umbringen. ***Manrico*** eilt zu ihr, ***Azucena*** versucht ihn zurückzuhalten, weil sie um sein Leben fürchtet. Die Entführung von ***Leonora*** kann ***Manrico*** verhindern. Er entwaffnet den ***Grafen*** und entkommt mit ihr. Die Lage ist kritisch. In ***Azucena*** erkennt ***Ferrando*** die Zigeunerin wieder, die ***Lunas*** Bruder geraubt hatte. ***Leonora*** und ***Manrico*** wollen sich trauen lassen, da meldet ***Ruiz*** die Gefangennahme ***Azucenas***. ***Manrico*** scheitert mit seinem Angriff, gerät in Gefangenschaft und wartet mit ***Azucena*** auf die Hinrichtung. ***Leonora*** kann fliehen. Nach massiven Liebesattacken des **Grafen**, denen sie, um ***Manrico*** zu retten nachgibt, nimmt sie heimlich Gift. Als sie den Geliebten noch einmal sehen will, weist ***Manrico*** sie mit dem Vorwurf der Untreue ab. Sie stirbt. Verletzt und wütend lässt **Luna** den Rivalen hinrichten. Erst jetzt enthüllt ***Azucena*** ihm, dass er seinen eigenen Bruder hat töten lassen.

![Hessisches Staatstheater / Il Trovatore - hier: Vesselina Kasarova, Chor Statisterie © Karl und Monika Forster](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/wp-content/uploads/2021/10/trovatore-forster1neu.jpg)

Hessisches Staatstheater / Il Trovatore - hier: Vesselina Kasarova, Chor Statisterie © Karl und Monika Forster

***Erzählperspektive ergibt hintergründigen Sinn***

**Philipp M. Krenn** gelingt es, den Protagonisten mit seiner Erzählperspektive hintergründigen Sinn zu geben. Als übersinnliche Vision erhält ***Leonora*** bis zu sechs Doppelgängerinnen (Tänzerinnen), die ihre Träume und Qualen eindringlich beleuchten. Eingebettet in **Verdis** Musik wird das Grauen zum Genuss. Sich auf **Krenns** wirkungsvoll gruppierten Bilder einlassend, ist es möglich, sich der berauschenden Musik ganz hinzugeben. Besonders hervorzuheben sind die spektakulären Bewegungsabläufe des Chors, wie auch die atemberaubende Personenführung der Solist\*innen.

In einer heruntergekommenen Halle, die deutlich von Kriegsspuren gezeichnet ist, stehen Stühle, von weißer Gaze umhüllt, die menschliche Individuen erahnen lassen, ein Schaukelstuhl, ein Bett, ein Flügel. **Rolf Glittenberg**, ***Bühne***, unterstützt gekonnt das Regiekonzept mit narrativen Bildern, macht es spannend und geheimnisvoll. **Marianne Glittenberg** verleiht mit Schleiern der Liebe Flügel, indem sie unschuldiges Weiß für Positives und Unschuld sprechen lässt. Erst im Sterbemoment begegnet ***Leonora*** ihrem alter ego, in Schwarz gekleidet. Der Kleidungsstil der Truppe von ***Luna*** erinnert mit seinen Schiebermützen entfernt an den Spanischen Bürgerkrieg, während ***Manricos*** Männer als mit Blumen geschmückte Skelettfiguren, teilweise mit Schwellköpfen, an die Feierlichkeiten zum Tag der Toten in Oaxaca, Mexiko, erinnern und damit die ethnische Minderheit der Zigeuner betonen.

***Große Stimmen verwöhnen das Wiesbadener Publikum***

**Aluda Todua**, einigen bereits als *Rigoletto* bekannt, besitzt als ***Graf von Luna*** einen dämonischen Funken intriganter Schurkerei, hat aber auch den notwendigen Schmelz für ***Il balen del suo sorriso*** *(Ihres Auges himmlisch Strahlen*). Sein Stimmumfang ist eindrucksvoll, seine warme Tiefe betörend, völlig unangestrengt, wunderbar leicht und sauber, voller Ausdrucksstärke in den kontrollierten Ausbrüchen. Ihr Deutschland-Debüt gibt **Cristiana Oliveira,** Foto unten, als ***Leonora***. Ihre Liebe wird zur Gegenmacht, die sich über alles erhebt, die sich dem herzlosen Monster hingibt, um das Leben ihres inhaftierten Geliebten zu retten. Anrührend, mit jubilierenden Höhen, findet sie mit ihrem außergewöhnlichen Timbre wunderschöne Farben der Sehnsucht. Das Rollendebüt von **Vesselina Kasarova,** Foto oben, als ***Azucena*** wurde mit Spannung erwartet. Ihr expressiver dunkler Mezzo trägt auch in höheren Passagen, hat innere Wucht, große Leidenschaft und Seele. Kraftvoll glühend ihr ***Stride la vampa*** (Lodernde Flammen). Ihr Spiel zeigt ungewöhnliche kommunikative Kraft. Ihre Stimme hat enormes Potential, kommt aus der Musik wie auch aus ihr selbst. Kein Ton, kein Wort, das nur nebenbei gesungen wird! Meisterlich und bewegend das Duett mit ***Manrico*** ***Ai nostri monti*** (*In unsere Heimat kehren wir wieder*).

![Hessisches Staatstheater / Il Trovatore - hier: Cristiana Oliveira, Statisterie © Karl und Monika Forster](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/wp-content/uploads/2021/10/trovatore-forster-neu.jpg)

Hessisches Staatstheater / Il Trovatore - hier: Cristiana Oliveira, Statisterie © Karl und Monika Forster

Eindrucksvoll auch **Irakli Kakhidze** als ***Manrico***. Ungefährdet in den Höhen, strahlend in der Führung, immer bereit, es auch mit den Orchesterwogen aufzunehmen. Sein Stimmumfang ist eindrucksvoll, seine strahlende Höhe makellos, die hohen C’s gelingen mühelos. ***Di quella pira*** (Lodern zum Himmel) singt er mit kaum vergleichbarer Strahlkraft. Er präsentiert sich effektvoll, zwischen intimen Liebesschmerz und explodierenden Gefühlsausbrüchen changierend. Ohne ***Ferrando***, gesungen von **Young Doo Park**, würde es dem Publikum schwer fallen, der Handlung zu folgen. Mit seinem prachtvollen, imposanten Bass „führt“ er sicher, im Ton und angenehm im Klang, durch das Geschehen. Bemerkenswert ***Qual suono! … oh ciel …*** (Für mich, jetzt tödlich) mit ***Graf von Luna***. Als ***Inez***, Gesellschafterin und enge Freundin von ***Leonora***, weiß **Stella An** mit spritzigem, charmanten Mezzosopran zu überzeugen. **Erik Biegel**, ***Manricos Knappe Ruiz***, meldet mit sicher geführter Stimme die Gefangennahme ***Azucenas***.

***Chor, Chorsolisten, Extrachor und Tänzer\*innen*** unter Leitung von **Albert Horne** zählen mit zu den Höhepunkten des Abends. Dem Namen Chor (von altgriechisch xopoc, chorós „Tanzplatz, Reigen, tanzende Schar“) machen sie alle Ehre, choreographisch beeindruckend wie kaum zuvor. Der Chor überrascht mit zum Teil aufwühlendem Duktus und trennt sängerisch überzeugend die beiden Lager: ***Vedi! le fosche notturne spoglie*** (Zigeunerchor), ***All’erta, all’erta!*** (Ferrando, Familiari, Armigeri), geradezu spektakulär gelingt die Totentanz-Hochzeit.

Für **Alexander Joel**, Musikalische Leitung, hat die Oper sehr viel Drive, Power und ungeheuerliche Energie. Glücklicherweise scheint er dafür Italianità im Blut zu haben. Sein **Verdi** ist gut durchleuchtet, flexibel kraftvoll, dabei den Sänger\*innen genügend Raum gebend. Das Pralle, Sinnliche, Pulsierende, bunt Lebendige arbeitet er gekonnt heraus. Das klangrednerisch geschärft agierende Orchester voller Intensität und Empfindung, durchsetzt von grellen dramatischen Akzenten, überzeugt.

Trotz durchweg großartiger Leistungen fiel der Applaus recht gebremst aus. Vielleicht lag es an der reduzierten Zuschauerzahl.

**Il Trovatore** am **Hessischen Staatstheater,** weitere Termine Sa, 30.10.2021, Fr, 12.11.2021, So, 26.06.2022, So, 03.07.2022, Fr, 15.07.2022

\---| IOCO Kritik Hessisches Staatstheater Wiesbaden |---