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# Wiesbaden, Hessisches Staatstheater, Der Rosenkavalier – Richard Strauss, IOCO Kritik, 15.11.2019
- URL: https://www.ioco.de/wiesbaden-hessisches-staatstheater-der-rosenkavalier-richard-strauss-ioco-kritik-15-11-2019/
- Published: 2019-11-14T17:00:29.000Z
- Updated: 2023-09-06T12:59:42.000Z
- Author: Ingrid Freiberg
- Tags: Oper & Operette, Premieren, Pressemeldungen & Nachrichten, Kritiken, Premiere, Wiesbaden

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[Hessisches Staatstheater Wiesbaden](http://www.staatstheater-wiesbaden.de/?ref=ioco.de)

![Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2013/02/theater117ckaufhold.jpg)

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

# **Der Rosenkavalier – Richard Strauss**

## ***\- Ein „Rosenkavalier-Sonderzug“ fuhr von Berlin nach Dresden -***

von **Ingrid Freiberg**

Schon wenige Wochen nach der Uraufführung ihrer ersten gemeinsamen Oper ***Elektra*** 1909 in Dresden einigten sich das kongeniale Duo, der österreichische Schriftsteller **Hugo von Hoffmannsthal** und **Richard Strauss**, darauf, eine neue Spieloper, die in der Zeit der ersten Regierungsjahre **Maria Theresias** um 1740 spielen sollte, zu schaffen, eine Komödie für Musik, eine Musizieroper. Es ist eine besondere Mischung aus Wehmut und Schmerz, aus Trauer und Heiterkeit, die **Hofmannsthal** in seinem Libretto lieferte und die **Strauss** in berückend schöner Weise Musik werden ließ. Sie schufen ein künstliches Rokoko-Wien mit ebenso überzeugenden wie erfundenen Bräuchen und Dialekten, das **Strauss** auf musikalischer Seite noch mit anachronistischen Walzern veredelte. Der Titel war bis kurz vor Drucklegung umstritten. Verschiedene Namen wurden vorgeschlagen, so sollte die Oper ***Ochs auf Lerchenau*** bzw. ***Silberne Rose*** lauten. **Hofmannsthal** schlug ***Rosenkavalier*** vor, was **Strauss** und sein Freund **Harry Graf Kessler** aber ablehnten. Weibliche Bekannte rieten aber von ***Ochs auf Lerchenau*** im Titel ab und plädierten ebenfalls für ***Rosenkavalier***.

****The Making of Rosenkavalier - Hessisches Staatstheater Wiesbaden**youtube Trailer des Hessischen Staatstheaters **\[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet \]**

Den letzten Ausschlag gab **Richard Strauss’** Ehefrau. **Strauss** kommentierte schließlich: *Also Rosenkavalier, der Teufel hol ihn.* Das Stück spiegelt auf subtile Weise die Befindlichkeiten einer Gesellschaft am Rande großer sozialer Umwälzungen wider. Heutzutage, wo sich die Brüchigkeit der sicher geglaubten Werte zeigt, gewinnt die Oper wieder an Brisanz. Die Uraufführung, unter dem Dirigat von **Ernst von Schuch**, in der Inszenierung von **Max Reinhardt**, Bühnen- und Kostümbildner **Alfred Roller**, war am 26\. Januar 1911 im ***Königlichen Opernhaus Dresden*** ein Riesenerfolg. Es fuhr ein ***Rosenkavalier-Sonderzug*** von Berlin nach Dresden. Selbst Zigaretten erhielten den Namen ***Rosenkavalier***.

***Nur der jugendliche Liebhaber hat unsere Sympathie, und den singt eine Frau...***

*"Einer braucht den andern, nicht nur auf dieser Welt, sondern sozusagen auch im metaphysischen Sinn. (…) Sie gehören alle zueinander, und was das Beste ist, liegt zwischen ihnen: Es ist augenblicklich und ewig, und hier ist Raum für Musik"*, schreibt **Hofmannsthal** im ***Ungeschriebenen Nachwort zum Rosenkavalier*** (1911). Und **Strauss**: "*Es ist schwer, Schlüsse zu schreiben. Beethoven und Wagner konnten es. Es können nur die Großen. Ich kann’s auch*. **Loriot** bringt es sehr vereinfacht auf den Punkt: *Dieses Werk hat ein ungewöhnliches Verdienst: Es zeigt Männer als solche von der dämlichsten Seite. Nur der jugendliche Liebhaber hat unsere Sympathie, und den singt eine Frau..."*

***Knisternde Erotik***

In seiner der Ouvertüre hat **Richard Strauss** mit Hornstößen die Verführung eindeutig beschrieben. Da ist es nur folgerichtig, dass Regisseur **Nicolaus Brieger** der Partitur folgend bereits zu Anfang eine offene Bühne nutzt und damit einen ersten Höhepunkt setzt: Das leidenschaftliche Liebesspiel der ***Feldmarschallin*** mit ihrem jungen Liebhaber ***Octavian*** erfüllt das Theater mit knisternder Erotik... Alle tauchen fühlbar in die Musik ein. **Nicola Beller-Carbone** und **Silvia Hauer** sind auffallend spielfreudige Sängerinnen, die die hohen schauspielerischen Anforderungen, die ***Der Rosenkavalier*** erfordert, hinreißend erfüllen. Wie überhaupt die Personenregie von **Nicolaus Brieger** voll überzeugen kann. Dazu gehört auch die verräterische Körpersprache von ***Octavian/Mariandl***. Vortrefflich seine Deutung: *Die Zeit... In den Gesichtern rieselt sie, im Spiegel da rieselt sie, in meinen Schläfen fließt sie...:* Die ***Feldmarschallin*** schaut dabei wehmütig in einen Standspiegel, um sich schonungslos betrachten zu können. Zum Vergleich: ***Octavian***, der stürmisch das Boudoir betritt, sich im Spiegel betrachtet und jugendlich unbeschwert um ihn herumtanzt. Entgegen des von **Strauss** vorgesehenen Auftritts des ***Sängers*** bei der morgendlichen Toilette der ***Marschallin*** tritt dieser schwerverletzt im Vorspiel zum 2\. Akt auf. Videoprojektionen von **Gérard Naziri** zeigen im Hintergrund Kriegsszenen, schreckliche Kämpfe in Schützengräben, Detonationen, aber auch tanzende Paare zu hohl klingenden Walzern – eine Vorahnung auf den ersten Weltkrieg. Das gibt der Rolle des ***Sängers*** mehr Gewicht. Den von **Hoffmannsthal** vorgesehenen Mohr – hier nur als orientalischer Mohr mit Tablett in der Szene zu finden – wird durch den kleinwüchsigen Diener ***Mohammed*** **Mick Morris Mehnert** ausgetauscht. ***Faninal*** als neureichen nach Titeln strebenden Waffenhändler zu zeigen, der in einer hohen Halle seine Errungenschaften ungeniert mit einem sich drehenden goldenen Panzer demonstriert, der eine Bar in Form einer Weltkugel besitzt, die (wein)geistig seine Allmachtsfantasien anregt, ist durchaus schlüssig. Ein Kabinettstückchen, das Gezeter von ***Baron von Ochs***, als ihn ***Octavian*** mit seinem Degen leicht an der Schulter verletzt. Mit Wiener Schmäh brilliert der lüsterne ***Baron***, der in einer anrüchigen Spelunke im Rotlichtmilieu das reizende ***Mariandl*** alias ***Octavian*** verführen will. Ein Intrigantenpaar, sie Mutter von vier Knaben, angeblich ist ***Ochs*** der Vater – ein weiteres deutet sie mit Hilfe eines Kissens an, entlarvt, dass alles nur eine trügerische Farce ist, eine *Wienerische Maskerad*.

![Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Der Rosenkavalier - hier : Nicola Beller Carbone als Feldmarschallin © Karl  Monika Forster](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2019/11/23572_9239_der_rosenkavalier__forster__14neu.jpg)

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Der Rosenkavalier - hier : Nicola Beller Carbone als Feldmarschallin © Karl Monika Forster

***Bühnenraum und Kostüme lassen dem Verwirrspiel freien Lauf***

**Briegers** Feinfühligkeit für die Charaktere der Figuren zieht sich durch das ganze Stück. Zu dieser wunderbar stimmigen Lesart passt auch die schnörkellose Einheitsbühne von **Raimund Bauer**, ein klassizistisch gestalteter Raum mit unterschiedlich hohen runden Plafonds. Das Boudoir ist bei niedriger Decke mit zarten weißen Vorhängen abgegrenzt, die das Geschehen dahinter erahnen lassen. ***Faninal*** residiert in einem hohen protzigen Industriellen-Palais, das seinen Reichtum repräsentiert. Das zwielichtige Etablissement im 3\. Akt – mit Discokugel, Amüsierdamen, Séparées, kleinen Tischen mit Telefon, einer Damenkapelle und einem großen Bett, lassen dem Verwirrspiel freien Lauf. Es ist auch das Verdienst von **Raimund Bauer**, dass sich die Spielfreude des Ensembles voll entwickeln kann... Die Kostüme von **Andrea Schmidt-Futterer** sind zeitloser dernier cri. Es ist eine Freude, die Ensemblemitglieder in den hervorragend geschnittenen Kostümen zu sehen, die die jeweilige Rolle prägnant hervorheben.

***Turbulentes Ergebnis: Liebe, Triebe und Intrige!*** 

Die Gesangspartien im ***Rosenkavalier*** zählen zu den lyrischsten und opulentesten aus der Feder von **Richard Strauss**. **Nicola Beller Carbone** als ***Feldmarschallin*** ist darstellerisch überzeugend und selbstbewusst, mit einem Hauch von Witz und Raffinesse. Ihr Sopran, schlank, fast jugendlich, mündet in einen schmerzlich errungenen, letztlich aber souverän abgeklärten Verzicht, in ein Loslassen einer zu Ende gehenden Liebe: *Die Demut in mir zu erwecken, muss ich mich demütigen...*

Eine kluge Frau, ein junger Mann, ein noch jüngeres Mädchen und ein libidinöser Baron: Vier Menschen versuchen, sich bei schönster Musik und mit klügstem Text nahe zu kommen. Turbulentes Ergebnis: Liebe, Triebe und Intrige! Eine Idealbesetzung des Macho-Tölpel ***Ochs auf Lerchenau*** ist **Karl-Heinz Lehner**: ..*.innerlich ein Schmutzian, aber äußerlich präsentabel!* Der waschechte Österreicher bringt nicht nur das unverwechselbare wienerische Idiom von Natur aus mit, sein voluminöser makelloser Bassbariton spricht auch in jeder Lage mühelos an. Darstellung und Phrasierung sind Schmankerl. Sein Walzerlied ist das lebendigste Stück in dieser Oper, ein ungezähmter Ausdruck barocker Lebenslust. Mit **Karl-Heinz Lehner** wäre der ***Operntitel Ochs auf Lerchenau*** gerechtfertigt...

**Silvia Hauer** begeistert als liebreizender ***Octavian,*** als perfekter ***Quin-Quin*** mit jugendlichem Übermut, vollmundig, sinnlich, auftrumpfend und gleichzeitig verletzlich, wo nötig auch deftig. Ihre Stimme blüht in der Höhe auf und hat dennoch das wunderbare Mezzo-Timbre, das für diese Rolle gefordert ist. Und die Verbindung mit **Aleksandra Olczyk** als ***Sophie*** bedeutet Glückseligkeit pur. Zunächst naiv, erwartungsvoll und von entzückender Erscheinung entwickelt sich ***Sophie*** zu einer heranwachsenden, selbstbewussten Frau, im Kampf gegen die eigene Ohnmacht in einer männerdominierten Welt und gegen ihren strengen, bevormundenden Vater. Sie berührt mit zarter Sopran-Leuchtkraft. Von bezaubernder Schönheit ist das Terzett *Hab mir’s gelobt* am Ende des 3\. Aktes mit **Nicola Beller-Carbone**, **Silvia Hauer** und **Aleksandra Olczyk**. Das ist Musik zum Wegträumen. Hier bietet die Partitur noch einmal den ganzen orchestralen Klangfarbenreichtum auf, schier hemmungsloses Schwelgen, zeigt aber auch tiefe Brüche.

![ Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Der Rosenkavalier - hier :   Aleksandra Olczyk als Sophie, Silvia Hauer als Octavian © Karl - Monika Forster](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2019/11/23590_9244_der_rosenkavalier__forster__188neu.jpg)

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Der Rosenkavalier - hier : Aleksandra Olczyk als Sophie, Silvia Hauer als Octavian © Karl - Monika Forster

Wenn der Aufsteiger ***Faninal*** dem ungehobelten ***Baron*** unterwürfig entgegentritt, sagt das einiges über seinen Charakter aus: Schmeichelei und klare ökonomische Berechnung. **Thomas de Vries** setzt mit eloquenter Deklamation, differenziert, ausgereift, mit den beredten Schattierungen seines Baritons den neureichen Schnösel perfekt um; imponierend, seine reichen stimmlichen Mittel in umgekehrtem Verhältnis zur Erfüllung seiner väterlichen Fürsorgepflicht... eine Idealbesetzung.

Sharon **Kempton** beweist als ***Jungfer Marianne Leitmetzerin***, dass sie alles in der Welt ist, nur keine Jungfer. Schrill und witzig, manchmal auch nachdenklich, macht sie aus dieser Rolle mit frischem, brillierendem Sopran und lustvollem Spiel eine feine Charakterstudie. Herauszuheben aus dem durchweg ausgezeichneten Ensemble sind die köstlich kokettierende **Fleuranne Brockway** ***(Annina)*** und der groteske **Rouwen Huther** ***(Valzacchi)*** als virtuoses italienisches Intrigantenpaar. **Benjamin Russell** ***(Ein Polizeikommissar / Ein Notar)*** hat nicht nur einen wohlklingenden Bariton mit kompromissloser Diktion, seine Stimme agiert auch mit beredten Schattierungen. **Ralf Rachbauer** ist mit eleganter Haltung und herrlich tenoreskem Schmelz sowohl ***Haushofmeister der Feldmarschallin*** als auch ***Haushofmeister bei Faninal***. Wieder einmal gewinnt **Erik Briegel** durch Überzeichnung einer Figur. Als umtriebiger transsexueller Wirt in einem Paillettenkleid und High Heels muss er aber letztendlich erkennen, dass die Gesellschaft den Boden unter den Füßen verloren hat. **Ioan Hotea** ***(Ein Sänger)*** bringt die italienisierende Tenorarie *Di rigori armato il seno -* kriegsversehrt und aus der Zeit geworfen - mit Schmelz und strahlender Höhe. Sonderlob gebührt dem **Chor und den Chorsolisten des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden** unter der Leitung von **Albert Horne**, von denen jede Sängerin und jeder Sänger eine eigene Persönlichkeit zu sein scheint. Mit frecher Spiellaune agieren die Sänger des **Wiesbadener Knabenchors** unter Leitung von **Roman B. Twardy**. Die **Statisterie des Hessischen Staatstheaters** spielt an diesem Abend nicht nur die sprichwörtliche Nebenrolle. Ohne ihr buntes Treiben würde der Oper Wichtiges fehlen. Eine gute Wahl ist die Besetzung der Rolle des ***Leopold*** mit dem Schauspieler **Lukas Schrenk** – mit kleinen Gesten erzielt er maximale Wirkung.

![ Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Der Rosenkavalier - hier : vl  Lukas Schrenk, Karl-Heinz Lehner als Ochs auf Lerchenau, Ralf Rachbauer © Karl - Monika Forster](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2019/11/23584_9239_der_rosenkavalier__forster__317neu.jpg)

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Der Rosenkavalier - hier : vl Lukas Schrenk, Karl-Heinz Lehner als Ochs auf Lerchenau, Ralf Rachbauer © Karl - Monika Forster

Generalmusikdirektor **Patrick Lange**, der seinen Vertrag bis zum Ende der Saison 2022/23 verlängert hat, verwendet das Notenmaterial von 1911\. An „seinem“ Pult stand 1926 **Richard Strauss** und leitete ebenfalls den ***Rosenkavalier.*** Sicherlich eine große Inspiration für **Lange**: Selten klang das ***Hessische Staatsorchester Wiesbaden*** so wohldosiert in blindem Einverständnis mit den SängerInnen. Da blüht die herrliche Musik richtig auf. Der Frühling ist da – im Aufbrausen der sich anbahnenden Liebesbeziehung zwischen Sophie und Octavian, auch der Spätsommer und Herbst in den melancholischen Reflexionen der Feldmarschallin. **Langes** Stärke liegt in den präzisen Einsätzen der Solisten – hervorzuheben sind die Holzbläser! Er hält das Orchester mühelos zusammen und erzeugt gerade in den symphonischen Segmenten den charakteristischen Strauss-Klang volltönend, alles Lyrische und Dramatische wird herausgeholt.

*Alle Beteiligten werden bejubelt! Es gibt Standing Ovations!*

\---| IOCO Kritik Hessisches Staatstheater Wiesbaden |---