> ## Content Index
> Fetch the complete content index at: https://www.ioco.de/llms.txt
> Use this file to discover other available public pages before exploring further.

# Wiesbaden, Hessisches Staatsorchester Wiesbaden, Das Lied von der Erde - Gustav Mahler, IOCO Kritik, 07.07.2020
- URL: https://www.ioco.de/wiesbaden-hessisches-staatsorchester-wiesbaden-das-lied-von-der-erde-gustav-mahler-ioco-kritik-07-07-2020/
- Published: 2020-07-06T15:00:27.000Z
- Updated: 2023-09-06T13:03:48.000Z
- Author: Ingrid Freiberg
- Tags: Premieren, wolfgang amadeus mozart, Pressemeldungen & Nachrichten, Kritiken, Konzert & Liederabend, Mozart, Premiere, Wiesbaden

![ Kurhaus Wiesbaden / Friedrich von Thiersch Saal © Ingrid Freiberg](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2020/07/kurhaus-wiesbaden-friedrich-von-thiersh-saal-foto-ingrid-freiberg-neu.jpg)

Kurhaus Wiesbaden / Friedrich von Thiersch Saal © Ingrid Freiberg

[Hessisches Staatsorchester Wiesbaden](https://www.staatstheater-wiesbaden.de/konzert/hessisches-staatsorchester/?ref=ioco.de)

# ***Das Lied von der Erde – Gustav Mahler***

## ***Symphonischer Liederzyklus für Soli und Kammerorchester***

bearbeitet von **Arnold Schönberg,** vollendet von **Rainer Riehn** 1983 - aus dem Chinesischen übertragen von **Hans Bethge**

\-----------------------------------

**1\. Das Trinklied vom Jammer der Erde – nach Li-Tai-Po (Tenor)**

***2\. Der Einsame im Herbst – nach Chang Tsi (Bariton)***

***3\. Von der Jugend - nach Li-Tai-Po (Tenor)***

***4\. Von der Schönheit - nach Li-Tai-Po (Bariton)***

***5\. Der Trunkene im Frühling - nach Li-Tai-Po (Tenor)***

***6\. Der Abschied – Textneuschöpfung von Gustav Mahler (Bariton)***

*von* ***Ingrid Freiberg***

***Wehmütige Gedanken im schönsten Kurhaus der Welt***

In dem Corona-bedingt schon mit nur wenigen Zuhörer\*innen ausverkauften Saal sitzend, das prächtige Ambiente bewundernd und sinnend, dass **Kaiser Wilhelm II.** im Mai 1907 der Einweihung des Kurhauses Wiesbaden beiwohnte, welches als Nachfolger des 1810 fertiggestellten kleineren Cursaals von **Friedrich von Thiersch** erbaut wurde, enden in wehmütigen Gedanken. Wenig hilfreich ist dabei, dass der Kaiser das Haus überschwänglich als das „schönste Kurhaus der Welt“ würdigte.

## ***Yin und Yang in Gustav Mahlers Musik***

![Gustav Mahler Grabstätte in Wien © IOCO](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2020/07/mahler-gustavgrabmal-foto-ioconeuneu.jpg)

Gustav Mahler Grabmal Wien © IOCO

1907 gelang das Insel-Bändchen ***Die chinesische Flöte*** in **Gustav Mahlers** Hände. **Alma Mahler** erinnert sich: *Die Gedichte entzückten mich so sehr, dass ich sie meinem Ehemann vorlas.* **Hans Bethge**, ein Orientalist, hatte die altchinesische Lyrik – knapp 70 Gedichte - ins Deutsche übertragen. **Mahler** war emotional sehr berührt und entdeckte sich in ihr wieder. Die Lyrik ist gezeichnet von Yin und Yang: vom Tag, der Nacht, dem Frühling, dem Herbst, von hell und dunkel. Jedes Stück wechselt sich im Charakter ab. Der ***Tenor*** singt das Lebensbejahende, das Exzessive, die Freude am Leben, der ***Bariton*** den Herbst, die Ruhe, den Frieden und zum Schluss den ***Abschied***.

Der ***Abschied*** ist eine Textneuschöpfung **Mahlers**, der zwei Gedichte verschiedener Autoren mit eigenen Verszeilen kombinierte - in der Verbindung von rezitativischen und ariosen Elementen und der gattungsübergreifenden Formanlage eine Mittelposition einräumte. Die Musik gehört zum Berührendsten was **Gustav Mahler** geschrieben hat: Es ist ein Abschiednehmen von der Erde, ein Wandern in die Berge, wo das einsame Herz Ruhe findet… Damit hat er seinen Abschied vorbereitet. Der Komponist mag in den von ihm ausgewählten Gedichten des 8\. und 9\. Jahrhunderts, die die Entfaltung und Neige des menschlichen Lebens durch die Abfolge der Jahreszeiten symbolisieren, manches von der Ursprünglichkeit der Wunderhorn-Lyrik wiedergefunden haben.

![Kurhaus Wiesbaden / Friedrich von Thiersch Saal © Ingrid Freiberg](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2020/07/friedrich-von-tiersh-saal-kuppel-neu-ingrid-freiberg-neu-1.jpg)

Kurhaus Wiesbaden / Friedrich von Thiersch Saal © Ingrid Freiberg

**Schicksalhafte** ***Einbrüche***

Das Jahr 1907 brachte dem Komponisten schicksalhafte Einbrüche: beruflich die Aufgabe der Wiener Direktorenposition und der Weggang nach New York, privat der plötzliche Tod seiner Tochter Maria Anna und die Diagnose des eigenen schweren Herzleidens. **Alma** hielt fest: *…jetzt überfielen ihn diese maßlos traurigen Gedichte!* Er skizzierte auf weiten einsamen Spaziergängen die Orchesterlieder, aus denen ein Jahr später ***Das Lied von der Erde*** werden sollte. **Mahler** war ein sogenannter Sommerkomponist, der sich in jedem Jahr ein Sommerhaus mietete, ein Klavier hineinstellte, um dort seine Symphonien zu schreiben. Das war ihm in seinem Schicksalsjahr 1907 nicht möglich… Während seiner Hauptarbeitsphase im darauffolgenden Sommer 1908 wandelte sich das ursprüngliche Lied-Konzept. Die Arbeit vergrößerte sich. **Mahler** verband die einzelnen Texte, komponierte Zwischenspiele. Die Lieder trugen der im Jugendstil verbreiteten Asiatica-Mode Rechnung.

Das außerordentliche Werk ließe sich doppelt definieren: als eine zum Symphonischen hin verdichtete Liederfolge oder als eine großangelegte Symphonie mit Singstimmen. Nach Abschluss der ins Oratorische sich öffnenden ***Achten*** und vor dem Entschluss zu weiteren, nun wieder rein instrumentalen Symphonie-Projekten, sah **Mahler** in der Mischgattung ***Lied von der Erde*** eine reizvolle Möglichkeit. Die nachfolgende ***Neunte*** konnte er vollenden, während es ihm bei der ***Zehnten*** nicht mehr möglich war.

![ Kurhaus Wiesbaden / vl Klaus Florian Vogt, GMD Patrick Lange, Michael Volle © Ingrid Freiberg, ](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2020/07/kurhaus-wiesbaden-drei-solisten-neu-i-f-neu.jpg)

Kurhaus Wiesbaden / vl Klaus Florian Vogt, GMD Patrick Lange, Michael Volle © Ingrid Freiberg,

Es gelangen mehrere Fassungen des ***Liedes von der Erde*** zur Aufführung: neben der großen Orchesterfassung, eine von **Mahler** selbst stammende Klavierfassung (statt Orchester), die über den Rang eines Klavierauszugs zu Studienzwecken hinausgehend für konzertmäßige Aufführungen gedacht ist, oder die später von **Arnold Schönberg** und **Rainer Riehn** erarbeitete kammermusikalische Fassung für 14 Instrumentalisten. Die Idee, in Wiesbaden eine kammermusikalische Fassung zur Aufführung zu bringen, kam von **Klaus Florian Vogt**. (**Juraj Cizmarovic** 1\. Violine, **Maryna Veremeeva**, 2\. Violine **Irene Baiter** Viola, **Christoph Lambrecht** Violoncello, **Nicolà von Goetze** Kontrabass, **Mátyás Bicsák** Flöte, **André van Daalen** Oboe, **Franz-Josef Wahle** Englischhorn, *der sich mit diesem Konzert nach 37 Dienstjahren in den Ruhestand verabschiedet*, **Adrian Krämer** Klarinette, **Dörte Sehrer** Es-Klarinette, **Charlotte Gombert** Bassklarinette, **Peter Brechtel** Fagott, **Jens Hentschel** Horn, **Edzard Locher, Martin Lorenz, Ferdinand Reitberger** Schlagwerk, **Joachim Enders** Klavier, **Tim Hawken** Harmonium / Celesta).

![ Kurhaus Wiesbaden / Klaus Florian Vogt © Ingrid Freiberg, ](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2020/07/kurhaus-w-kl-f-vogt-neu.jpg)

Kurhaus Wiesbaden / Klaus Florian Vogt © Ingrid Freiberg

## **Arnold Schönberg und der Verein für musikalische Privataufführungen**

Diese Fassung ist hochinteressant und hat eine Vorgeschichte: In Wien gab es in den Jahren 1918 – 1923 einen ***Verein für musikalische Privataufführungen***, den **Arnold Schönberg** gegründet hat. Ziel des Vereins war es, Musik der Zeit aufzuführen. Damals gab es noch keine Tonträger und damit auch keine Möglichkeit, Musik außerhalb eines Konzertsaales zu hören. So haben **Schönberg** und Kollegen für Freunde große Stücke klein arrangiert. Leider ist der Verein 1923 Pleite gegangen. Das ist auch der Grund, warum **Schönberg *Das Lied von der Erde*** nicht fertig arrangiert hat. Für ein ***Toblacher Mahler-Festival*** im Jahre 1983 führte **Riehn Schönbergs** Arbeit am ***Lied von der Erde*** fort. An der vorgegebenen Besetzung änderte **Riehn** mit Ausnahme der fakultativen Hinzufügung einer Celesta für den Schluss des Abschieds, die das *Ewig…* begleitet und deren Kaskaden den Übergang zum Göttlichen herzergreifend beschreiben, nur den Verzicht auf eine 3\. Violine. **Schönberg** hatte bereits die Fülle eines ganzen Orchesters in diese zwei Instrumente mit aufgeteilt und damit einen erstaunlich vollen Klang erreicht. Das ist insofern zu erwähnen, da **Mahlers** Musik meist als bombastisch gilt. Eine kammermusikalische Fassung kann eigentlich nur eine Essenz von diesem Riesenwerk sein und wird doch durch den höchst virtuosen Klavierpart, ein Harmonium vom Ende des 19\. Jahrhunderts, die Celesta und das über die Maßen präzise und mit glühendem Engagement aufspielende ***Hessische Staatsorchester Wiesbaden*** zu einem Klangrausch.

## ***Eine bedrückende Zeit wird für Wiesbaden zum Glücksfall***

Es ist eine bedrückende Zeit, Corona hat die Kulturszene stark verändert: Die beiden Weltstars **Klaus Florian Vogt** und **Michael Volle** wären längst zu Proben in Bayreuth, wo sie als ***Stolzing*** und ***Sachs*** in der Wiederaufnahme der ***Meistersinger*** engagiert waren. **Vogt** wäre zudem der ***Siegmund*** im ***neuen Ring*** gewesen. Für Wiesbaden wird dieser für die beiden Künstler schmerzhafte Umstand allerdings zum Glücksfall.

Im ***Trinklied vom Jammer der Erde*** begeistert **Klaus Florian Vogt** mit seinem lyrischen Tenor, indem er wunderbar den Bogen zwischen *…einem vollen Becher Weins zur rechten Zeit…* und *…dunkel ist das Leben, ist der Tod…* spannt. Der Textdichter **Li-Tai-Po** war, wie sein Übersetzer **Hans Bethge** schreibt, *ein Abenteurer und Trinker*. ***Der Trunkene im Frühling*** ist auch eine Verbindung mit **Mahlers** Zeitgenossen **Friedrich Nietzsche**: Welterkenntnis durch Rauschzustand und Einflüsterungen der Natur. Der Scherzocharakter wird durch die burleske Instrumentation mit Trillern, Pizzicati und lustigen Vorschlägen unterstrichen. Mit Leidenschaft, Seele und Zärtlichkeit verzaubert **Vogt** mit seiner prachtvollen Stimme das Publikum.

![Kurhaus Wiesbaden / Michael Volle © Ingrid Freiberg](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2020/07/kurhaus-volle-neu.jpg)

Kurhaus Wiesbaden / Michael Volle © Ingrid Freiberg

Mit hingebungsvoller Virtuosität berührt **Michael Volle** \- bis zu Tränen - im Bekenntniswerk über Leben und Tod, über Jugend und Schönheit, über Sehnsucht und Vergänglichkeit. ***Der Einsame im Herbst*** ist ein Gleichnis für den Seelenzustand: *Der Herbst in meinem Herzen währt zu lange*. Der Tod wird als Stätte von Frieden und Heimat herbeigesehnt. Der leidenschaftliche Ausbruch: *Sonne der Liebe, willst du nie mehr scheinen* ergreift. Einfühlsam gelingt **Volle** die Interpretation ***Von der Schönheit*** der anmutigen jungen Mädchen. Sie wird nur durch einen atemlosen, marschartigen Mittelteil unterbrochen. Der ***Abschied*** ist das weitaus längste Lied – ein überwältigender Abgesang, ein zeit- und raumloser Abschied von der Liebe und dem Leben. *Ist das überhaupt zum Aushalten? Werden sich die Menschen nicht danach umbringen?*, fragte sich **Mahler**. Alle vorhergehenden Distanzierungen durch Burleske, Ironie oder Exotismus werden aufgehoben. Es ist eine musikalische Erzählung vom Sterben, die sich viel Zeit nimmt. Immer wieder gerät sie ins Stocken, unterbrochen von dem Tam-Tam-Schlägen des Todes: *Die Welt schläft ein*. Der Komponist fügte Zeilen aus einem eigenen Jugendgedicht ein: *Die müden Menschen gehn heimwärts, um im Schlaf vergess‘nes Glück und Jugend neu zu lernen.* Die kaum zu ertragende Sehnsucht nach dem Gefährten mündet in einen Trauermarsch. Danach antwortet der Freund sehr weich und ausdrucksvoll. Die erstarrte Trauer weicht einem warm strömenden Gesang, der die Gewissheit des Todes ruhig akzeptiert. Die Farben des Harmoniums und der Celesta kommen hinzu, für **Mahle**r Klangsymbole der Weltentrücktheit. Das mehrfach wiederholte Wort *Ewig…* steht am Schluss, sich ins Unhörbare auflösend, gänzlich ersterbend. **Volle** gelingen sensible, privat anmutende Empfindungen.

![Gustav Mahler HH © IOCO](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2020/07/mahler-gustav-hamburgneuneu2017.jpg)

Gustav Mahler HH © IOCO

*Haben Sie eine Ahnung wie man das dirigieren soll? Ich nicht!*, fragte der Dirigent und Mahler-Vertraute **Bruno Walter** den Komponisten, nachdem er die soeben fertiggestellte Partitur von dem mit ***Der Abschied*** betitelten letzten Satz studiert hatte. **Mahlers** Antwort darauf ist nicht überliefert – **Walters** Reaktion jedoch ist im Hinblick auf die emotionale Tiefe des Werkes nachvollziehbar. GMD **Patrick Lange** gelingt der enorme Kraftaufwand. Klangzauberisch entlockt er fein ausdifferenziert und nuanciert dem ***Hessischen Staatsorchester Wiesbaden*** innigste Soli - zwischen intimen Liebesschmerz und explodierenden Gefühlsausbrüchen verbindend. Die Grenze zwischen Klang und Stille verwischt sich. Leben geht in Tod auf.

Äußerst berührend ist die minutenlange Stille am Schluss – bis sich das Publikum, teilweise mit Tränen in den Augen, spontan zu Standing Ovations erhebt, die fast dreißig Minuten andauern.

\---| IOCO Kritik Hessisches Staatsorchester Wiesbaden |---