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# Wien, Volksoper Wien, Cabaret - Inspirationen bei Revue und Ragtime, IOCO Kritik, 27.09.2019
- URL: https://www.ioco.de/wien-volksoper-wien-cabaret-inspirationen-bei-revue-und-ragtime-ioco-kritik-27-09-2019/
- Published: 2019-09-27T07:00:26.000Z
- Updated: 2023-09-06T12:58:34.000Z
- Author: Marcus Haimerl
- Tags: Premieren, Premiere, tschaikowsky, Pressemeldungen & Nachrichten, Wien

![volksoper_wien.JPG](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/io/wp-content/gallery/opern_logos/volksoper_wien.jpg "Volksoper Wien")

[Volksoper Wien](http://www.volksoper.at/?ref=ioco.de)

![ Volksoper Wien bei Nacht © IOCO](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2012/10/volksoper-wien-bei-nacht-1-112010-337-c-ioco1.jpg)

Volksoper Wien bei Nacht © IOCO

# ***Cabaret*  \- Inspirationen bei Ragtime und Revue**

## ***\- in Fräulein Schneiders Berliner Pension kulminieren Träume -***

von **Marcus Haimerl**

Grundlage für das im November 1966 in New York uraufgeführte Musical ***Cabaret*** von **John Kander** und **Fred Ebb** bildet das Theaterstück **I am a camera** (verfilmt 1955 mit **Julie Harris** und **Laurence Harvey**) nach den beiden autobiographischen Romanen ***Mr. Norris steigt um*** (***Mr. Norris changes trains,*** 1935) und ***Leb wohl, Berlin* (*Goodbye to Berlin***, 1939). Die New Yorker Uraufführung sangen **Jill Haworth (*Sally*), Bert Convy *(Cliff*), Lotte Lenya (*Fräulein Schneider***) und **Joel Grey** als **Conférencier,** jener Rolle, die er auch in der Verfilmung mit Liza Minelli 1972 übernommen hat.

**Cabaret - Musical an der Volksoper Wien** youtube Trailer Volksoper Wien **\[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet \]**

Die Handlung spielt zu Beginn der 1930er Jahre in Berlin. Der junge amerikanische Schriftsteller **Cliff Bradshaw** reist nach Berlin, um einen Roman zu schreiben und landet in der Pension einer älteren Dame, **Fräulein Schneider.** Über seine Bekanntschaft mit **Ernst Ludwig** lernt er auch den **Kit-Kat-Club** samt seinem Star, der englischen Sängerin **Sally Bowles,** kennen. Nach ihrer Entlassung aus dem Club sucht sie Zuflucht in **Cliffs** Zimmer in **Fräulein Schneiders** Pension. Die beiden werden ein Paar. Aber auch Fräulein Schneider begegnet das Glück: **Herr Schultz,** ein weiterer Bewohner der Pension, kann ihr Herz erfolgreich erobern. Als sich auf der Verlobungsfeier jedoch herausstellt, dass **Ernst Ludwig** Nationalsozialist und Herr **Schultz** Jude ist, auf dessen Obstgeschäft ein antisemitischer Anschlag verübt wird, erkennt Fräulein **Schneider** die Konsequenzen einer solchen Ehe und löst die Verlobung. Herr **Schultz** verlässt die Pension und auch **Cliff** möchte Deutschland verlassen, aber **Sally** träumt weiter von einer Karriere in Berlin. Als sie aber das gemeinsame Kind abtreiben lässt, hält Cliff nichts mehr. Nach einem letzten Zusammentreffen in der Pension flieht **Sally** in den **Kit-Kat-Club, Cliff** verlässt Berlin.

Erstmalig nahm sich die **Volksoper Wien** nun dieses Musicals an und konnte damit erwartungsgemäß dem Repertoire einen neuen Erfolg hinzufügen. Regisseur **Gil Mehmert** schuf in seiner Regiearbeit einen Tanz auf dem Vulkan im schillernden Berlin der ´"*Roaring Twenties"* mit seinem berühmt-berüchtigten Nachtleben auf der einen und dem bürgerlichen Leben auf der anderen Seite, am Vorabend der Machtübernahme der Nationalsozialisten. Dazu schuf **Heike Meixner** ein Bühnenbild auf einer Drehbühne, das wie zwei Seiten einer Medaille funktioniert: Hier die biedere Pension **Frau Schneiders** mit dem biederen Leben der Kleinbürger auf zwei Wohnebenen, dort der **Kit-Kat-Club** mit einem überdimensionalen, schrägen Klavier als Bühne mit schrägen, schillernden, kaum noch Geschlechterrollen beachtenden Gestalten.

Als zentrale Figur geistert der **Conférencier** durch die gesamte Handlung. Neben seiner Aufgabe im **Kit-Kat-Club,** wo er mit übergroßen Händen Sänger dirigiert oder am Klavier begleitet, agiert er auch in kleinsten Rollen und ist somit auf der Bühne beinahe allgegenwärtig.

![Volksoper Wien / Cabaret - hier : Jörn-Felix Alt als Clifford Bradshaw und Bettina Mönch als Sally Bowles © Barbara Palffy / Volksoper Wien](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2019/09/volksoper-wien-cabaret_bp_-neu.jpg)

Volksoper Wien / Cabaret - hier : Jörn-Felix Alt als Clifford Bradshaw und Bettina Mönch als Sally Bowles © Barbara Palffy / Volksoper Wien

Da man **Joel Grey,** den überaus charismatischen **Conférencier** der Verfilmung, nur schwer vergessen kann, setzte Regisseur **Gil Mehmert** mit einem weiblichen, fast schon androgynen ***Conférencier*, Ruth Brauer-Kvam,** einen Kontrapunkt. Aber auch sonst war Mehmert durchaus einfallsreich: Bei dem Song *„Two Ladies“* wird die besungene Dreierbeziehung politisch umfunktioniert. Der Conférencier wird kurzerhand zum neuen deutschen „*Führer“* und bekommt zwei Figuren, die Mussolini und Stalin darstellen, zur Seite gestellt. Für den Song *„Money“* ließ sich Kostümbildner **Falk Bauer** von einer Figur aus **George Grosz** „*Stützen der Gesellschaft“* (1926) inspirieren: Einem Bankier mit goldenem Gehirn und vergoldeten Gedärmen, die aus seinem Bauch - einem Tresor - entnommen werden. Ein besonders intensives Bild gelingt, als nach der ersten Darbietung des Liedes *„Der morgige Tag ist mein*“ der immer dem Publikum den Rücken zuwendende **Conférencier** sich umdreht und ein Totenkopfgesicht enthüllt.

**Cabaret - Zwei Traumrollen auf der Bühne** youtube Trailer Volksoper Wien **\[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet \]**

Neben der gelungenen Regiearbeit kann man auch von einem Erfolg der Künstler sprechen. Der gebürtigen Münchnerin **Bettina Mönch** gelingt es zweifelsfrei, in ihrer Partie der ***Sally Bowles*** aus dem Schatten von **Liza Minelli** herauszutreten und mit ihrer Darstellung nicht nur zu überzeugen, sondern auch mit ihrer enormen Stimmgewalt der Partie eine neue Intensität zu verleihen. Als **Conférencier** setzt **Ruth Brauer-Kvam** neue Maßstäbe in der Interpretation dieser Figur und bleibt auch vokal mitreißend bei all ihren Songs. Fantastisch auch **Dagmar Hellberg** als ***Fräulein Schneider,*** sie berührt in ihrer Melancholie zutiefst. Neben diesen Damen haben es die Herren des Abends nicht ganz so leicht: **Jörn-Felix Alt** gibt sein Volksopern-Debüt in der Partie des sympathischen Schriftstellers **Clifford Bradshaw**. Auch Volksoper-Hausherr **Robert Mayer** tritt in **Cabaret** auf, als ***Herr Schultz.*** **Peter Lesiak** als **Ernst Ludwig** überzeugen in ihren Partien, müssen sich aber rollenbedingt dennoch anstrengen, um mit den Damen mithalten zu können.

Am Pult des hervorragenden Orchesters der Volksoper gestaltet **Lorenz C. Aichner** die Hits dieses Musicals zwischen Ragtime, Jazz und Revue.

*Keine Überraschung, dass am Ende dieses Abends zwischen Freude und Beklemmung fast nicht endenwollender Jubel des Publikums stand. Eine präzise Punktlandung bereichert das Repertoire der Wiener Volksoper.*

\---| IOCO Kritik Volksoper Wien |---