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# Wien, Theater an der Wien, Der Besuch der alten Dame - Gottfried von Einem, IOCO Kritik, 10.04.2018
- URL: https://www.ioco.de/wien-theater-an-der-wien-der-besuch-der-alten-dame-gottfried-von-einem-ioco-kritik-10-04-2018/
- Published: 2018-04-10T08:00:35.000Z
- Updated: 2023-09-06T12:45:01.000Z
- Author: Marcus Haimerl
- Tags: Oper & Operette, Kritiken, richard wagner, Wagner, Wien

![theater_an_der_wien.jpg](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/io/wp-content/gallery/opern_logos/theater_an_der_wien.jpg "Theater an der Wien")

[Theater an der Wien](https://www.theater-wien.at/?ref=ioco.de)

![Theater an der Wien / Linke Wienzeile © IOCO](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2013/12/theater-an-der-wien-linke-wienzeile-c-ioco.jpg "Theater an der Wien / Linke Wienzeile © IOCO")

Theater an der Wien / Linke Wienzeile © IOCO

***Der Besuch der alten Dame* \- Gottfried von Einem**

Von **Marcus Haimerl**

Das Schöne an Jubiläen ist, dass lange nicht gespielte Werke wiederentdeckt werden können. So auch anlässlich des 100\. Geburtstags **Gottfried von Einems**. Das **Theater an der Wien** entschied sich für die am 23\. Mai 1971 an der **Wiener Staatsoper** uraufgeführte Oper ***Der Besuch der alten Dame.***

**Egon Hilbert und Friedrich Dürrenmatt: Das Ringen um *"Den Besuch der..."***

Die **Wiener Staatsoper** hatte wesentlichen Anteil der Entstehung der Oper. Obwohl ihm sein Lehrer **Boris Blacher** abriet, Werke lebender Autoren zu vertonen, war **Gottfried von Einem** von der Idee besessen aus **Friedrich Dürrenmatts** Theaterstück eine Oper zu machen. Doch **Dürrenmatt** lehnte ab. Er habe schon Aufführungen von ***Fidelio*** und ***Così fan tutte*** erlebt und diese grauenhaft empfunden. Auch eine Aufnahme von ***Dantons Tod*** als Beweis des Könnens **Gottfried von Einems** kam nicht in Frage, eine Live-Aufführung hingegen wäre eine Möglichkeit. Nun spielte es zwar ***Dantons Tod*** noch an den Theatern, nicht jedoch zu den Terminen an denen **Friedrich Dürrenmatt** Zeit gehabt hätte. Retter in der Not war schließlich **Egon Hilbert,** Direktor der **Wiener Staatsoper.** Kurzerhand wurde eine Vorstellung von **Don Giovanni** mit ***Dantons Tod*** ersetzt. Und **Dürrenmatt** zeigte sich so begeistert, dass er nicht nur seine Zustimmung gab, sondern auch gleich das Libretto selbst verfasste.

![Theater an der Wien / Der Besuch der alten Dame © Werner Kmetitsch](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2018/04/der-besuch-der-alten-dame-1_c-werner-kmetitsch-1.jpg)

Theater an der Wien / Der Besuch der alten Dame © Werner Kmetitsch

Der britische Regisseur **Keith Warner** setzte im **Theater an der Wien** den ***Besuch der alten Dame*** eindrucksvoll und schlüssig in Szene. **Friedrich Dürrenmatt** bemerkte, dass dieses böse Stück, welches nicht böse, sondern aufs humanste wiedergegeben werden sollte, ebenso mit Trauer, nicht mit Zorn und auch mit Humor. Nichts schade dieser tragisch endenden Komödie mehr als tierischer Ernst. Und dies ist **Keith Warner** weitestgehend auch gelungen.

Grau und farblos zeigt sich nicht nur das heruntergekommene Städtchen ***Güllen,*** sondern auch seine Bewohner, während sie auf die Ankunft der Milliardärin **Claire Zachanassian** warten. Diese war früher selbst Einwohnerin, von ***Alfred Ill*** geschwängert und verleumdet, wurde sie aus dem Dorf verjagt. Sie entsteigt einem Schnellzug, welchen sie mit der Handbremse zum Halt in ***Güllen*** gezwungen hat. In ihrem Gefolge ein schwarzer Panther, Gatte VII, ein Butler, Sänftenträger und zwei ältere, blinde Herren in himmelblauen Kleidchen mit *Rosa Schleife,* welche sich als jene bestochenen Zeugen handelt, die Mitverantwortung für die Vertreibung von ***Claire*** trugen. Auch ein Sarg ist im Gepäck. Der Einfachheit halber wird der Sarg im Pappkarton mit der Aufschrift ***Åmen*** zum Selbstzusammenbau transportiert. Eine Milliarde soll ***Güllen*** erhalten, allerdings nur unter der Bedingung, dass man ihr die Leiche **Alfred Ills** übergibt. Mit dieser Milliarde möchte sie sich Gerechtigkeit für die Verleumdung vor Gericht erkaufen. Obwohl dies vehement abgelehnt wird, kaufen die Bürger im Krämerladen ***Alfred Ills*** teuer ein und lassen anschreiben.

![Theater an der Wien / Der Besuch der alten Dame © Werner Kmetitsch](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2018/04/der-besuch-der-alten-dame-20_c-werner-kmetitsch-1.jpg)

Theater an der Wien / Der Besuch der alten Dame © Werner Kmetitsch

***Claire Zachanassian*** \- "*Recht und Gerechtigkeit kauft man!"*

Die Häuser des Ortes und auch die Kleidung der Bevölkerung werden mit steigenden Geldfluss immer bunter und selbst der Pfarrer hat sich eine neue Glocke gekauft. Alle Versuche ***Claire Zachanassian*** zu überzeugen von dem Mord abzulassen schlagen fehl, sie erfahren vielmehr, dass die Milliardärin die ganze Stadt sukzessive aufgekauft und die Fabriken geschlossen hat, um die Stadt für sie erpressbar zu machen. Mittlerweile hat sich auch **Ills** Familie dem allgemeinen Wohlstand ohne finanzieller Deckung angeschlossen. Aus dem einfachen Krämerladen ist ein moderner Supermarkt geworden, welcher Luxusartikel von Hummer bis Champagner im Angebot hat. In einer grellen Halle findet die einberufene Gemeindeversammlung statt. Hier wird ***Alfred Ill*** vor laufender Kamera die Zustimmung abgezwungen, alles, was beschlossen wird, um das Milliardengeschenk zu erhalten, zu akzeptieren. Die Bevölkerung sieht ihr Handeln als moralisch gerechtfertigt: handelt es sich hier ja lediglich um Gerechtigkeit. Man übergibt ***Claire Zachanassian*** den Leichnam ***Ills,*** sie übergibt der Stadt einen Scheck, welcher auf dem Zug befestigt ist, welcher die hintere Wand des Raums zum Einsturz bringt und die Milliardärin wieder aus ***Güllen*** fortführen wird.

Die Bilder (Ausstattung **David Fielding**) wechseln von der Ästhetik schwarzweißer Nachkriegsfotos bis hin zu den goldglitzernden Kostümen der Bewohner und dem hellen, nahezu grellen, sterilen Festsaal am Ende der Oper.

![Theater an der Wien / Der Besuch der alten Dame © Werner Kmetitsch](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2018/04/der-besuch-der-alten-dame-30_c-werner-kmetitschneu.jpg)

Theater an der Wien / Der Besuch der alten Dame © Werner Kmetitsch

Aber auch die musikalischen Leistungen sind beachtlich. **Katarina Karnéus** bewältigt die fordernde Partie der ***Claire Zachanassian*** vokal und darstellerisch mit der gebotenen Verbitterung, aber auch beängstigender Belustigung. In **Russel Braun** findet sie einen intensiven ***Alfred Ill,*** dem es gelingt dem Publikum Mitgefühl für sein Schicksal abzuringen. **Raymond Very** als ***Bürgermeister*** und **Adrian Eröd** als ***Lehrer*** beindrucken auf höchstem Niveau. Auch das restliche, große Ensemble, darunter **Mark Milhofer** als **Butler Boby**, **Cornelia Horak** als ***Ills Gattin*** und **Anna Marshania** als **Tochter Ottilie** um einige zu nennen, leisten ebenso Großartiges wie auch der **Arnold Schönberg Chor** unter der Leitung von **Erwin Ortner.** Und auch **Michael Boder** und das **ORF Radio-Symphonieorchester Wien** meistern **Gottfried von Einems** komplexe Musik scheinbar mühelos.

Das Publikum, im ausverkauften Haus, zeigte sich, bei diesem zeitgenössischen Werk beinahe ungewöhnlich, unglaublich begeistert. Besser kann man den 100\. Geburtstag **Gottfried von Einems** kaum feiern.